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Kommunikation JAPAN - Liebe im Kämmerchen

Über Multimedia-Handys hängen Millionen Japaner fast ununterbrochen am Netz. Die kostspieligen Online-Dienste reichen von Karaoke bis zur Prostitution - für die Anbieter ein riesiger Testmarkt auf dem Sprung zur Weltoffensive. Ende des Jahres will der Konzern NTT Docomo sein System auch in Deutschland einführen.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Jun Aiba hört auf den Kosenamen »Jun-Jun« und ist eine viel begehrte Frau. Sie ist jung, sportlich und ledig. Ihren zahllosen männlichen Verehrern schickt sie verführerische E-Mails aufs Handy. Dann klingeln die Mobiltelefone der Empfänger verheißungsvoll, und wer Jun-Jun ausdauernd zurückmailt, dem gewährt sie huldvoll Einlass in ihr »geheimes Kämmerchen«.

Das »Kämmerchen« - was mag sich darin abspielen? Über diese Frage grübeln täglich Hunderttausende Japaner. In Pendlerzügen, in Büros oder unter Schulbänken beugen sich die Verliebten über ihre winzigen Handy-Bildschirme und tauschen mit der Angebeteten E-Mails aus. Mancher verliert bei der Mailerei schon mal die Geduld - und dann hilft nur eins: Der Liebeskranke klickt auf dem Handy-Display das Feld »7« an: »Auswechseln der Geliebten.«

Jun-Jun lebt in einer Art virtuellem Harem von insgesamt sieben Damen. Sie alle stehen im Dienste der Spielzeugfirma Bandai (die schon Millionen Kinder in aller Welt mit dem Computer-Ei Tamagotchi beglückt hat). Für eine Gebühr von umgerechnet sechs Mark pro Monat sind die Cyber-Damen über Handy Tag und Nacht verfügbar.

Die »Liebe per Mail« gehört zu den Hits von »i-mode": So heißt der Internet-Service des japanischen Mobilfunkriesen NTT Docomo. Mit »i-mode« lassen sich spezielle Web-Seiten auf das Format von Handy-Bildschirmen verkleinern. Ohne sich über Kabel und Telefonsteckdosen ins Netz einzuwählen, können »i-mode«-Nutzer zu günstigen Übertragungsgebühren in der Cyberwelt umherstreifen.

Als erstes Land der Welt startete Japan bereits vor zwei Jahren diesen mobilen Zugang zum Internet. Inzwischen surfen allein über NTT Docomo mehr als 20 Millionen Japaner im Web; zählt man zwei kleinere Konkurrenten hinzu, sind es sogar rund 27 Millionen Kunden. Damit ist Japans größter Mobilfunk-Anbieter zugleich der größte Internet-Provider. Denn relativ wenige Japaner nutzen herkömmliche Computer als Online-Zugang, vielen ist die englische Tastatur zu kompliziert.

Über ihre Handys hat die Inselnation jetzt ihren Anschluss an die Netzwelt gefunden: In Ballungsräumen wie Tokio verbringen die Menschen bis zu vier Stunden täglich in überfüllten Pendlerzügen - oft fehlt gar der Platz zum Zeitunglesen. Einst brachte diese Kultur der Enge den Walkman in die Welt, nun liefert sie mit »i-mode« die mobile Version des Internet. Und ähnlich wie damals der Walkman soll nun NTT Docomos »i-mode« von Japan aus die Welt erobern.

Für Nippons Mobilfunk-Anbieter, Handy-Hersteller und Dienstleister ist Japan ein riesiger Testmarkt für ihre geplante Weltoffensive: Telefoniert wird hier ständig. »Moshi, moshi« (Hallo, hallo) tönt es aus weit über 60 Millionen Handys. Überall klingelt und piept es. In ihrer Verzweiflung legen Theater und Konzerthallen den Handy-Empfang mit Störsendern lahm. In Zügen fordern Schaffner die Passagiere auf, die Geräte abzustellen, weil deren Funkwellen Herzschrittmacher aus dem Takt bringen können. Kaum jemand hält sich daran, einige Bahngesellschaften kapitulierten: In speziellen Waggons darf nach Lust und Laune per Handy telefoniert, gemailt und gesurft werden.

Im Mai wird Docomo als erster Konzern der Welt zunächst im Großraum Tokio die nächste Mobilfunk-Generation ("3G") auf den Markt bringen. Mit zwei Megabit pro Sekunde, rund 200-mal schneller als bisher, können Mobiltelefone dann riesige Datenmengen vom Internet herunterladen. Ob Videokonferenzen oder Karaoke-Wettbewerbe - eine ganz neue Handy-Kultur wird dann den Alltag überwuchern.

Bislang ist »i-mode« noch ein rein japanisches Vergnügen, mit dem deutschen GSM-Standard ist es nicht kompatibel. Aber bei »3G« werden die Japaner denselben Zukunftsstandard (W-CDMA) wie die Europäer nutzen. Und wer dann mit den heißesten Inhalten im drahtlosen Cyberspace lockt, könnte den weltweiten Kampf um die Mobilfunk-Kunden gewinnen. Der Vorteil der Japaner: Anders als die Europäer brauchten sie ihre Mobil-Frequenzen nicht in ruinösen Milliarden-Auktionen zu erwerben. Sie machen vielmehr gute Geschäfte. NTT Docomo kassiert für jede »i-mode«-Seite einen festen Anteil von neun Prozent der Gebühren.

