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»Jeder fühlt das anders«

»Ich muß mal zum Psychiater«
aus DER SPIEGEL 50/1998

Sara-Ellen, 15, aus Tostedt

Wir waren auf einem Love-Parade-Wagen, ich und meine Freundin. Ich hatte einen BH an mit tausend Blumen. Dann haben wir ein paar Typen gesehen, die waren solo. Und ich fand, daß ich an diesem Wochenende eigentlich auch solo war, weil ich mich gerade mit meinem Freund gestritten hatte.

Wir dachten erst, die sind schwul; irgendwie waren die so drauf. Na ja, ein bißchen bi schadet nie. Der eine, der besonders geil aussah, hat uns dann Bier mitgebracht, und wir haben ihn abgeknutscht, nur so aus Scherz.

Ich werde immer so heiß, wenn ich was trinke. Geil will ich nicht sagen. Wir hatten soviel wie nie getrunken, aber das war mir egal, weil ich dachte, heute kann ich machen, was ich will.

Zwischendurch habe ich gedacht: He, Sara, du bist mit acht Supertypen unterwegs, du kennst keinen, aber sonst geht's dir gut, ja? Aber ich hatte so ein geborgenes Gefühl dabei. Und alles, was ich mir wünsche, war da: Ich finde Piercings richtig geil, ich trinke gerne Sekt, ich mag enge Klamotten, und ich find's erotisch, wenn Männer so schwul tanzen, mit Hüftschwung. Das macht mich heiß.

Wir haben miteinander rumgemacht. Irgendwie hatte ich kein schlechtes Gewissen dabei, weil es nichts mit Liebe zu tun hatte. Ich dachte immer, es wäre besser, wenn man verliebt ist, aber so war alles perfekt. Bis wir in so einem Club waren, wo Sado-Maso-Fotos an der Wand hingen. Da war ich plötzlich erschrocken: Hilfe, wo bin ich? Drin war dann alles voll freundlich, mit Sonnenblumen und so. Wenn er auf so was steht, hätte ich das nicht gerade gut gefunden: Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand so was Schönes wie Sex mit Schmerz verbinden kann. Kratzen oder beißen, das geht noch, das muß man ja manchmal, damit man nicht völlig durchdreht.

Aber ich glaube, ich muß auch so was ausprobieren, bevor ich es eklig finde. Das Dominante und die Piercings sind ja geil, nur der Schmerz, nee. Alles ist doch voll in Ordnung, solange man niemanden verletzt, weder körperlich noch vom Gefühl.

Sein Freund hatte auch ein Intimpiercing. »Willst du es mal sehen?« hat er gefragt. Und dann hatte er auf einmal nur einen supergeilen String an. Das klingt jetzt komisch, aber es war nichts dabei. Zungenpiercing, Brust- und Intimpiercing - da konnte ich mich sowieso kaum beherrschen. Und dann hatten die beiden noch so leuchtend blaue Augen.

Ich liebe ja meinen Freund, aber manchmal vermisse ich, daß er mir diesen Satz umgekehrt nie sagt. Bei ihm war ich immer ziemlich passiv, weil er der erste ist, mit dem ich richtig geschlafen habe. Als ich zurückkam, war ich das gar nicht mehr. Er hat mich gefragt: Hast du heimlich geübt?

Tostedt langweilt mich einfach. Meine Freunde da sind gut drauf, aber die kümmern sich so sehr darum, was sich gehört und was nicht. Sonst könnte ja jemand schlecht über einen reden.

Ich habe zum Beispiel einen Hosenanzug, da sieht man alles. Da höre ich immer: Das sieht ja voll schlampig aus. Ich finde, es gibt einen Unterschied, was billig aussieht und was freizügig. Man kann nackt rumlaufen oder damit spielen. Schlampig wäre für mich, daß ich nur mit jemandem schlafe, weil ich einer Tussie eins auswischen will. Oder sagen würde, die und die sind heiß auf mich, dann können sie ihn auch mal reinhalten.

Das auf der Love-Parade war einfach so hemmungslos, eine andere Welt. Die paßt viel besser zu mir. Pervers ist für mich nur alles, was mit Gewalt zu tun hat, das bringe ich nicht mit Sex zusammen. Für den »Playboy« würde ich mich aber sofort fotografieren lassen - für so ein Nobelheft. Das ist sexy, nicht eklig.

Vielleicht muß ich mal zum Psychiater: Ich glaube, ich bin frühreif. Mit 15 schon die ganze Zeit über Sex zu reden und sonstwas ausprobieren zu wollen, was andere erst mit Mitte 20 machen. Vielleicht bin ich von einem anderen Planeten?

