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»Jeder Mensch ist abergläubisch«

Der Einfluß von Sterndeutern, Gesundbetern und Wahrsagern in der Politik hat lange Tradition *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Jahrhundertelang war mit einem Fürstenhaus, das sich nicht einen eigenen Hofastrologen hielt, nicht viel Staat zu machen. Astrologie stellte die Verbindung her zwischen dem Herrscher, der sich absolutistisch gebärdete, und dem Absoluten über ihm.

Das wohl berühmteste Horoskop jener Zeit war die Prophezeiung des Johannes Kepler (der ja nun gewiß ein ernst zu nehmender Astronom war) für seinen Auftraggeber Wallenstein, das Jahr 1634 werde »allerley grausame erschreckliche Verwührungen mit seiner Person« bringen. Tatsächlich wurde der Feldherr in jenem Jahr ermordet - was sein Hausastrologe Seni nicht vorhergesehen hatte.

Etwas von jener dämonischen Größe, die den alten Wahrsagern von den babylonischen Deutern bis zu Nostradamus eigen war und die sie für Fürsten wie Feldherren so faszinierend machte, haftete auch noch Grigorij Jefimonitsch Rasputin an, dem wohl berüchtigsten Polit-Scharlatan dieses Jahrhunderts, der die Zarenfamilie Nikolai II. beriet und im Morgengrauen des 30. Dezember 1916 grausig ermordet wurde.

Was bei dem unglückseligen »Niki« noch tragisch wirken mochte, sank wenige Jahrzehnte später bei den sich auf die Vorsehung berufenden NS-Führern zur Posse herab: Hitler ließ sich häufig die düsteren Voraussagen des Weltuntergangspropheten Nostradamus auslegen. Das brachte den britischen Geheimdienst während des Zweiten Weltkriegs auf den Gedanken, den Kriegsherrn Hitler mit getürkten Weissagungen verunsichern zu wollen.

Sein Stellvertreter Rudolf Heß ließ sich 1941 gegen 300 Reichsmark Honorar von einer Astrologin einen günstigen Termin für eine »Auslandsreise« weissagen. Die Sternenkundige bestimmte den 10. Mai: Heß brach an diesem Tag zu seinem irrwitzigen Friedensflug nach England auf.

Joseph Goebbels unterhielt in seinem Propagandaministerium eine ganze »Astro«-Abteilung; Reichsführer SS Heinrich Himmler fragte 1944 seinen persönlichen Sternendeuter Wilhelm Wulff: »Wann stirbt Hitler?« Der Astrologe sagte als Todesdatum Ende April 1945 voraus - so behauptete Wulff jedenfalls in seiner fast 25 Jahre später erschienenen Autobiographie.

Den Rasputin des niederländischen Königshauses spielte Greet Hofmans, eine verschrobene alte Jungfer, die, wie sie sagte, in »direkter Zwiesprache« mit Gott den Auftrag erhalten hatte, Kranke gesundzubeten. Ende der vierziger Jahre holte Königin Juliana die angebliche Wunderheilerin an den Hof, um ihrer Tochter, der seit Geburt halbblinden Prinzessin Marijke, zu helfen.

»Gott wird ihr volles Augenlicht geben - innerhalb von zwei Jahren«, versprach die Frau mit den übersinnlichen Fähigkeiten. Wie der russische Wundermönch nutzte Greet Hofmans den Wunderglauben ihrer Königin zielsicher aus, um ihren Einfluß bei Hofe auszubauen.

Eine Staatskrise drohte, wie CIA-Beobachter meldeten; in Amerika wuchs die Sorge, die Stabilität des Nato-Landes Holland könne in Okkultismus versinken.

Julianas Mann, Prinzgemahl Bernhard, bereitete dem Spuk schließlich ein Ende, als Greet sich für ihre Taten drei Schwanzhaare von seinem Pferd »No No, Nanette« erbat.

