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DEBATTE Jahre am Grill

Der Berlin-Besuch von Barack Obama hat eine Frage zurückgelassen: Warum gelingt es deutschen Politikern nicht, die Menschen für Politik zu begeistern? Von Markus Feldenkirchen
aus DER SPIEGEL 31/2008

Es ist jetzt schon eine Stunde her, dass Barack Obamas Worte verhallt sind, der Himmel über Berlin hat ein andächtig mildes Rot angenommen, aber Julian Metz glüht immer noch vor Begeisterung. Er zappelt beim Sprechen, seine Worte stolpern übereinander, er wirkt so freudig erregt, als hätte er gerade sein erstes Mal hinter sich. Seine erste Begegnung mit der Politik.

Julian Metz ist 27 Jahre alt, er studiert Architektur, und er hat noch nie eine Veranstaltung besucht, bei der ein Politiker geredet hat. Obama aber wollte er unbedingt erleben. Er ist dreieinhalb Stunden vor Beginn der Rede an die Siegessäule gekommen, um ganz vorn zu stehen. Er hat Obama gesehen, gehört, gefühlt, und die Hand schütteln konnte er ihm am Ende auch noch.

Jetzt steht er zwischen den anderen 200 000, die auseinanderströmen, ein Korn in einer Masse, die sonst nur Lukas Podolski und sein Freund, der Schweini, auf die Straße des 17. Juni bewegt.

Gerade ist die Geschichte in sein Leben getreten, das glaubt Julian jedenfalls. »Ich habe gespürt: Wenn er gewählt wird, dann wird sich die Welt verändern«, sagt er, der Jutebeutel von »Kaiser's« zuckt an seinem Handgelenk. Er ist elektrisiert, infiziert, er redet davon, dass er sich jetzt auch politisch engagieren wolle, das erste Mal in seinem Leben. Aber es gibt ein Problem. »In Deutschland«, sagt Julian, »ist leider nichts Vergleichbares in Sicht.«

Das ist die vorerst einzige Ernüchterung, die Barack Obama in Deutschland zurückgelassen hat. Sein Besuch hat eine

Frage aufgeworfen, in der sich eine Sehnsucht verbirgt: Warum hat Deutschland nicht ähnlich begeisternde Politiker? Warum kann es keinen deutschen Obama geben?

Es mag trösten, dass es auch keinen griechischen Obama gibt, keinen finnischen, keinen südkoreanischen Obama. Der Senator aus Illinois scheint ein Jahrhunderttalent zu sein, das selbst die USA nicht alle paar Jahre produzieren. Hätte etwa John Kerry, der letzte Kandidat der Demokraten, vor der Siegessäule geredet, hätten die Zuschauer eine Isomatte mitbringen müssen - für das Nickerchen zwischendurch.

Und trotzdem könnte die Diskrepanz zwischen Obama und der politischen Klasse in Deutschland nicht größer sein. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Wie Heino und Coldplay.

Man muss nur ihre Sprache vergleichen. Obamas Rede im Zentrum Berlins war ein Festival der großen Metaphern. Wenn Angela Merkel eine Grundsatzrede hält, dann hat sie den Anmut einer Lose-Blatt-Sammlung. Ein bisschen Pendlerpauschale, ein paar Sätze Rente, und wenn ein Mal ein sprachliches Bild auftauchen soll, dann meistens das von den Löchern, die jetzt gestopft werden müssen. Oder, wie bei Kurt Beck, das von der Butter, die ihm andere vom Brot kratzen.

Man kann alles Mögliche an Obama kritisieren, den sparsamen Gebrauch von Inhalten, seine Zustimmung zur Todesstrafe, aber am Ende bleibt eine Fähigkeit zur Begeisterung für Politik, die vieles aufwiegt.

Antoine de Saint-Exupéry hat einmal schön beschrieben, dass das Wichtigste für ein Gelingen die Leidenschaft ist: »Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.« Obama hat den Satz verinnerlicht.

