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»Jeder nimmt zehn Schwarze mit ins Grab«

Ob sie als Siedler oder Soldaten des Kaisers oder einfach als Flüchtlinge in das Land zwischen den Wüsten Namib und Kalahari kamen; ob sie Farmer oder Geschäftsleute wurden -- ihr Deutschtum hielten sie hoch, und »arme Deutsche gibt es eigentlich nicht« in Südwest. Doch jetzt müssen sie der schwarzen Mehrheit weichen.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Freitag abend in Windhuk. Korpulente Herren, sonnenverbrannt die Gesichter, die Hemden offen bis zum Hosenbund, strömen in die Kneipen.

Bis auf den letzten Platz besetzt sind die Bierstuben der Hotels Kaiserkrone, Thüringer Hof und Hansa.

Blasmusiker in Lederhosen und mit Tirolerhüten spielen deutsche Märsche. Brüllendes Gelächter erfüllt die rauchgeschwängerten Lokale. Lieder erklingen: »Ach wie ist"s möglich dann«, gelegentlich auch noch »Die Fahne hoch«, auch das Lied der Südwester-Deutschen: »Hart wie Kameldornholz ist unser Land, und kommst du selber in unser Land und hast seine Weiten gesehn, und hat unsere Sonne dir ins Herz gebrannt, dann kannst du nicht wieder gehn.«

Es liegt nicht allein an der Sonne, nirgendwo außerhalb des deutschen Mutterlandes gibt es ein Gebiet, das penetranter teutonisch wäre als Südwest-Afrika.

Schon das Stadtbild der Hauptstadt Windhuk (rund 70 000 Einwohner) scheint einem Modellbaukasten der Jahrhundertwende entnommen zu sein. Spitze Giebel, Türmchen, wilhelminische Fassaden dazwischen -- »deutscher als je zuvor«, meinte der britische Journalist Philip Jacobson.

Selbstverständlich sind auch die Namen deutsch: Kaiserstraße, Bülowstraße, Stübelstraße, sogar eine Göring-Straße im Angedenken an Heinrich Göring, den ersten Reichskommissar von Deutsch-Südwest, den Vater des Nazi-Reichsmarschalls Hermann.

In Windhuk markiert ein Wegweiser »Berlin 11 000 km«. Deutsche Tageszeitungen treffen im Bücherkeller mit höchstens zweitägiger Verspätung ein und sind dann binnen einer halben Stunde vergriffen.

Deutsches Leben, deutsche Art am Wendekreis des Steinbocks. Es gibt einen stramm rechten Bund Nationaler Deutscher, es gibt auch ein Oktoberfest und deutschen Karneval, zu dem Tausende aus dem puritanischen Südafrika strömen.

Draußen am Rande von Busch und Wüste halten deutsche Landwirte die

Fahne hoch, etwa ein deutscher Farmer im Khomas-Hochland westlich von Windhuk, der sich auf die Kälberzucht spezialisierte. Er rechnet sich zu den Fortschrittlichsten im Lande: Denn für die Kinder seines schwarzen Personals baute er eine Schule, die auch Negerkinder von Nachbarfarmen besuchen.

Das deutsche Gemüt schlägt auch bei ihm durch. »Deutsch geprägt«, darauf bestand er, müsse der Unterricht sein. Wenn er will, läßt er die kleinen Schwarzen antreten und »Sah ein Knab« ein Röslein stehn« singen. Doch auf die kleine Welt der Khomas-Farm ist ein Schatten gefallen. »O Herr, hilf uns, die wir umherwandern -- Hilf uns, die wir in Afrika leben müssen und doch keinen Platz haben, an dem wir bleiben können -- Gib uns einen Ort als Bleibe.« So beklagte der Herero-Chef Hosea Kutako vor 30 Jahren das Schicksal seiner Brüder.

Nicht daß sich die Lage der Schwarzen wesentlich gebessert hätte -- nur, das flehende Gebet um »einen Ort als Bleibe« könnte heute eher noch von weißen

Südwestafrikanern stammen. Denn die Revolution der Entkolonisierung hat die Südwestecke des Schwarzen Kontinents erreicht und dürfte die mächtigen weißen Herren binnen kurzem verwehen.

Die einstige kaiserliche Kolonie Deutsch-Südwest, von den schwarzen Nationalisten und der Uno nach der Namib-Wüste Namibia getauft, soll in zwei Jahren unabhängig werden -- so ein Uno-Beschluß. Dann spätestens wird die achtfache farbige Mehrheit die Macht in dem Gebiet von der zweifachen Größe Frankreichs übernehmen. Weiße Afrikaner, die dort geboren sind und das Land als ihre Heimat ansehen, müssen weichen.

