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Jede Menge Sensibilität

SPIEGEL-Redakteur Rainer Weber mit deutschen Sozialdemokraten bei den Antifaschisten in Bologna
aus DER SPIEGEL 33/1981

Eigentlich hatten die Genossen Hans-Ulrich Klose, Ex-Bürgermeister von Hamburg, und Henning Scherf, Jugendsenator in Bremen, wenig Strategisches im Sinn, als sie nach Italien reisten. Es ging um die Gedenkfeier für die Opfer des Bombenattentats von Bologna vor einem Jahr. Bei dem Trip aber wurden ihnen, unversehens, Einsichten zuteil, die für die Basisarbeit daheim durchaus fruchtbar werden könnten -- für die SPD der neunziger Jahre.

Was in Bologna nämlich am vorletzten Wochenende drei Tage lang in gigantischem Maßstab und international inszeniert wurde, war der oft gesuchte Dialog mit der rebellischen Jugend, hinter dem die Sozialdemokraten her sind wie im Paradoxon Achilles hinter der Schildkröte: Der Held kann zwar zehnmal so schnell laufen wie die Panzerechse, aber die hat zehn Meter Vorsprung. Wenn Achilles den geschafft hat, ist das Reptil schon einen Meter weitergekrochen. Wenn Achilles das geschafft hat, ist die Kröte noch zehn Zentimeter entfernt, und dann noch einen, und dann ein Zehntel Zentimeter und so weiter. Nur erjagen kann er sie nie.

Besagte »Jugend Europas« hatte der kommunistische Bürgermeister Renato Zangheri in seine rote Musterstadt gelockt: außer den brav Organisierten auch Radikale und Hausbesetzer, Kraker, »Züri-brennt«-Aktivisten und, natürlich, Mitglieder der Berliner Alternativen Liste. Zwei Tage lang sollten alle über Themen diskutieren wie »Lage der Jugend«, »Überleben in den Metropolen«. Schlußpunkt: Schweigemarsch zum Bahnhof, wo die Bombe explodiert war.

Welch günstigeren Anlaß gäbe es für das ersehnte Gespräch mit den Jungen als eine Veranstaltung gegen den Rechtsterror -- gewiß der allerkleinste gemeinsame Nenner zwischen Sozis und Sozialisten, Hausbesetzern und -besitzern? Und all dies wenige Wochen, bevor sich der Mordanschlag von München zum erstenmal jährt und dessen, wenn überhaupt, »halt auf CSUbayrisch« (Scherf) gedacht werden wird?

In Bologna aber dröhnte ein Symphonieorchester auf dem Marktplatz Beethovens Neunte und in einem Park Rockmusik. Von den Zinnen eines Campanile rezitierte Schauspieler Carmelo Bene Verse aus Dantes »Inferno«, das Spektakel -- 20 000 Menschen standen dicht gedrängt in der Via Rizzoli -- wurde auf haushohe Leinwand-Schirme in die Nachbarschaft übertragen.

Schon am Abend des ersten Tages ereilte die Deutschen der politische Kulturschock. Unabhängig voneinander und ähnlich doch erkannten sie: »Die Deutschen sind so schwerblütig« (Klose), es mangle an der Fähigkeit »zu feiern«.

Scherf: »Bei uns müßtest du erst tausend Gremien beruhigen«, bevor man »so was aufziehen« könne.

Klose: Der Mangel an »lockerem Selbstbewußtsein« lasse die SPD den Jungen so starr erscheinen -- er habe da so seine Erfahrungen.

Gemeint war: Nicht zuletzt tüchtige Parteigenossen waren ihn indigniert angegangen, als er einmal die nackten Protest-Pos einer Schülerdemonstration im Hamburger Rathaus nicht mit gebührender Schärfe gegeißelt habe, wenn die Metapher erlaubt ist.

Angeschlagen war Kloses und Scherfs Selbstbewußtsein schon früher, als die Deutschen zwar noch am Podiumsdiskussionstisch Platz nehmen durften. Die Veranstaltung aber bestimmten andere, und wie.

Herrisch putzten die Alternativen die SPD herunter, schulmeisterhaft erteilten sie Einführungsvorlesungen zum Thema Basisdemokratie.

Klose erhielt zwar höflichen Beifall, als er von seinem Rücktritt, Scherf, als er von der Verfolgung seiner Eltern durch Nazis erzählte -- aber beim Vortrag des Hamburgers verließen ein paar junge Leute den Ort der Veranstaltung, die hanseatische Gummiknüppel hatten live erleben dürfen.

