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Je mehr Gewalt, desto schöner

aus DER SPIEGEL 31/1992

Am Ostersonntag vorigen Jahres kurz nach 18.30 Uhr, im Fernsehen läuft ein Tierfilm mit Schlangen, steht der fünfjährige Erik auf der Küchenbank und schaut hinunter in den Hof des Mietshauses Arthur-Hoffmann-Straße 80 in Leipzig. Er ruft seine ältere Schwester ans Fenster: »Komm mal her, da ist ein toter Junge.«

Das Mädchen sieht einen größeren Jungen, der einen kleineren wegträgt wie einen Sack. Der Kleine ist ganz blaß. Glieder und Kopf hängen schlaff herab. Der größere Junge späht um sich, als wolle er sich vergewissern, daß niemand ihn sieht.

Das Mädchen sagt der Mutter, was da im Hof ist. Die glaubt ihr nicht. Dann sieht auch die Frau den größeren Jungen, nur noch ihn. Da ihr sein Benehmen merkwürdig vorkommt, macht sie ihren Mann aufmerksam. Der meint: Ihr seht wohl zuviel fern. Doch dann geht er hinunter und fragt den Jungen, was er hier zu suchen habe. In frechem Ton die Antwort: Versteckspielen, das wird doch wohl noch erlaubt sein.

Der Anweisung, hinter einer der Garagen die Unordnung, die er verursacht habe, zu beseitigen, kommt der Junge wortlos nach: Obstkisten, Abfälle, Zweige, all das, was von einem Stapel gefallen war, schichtet er sorgfältig auf. Dann macht er sich davon, allein.

An jenem Ostersonntag, dem 31. März 1991, gegen 18.30 Uhr, hatte der zehnjährige Denny Dahl aus dem Nachbarhaus seine Eltern gefragt, ob er noch mal kurz in den Hof spielen gehen dürfe. Im Hof, da gibt es alte Schuppen, enge, dunkle Winkel, Vergessenes, Weggeworfenes. Da gibt es Ecken, in denen man nicht gesehen wird von den vielen Küchenfenstern aus an den rückwärtigen Häuserfronten, hinter denen die Mütter aufpassen.

Ja, in 20 Minuten solle er wieder hochkommen. Doch Denny kommt nicht mehr. Am selben Tag noch erstatten die Eltern Vermißtenanzeige.

Zwei Tage später, als die Bewohner im Nachbarhaus hören, Denny sei seit Ostersonntag abend verschwunden, sprechen sie über die Beobachtung des fünfjährigen Erik und seiner Schwester. Voll schlimmer Ahnung beschließen sie, sich den Abfallhaufen hinter der Garage im Hof gemeinsam anzusehen. Unter den Kisten, die der fremde Junge so bereitwillig aufgestapelt hatte, liegt das Kind, erdrosselt. Im Mund des Toten stellen Gerichtsmediziner Sperma fest.

Die Polizei sucht monatelang nach einem 12 bis 14 Jahre alten, etwa 1,50 Meter großen, sehr schlanken Jungen mit dunkelblondem Haar. Kinderheime und Schulen werden überprüft. Die Beschreibung des mutmaßlichen Täters wird bekanntgegeben. Handzettel werden verteilt. Ende des Jahres 1991 stellt die Polizei die Ermittlungen ein.

Zwei Monate später, am 14. Februar 1992, verschwindet in dieser Gegend zwischen der Leipziger Innenstadt und dem Stadtteil Connewitz wieder ein Kind, der achtjährige Manuel Kunze aus der Hardenbergstraße. Am Nachmittag war er auf den Spielplatz an der Arthur-Hoffmann-Straße gegangen. Zwei Mädchen sehen ihn, wie er in Begleitung eines größeren Jungen von dort weggeht.