Zwar reden viele weiße Südwestler vom Kampf bis zum letzten Mann. geloben manche, lieber sterben als aufgeben zu wollen. Aber sehr ernst sind solche Schwüre wohl nicht zu nehmen.

200 000 Weiße in Mocambique, 500 000 Weiße in Angola haben kaum gekämpft, 270 000 Weiße in Rhodesien haben keine Chance, obwohl sie viel besser organisiert sind. Was wollten da 90 000 weiße Südwest-Afrikaner ausrichten?

Schon mit Portugals April-Revolution von 1974 schlug dem weißen Mann im südlichen Afrika die Stunde. Innerhalb von zwei Jahren ist die von ihm beherrschte kompakte Landmasse südlich des 10. Grades südlicher Breite auf die Hälfte zusammengeschrumpft, haben über eine halbe Million Weiße den Schwarzen Kontinent verlassen.

Der immer wieder aufflackernde Aufruhr in der Republik Südafrika läßt keinen Zweifel, daß es nur eine Frage der Zeit ist, bis diese letzte und stärkste Bastion der Weißen in Afrika fällt.

Die Portugiesen hatten, blind vor Überheblichkeit, am Vorabend ihres Untergangs in Afrika noch einen ruinösen Kolonialkrieg geführt und das Jahrhundertbauwerk Cabora-Bassa-Damm errichtet. Südafrikas Weiße geben sich der Illusion hin, sie könnten ihr System mit der Gründung von schwarzen Satellitenstaaten wie der Transkei noch retten.

Aber die Moral der Weißen im südlichen Afrika ist angeschlagen. Denn sie, die sich zu Recht als weiße Afrikaner, aber durchaus zu Unrecht gern als Verteidiger der westlichen Zivilisation gegen den Kommunismus sehen, müssen erleben, daß ihr eigen Fleisch und Blut in Europa und Amerika sie abgeschrieben hat.

Keine westliche Regierung sendet ihnen offiziell Waffen, von Soldaten nicht zu reden. Allenfalls sind die Länder der westlichen Welt bereit, die Weißen aus Afrika als Strandgut der Geschichte auszulösen, ihnen in der Heimat ihrer Vorväter Zuflucht zu gewähren: Ins kleine Portugal, das Armenhaus Europas, strömten in den letzten beiden Jahren Hunderttausende Weiße aus Angola und Mocambique. Nun kommen möglicherweise bald Tausende Deutschstämmige zurück ins »Muttterland« Deutschland -- gewiß wird die reiche Bundesrepublik die Spätheimkehrer wirtschaftlich verkraften.

Um so absurder muß der Fall Südwestafrikas erscheinen: Er konfrontiert die Westdeutschen hautnah mit jener kurzen, glücklosen deutschen Kolonialgeschichte, die sie längst abgeschlossen glaubten. Überraschend stellt sich nun heraus, daß dieses Kapitel mit dem Untergang des Kaiserreichs im Jahre 1918 und dem Verlust der Afrika-Kolonien Togo, Kamerun, Deutsch-Ost und Deutsch-Südwest keineswegs ganz zu Ende war und die verblichenen Photos schwarz-weiß-roter Schutztruppler zu Pferde und zu Kamel unvermutete Aktualität erlangten.

30 000 Deutsch-Stämmige und Deutsche in Namibia -- ein Drittel der dortigen weißen Bevölkerung -- lassen den Verlierer des Ersten und Zweiten Weltkriegs in Schwarz-Afrika nun doch noch als düstere Kolonialmacht wiederaufleben. Und hierzulande weckt das unausweichliche Schicksal der Verwandten in Südwest Erinnerungen an die Flüchtlings-Trecks aus Ostpreußen und Schlesien.

»Sie sitzen in riesigen Villen.«

»Werden bald wieder Deutsche vertrieben?« fragte Springers »Welt« vorigen Dienstag, nachdem der Uno-Kommissar für Namibia, Sean MacBride, den Deutschen in Südwest bescheinigt hatte, daß sie keine Zukunftschancen hätten. »Viele von ihnen«, so Ire MacBride, »sitzen in riesigen Villen mit 30 Sklaven und Ländereien von 30 000 bis 50 000 Acres. Ihr Land wird wohl umverteilt werden.«

Bonns Entwicklungsminister Egon Bahr sagt es noch drastischer. Bahr bereits im Juni in einem SPIEGEL-Interview: »Nun geht es zum erstenmal um die Dekolonisation eines Gebiets, bei dem deutsche Emotionen mit hochkommen. Nichts, was wir bisher auf dem Gebiet der Dekolonisierung erlebt haben, wird soviel Aufruhr machen wie Namibia. Vietnam wird nichts dagegen sein.«

Vorletzte Woche enthüllte Bahr, daß die Bonner Regierung bereits Überlegungen anstellt, Südwest-Flüchtlinge rechtlich womöglich den Heimkehrern aus den deutschen Ostgebieten gleichzustellen.