Ich weiß nur nicht: Wie müssen 15jährige sein? Und was haben die eigentlich für ein Problem in ihrer kleinen, dummen Welt? So habe ich doch viel mehr Spaß.

»Oral finde ich eklig«

Franziska, 15, aus Dresden

Ich finde es am besten, wenn an dem Abend eine gute Stimmung ist und es sich einfach ergibt. Bei den Jungs bisher fehlte immer der letzte Kick, damit ich sage: Okay, mit dem machste es jetzt.

Meine Mutti hat immer geschmunzelt, wenn ich die »Bravo« gelesen habe, und gesagt: Franzi, wenn du irgendwelche Fragen hast, kannst du immer zu mir kommen. Und wenn du dich verknallst, nimm die Pille. Laß auf keinen Fall abtreiben. Das gibt mir die Sicherheit, daß sie hinter mir steht. Auch wenn ich das nie gemacht habe, das alles wußte ich sowieso ewig. Nur daß sie dabei so blöd schmunzeln muß, hasse ich. Mit meinem Vater habe ich darüber geredet, wie viele Freundinnen er vor meiner Mutter hatte. 50 oder so - das fand ich echt lustig, zu wissen, was vor der Ehe bei denen so war.

Mit meinem letzten Freund paßte ich schon gut zusammen, aber wenn das nachmittags losging, haben wir rumgeschmust, mehr brauchte ich nicht.

Als wir uns das erste Mal ausgezogen haben, war's komisch, weil es so neu war. Aber das gibt sich, weil es dem anderen auch peinlich ist. Und wenn man drüber redet, mit Witz, ist es sofort okay.

Der Junge muß mir äußerlich gefallen, auch wenn man sich da täuschen kann. Die Gutaussehenden sind nämlich meistens total scheiße.

Vor Schwangerschaft habe ich am meisten Schiß. Klar, denke ich, im Grunde müßtest du vorher fragen, ob er Aids hat, aber das sagt natürlich keiner. Am liebsten wäre es mir, er würde vorher einen Test machen, auch wenn das ein Widerspruch dazu ist, daß es spontan passieren soll.

Oral finde ich eklig oder Sado-Maso und so. Damit kann ich mich nicht anfreunden, aber ich denke mal, wenn man ein paarmal mit einem geschlafen hat, kommt man garantiert auf andere Ideen. Irgendwas dem zuliebe zu machen, finde ich beknackt. Das soll schon nach meinem Willen gehen.

Petting und so ist zwar total schön, aber das ist noch viel enger. Was Tiefes. Weil es irgendwie so das Letzte ist, übers Streicheln hinaus. Mit dem, was ich darüber weiß, wird es mir bestimmt gelingen. Wenn ich verliebt bin, geht das schon - man lernt ja auch.

Irgendwie ist es eben das erste Mal, und das ist mir wichtig. Ich will hinterher einfach sagen können: »Na ja, war schon cool.«

»Überall sieht man Sex«

Markus, 19, aus Ost-Berlin

Ich war 15 und hatte bis dahin noch nie eine Frau berührt. Es passierte im Zug, nachts, er raste durch endlose Tunnel. Sie war drei Jahre älter. Wir hatten uns im Italien-Urlaub kennengelernt, waren aber auf Distanz geblieben.

Ich, weil mir diese Frau unerreichbar schien und ich keine Lust hatte, mich zu blamieren, sie, weil sie Angst hatte, sich mit einem 15jährigen einzulassen. Da die Rückfahrt die letzte Chance darstellte, entschied ich mich, ihr meine Gefühle zu offenbaren. Vor Freude weinend fiel sie mir in die Arme. Ich begann, sie auszuziehen und überall zu küssen. Auf dem Gang des Zuges! Ich war wie in Trance. Ob der Zug hielt oder fuhr, bekam ich kaum mit. Die Vorübergehenden waren mir egal.

Am Morgen hatten wir zwei Stunden Aufenthalt. Wir spazierten durch München, es war ein tolles Gefühl, ich fühlte mich um einiges älter. Von da an war ich dreieinhalb Jahre mit ihr zusammen, sie war meine erste Liebe.

Heute, vier Jahre danach, bin ich wieder Single. Sex ist mir immer noch wichtig. Aber nicht so, daß ich jeden Kompromiß eingehe. Ich habe öfter sogenannte Gelegenheiten ungenutzt gelassen, weil ich keine Lust dazu habe, nach einem Onenight-Stand aufzuwachen und mich schuldig zu fühlen, weil ich von dem Mädchen eigentlich nichts will. Dann lieber cool - abstinent - bleiben. Sex ist für mich nicht nur die Befriedigung von Bedürfnissen, die in meinem Gen-Code programmiert sind. Sondern absolutes Vertrauen und Sicherheit. Deswegen ist Treue das wichtigste. Das hat nichts mit Besitzdenken zu tun. Wenn ich Exklusivität verlange, gilt das genauso für mich.

