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»Jeder Deutsche ist ein Sohn des Todes«

aus DER SPIEGEL 47/1971

Gediegene Damen, denen man es spontan verzeiht, daß ihre Begleiter sie als »meine Gemahlin« vorstellen; gebeugte Herren, denen der Schmiß noch wahrhaft zu Gesicht steht; eine Gesellschaft, in der man reihenweise Bibliotheks- und Sanitätsräte (samt Gemahlinnen) zu erkennen glaubt: Das deutsche jüdische Bildungsbürgertum war -- sofern es noch lebt -- im Tel Aviver Habimah-Theater versammelt, um erstmals wieder ein deutsches Stück zu sehen, von Deutschen gespielt, für die Deutsche Kulturwoche in Israel.

Vielleicht hätte das Berliner Schiller-Theater den »Hauptmann von Köpenick« spielen sollen, den es im Repertoire hat. Dann wäre den meisten Anwesenden wohl ein ungetrübtes Wiedersehen mit der verlorenen wilhelminischen oder Weimarer Vergangenheit vermittelt worden.

Aber 16 Köpenick-Bühnenbilder nach Israel zu schaffen, das schreckte ab, und außerdem sollte es etwas Klassisches sein. Also kam man auf die »Emilia Galotti« des erklärten Philosemiten Lessing. Doch Regisseur Ernst Schröder ließ den Prinzen von Guastalla vom Landesvater zum Tätertyp erkalten und den Marchese Marmelli vom Schurken zum Exzentriker. Diese Verfremdung, die für Schröder die »Emilia« »überhaupt erst wieder spielbar« macht, konnte bei jenen nicht ankommen, die den Lessing ihrer Jugend suchten. Nur wenn eine gefühlige, betrogene Gräfin Orsina ihren Schmerz artikulierte, ging das gehemmte Publikum sichtbar mit. Es war, so Schröder hinterher, für die Schauspieler »irrsinnig schwer« -- aber nicht nur für sie.

Vor dem Harbimah-Theater verteilten Demonstranten Handzettel mit dem Bild der wohl schrecklichsten Szene deutscher Musikgeschichte: der Kapelle des KZs Auschwitz, die den Gang zur Exekution mit »Alle Vöglein sind schon da« begleitete.

Es waren nur maximal zwei Dutzend Protestler, keiner über 17 Jahre alt, Mitglieder der rechtsradikalen Betar-Bewegung, eines extremistischen Bodensatzes mithin, der überall und auch in Israel mäßig gedeiht. Ihr Protest könnte daher unerheblich genannt werden -- aber die Wirkung war beklemmend.

Verschämt versuchten die Theater-Besucher, die Demonstranten nicht zu sehen und nicht zu hören. Hastig steckten sie die KZ-Flugblätter weg. Aber schlichtweg die Annahme verweigern, das konnten sie doch nicht.

Denn die Aktion vor dem Theater erklärte den Kunstgenuß der deutschen Juden unversehens zu einer Art Komplicenschaft mit dem Mordsystem, dessen Opfer sie doch ebenso waren wie die nichtdeutschen Juden, mit einem Unterschied freilich: Sie sprechen die Sprache der Täter. Verschreckt, als ob sie Unzüchtiges öffentlich zelebriert hätten und dabei ertappt worden seien, trugen sie mit ihren nicht eben modischen, aber doch auch nicht billigen Pelzen ihre deutsche Kultur nach Hause wie einen Ruch.

Kein Zweifel: Die erste Deutsche Kulturwoche in Israel hat alle passiv wie aktiv Beteiligten -- die deutschen Künstler und die deutschen Diplomaten, die deutschen Juden und die nichtdeutschen Juden -- überfordert, ohne daß so recht jemand was dafür konnte. Die Deutsche Kulturwoche war sozusagen über sie gekommen -- fertig wurde mit ihr nur einer: Günter Graß. Alle anderen einigten sich stillschweigend darauf, daß eigentlich der Kalender verantwortlich sei.

Denn Deutsches geht in Israel schon seit langem pro. testlos über die Bühne. Im vorigen Jahr genossen 34000 Israelis in 13 Vorstellungen das Stuttgarter Ballett. Dietrich Fischer-Dieskau mußte zur »Winterreise« Zulage über Zulage geben. Sangesfreudige Israelis klatschten eine halbe Stunde lang, einige weinten.

Als aber das AA vor 18 Monaten bei der Botschaft in Tel Aviv eine Deutsche Kulturwoche anregte, winkte der damalige Amtschef Knoke ab: Es sei noch zu früh. Ein halbes Jahr später machte Tel Avivs Bürgermeister Rabinowitz den gleichen Vorschlag, und nun war es den Deutschen nicht mehr zu früh.

Keinem Deutschen, aber auch keinem Israeli kam in den Sinn, daß der aus Termingründen gewählte Monat November die Deutsche Kulturwoche in Israel mit deutscher Unkultur belasten mußte: mit der Kristallnacht vom 9. November 1938. Botschafter Jesco von Puttkamer und Frau Ulrike gaben sich gar die Ehre, »aus Anlaß der Deutschen Kulturwoche« zum 10. November zum Empfang »ins Sheraton-Hotel zu laden -- am 10. November 1938 brannten oder rauchten in Deutschland die Synagogen noch. In der vorletzten Woche wurden die Gäste um Verständnis dafür gebeten, daß die Veranstaltung nunmehr erst am 15. November stattfinde.