Die Leipziger Zeitungen bringen Suchmeldungen, unter anderem mit der Beschreibung der Kleidung des Vermißten. Darauf erscheint eines Tages die Familie Fechner aus der Arthur-Hoffmann-Straße auf dem Polizeirevier und gibt einen Anorak ab, der so aussieht wie der in der Zeitung beschriebene. Ihr 14jähriger Sohn Marco, sagt die Mutter, habe ihn am Tag, als Manuel Kunze verschwand, auf dem Spielplatz gefunden. Sie habe ihn gewaschen. Marco, der öfter von der Schule ausreißt und sich herumtreibt, bringt nicht selten fremde Kleidungsstücke von seinen Touren mit.

Die Polizei befragt den Jungen. Sie läßt sich die Stelle zeigen, wo der Anorak angeblich lag. Marco soll den Polizisten sagen, wo er sich am Tag des Verschwindens von Manuel Kunze aufgehalten hat. Er führt die Beamten zu Abrißhäusern, zu verwilderten Grundstücken mit verfallenen Schuppen, die das Stadtbild der Arbeitervorstadt Connewitz abseits der staubigen Hauptstraßen mit ihren ratternden Straßenbahnen ("Dubceks Rache") prägen.

In den verlassenen Ruinen, in rostigen Schrottautos, dem Dschungel wildwuchernder Natur und stinkendem Müll tauchen zwielichtige Gestalten unter. Einzelne Häuser sind besetzt, zum Beispiel von »militanten Animalistinnen« oder »syffisanten Fetischanten«, wie auf Brettern vor den eingeschlagenen Fensterhöhlen zu lesen ist. Für Kinder und Halbwüchsige ist das eine einzige Abenteuerwelt. Marco hat sich dort seine Lager eingerichtet.

Bei der Polizei verwickelt er sich in Widersprüche. Dann führt er die Beamten zu einem verwahrlosten Hinterhof mit mehreren Garagen. Er beschreibt, wo die nackte Leiche Manuel Kunzes liegt. Er beschreibt, wie er den Jungen vom Spielplatz fortlockte, wie er ihm drohte, die Haare mit einem Feuerzeug abzubrennen, wenn er sich nicht in der Garage ausziehe; wie er ihn in einem Schrottauto zum Mund- und zum Analverkehr zwang; wie er ihn mit verbundenen Augen vor das Auto führte. Ihn würgte, ihm die Ärmel eines Pullovers in den Mund stopfte und ihm die Nase zuhielt, bis er nicht mehr atmete.

Während dieser ersten Vernehmung gibt Marco auch die Tötung des Denny Dahl hinter dem Schuppen im Hof des Hauses an der Arthur-Hoffmann-Straße im Jahr zuvor zu. Auch ihn hat er, mit einem Messer drohend, zum Mundverkehr gezwungen und ihm die Kehle zugedrückt. Doch er sagt auch, daß er nur mehr zum Samenerguß kommt, wenn er an Gewalt denkt. Seit der ersten Tötung wuchsen seine sexuellen Wünsche. Je mehr Gewalt, desto schöner ist es für ihn.

»Aufhängen! Totschlagen! Wo bleibt die Todesstrafe? Vogelfrei! Wollt ihr dieses Schwein sein Leben lang ernähren?« schrien Menschen 1967 im Gerichtssaal nach dem ersten, in entsetzlicher Öffentlichkeit verhandelten Prozeß gegen Jürgen Bartsch, der Kinder mißbraucht, zerstückelt und getötet hatte. Er tat der Volksstimme bereits 1976 diesen Gefallen mit seinem Tod auf dem Operationstisch, der einer unbewußten Hinrichtung nahekam.

Mit einer öffentlich vertuschten Hinrichtung hatte sich 1972 die DDR den 19jährigen Erwin Hagedorn vom Hals geschafft, den der Anblick gestochener, ausblutender Jungen zum sexuellen Höhepunkt brachte. Nach Erkenntnissen aus dem Fall Bartsch über mögliche Ursachen solcher Verirrungen zu fragen vermieden DDR-Gutachter damals tunlichst: Im fortgeschrittenen Stadium des Sozialismus durfte es eine so schreckliche Fehlentwicklung nicht geben.