Überall, wo man hinschaut, sieht man nur Sex. Undenkbar, daß es Männer im Mittelalter schon erregte, den entblößten Arm einer Frau zu sehen. Heute gibt es keine Geheimnisse mehr: Man kann in jeder Illustrierten sehen, wie eine nackte Frau aussieht. Dadurch wird viel Phantasie zerstört. Die braucht man aber, um wirklich guten Sex zu haben.

»Frauen sind aggressiver«

Moritz, 17, aus Gießen

Mit 14, 15 war ein One-night-Stand für mich genug; ich wollte dazugehören, rumknutschen, einfach eine Freundin haben. Heute will ich mehr: jemanden haben, mit dem man alles teilt. Obwohl beides seine Qualitäten hat, ziehe ich Sex mit Liebe vor: Da geht es nicht nur um nackte Sexualität, sondern auch um die Gefühle des Partners und um Respekt. Mir sind bestimmte Stimmungen wichtig, abends spazierenzugehen oder Kerzenlicht. Ich möchte aber die anderen Erfahrungen niemals missen, auch wenn oft Liebeskummer daraus wurde.

Man will immer eine Gutaussehende als Freundin, andere beachtet man gar nicht. Die Models haben die Latte da höhergelegt; mir kann keiner erzählen, daß man nicht auf so was guckt, sondern nur auf den Charakter - das ist Schwachsinn.

Meine Freundin ist ein Jahr älter. Ich hatte ganz unterschiedliche Freundinnen, es ist nicht so, daß es immer große Brüste sein müssen. Selbstbewußte Frauen gefallen mir allerdings gut, die nicht schüchtern auftreten, sondern wissen, was sie wollen.

Frauen spielen mehr mit Männern, Jungs wollen immer imponieren. Und Frauen sind aggressiver und haben weniger Hemmungen, harte Machosprüche zu machen. Hübsche haben die noch weniger. Und sie sind oft aufdringlicher: Eine lief mir ewig hinterher und wollte es einfach nicht einsehen. Männer sind dafür zu stolz: Wenn die einen Korb kriegen, lassen sie es.

Meine Freundin konnte es sich erst nicht vorstellen, daß es klappt mit uns, über hundert Kilometer Entfernung. Vielleicht weil sie sich nicht sofort in mich verliebt hat. Wenn ich nicht so wahnsinnig in sie verliebt gewesen wäre, wären wir heute noch nicht zusammen.

Anderthalb Jahre ist das her; sie ist meine längste Beziehung. Die Liebe nimmt erstaunlicherweise jeden Tag zu. Sie paßt gut zu mir; wir können über alles reden, und wir können Zeit miteinander verbringen, ohne uns zu streiten. Sie beharrt allerdings mehr auf ihrem Standpunkt. Wir sind nicht völlig gleich, aber dadurch kriegt man auch was anderes mit. Ich würde nicht wollen, daß sie auf die gleiche Schule geht wie ich. Furchtbar, wenn man gar nichts mehr für sich hat. In zwei verschiedenen Städten zu wohnen, finde ich perfekt.

Ich habe das Gefühl, daß es normaler wird, man mehr Selbstverständliches macht: zusammen zum Arzt geht oder mit der Familie verreist. Man leistet sich aber auch Dinger, die man sich früher nicht geleistet hätte. Weil ich mir meiner Sache jetzt sicher bin. Mir ist aber kein richtiger Fehler bewußt, den wir bis jetzt gemacht haben.

Das Wort Liebe bedeutet für mich zu wissen, jemand ist für dich da, liebt dich, hilft dir und gibt dir unendlich viel Kraft. Sexualität spielt natürlich eine große Rolle, wichtiger aber sind Zärtlichkeiten. Liebe heißt für mich auch, dem Partner seine Gefühle und Sehnsüchte zu zeigen. Anders als viele andere kann ich meiner Freundin sagen: »Ich liebe dich.«

»Ich sammle Kondome«

Simone, 14, aus Freital

Zu meinem 13. Geburtstag hat mir der Frauenarzt die Pille verschrieben. Mit Thomas war ich da ein Jahr zusammen. Solange habe ich gewartet, weil ich mich noch nicht reif fühlte. Zwei Monate danach ist es dazu gekommen. Er war 15, aber auch ziemlich schüchtern. Der hat das verstanden, wenn ich bestimmte Sachen nicht wollte. Und war deswegen auch nicht eingeschnappt. Ich habe es irgendwann drauf angelegt. Seine Mutter war eine Bekannte von meiner Mutti, die hatte nichts dagegen, daß ich bei ihm übernachte.