Denn inzwischen hatten die israelischen Partisanenverbände den fatalen Jahrestag entdeckt, und seither diskutieren die Deutschen und die deutschen Juden in Israel, was nun eigentlich falsch war in ihrer Kulturwoche -- wahrscheinlich gar nicht der Monat November und vielleicht nicht einmal die Fehlrechnung, daß, wer dem deutschen Kulturschaffenden Fischer-Dieskau applaudiert, auch zwangsläufig eine komplette Deutsche Kulturwoche wünschen müsse. »Wir spielen schließlich nicht die »Lustige Witwe"«, tröstete sich Puttkamers Kulturreferent Niemöller -- aber das war es nicht.

Die Deutsche Kulturwoche traf Israel vielleicht eher zu spät als zu früh. Sie trug -- ungewollt, gewiß -- Spannungen in ein Land, das Spannungen derzeit weniger brauchen kann als je zuvor.

Denn die nachlassende Bedrohung durch die Araber hat alle Gegensätze vertieft, aus denen die israelische Gesellschaft zusammengesetzt scheint wie ein Puzzle. Nur -- was auf mirakulöse Weise zu passen schien, paßt auf einmal nicht mehr. Arme Juden stehen gegen reiche, orientalische gegen europäisch-amerikanische, Neueinwanderer gegen Eingesessene. Deshalb gestehen selbstkritische Israelis, wenn am Suez geschossen wird: »Die Araber haben uns 1956 und 1967 gerettet, sie werden es auch noch einmal tun.«

Wenn aber die Araber klüger geworden sein sollten, müssen die Israelis ihre Risse um so sorgfältiger kitten -- auch jene zwischen den nichtdeutschen Juden und den deutschen, den »Jekkes«, was wahrscheinlich heißt:

Die Jekkes, oft schwerfälliger, gebildeter und konservativer als die in Palästina tonangebenden beweglichen Ostjuden, möchten auch 1971 am liebsten wieder Richard Wagner und Richard Strauss hören, mußten nun aber feststellen, daß sie nicht einmal Lessing hören durften und auch nicht Günter Graß.

Im Hörsaal »Kanada« der Hebräischen Universität Jerusalem warteten rund 400 Juden, unter ihnen Bürgermeister Teddy Kollek, auf »den Autor, der für die Deutsche Kulturwoche Passagen seines seit drei Jahren entstehenden Werkes »Aus dem Tagebuch einer Schnecke« lesen wollte -- kein Roman, sondern eine frugale, wenngleich nicht leicht verdauliche Kost aus Autobiographischem und Gesellschaftskritik: Graß begründet für seine Kinder, weshalb er 1969 Willy Brandts Wahlhelfer wurde, er begründet es anhand von Dürers Kupferstich »Melencolia 1«.

Die Graß-Schnecke -- gemeint ist der Fortschritt -- »kennt den Freisler-Finger an Lenins Hand« und »ist nicht zu beleidigen«. Im Hörsaal Kanada zu Jerusalem wäre sie fast gescheitert und mit ihr die Deutsche Kulturwoche.

Denn etwa zwölf junge Israelis ließen Günter Graß anderthalb Stunden lang nicht zu Wort kommen. Die Jekkes aber, diese verunsicherten gequälten Juden deutscher Abstammung, wollten sich den Terror nicht -- diesmal nicht -bieten lassen. Sie schrien wütend zurück, und so brach im Hörsaal Kanada innerhalb weniger Minuten mangels Krieg zwischen Juden und Arabern der Krieg unter den Juden los -- auf Hebräisch, wegen der Deutschen.

Ein Protestler rief ein Totengebet in den Saal, der Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin rief dagegen: »Mißbrauch des Namen Gottes!« Ein Protestler wollte ein Gedenklicht für die Toten entzünden, Frau Ben-Chorin schleuderte das Licht ins Publikum. worauf der Protestler seine restlichen Lichter unter Wutgeheul gleichfalls ins Publikum warf. Ein Jekkes, der hochangesehene Bibliotheksdirektor Curt Wormann, schrie: »Wir lassen uns nicht von einer Minderheit terrorisieren!« Die Minderheit schrie zurück: »Sechs Millionen Tote sind keine Minderheit.«

Auf Flugzetteln kreischte die rechtsradikale Betar-Jugend: »Jeder Deutsche ist ein Sohn des Todes. Die deutschen Kinder, die noch keine Juden ermordet haben, werden dazu erzogen.«

Günter Graß drehte sich Zigaretten, Teddy Kollek saugte an seiner Zigarre. Von Graß dazu aufgerufen, versuchte Kollek, populär und stämmig, Frieden zu stiften -- vergebens.

Um 22.10 Uhr schließlich, als sich der Saal müdegetobt hatte, gelang es dem ebenso standfesten wie listigen Autor aus Danzig doch noch, Ruhe für seine Lesung zu ertrotzen. Er bot an, zu diskutieren statt zu lesen, und lenkte die Diskussion sodann auf seine Schnecke hin: Die Schnecke Fortschritt schien auch zu stoppen, als in Danzig die Juden vertrieben wurden und im Rheinland Rechtsradikale Wahlversammlungen von Graß störten.

Die Jekkes lauschten, die zornigen Israelis schwiegen, dann stimmten sie Partisanengesänge an, aber ganz leise. Die Schnecke, sagte Günter Graß, siegt »nur knapp und selten, kriecht nur langsam voran, vorbei an versandeten Revolutionen«.

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