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POLEN / DEUTSCHLANDPOLITIK Jawohl

aus DER SPIEGEL 46/1969

Der Abgeordnete Stanislaw Stomma verwechselte Polens Parlament, den Sejm, mit einem Tribunal. Statt mit der üblichen Floskel: »Hoher Seim!« begann er mit der Anrede: »Hohes Gericht!«

Stommas Versprecher war eine Fehlleistung aus Gewohnheit. Das Warschauer Parlament hatte stets gerichtet, statt zu diskutieren -- über die Deutschen.

Jetzt aber, nach 20 Jahren ständiger Verurteilung der Westdeutschen als Revanchisten, Kriegshetzer und Friedensfeinde stand im großen Seim-Saal an der Warschauer Wiejska-Straße plötzlich die Verständigung mit der Bundesrepublik zur Debatte.

Strafrechts-Professor Stomma, 61, Fraktionschef der fünfköpfigen linkskatholischen Parlamentsgruppe »Znak« (Zeichen), plädierte selbstkritisch für den Abbau der starren West-Front: »Auf polnischer Seite sollte der propagandistische Vulgarismus ausgerottet werden, der die Konturen unserer offenen Stellung verwischt.«

Katholik Stomma, der bei den Parlamentswahlen im Juni auf der Einheitsliste in Krakau 22 000 Stimmen mehr verbucht hatte als sein kommunistischer Rivale, Ministerpräsident Cyrankiewicz, war schon im Herbst 1957 zum Glaubensbruder Adenauer nach Bonn gefahren. Im Auftrag des polnischen KP-Chefs Gomulka sollte Stomma damals, im nachstalinistischen Tauwetter, das frostige Bonner Terrain sondieren.

Die Mission blieb erfolglos. Mit Rücksicht auf die Wählerstimmen deutscher Ostflüchtlinge weigerte sich Adenauer, den Polen zu empfangen. Die Warschauer Gesprächsbereitschaft deutete er lediglich als eine Möglichkeit, die Europäische Gemeinschaft für Stahl und Kohle auch über Oder und Neiße hinweg auszudehnen.

Vor vier Wochen war Stomma auf Einladung der katholischen Laienorganisation »Bensberger Kreis« wieder um Rhein -- hauptsächlich, um mit CDU-Politikern zu sprechen.

Denn bei den neuen Regierungsparteien SPD und FDP, so erläuterte der polnische Parlamentär, könne er ohnehin Verständnis für die polnischen Wünsche voraussetzen:

* einen bilateralen Vertrag über die Anerkennung der polnischen Westgrenze an Oder und Neiße -- als einzige Voraussetzung für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen -- und

* die Verstärkung der Wirtschaftskontakte zwischen Warschau und Bonn.

Die auf die Grenzfrage beschränkte Vertrags-Offerte hatte schon KP-Chef Gomulka in einer Rede vom 17. Mai unterbreitet. In dem Angebot fehlten erstmals Warschaus bisherige Vorbedingungen zur Normalisierung: völkerrechtliche Anerkennung der DDR und des besonderen Status von West-Berlin sowie Verzicht der Bundesrepublik auf Kernwaffen.

Drei Tage nach den Bundestagswahlen holte sich Gomulka in Moskau die Rückendeckung für weitere Schritte.

Auf die Frage des westdeutschen Fernseh-Reporters Hansjakob Stehle, ob Polen bereit sei, im Zeichen der Entspannung über alle Fragen zu verhandeln, antwortete der polnische Außenminister Jedrychowski knapp und in deutscher Sprache mit »Jawohl«.

Dann philosophierte Jedrychowsky auf polnisch: »Oft schon haben in der Geschichte Industrielle und Kaufleute den Politikern und Diplomaten den Weg gebahnt.«

Warschauer Wirtschaftsfachleute verhandelten bereits in Bonn. Ihre Wunschliste geriet dabei so lang, daß die deutsche Seite wegen Terminschwierigkeiten um eine Pause bitten mußte: Der Besuch der Rumänen stand ins Haus.

Nach 20jähriger Abstinenz hat es Warschau plötzlich eilig -- 1971 läuft in Polen ein neuer Fünfjahresplan mit Gesamt-Investitionen in Höhe von 1,2 Billionen Zloty (rund 180 Milliarden Mark) an. Kapital und technisches Know-how aus der Bundesrepublik sollen ihn erfüllen helfen.