Doch die Verbrechen geschahen gleichwohl. Und Hagedorn war ebenso wenig organisch krank wie Bartsch. Also blieben nur die Schuld des Täters, das Böse in ihm. Hagedorn durfte mit dem »Jahrhundertfall« in der kapitalistischen Bundesrepublik nichts gemein haben, er mußte verschwinden. Friedhelm Werremeier hat den Umgang mit Hagedorn in dem Buch »Der Fall Heckenrose« beschrieben, das dadurch zu einem Zeitdokument geworden ist.

Marco Fechner, mit 13 der jüngste derartige Täter bisher, gilt heute weder als ein sensationeller »Jahrhundertfall« wie weiland Bartsch, noch wird der Fall vertuscht. Die Meldung huscht vorüber. Ein wenig Aufgeregtheit vermitteln Berichte in Super über den »Mörder ohne Mitleid«, über »Marco, den kleinen Mörder aus Leipzig«. Ein bißchen Lebenshilfe anschließend in der Leipziger Volkszeitung: Nie mit Fremden mitgehen!

Dieser Rat, erteilt von der seit 30 Jahren in der DDR tätigen Kinderpsychiaterin Gisela Behrendt, die Marco Fechner begutachtet, ist oberflächlich und angesichts der Erkenntnisse über Bartsch und Hagedorn längst korrekturbedürftig. Der »Fremde«, vor dem da gewarnt wird, kann auch ein Kind sein, das man kennt, ein Schulfreund, ein Spielkamerad. Ein Kind, von dem man vielleicht sogar schon mehr weiß als von anderen.

Auf die Spur des seinerzeit verzweifelt gesuchten Täters von Eberswalde, Erwin Hagedorn, führte erst die Befragung von Kindern, die ihn zumindest vom Sehen kannten. Bartsch, Hagedorn und Fechner hatten wiederholt versucht, sich an Kinder heranzumachen, ehe ihnen die Vollendung einer Tat gelang. Es gab Attacken, Spielereien, die unversehens bedrohlich wurden. In allen drei Fällen, so ist zu vermuten, hätte Schlimmes verhindert werden können, wenn davongekommene Opfer nicht voller Scham geschwiegen hätten.

Denny Dahl und Marco Fechner gingen in dieselbe Schule. Vor der Tat spielten sie zusammen Verstecken. Manuel Kunze kam mit Marco auf einem Spielplatz ins Gespräch, der in unmittelbarer Nähe der elterlichen Wohnung beider liegt.

Als Marco Fechner schon in Untersuchungshaft saß, meldete sich ein Vater bei der Polizei und gab an, der Junge habe einmal versucht, seiner achtjährigen Tochter die Hose herunterzuziehen. Bei der Vernehmung der um ein Jahr älteren Schwester, an der er teilnimmt, fällt der Vater aus allen Wolken.

Die ältere Tochter, die mit Marco zur Schule ging, sagt vor der Polizei nicht nur, daß der Junge der kleinen Schwester »den Puller in die Muschi gesteckt« hat. Auch mit ihr, der Älteren, hat er längst und mehrfach dasselbe getan: im Wald, auf der Wiese neben dem Schulgarten, in der Hofpause. Einmal hätte sie beinahe der Schuldirektor erwischt.

Neun Kinder hat er mißbraucht und wieder laufengelassen, sagt Marco. Mit Mädchen hat er es nur versucht, Knaben gefielen ihm besser. Zunächst wurde gespielt, dann ging es irgendwohin, wo kein Mensch war. Warum offenbaren sich die Opfer nicht? Oder schweigen auch die Erwachsenen aus Angst vor Gerede?

Die Eltern des 1977 an Heiligabend geborenen Jungen Marco Fechner, eine ganz normale, geordnete Familie mit drei Kindern, haben sich über Jahre verzweifelt und immer wieder vergebens um Hilfe bemüht. Der um ein Jahr ältere Bruder, die zwei Jahre jüngere Schwester - wohlgeratene Kinder, allerdings immer etwas abgedrängt vom Sorgenkind Marco, dem mittleren, das schon als Kindergartenkind auffiel. Er biß und kratzte die Erzieher, schlug wild um sich. Körperlich und geistig schien er nicht altersgerecht entwickelt.