Toshiki Hayashi, 45, fiebert der weltweiten Offensive schon entgegen. Noch vor einem halben Jahr arbeitete er in der Zentrale des Spielzeugherstellers Bandai, nun ist er Präsident der neuen Firmentochter Bandai Networks. In ihren tristen, teilweise fensterlosen Büros im Tokioer Elektronikviertel Akihabara tüfteln Hayashi und seine 34 Mitstreiter Unterhaltungsprogramme speziell für Handys aus. Kaum zu glauben, dass »Liebe per Mail« in dieser unromantischen Neon-Einöde ersonnen wurde. Aber Hayashi meint: »Weiße Wände beflügeln die Phantasie.«

Von seinen Bossen bei Bandai bekam Hayashi den Auftrag, die Mobilfunk-Entertainment-Tochter langfristig als Gewinnbringer an der Börse zu lancieren. Der Plan könnte gelingen: 3,65 Millionen Handy-Benutzer haben bereits Bandai-Programme abonniert. Für jedes Geschlecht und jedes Alter ist etwas dabei: Junge Japanerinnen können sich in virtuelle Prinzen verlieben, gestresste Büromenschen können am Schreibtisch Pferde aufziehen und sie bei virtuellen Wettrennen galoppieren lassen.

Ähnlich wie die unzähligen Themenparks, mit denen die Japaner aus der betonierten Enge ihres Industrielandes zu fliehen versuchen, bietet auch das Handy ungeahnte Fluchtwelten: Wer das Erwachsenendasein nicht mehr aushält, kann bei Bandai noch einmal eine virtuelle Grundschule besuchen - ein ganzes Jahr lang gibt es auf einer »i-mode«-Seite täglich neue Schulaufgaben zu lösen, Streiche auszuhecken und Abenteuer zu bestehen.

Verwirrendes Japan - was ist hier noch wirklich, was bereits virtuell? Für Schülerin Tomomi Uozumi, 14, spielt diese Unterscheidung keine Rolle. Sie verbringt die Hälfte ihres Alltags im drahtlosen Cyberspace. Mit ihren Freundinnen hockt sie vor dem Bahnhof Shibuya in Tokio. Von überdimensionalen Bildschirmen an den Kaufhäusern flimmert grelle Werbung herab und taucht die blauen Schuluniformen der Mädchen in unwirkliches Licht. Doch Tomomi und ihre Clique schauen nicht hin, sie sind in ihre eigenen Handy-Programme vertieft.

Tomomi trägt noch eine Zahnspange, aber sie besitzt schon ihr drittes Handy. Sie benutzt eines der teuersten Modelle für über 500 Mark. Auf dem brillanten Farbbildschirm leuchtet die Comic-Figur »Kitty-chan« auf. Für zwei Mark pro Monat lädt sich Tomomi täglich neue solcher Comic-Figuren auf ihre Displays, die Moden wechseln rasch. Auch die »Chaku-Melos«, die Klingelmelodien der Handys, werden von den Kids täglich gewechselt. In speziellen Chat-Räumen tauschen sie über »i-mode« die neuesten »Melos« oder, was noch heißer ist: Viele komponieren auf der Handy-Tastatur ihre eigenen Melodien.

In Kürze will sich Tomomi ein neues Gerät kaufen, so eins, wie ihre Freundin gerade stolz vorführt: Es ist Karaoke-tüchtig, die Begleitmusik können die Mädchen über einen Knopf im Ohr hören, den laufenden Text singen sie vom Handy-Display ab. Tomomi finanziert ihr Handy vom Taschengeld. »Im Monat kann ich nur 15 000 Yen (300 Mark) für das Handy ausgeben«, sagt sie, deshalb müsse sie wählerisch mit neuen Diensten sein.

Das mobile Internet verändert Nippons einst starre konfuzianische Gesellschaft im Tempo der Megabits, die durchs Netz sausen. Noch vor wenigen Jahren hätte sich Tomomi nur im streng kontrollierten Gruppengefüge von Familie, Schule und Nachbarschaft bewegt. Jetzt chattet sie auf unzähligen Kennenlern-Sites ("Deai-Saito") freimütig mit irgendwelchen Fremden im Internet.

Im »i-mode«-Netz sind Nippons traditionelle Rituale praktisch aufgehoben. Höfliche Floskeln? Tiefe Verbeugungen? Auf den Handy-Displays kommen die Chatter gleich zur Sache. Die 15-jährige Miho ("Größe 158, Figur: normal") bietet der männlichen Cyberwelt unverblümt ihre Liebesdienste an: »Suche dringend jemanden zum ,Spielen'«. Auf der Web-Seite »real-time« leuchten die wichtigsten Kennenlern-Kategorien auf: Langfristige Beziehung? Oder sofortige Verabredung ins Liebeshotel? Per Tastenklick geben Kontaktsuchende ihre Daten ein: Alter, Größe, die nach japanischem Glauben charakterbestimmende Blutgruppe sowie Zeit und Ort der meist dringend ersehnten Begegnung.

