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ERNÄHRUNG Jedem seinen Acker

Bodenertrag ist nicht nur abhängig von Fläche und Fruchtbarkeit, sondern auch vom Eifer des Eigentumers.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Da, wo der Pfeffer wächst und die Franzosen früher ihre Schwerverbrecher verwahrten, zauberten 500 Flüchtlinge aus Laos fast aus dem Nichts ein Wirtschaftswunder in den Dschungel. Mit einer Wagenladung Äxten und Macheten, ein paar geliehenen Lastern und Traktoren und 40 Franc (knapp 20 Mark) Tagegeld pro Kopf schufen sie in Cacao, einem Flecken mitten im Urwald von Französisch-Guayana, eine Mustersiedlung.

Cacao ist schon jetzt, nicht ganz zwei Jahre nach seiner Gründung, eines der wohlhabendsten Dörfer des Landes. Ein Kraftwerk ist im Bau. Mehrere kleine Konservenfabriken sind geplant, in denen die Dörfer ihre Feldfrüchte verarbeiten wollen.

Ein Vorbild für die verelendeten Einheimischen wird Cacao trotzdem nicht werden. Für sie sind die zugereisten Asiaten »Eindringlinge im Sold des französischen Kolonialismus«. Von so was läßt sich ein Guayaner nicht belehren.

Das Beispiel Cacao illustriert: Landwirtschaftliche Produktivität ist nicht allein von Fruchtfolge, Düngung und Feldhackordnung abhängig.

Was sonst noch für eine erfolgreiche Bewirtschaftung von Ackerland vonnöten ist, versuchten die Mitglieder der Welternährungsorganisation (FAO) auf ihrer Konferenz über »Agrarreform und ländliche Entwicklung« zu klären.

Über die wichtigsten Voraussetzungen zur Sanierung der landwirtschaftlichen Gebiete herrschte Einhelligkeit unter den Delegierten der Dritten Welt: >Verwirklichung des Grundsatzes »Jedem Bauern seinen Acker und sein Maultier«;

* Umverteilung des Grundbesitzes und Förderung von landwirtschaftlichen Kleinbetrieben mit ökonomischen Mindestgrößen;

* Urbarmachung von Brachland und wirksame Maßnahmen gegen die Bodenerosion;

* Kampf gegen den Agrarprotektionismus der hochentwickelten Staaten.

Die Fruchtbarkeit des Bodens freilich ist oft in erster Linie davon abhängig, wer ihn beackert.

Unterschiedliche Nutzungsintensität etwa ist schuld, daß im fruchtbaren Äquatorialafrika Millionen Menschen nicht satt werden, während die Chinesen selbst kargen Böden noch recht hohe Erträge entlocken.

In Afrika fehlt es häufig nicht an Land, sondern an der Energie, es zu bestellen. Die neureiche Olmacht Nigeria, jahrzehntelang Exporteur von Agrarerzeugnissen, muß heute einen großen Teil ihrer Nahrungsmittel einführen, weil die Bauern ihre Äcker brachliegen lassen. Im Ölland Gabun werden sogar Zitrusfrüchte aus Südafrika eingeführt, weil niemand die wildwachsenden gabunischen Orangen ernten will.

Wenn nicht für Afrika, so doch für Asien und Lateinamerika läßt sieh ein enger Zusammenhang zwischen Bodenbesitz und Ernteertrag nachweisen. Nach der Landreform in Pakistan, so hat die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung ermittelt, stieg dort die landwirtschaftliche Produktion um nicht weniger als 49 Prozent. Weiterer Beweis: Die Hektarerträge auf südamerikanischen Latifundien liegen im Schnitt deutlich niedriger als auf benachbarten kleinen Bauernhöfen.

Asiaten, Afrikaner und Lateinamerikaner waren sich in Rom einig, daß alles anders werden müsse -- aber nur bei dem jeweils anderen. Keiner wollte die gemeinsam gefaßten Reformresolutionen auch daheim anwenden.

Um die Scheinheiligkeit der Konferenzteilnehmer zu entlarven, hatte sich nur wenige hundert Meter vom Kongreßzentrum ein Gegenkongreß in einer Schule etabliert, der die massenhaft ausgestoßenen FAO-Empfehlungen immer gleich mit erhellen den und konterkarierenden Anmerkungen versah. Die »Rome Declaration Group«, darunter auch der schwedische Nobelpreisträger und Entwicklungsexperte Gunnar Myrdal, warf den Regierungen der Dritten Welt vor, selbst die Hauptschuld an der Misere der Landbevölkerung zu tragen. »Die Konferenz«, so hieß es in einem Antipapier, »soll diejenigen als Freunde der Armen porträtieren, die sie in Wahrheit unterdrücken.«

Die südamerikanischen Delegierten beispielsweise fanden die Eigentumsverhältnisse in Lateinamerika -- zwei Prozent der Grundbesitzer haben die Hälfte des bebaubaren Ackerbodens -- durchaus nicht reformbedürftig. Die arabischen Konferenzteilnehmer wiesen den Vorschlag entrüstet zurück, das traditionelle islamische Erbrecht zu ändern, nach dem Frauen keinen Grundbesitz erben dürfen. Derlei Reformen, erläuterte der pakistanische Delegierte, seien überflüssig, weil die Frauen »bei der Hochzeit ja auch das Erbe des Mannes erheiraten«.

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