Obwohl ihn die Eltern nicht für reif hielten, wurde er 1984 eingeschult. Ärztliche und pädagogische Untersuchungen ergaben angeblich keine Besonderheiten. Die Auffälligkeiten verstärkten sich. Marco störte, er lernte nicht. Eine erste psychologische Untersuchung zeigte, daß er vor allem, wenn Leistung von ihm verlangt wurde, auffällig reagierte.

Er kam auf die Sonderschule. Auch dort ging es nicht besser. Marco riß aus, stahl erstmals. Die Eltern wußten nicht mehr weiter mit ihm. Sie baten, das Kind in die Hände professioneller Erzieher zu geben. Marco kam in ein Kinderheim, wurde wieder begutachtet: psychomotorische Unruhe, Schlafstörungen, emotional kaum ansprechbar, hieß es. Eine Kinderpsychiaterin vermutete eine frühkindliche Hirnschädigung.

Marco galt rasch als »nicht führbar« in einem Normalheim. Ohne Wissen und Zustimmung der Eltern steckte man ihn mit neun Jahren in ein Spezialheim für Schwererziehbare in Saalfeld. Bis heute glaubt der Junge nicht, daß die Eltern davon tatsächlich nichts wußten. In Saalfeld bekam er »Aolept« und »Parcopan«, stark dämpfende und für ein Kind ungewöhnliche Medikamente. Bei ungebührlichem Verhalten wanderte er für 24 Stunden in eine Arrestzelle ohne Licht.

In Saalfeld wird er erstmals und regelmäßig von älteren Jungen sexuell benutzt. Seit er zehn ist, sagt Marco, macht er es mit Jungen (oder Jungen machen es mit ihm). Zweimal fahren die Eltern zu ihm, weil man ihnen sagt, der Junge habe vom Dach springen wollen. Sie finden auf der Krankenstation ein unter schweren Medikamenten nicht ansprechbares Kind vor.

Nach zwei vergeblichen Jahren im Heim holen sie ihn schließlich nach Hause. In der Schule geht es keinen Schritt voran. Bis heute kann er kaum lesen und schreiben. Er läuft weg, wann immer etwas von ihm verlangt wird, und seien die Anforderungen noch so gering. 22mal sei nach ihm gefahndet worden in der letzten Zeit, sagt die Leipziger Rechtsanwältin Christel Zimmermann, die sich zusammen mit dem Frankfurter Anwalt Horst Loebe um Marco kümmert.

Im Untersuchungsgefängnis von Leipzig - eine Anstalt für Jugendliche gibt es nicht, Marco werde behandelt wie die anderen auch, sagt man so schön - kommt es immer wieder zu Szenen mit dem 14jährigen. Der Junge reißt Eisenstangen vom Bett und geht damit auf die Bediensteten los; er schreit, wirft Gegenstände aus dem Fenster. Der Ermittlungsrichter reagiert mit Arrest und nochmals Arrest.

Nach alter DDR-Manier haben die Behörden die Hauptschuld an diesem offenbar irreparablen Kind rasch der von Sorgen zerquälten Familie, vor allem der Mutter, zugeschoben. Die Jugendgerichtshilfe kritisiert ein angebliches Mängelmilieu, das Unvermögen, die Inkonsequenz der Eltern. Als ob Marco zu Hause nur anders, eben »richtig«, hätte behandelt werden müssen.

Die Mutter sieht ihn am 14. Februar kurz vor der Tötung des Manuel Kunze von der Wohnung aus auf dem Spielplatz. Wieder einmal war er tagelang unterwegs gewesen. Sie geht nicht hinunter, es hätte keinen Sinn. Wenn er kommt, dann nur von sich aus. Stunden später, nach der Tat, steht er vor der Tür.

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