Obama ist bei aller individuellen Fähigkeit ein typisches Produkt der amerikanischen Kultur, das Ergebnis einer Persönlichkeitserziehung, die bereits im Kindergarten beginnt. Schon Dreijährige werden in den USA angehalten, ihren Lieblingsgegenstand mitzubringen und den anderen Kindern zu erklären, worum es sich dabei handelt. An der Highschool gehört das Unterrichtsfach »Reden halten« fest zum Stundenplan. Junge Amerikaner lernen so schon früh, vor allem eines darzustellen: sich selbst. Auch das erklärt jene unverschämte Lässigkeit, mit der sich jemand wie Obama präsentiert und über die Deutsche nur staunen können.

Doch dies ist nur ein Grund, warum Deutschland trotz Ausnahmen wie Willy Brandt in den vergangenen 60 Jahren vor allem nüchterne, oft biedere Politiker hervorgebracht hat. Jenes Pathos, jene Lust am großen Auftritt, die Obama zur Ikone wachsen ließ, hätte politische Karrieren in der Bundesrepublik schnell zerstören können. Wer Visionen hatte, der sollte mit seinem Arzt reden oder am besten gleich mit Helmut Schmidt.

Die Deutschen hatten gewisse Erfahrungen gemacht mit charismatischen Rednern. Nachdem ein ganzes Volk sich von Adolf Hitler verführen ließ, haben die Architekten der Nachkriegsrepublik zu Recht alles getan, um die Deutschen vor den Verführungskünsten eines Einzelnen und damit vor sich selbst zu schützen.

Sie haben ein politisches System errichtet, in dem der Einzelne wenig, die Partei aber viel ist. Sie haben ein innerparteiliches Auswahlverfahren vor eine Kandidatur geschaltet, für das weder Pathos noch Charisma benötigt wird, sondern vor allem gutes Sitzfleisch. Viel wichtiger als das Volk ist für eine politische Karriere die Partei mit all ihren Einheiten. Entscheidend ist der Ortsverein, der Unterbezirk, der Oberbezirk oder der Zwischenbezirk.

Parteigremien aber belohnen andere Eigenschaften als Bürger. Bonuspunkte lassen sich mit fleißiger Anwesenheit und ausgeprägter Geduld sammeln. Gute Chancen hat, wer lang genug die Sitzungen protokolliert, die Limonade fürs Kinderfest besorgt oder die Würstchen beim Sommerfest gewendet hat. Das sind ehrenwerte Aufgaben, sie lassen sich aber problemlos auch ohne Charisma bewältigen.

Das deutsche System sortiert Demagogen aus, aber es züchtet auch Mittelmaß. Es verhindert den Aufstieg von Bösewichten wie von Brillanten. Es ermöglicht den Aufstieg der Würstchenwender.

Leider hält die Aussicht auf die Jahre am Grill viele vom politischen Engagement ab. Andere geben nach gewisser Zeit auf und entfalten sich auf anderen Feldern. Es gab gute Gründe, nach der deutschen Schande auf ein solches System zu vertrauen. Jetzt aber wäre es Zeit für einen »Change«.

Es ist kein Zufall, dass unter den 200 000 Besuchern von Obamas Fanmeile so viele junge Deutsche waren. Die Generation der 25-Jährigen fühlt sich bei aller Sensibilität für die eigene Geschichte weit weniger von ihr gehemmt als ihre Vorgänger. Die Abwehrreflexe gegen pathetische Politiker funktionieren bei ihr nicht mehr. Im Gegenteil, sie möchte sich begeistern und nicht nur belehren lassen. Sie möchte die gleichen Rechte haben wie ihre Generationskollegen in Amerika.

Deshalb wäre es klug, sich bei der Auswahl des politischen Personals für neue Formen zu öffnen. Auch in Deutschland würden Vorwahlen, in denen Kandidaten sich einer breiteren Öffentlichkeit stellen müssen, das Interesse für Politik steigern. Auch in Deutschland könnte die Politik neuen Schwung erhalten, wenn sie politischen Außenseitern endlich echte Chancen einräumen würde.

Strukturen, die einmal erdacht wurden, um die Demokratie vor ihren Feinden zu schützen, sind 60 Jahre später nicht mehr zwingend zeitgemäß. Die Parteien sollten den Mut haben, sie zu ändern. Um die Demokratie vor ihren neuen Feinden zu schützen - vor Lethargie und Langeweile.

* Vergangenen Donnerstag im Bundeskanzleramt.

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