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Jeden Tag ein anderer Boy

aus DER SPIEGEL 6/1949

Ich habe noch nie eine so kurzweilige Ueberfahrt gehabt«, sagte der Kapitän des US-Frachters »Clayborn«, als die Reporter in Bremen an Bord kletterten. Das lag an Margret Tucholsky, 15 Jahre alt. Der Deutsche Pressedienst berichtete von der enttäuschten Ex-Kriegsbraut, deren US-Verlobter in so schlechten Verhältnissen lebe, daß sie wieder zurückkehre. Dabei ist die Geschichte ganz anders.

Als Margret Anfang März 1945 den 26jährigen Daniel McDonard kennenlernte, war sie 11 Jahre alt. Danny ließ seine Wäsche bei Frau Meisen waschen. (Sie hatte Margret aus erster Ehe mitgebracht.) »Margret ist die richtige Frau für mich«, sagte Danny bald. Obgleich sie noch so jung sei. Frau Meisen gefiel der Amerikaner. Auch als er wieder zu Hause in Louisville am Mississippi war, blieb sie in Verbindung mit ihm.

Briefe wurden gewechselt, Care-Pakete geschickt und schließlich war es soweit, Dannys Leute stellten 1000 Dollar Kaution und reservierten eine Flugkarte nach den USA. Am 21. November 1948 startete Margret.

Dannys Familie holte sie in drei Autos auf dem Flugfeld in Jakson ab. »Ich war einfach platt. Drüben hatte jeder seinen eigenen Wagen, und man fuhr sogar zum Rollschuhlaufen mit dem Auto.« Und das Essen: »Ich hatte mächtig zugenommen in den drei Monaten. Jeden Tag rief ein anderer Boy an und wollte mit mir ausgehen.« Im Louisville Observer erschien ihr Bild und eine Biographie. Danny wollte schließlich das Hochzeitskleid bestellen. Er hatte schon einen neuen Ofen für den jungen Haushalt gekauft.

Da wurde Margret plötzlich reserviert. Sie habe Bedenken, wegen des Altersunterschiedes. Danny konnte das nicht so gut verstehen, wie seine Familie. Das deutsche Mädchen wurde noch ein paar Wochen in Louisville und Philadelphia herumgereicht, »einige Leute wollten mich sogar adoptieren.« Danny flehte, Margret widerstand. Dann ging die »Clayborn« in See und mit ihr Margret Tucholsky.

Danny hatte ihr noch auf der Gangway ins Ohr geflüstert: »Ueberleg Dir das noch mal mit dem Altersunterschied.« Margret blieb fest: »Ich werd' schon noch 'nen jüngeren mitkriegen!«

Jetzt geht sie wieder in Köln zur Schule.

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