Eine Kommunistin wies engagiert nach, daß Lebensqualität auch mit befreiter Sexualität zu tun hat. Das und der Auftritt einer Kraker-Dame in S.37 transparentem Gewand inspirierte den Bremer Scherf zu der Einsicht, daß »wir eine Kommunikationskultur brauchen, die das Mackertum abbaut«.

»Kommunikationskultur« und »Mackertum« (Scherf), »Lockerheit« und »Feste feiern« (Klose) -- es ging den beiden wie noch jedem Deutschen seit Goethe, wenn sie im Land ihrer Sehnsüchte feststellen, daß gar nichts klappt und alles geht: Sie entdeckten in ihrer Seele sowohl einen bisher verborgen gebliebenen Hang zur Anarchie als auch jede Menge Sensibilität.

Leicht verwanden die Profis noch, daß sie, nach mehrstündiger Siesta-Pause, zwar pünktlich um drei, dafür aber peinlich allein im Saal saßen.

Doch als die Invasion Zehntausender von Europa-Jugendlichen die Innenstadt endgültig usurpiert und ängstliche Geschäftsleute in der Prachtstraße Via Indipendenzia ihre Scherengitter heruntergelassen hatten, mußten die Politiker erkennen, daß ihre Anwesenheit beim Jugendfestival überflüssig war.

Den Dialog mit der Jugend hätten sie, bittere Einsicht, sinnvoller noch mit einer Mauer führen können.

Dem Ex-Bürgermeister und dem Senator blieb nur: spazierengehen. Für Klose, der in drei Tagen »bestimmt 50 Kilometer« gemacht hat, wurde es zu einer Art Therapie.

»Blond« war er angekommen und »frisch«, so belustigte sich das Radikalenblatt »Lotta Continua«; in »Krawatte« und »Jackett« und mit gewohntem Charme hatte er mild Schockierendes verkündet -- daß er »eine Rarität« sei, ein Kommunalpolitiker, der sich »von rechts nach links bewegt« habe. Das Blatt: »Il delizioso«, der »Köstliche«.

Bei seinen Hitzemärschen -- in der Plastiktüte, die er mit sich herumschleppte, zerfloß die Mortadella -durch den stadtweiten Supermarkt der Alternativkultur machte der angeschlagene Ex-Bürgermeister eine weitere Wandlung durch.

Anfangs noch hatte er kämpferisch getönt: Er werde demnächst daheim »durch die Distrikte wandern« und die Partei auf »Integrationspolitik« einschwören -- auf die Fähigkeit, »Konflikte bewußt auszutragen«.

Zwei Straßen weiter, auf der Terrasse der San-Petronio-Kirche, inmitten der Horden von Langhaarigen und Latzhosenträgern, als ihn Maskierte umtanzten und Freaks Flöte, Frisbee oder derbes Straßentheater spielten, enthüllte sich ein neuer Klose: weich und verletzbar.

Sein erzwungener Rücktritt, so murmelte er gepreßt, habe ihn »getroffen«, die Angriffe wegen seines Pressesprechers Manfred Bissinger »verwundet«.

Sein »schlimmstes Erlebnis« fiel ihm ein -- der Besuch einer offiziellen Hamburger Reisegesellschaft aus Politikern, Funktionären, Journalisten und Beamten in Polen, die »ganze Schickeria«. Der wurde abends die schäbige Ost-Version von Nachtleben vorgeführt: »Ein armes Hipperl von Mädchen mußte strippen. Es war, wie wenn fette Deutsche in den Negerkral kommen.« Der »Knacks« habe ihn, unterbewußt, bis jetzt beschäftigt.

»Verwundet«, »Knacks« -- so empfindlich können sich Genossen zeigen, wenn sie weit weg sind von der Partei.

Nur ein Funktionär der SPD-Jugendorganisation »Die Falken« meinte zeigen zu müssen, was er alles schon gelernt hat in der Partei. »Politik«, belehrte er seinen nachdenklich gewordenen Senator Scherf, »ist eine Frage der Macht, nicht der Symbole.«

Scherf fand seinen Humor erst wieder, als alles in geordneten Bahnen lief. »Ich bin«, flachste der Zweimetermann bei der Abschlußdemonstration, »der Leuchtturm des Antifaschismus.«

Rainer Weber
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