US-Philosoph Jason Stanley "Rechter Antisemitismus ist die größere Bedrohung"

Angriffe auf Synagogen und Fackelmärsche: In den USA nimmt die Zahl antisemitischer Vorfälle zu. Der US-Philosoph Jason Stanley über Judenhass in der Gegenwart
Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia (August 2017): Fackelmarsch weißer Nationalisten

Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia (August 2017): Fackelmarsch weißer Nationalisten

Foto: REUTERS/ NEWS2SHARE

Jason Stanley ist Philosophieprofessor an der Yale University. Er forscht unter anderem zu den Themen Faschismus, Antisemitismus und Propaganda. Er ist Autor des Buches "How Fascism Works".

Man müsse diese Entwicklung "verdammt ernst nehmen", sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bei der Vorstellung der jüngsten Jahresstatistik zur politisch motivierten Kriminalität in Deutschland: Im vergangenen Jahr wuchs die Zahl antisemitischer Straftaten um fast ein Fünftel. Neun von zehn Delikten führt das BKA dabei unter "rechts".

Auf der anderen Seite des Atlantiks ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. In den USA war die Zahl antisemitischer Vorfälle 2017 und 2018 der Anti Defamation League zufolge so hoch wie selten in den vergangenen vier Jahrzehnten. Bei einem Angriff auf eine Synagoge in Pittsburgh tötete ein Rechtsextremer im Oktober elf Menschen. Vor wenigen Wochen schoss ein anderer in einer Synagoge nahe San Diego auf Betende. Er tötete eine Frau und verletzte mehrere Menschen. Im Sommer 2017 kam es zu rechtsextremen Ausschreitungen in Charlottesville im Bundesstaat Virginia.

Im Interview spricht der US-Philosoph Jason Stanley über Antisemitismus in den USA und Europa - und über die Gefahr für liberale Werte, die von ihm ausgeht.

SPIEGEL: Wie sehen Sie den Aufstieg rechter Parteien in Deutschland und Europa?

Stanley: Ich blicke zum einen als ein Nachfahre von Berliner Juden auf dieses Phänomen. Als solcher sehe ich die Erinnerungskultur in Deutschland als enormen Fortschritt. Und da macht mir die Vergangenheitspolitik der AfD große Sorgen: die Vorstellung, dass man wieder stolz auf die eigene Vergangenheit sein sollte. Als Philosoph bin ich ebenfalls beunruhigt, weil ich glaube, dass Deutschland für die liberale Demokratie an sich sehr wichtig ist - und das hängt auch mit der Vergangenheitsbewältigung hierzulande zusammen.

SPIEGEL: Einerseits gibt es diese Erinnerungskultur. Andererseits nahm die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland zuletzt deutlich zu.

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