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JEDER BÜRGER EIN SPITZEL

aus DER SPIEGEL 29/1970

In einem Flugblatt werden alle Brasilianer aufgefordert, ihre Mitbürger zu bespitzeln. Urheber der zehn Gebote ist wahrscheinlich die DOPS, Brasiliens politische Polizei.

1. Die Terroristen rechnen mit der Angst und der Panik. Nur ein vorbeugendes und tapferes Volk wird sich dagegen wehren können. Wer Augenzeuge eines Überfalls wird oder jemanden sieht, der Verdacht erregt, darf nicht gleichgültig bleiben. Tun Sie nicht so, als ob Sie nichts gesehen hätten; werden Sie nicht mitschuldig.

2. Bevor Sie sich eine Meinung bilden, prüfen Sie mehrfach, ob sie wirklich die Ihre und nicht etwa dem Einfluß von Freunden entsprungen ist, die Sie hineinziehen wollen. Werden Sie nicht zu einem nützlichen Unschuldigen in einem Krieg, der Sie, Ihre Familie und alles, was Sie lieben, zu vernichten sucht.

3. Lernen Sie, mit einem gewissen Argwohn Zeitung zu lesen. Radio zu hören und Fernsehdarbietungen beizuwohnen. Lernen Sie, indirekte Botschaften und dunkle Absichten in allem zu erkennen, was Sie lesen und hören.

4. Wenn Sie zu etwas aufgefordert werden ..., gehen Sie zum Schein darauf ein und tun Sie so, als wollten Sie Beziehungen zu der Person aufnehmen, van der Sie angesprochen worden sind. Benachrichtigen Sie sodann die Polizei oder die nächste Militärdienststelle. Die Behörden geben jede Garantie, auch die der Anonymität.

5. Schulen Sie sich darin, einige beobachtete, markante Details im Gedächtnis zu behalten bei Personen, Fahrzeugen und Gegenständen auf der Straße, in Gaststätten, Kinos, Theatern und Vortragssälen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Geschäftshäusern und Wohnhäusern, auf Wochenmärkten, in Supermärkten, in Kaufläden, beim Friseur, in Banken, in allen Büros, in Wohnungen, auf Bahnhöfen, in Zügen, auf Flugplätzen, auf Fernstraßen ...

6. Empfangen Sie keine fremden Leute in Ihrer Wohnung -- auch wenn sie sich als Polizisten ausgeben -, ohne daß Sie vorher nach ihren Ausweisen gefragt haben und die darin verzeichneten wichtigsten Angaben im Gedächtnis behalten: Nummer der Kennkarte, ausstellende Behörde; Kleidung, persönliches Auftreten, besondere Beobachtungen und so weiter. Denn: Der Ausweis kann gefälscht sein.

7. Halten Sie niemals mit Ihrem Wagen vor fremden Leuten an, auch nicht für Anhalter. Halten Sie die Türen Ihres Wagens ständig von innen verriegelt. Wenn Sie Ihren Wagen irgendwo stehenlassen oder auf einem bewachten Parkplatz parken oder Ihn an einer Tankstelle abstellen, versuchen Sie immer, sich die Gesichter der gerade Umstehenden einzuprägen.

8. Viele Telephonverbindungen kreuzen sich. Treffen Sie auf eine solche Kreuzverbindung, bleiben Sie zunächst »drin« und hören Sie zu und verständigen Sie sofort die Polizei oder die nächstgelegene Militärdienststelle. Die Behörden geben jede Garantie, auch die der Anonymität.

9. Zieht in Ihr Wohnhaus ein neuer Mieter ein oder mietet er sich in der Nachbarschaft ein, benachrichtigen Sie die Polizei oder die nächstgelegene Militärdienststelle. Die Behörden geben jede Garantie, auch die der Anonymität.

10. Unsere Uneinigkeit wird die stärkste Kraft unserer Feinde sein. Wenn wir aber vermögen, Verständnis füreinander aufzubringen, herzlich, informiert, vertrauensvoll und vereint zu bleiben, dann kann uns niemand bezwingen.

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