Bisher stand Westdeutschland im polnischen Außenhandel an sechster Stelle. Jetzt zielt Warschau auf ein umfassendes, langfristiges Handelsabkommen, wünscht sich deutsche Kredite und empfiehlt eine industrielle Kooperation -- für die Krupps Hausmeier Berthold Beitz seit 1960 erfolglos in Polen geworben hatte.

In der Woche der Kanzlerwahl reiste eine polnische Industrie-Delegation durch die Rhein-Main-Provinzen, um das Angebot der künftigen Partner zu prüfen. Angeführt wurde das Managerteam von dem Leiter des Amtes für Qualität und Meßwesen, Ostrowski, der mit seinem Ministerrang der bisher ranghöchste polnische Funktionär ist, der die Bundesrepublik besucht hat.

Das Handeln der Kaufleute kann nach polnischen- Vorstellungen das Verhandeln der Politiker zwar eröffnen, nicht aber ersetzen. Bonns unerwartetes Entgegenkommen in den Wirtschaftsgesprächen weckte in Warschau sogar den Verdacht, man erwarte in Westdeutschland, daß Polen die deutsche Wirtschaftshilfe mit politischen Preisen bezahle.

Dies aber wären »falsche Töne und verwunderliche Kalkulationen« so warnte die Warschauer Zeitung »zycie Warszawy«. Das Blatt über westdeutsche Großmannsucht: »Manche versuchen die Angelegenheit ... darzustellen, als ob Polen sich wie ein verdursteter Kunde um die Gunst westdeutscher Wirtschaftskreise »bewerbe«.«

Bonn-Kunde Gomulka muß mit dem Widerstand konservativer Kräfte an der Weichsel rechnen. Während Radio Warschau die Regierungserklärung des neuen Bonner Bundeskanzlers »als endgültigen Abschluß der Adenauer-Ara« wertete und die Wochenzeitschrift »Kultura« Brandt als einen Politiker pries, »der stets versucht, seine Aktionslinie den realen Möglichkeiten anzupassen«, verharrte die Kattowitzer »Trybuna robotnicza« im gewohnten Stellungskrieg. Das einflußreiche Parteiblatt aus dem polnischen Industrierevier mißtraute, die neue Bonn-Regierung werde »wie ihre Vorgänger weiterhin die strategischen Ziele der westdeutschen Großbourgeoisie realisieren«.

Die kühnste Wertung des westdeutschen Wachwechsel erfand »Slowe powszechne«, Hausblatt der katholischen Polit-Gesellschaft »Pax«, die im innenpolitischen Machtkampf den Nationalkommunisten Moczar gegen Gomulka unterstützt. Die Zeitung vermutete eine neue Bonner Tücke: »durch Anerkennung des politischen und territorialen Status quo in Europa günstigere Möglichkeiten für seine Änderung zu erlangen als unter den Bedingungen des Kalten Krieges«.

Das Pax-Blatt urteilte über die Bonner »Mini-Koaiition« wie ein Inquisitor, der sogar Reue noch für ein Verbrechen hält: Die neue Regierung sei nur deswegen gebildet worden, »um für Westdeutschland von der Sowjet-Union und den sozialistischen Ländern die Vergebung der Sünden zu erlangen, wonach die CDU mit ihrem nationalistischen Programm zur Macht zurückkehren wird.«

»Was machen wir mit den guten Deutschen?« sorgte sich dagegen im Krakauer Wochenblatt »Tygodnik powszechny« die unter Protest gegen die chauvinistische Linie aus der Pax ausgetretene Publizistin Anna Morawka. Mit dieser »neuen Erscheinung«, die nun in Westdeutschland mehr politischen Einfluß gewinne, wisse man in Polen noch nichts Rechtes anzufangen.

Denn diese guten Deutschen »sind plötzlich geneigt, dieses oder jenes anzuerkennen, wollen weder heiß noch kalt kämpfen und sind offenbar vor allem darum besorgt, der Sowjet-Union und der DDR, Gott behüte. nicht zu nahe zu treten«.

Es klang nach der alten polnischen Furcht, bei einer Verständigung zwischen Deutschen und Russen wieder einmal -- Gott behüte -- zu kurz zu kommen.

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