Leise kichernd überfliegen die Mädchen die Liebes-Chats, in denen sich Männer im Alter von 20 bis 50 für das »Asobi« - das »Spiel« zu zweit - anpreisen. Viele japanische Schülerinnen verabreden sich über ihre Handys mit fremden Geschäftsleuten und verdienen sich so das Taschengeld für die nächsten Handys.

Doch Tomomi ist längst auf die Horoskop-Seiten hinübergesurft - die sind bei Japanerinnen zurzeit besonders in Mode. Selbst ihre Handy-Nummern überprüfen die Mädchen darauf, ob sie Glück oder Unglück bringen; die meisten glauben daran.

Fumitaro Ohama, 29, glaubt vor allem an den geschäftlichen Nutzen von Horoskopen. Mit seinen rotbraun gefärbten Haaren, der silbernen Kette um den Hals, der karierten Baumwolljacke und der verblassten Cordhose könnte er einer japanischen Motorrad-Gang angehören. Doch im »i-mode«-Zeitalter gilt sorgfältig gestylte Lässigkeit auch in Japan als Ausweis des Erfolgs. Ohama zählt zu den besonders Erfolgreichen: In seine Horoskop-Seiten klicken sich monatlich fünf Millionen Handy-Besitzer ein. Auf diesen Web-Seiten wiederum befinden sich Links, mit denen Ohama die konsumfreudige Jugend zu Mode- und Musik-Seiten lockt.

Vor anderthalb Jahren schmiss Jungunternehmer Ohama seinen Job als Drehbuchautor für Fernsehdramen hin und gründete die Internet-Firma »Xavel« in Tokio. Kürzlich schloss er mit Nippons größter Agentur für Internet-Werbung einen Vertrag - mit Einnahmen aus Display-Werbung will er ein riesiges Handy-Portal aufbauen. »Das Fernsehen«, sagt Ohama und rekelt sich auf dem knallroten Sofa im Büro, »ist das Medium von gestern. Kein Zweifel: Die Menschen von morgen werden fast alles nur noch per Handy erledigen.«

Schon jetzt sind die Japaner mit ihren Handys beinahe verwachsen: Das mobile Cybernetz erleben sie als interaktive Talkshow, als mobiles Büro und als riesige Shopping-Mall. Vom Handy aus ordern sie Aktien, reservieren Plätze im Restaurant und hegen virtuelle Haustiere. Regierung und Elektronikkonzerne planen schon weiter: Künftig sollen Japaner nicht nur ihre Einkäufe per Handy bezahlen. Mit ihren Handys werden sie sich Fieber messen, den Puls fühlen und die Daten drahtlos ihrem Arzt übermitteln. Und sie werden die Handys auch als Fernbedienung für ihre Roboter benutzen.

Ende Januar stellte Spielzeughersteller Takara seinen Roboter »Dream Force 01« vor - der Zweibeiner lässt sich per Handy aus der Ferne kommandieren. Dann greift er sich zum Beispiel eine Flasche und füllt formvollendet Wein in die Gläser. Eltern können »Dream Force 01« als Babysitter im Kinderzimmer einsetzen: Was die Kameraaugen des Roboters sehen, wird auf den elterlichen Handy-Bildschirm übertragen.

Aufs mobile Internet, das all solche Wunderdinge möglich macht, setzt auch der Elektronikkonzern Matsushita, der mit seinen Panasonic-Handys bereits ein Drittel des japanischen Markts beherrscht und demnächst auf dem Weltmarkt unter die größten drei Handy-Produzenten aufzurücken gedenkt. Ende des Jahres will NTT Docomo »i-mode« über E-Plus auch in Deutschland anbieten (Docomo hält 15 Prozent am niederländischen Mobilfunk-Betreiber KPN Mobile mitsamt dessen deutscher Tochter E-Plus). In den vergangenen anderthalb Jahren kaufte sich NTT für rund 16 Milliarden Dollar an Mobilfunk-Betreibern in Asien, Europa und den USA ein, zuletzt bei der Mobil-Tochter des US-Telekommunikationsriesen AT&T.

Doch wollen die Japaner die Welt im Ernst auch mit ihrem bizarren Handy-Entertainment erobern? Seit 26 Jahren schmückt das von der Firma Sanrio erfundene Comic-Kätzchen Kitty-chan in Japans Mädchenzimmern T-Shirts, Schultaschen, Tapeten - und neuerdings auch Handys. Aber wer in Europa wollte schon zwei Mark im Monat bezahlen, um täglich eine E-Mail von Kitty-chan zu erhalten?

»Japaner sind Kinder«, lächelt Sanrios Internet-Manager Tatsuro Nomura und zeigt auf seinen Schlips mit dem Kitty-Kätzchen-Muster. »Auch für die Deutschen werden wir schon noch Handy-Dienstleistungen finden, für die sie gern Geld ausgeben.« WIELAND WAGNER

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