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»Jeden Tag Sonne, Weite und Einsamkeit«

aus DER SPIEGEL 45/1976

Was sind das hier für feine Zeiten«. schwärmte Landwirt Cord-Hinnerk Cordes, 43, aus Kirchlinteln im Kreis Verden, Niedersachsen, schon nach der ersten Farmerversammlung in der neuen Heimat. »Hier sind wir noch jemand, wie kleine Könige, hier gilt unser Wort noch etwas in den Ohren der Regierung.«

Der Auswanderer, einer der ganz spät Zugereisten unter den deutschsprechenden Weißen in Südwestafrika, fühlte sich in der Bundesrepublik zum »Schietbüdel« verdammt.

EG-Bestimmungen, Grüner Plan und das gesunkene Ansehen des Bauernstandes aus Nachkriegszeiten ließen Cordes nach neuen Auen schauen. »Dabei haben wir damals auch nur Quark gegessen und nichts schwarz geschlachtet«, entrüstet er sich noch heute über den verleumderischen deutschen Volksmund.

So verkaufte er denn 1968 das väterliche 50-Hektar-Gehöft, kündigte die 110 Hektar. Pacht, trat aus 33 Vereinen aus und erwarb 8500 Hektar im Gelobten Land. Dessen Vorzüge kannte der staatlich geprüfte Landwirt und Pferdeliebhaber von einem Aufenthalt vor zehn Jahren her, als er für den Bielefelder Gewürzfabrikanten Ostmann ein Gestüt leitete.

Er wählte eine der besten Rinderfarmen in der Gemarkung Seeis in der Zentralregion der ehemals kaiserdeutschen Kolonie, und seither wähnt er sich im Schlaraffenland.

Luzerne, die zu Hause bestenfalls dreimal geerntet wird, schneidet er hier achtmal. Erdbeeren wachsen zwölf Monate im Jahr, und die kraftstrotzenden Rinder werden von berittenen schwarzen Knechten zum Grasen einfach in den Busch getrieben. Das ansonsten spärliche Wasser pumpt er aus dem sandigen Flußbett des Nossob, eines »River«, wie die Südwester sagen.

Fast eine Million Mark kostete die Superfarm »Bodenhausen«. Den Grundstock für den heutigen Musterhof brachte Cordes aus Deutschland mit: Drei tragende Hannoveraner Stuten, einen Hengst, fünf tragende Höhenfleckvieh- (Simmenthaler) Kühe, einen Bullen, und drei Münsterländer Hunde versorgte er eigenhändig auf der Schiffsüberfahrt.

Den gekauften Bestand von 700 Rindern im Jahr 1970 vermehrte er auf 1000 Tiere. Damit hat er den Idealzustand erreicht: Zehn Hektar Land in Südwest ernähren eine Kuh, in der Bundesrepublik braucht man nur einen Hektar für die »Großvieheinheit«.

»Zu Anfang«, erinnert sich Cordes, »haben wir sehr gekrabbelt.« Da war die große Trockenheit von 1970, waren die Hypotheken, aber »dann hatten wir unwahrscheinlichen Dusel«, weiß die in Südwest geborene Ehefrau Sigrid, gelernte Photographin.

Es folgten regenreiche Jahre, das in der Heimat erworbene Fachwissen ihres Mannes machte sich bezahlt: Cordes verdient heute fast dreimal soviel wie ein vergleichbarer Kollege in Deutschland.

Daß dies auch mit den niedrigen Löhnen für die schwarzen Arbeitskräfte zusammenhängt, mag der Siedler nicht wahrhaben. »Darüber spreche ich nicht gern«, gibt er zu. Seine Schwarzen, die »zehn Jungens«, die zum Teil mit ihren Familien auf der Farm leben und um die 35 Mark im Monat verdienen, »sind glücklich auf der Werft«.

Vormann Hanika ("Halb Kaffer -halb Herero, der säuft auch nicht") erhält an die 60 Mark. Hinzu kommen Kleidung, vor allen Dingen für die empfindlich kalten Winter mit bis zu zwölf Grad minus, und Nahrung, bestehend aus Maisbrei und Fleisch, das der Herr selber schießt.

»Satt müssen sie werden«, sagt der »Mister« über seine Eingeborenen. »Der Mister ist gut«, haben sie ihm schon oft in fließendem Deutsch bestätigt. Wenn er »zum Donnerwetter« sagt, wissen sie, daß sie sich sputen müssen, auch bei 40 Grad Hitze im Schatten.

Cord-Hinnerk Cordes überfordert »seine Jungens« allerdings auch nicht. Jeden Mittag dürfen sie zwei Stunden ruhen, bevor er sie mit einigen kräftigen Schlägen auf eine leere Sauerstoffflasche wieder an die Arbeit ruft: »Zeitgefühl haben die keins.« Dafür singen sie zu Weihnachten »O Tannenbaum« so »wunderschön« auf Herero, vor der Bescherung.

Von Mindestlöhnen um die 150 Mark, wie auf der Windhuker Turnhallenkonferenz gefordert, will Boß Cordes nichts wissen, »dann müßte ich die meisten feuern«.

Erst kürzlich gab es einen traurigen Abgang auf der Farm, »als ein »Junge« so gegen Ende sechzig« zu seiner Familie zurück in den Busch geschickt wurde. »Missis« Sigrid ist Krankenschwester und Geburtshelferin zugleich, sie hat zwei Hererofrauen im Haushalt« die sie sehr lobt. Wenn nur die Nachlässigkeit nicht wäre, beim Stopfen der Kinderkleidung etwa »verlieren sie vier Nähnadeln wie nichts«.

Es wäre schade, denn die »Neger« sind den drei Cordeskindern gegenüber (Silke 14, Cord-Hinrich 12, Imke 9) »ganz rührend«. Der Cordes-Nachwuchs geht ins Schülerheim der deutschen höheren Privatschule in Windhuk« etwa eine Autostunde von der Farm entfernt. Da dürfen nur weiße Kinder hin, doch die Cordes haben beispielsweise nichts dagegen, mit Schwarzen das Restaurant zu teilen, »solange sie sich anständig benehmen und nicht die Füße auf den Tisch legen«.

Über die Zukunft macht sich das Farmer-Ehepaar täglich Gedanken: »Wahrscheinlich kommt es doch so, daß wir Hals über Kopf hier weg müssen.« So denken sie freilich erst seit dem Überfall auf das deutsche Farmer-Ehepaar Gerd und Elke Walther, rund 60 Kilometer vor Windhuk« die von Guerillas erschossen wurden.

Immerhin bleibt der Paß-deutschen Cordes-Familie der Rückweg in die Bundesrepublik; rund 25 000 andere Südwesterdeutsche hingegen sitzen fest. Im Windhuker Konsulat stehen viele Schlange, um die vermeintliche Überlebensgarantie zu ergattern: das grüne Büchlein mit dem Adler.

Das Vertrauen in Südafrikas Verwaltungsregierung wurde erschüttert, als ausgerechnet Premier Vorster aussprach, was die ganze Welt schon längst weiß: »Die Deutschen haben den Schwarzen das Land mit Gewalt abgenommen.«

Da kochte die deutschafrikanische Volksseele und machte sich in Leserbriefen -- an die »Allgemeine Zeitung« in Windhuk Luft.

Farmer Cordes aber weiß, was ihn, bevor es zum Schlimmsten kommt, noch hier hält: »Jeden Tag Sonne, Weite und Einsamkeit, das formt die Menschen.« Ja, ja.

Paul M. Schumacher
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