Vor seinem Haus war ein großer Garten mit Rosen; da habe ich einen Haufen Rosenblätter gesammelt. Ich habe ihm damit ein Herz aufs Bett gelegt. Thomas kam rein und hat ganz große Augen gemacht. Da haben wir das Herz liegenlassen und so rumgekuschelt. Wir haben's extra mit Kondom gemacht; die Frau hat gesagt, wenn man es am Anfang macht, muß sich das mit der Pille erst einregeln. Ich sammle Kondome. Fürs erste Mal hat mich Erdbeere gereizt: Rot ist meine Lieblingsfarbe, und es hat so schön geglänzt durchs Cellophan. Und dann war eine kleine Erdbeere drauf, das fand ich so niedlich.

Angst hatte ich nicht, durch die Aufklärung in der »Bravo«. Bißchen toller habe ich es mir allerdings vorgestellt, aber ich glaube, das erste Mal ist nie so. Es tat auch gar nicht weh, war nur so ein leichtes Stechen. Ich wollte es unbedingt mit Thomas machen, weil er meine erste große Liebe war. Ich habe vom Herzen her gemerkt, daß er mich nicht verarscht. Vier Monate danach hat ihn mir eine andere ausgespannt.

Deshalb hab' ich beim Maik auch Angst, daß das wieder passiert. Hilft aber nicht. Ich finde Maik total niedlich. Wenn er mal eine halbe Stunde später kommt, dann werde ich fies nervös und rätsel': Hat er vielleicht 'ne andere getroffen?

Wir haben uns so geeinigt: Jeder braucht seine Freiheiten. Aber wenn ich ihn ein Wochenende nicht sehe, nehme ich sein Foto mit, damit es nicht so schlimm wird mit der Sehnsucht.

Nach anderthalb Monaten haben wir das erste Mal miteinander geschlafen; nachdem wir über Verhütung geredet haben. An dem Tag hat er mir eine Rose gekauft.

Beim ersten Mal habe ich mir Gedanken gemacht, bin ich fett? Mich kotzt das an, daß ich immer noch Babyspeck am Bauch habe. An Aids habe ich nicht gedacht; meine Mutti und ich waren, als ich 12 war, beim Aidstest. Nur so aus Neugier, das kann ja vererbt werden. Ich dachte, das mache ich lieber vorm ersten Mal, damit ich meinen Partner nicht anstecke.

Ich will nicht mit jedem gleich ins Bett gehen, einen Monat warte ich auf Garantie. Damit ich weiß, daß er mich nicht nur einmal will.

Der Maik sagt mir ab und zu, daß es toll war. Und richtet sich nach mir, wenn ich mal nicht will. So nötig habe ich es nicht, daß ich es jeden Tag haben muß. Und wenn, zeige ich ihm das. Ein Leben ohne Sex könnte ich mir allerdings nicht mehr vorstellen, so körperlich. Am besten ist es, wenn ich mich streicheln lasse, aber es stört mich auch nicht, wenn er mal verwöhnt werden will. Eigentlich kommste bei allem auf deine Kosten. Ich habe schon verrückte Sachen ausprobiert, zum Beispiel in der Badewanne - die ist ziemlich klein, das war komisch. Nur von hinten, das ist nicht so mein Ding, das will er eher. Wenn ich was eklig finde, wehre ich mich.

Ab und zu geht mir durch den Kopf, wie macht's meine Freundin Jenni mit dem Marcel. Ich kann mich ja nicht neben sie legen und sagen, zeig mal, wie du das machst. Das ist ja jedem sein eigenes Ding.

Man verbessert sich sicher mit der Zeit. Am Anfang macht man als Mädel gar nichts, aus Angst, was falsch zu machen. Jeder fühlt das anders, glaube ich; die im Fernsehen drehen das ganz schön rum. Die machen aus einer Mücke einen Elefanten. Deshalb gucke ich mir den Schwachsinn gar nicht an. Manchmal finde ich es überheblich, wie die darüber reden: Sex macht man so und so. Da habe ich lieber Freundinnen belauscht.

Ficken oder miteinander schlafen, das ist mir beides zu lang und auch zu arrogant. Die »Pringles«-Werbung, für die Chips, hat mich drauf gebracht, daß ich poppen dazu sage. Das klingt cool. Die quatschen doch so: einmal gepoppt, nie mehr gestoppt. Irgendwie stimmt das. Vielleicht machen die ja für beides Werbung?

Ich glaube nicht, daß es mir langweilig wird. Irgendwie findet man immer eine andere Position. Und bestimmt haben die dann wieder eine neue Methode gefunden - was weiß ich, ein Bein oben, ein Bein unten vielleicht.

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