Bei Exoten wie Ugandas blutrünstigem Diktator Idi Amin oder Zentralafrikas Kaiser Jean Bedel Bokassa gehörte Aberglaube zum System: Idi Amin ließ den Weissager Francis Ngombe in Nairobi in die Kristallkugel schauen und muß mit seinen Zukunftsaussichten sehr zufrieden gewesen sein: Ngombe, der »nur auf Erfolgsbasis« kassierte, wurde Dollar-Millionär.

Auch Panamas starker Mann, der den USA erfolgreich trotzende General Manuel Noriega, hört anscheinend gern auf die Einflüsterungen eines Hausgurus.

»Wer ist nicht auf die eine oder andere Weise abergläubisch?«, sagte Indiens Regierungschefin Indira Gandhi, Mutter des derzeitigen Premiers Radschiw, vor Jahren einem Reporter. »Von denen. die ich so kenne, bin ich das noch anwenigsten.«

Für Schicksalswinke, spirituelle Eingebungen und Opferkulte war die willensstarke Indira Gandhi (die 1984 von einem ihrer Sikh-Leibwächter umgebracht wurde) sehr wohl empfänglich: Die indische Regierung, befand Anfang der achtziger Jahre die Zeitschrift »Onlooker«, treffe »keine Entscheidung von Bedeutung ohne vorheriges Befragen der Sterne«.

»Zum Fixstern am Firmament der Gurus, welche die 'Mutter Indiens' umflirren«, schrieb die »Süddeutsche Zeitung«, avancierte 1980 der Yogalehrer Dhirendra Brahmadschari. Der stets in durchsichtige Tücher gewandete Mystiker beeinflußte Indira wie niemand sonst. Er war ihr politischer wie persönlicher Berater, lenkte auch ihre geschäftlichen Angelegenheiten, hatte jederzeit direkten Zutritt zu ihr. Brahmadschari bescheiden: »Ich gehöre zur Familie.«

Wenn die Not groß ist, wächst das Verlangen, sich auf eine überirdische Ordnung zu verlassen. So auch beim Schah von Persien. Als sein Thron schon wackelte, wandte er sich hilfesuchend

nach Jerusalem an den Astrologen Ilan Pekker: Der möge nach Teheran kommen und ihm das Horoskop stellen.

Pekker blieb zu Hause. Es habe, sagte er später, keinen Sinn mehr gehabt, denn ihm sei sofort beim Blick in die Zukunft das nahe Ende des Schahs klar gewesen - der stürzte drei Wochen später.

Am tollsten trieb es in jüngster Zeit der ehemalige kambodschanische Regierungschef Lon Nol. Der Marschall, der 1970 Kambodschas Staatsoberhaupt Sihanouk entmachtete und sein Land an der Seite der USA in den Vietnamkrieg führte, traute nie dem Ratschlag seiner Minister und Generale, wohl aber der Riege seiner Palast-Astrologen - die er mit monatlich 20 000 Dollar aus der Staatskasse entlohnte.

Die Hauptstraße vor dem Präsidentenpalast von Pnom Penh müsse aufgerissen und abgetragen werden, sagten die Himmelsgucker, denn der Weg führe über den Schwanz eines bösen Geistes. Lon Nol tat, wie geheißen.

1972 - die kambodschanischen Regierungstruppen standen schon auf ziemlich verlorenem Posten gegen die Roten Khmer - sahen Soldaten plötzlich ein Pferd am Himmel. Sie stellten alle Kampfhandlungen ein, denn ein Pferd am Himmel sagte die Ankunft eines neuen Herrschers voraus.

Lon Nol beauftragte den Chef seines Geheimdienstes, persönlich dem Himmelsmal nachzuforschen.

Zwei Wochen später kam die Entwarnung: Bei dem himmlischen Roß hatte es sich um eine Wolke gehandelt. Lon Nol half es nicht mehr.

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