Wieweit diesbezügliche Bonner Planspiele bereits gediehen sind, blieb unklar -- da kündigte vorigen Mittwoch in Bonn ein Vertreter der Nationalisten-Organisation Swapo (South West African People"s Organization) den Weißen in Südwest verstärkten Guerilla-Krieg an. Er warnte, daß die Sicherheit deutscher Siedler und Touristen in Namibia nicht mehr gewährleistet sei.

Dramatisch verschärft hat sich die Lage allemal. »Die südafrikanische Armee kann die mehr als 1500 Kilometer lange Grenze zwischen Angola und Namibia nicht luftdicht abschließen«, freute sich im Februar Theo Ben-Guribab, Swapo-Beobachter bei der Uno in New York. In Angola aber stehen die siegreichen Freunde der Namibia-Nationalisten: das linke MPLA- Regime, sowjetische Berater und kubanische Soldaten. Ire MacBride schloß nicht aus, daß Kubaner und Sowjet-Soldaten unter Uno-Flagge in Namibia kämpfen könnten.

Südafrika, das die ehemalige deutsche Kolonie allen Uno-Aufforderungen zum Trotz noch immer verwaltet, traf bereits Gegenmaßnahmen: Seine Truppen -- in Namibia laut Swapo-Angaben 15 000 Mann -- errichten an der Grenze nach Angola einen Todesstreifen von einem Kilometer Breite. Herrenloses Land« besetzt?

Die Südafrikaner bauten bei Grootfontein die Militärbasis Drumpel (Türschwelle). Bei Windhuk entlaubten Soldaten das Buschland, um zur Sicherung von Versorgungseinrichtungen wie einem Kraftwerk und Öllagern besseres Schußfeld zu erhalten.

Doch so wie 1945 die meisten Ostpreußen und Schlesier trotz des russischen Vormarsches das drohende Unheil nicht sehen wollten, verdrängen die meisten Südwest-Weißen die aufkeimende Angst. »Es ist eine gezielte Propaganda, um die Südwester-Deutschen einzuschüchtern und zur Flucht zu bewegen«. so tat Farmer Karl Heinz Frey aus Seeis bei Windhuk gegenüber der »Welt« Bahrs und MacBrides Äußerungen ab.

Es wäre die Flucht aus einer angestammten, bizarren Welt, die Kaiser-Deutschland da in 11 000 Kilometer Entfernung von Berlin hinterlassen hat.

Das Leben ist hier leicht für alle, die die richtige Hautfarbe und die richtige Einstellung besitzen. Haus mit Swimming-pool, mehrere Autos, ein Segelboot vor der Küste von Swakopmund -- das gilt nicht als besonders aufwendiger Lebensstil.

Das Land ist reich, »arme Deutsch«, so ein deutscher Diplomat in Windhuk, »gibt es hier eigentlich nicht«. In Namibias Erde liegen nicht nur die größten Schmuckdiamanten-Vorkommen der Welt, sondern auch Kupfer, Zinn, Blei und zahlreiche Mineralien. 1977 soll die Rössing-Uranmine in Betrieb genommen werden, die ergiebigste Uranmine der Welt.

An diesem Reichtum des Landes partizipieren die Namibia-Deutschen freilich nur mittelbar. Denn aus dem industriellen Sektor wurden sie von Buren und Engländern schon früh verdrängt. Hauptsächlich sind sie in der mittelständischen Wirtschaft tätig, besitzen Hotels, Einzelhandelsgeschäfte, brauen Bier oder handeln mit Versicherungs-Policen.

Die wirtschaftlich stärkste Gruppe stellen die etwa 2000 deutschen Farmer, die Rindvieh und vor allem Karakulschafe züchten, in Namibia »schwarze Diamanten« genannt.

Unter den Farmern und Geschäftsleuten mit immobilen Werten finden sich die meisten Vertreter einer Durchhaltepolitik, freilich mit Rückversicherung. Denn von den 30 000 Namibia-Deutschen besitzen 5000 einen deutschen Paß, 15 000 sowohl die südafrikanische wie die deutsche Staatsangehörigkeit. Die übrigen sind dem Paß nach Südafrikaner.

Dem Land weniger verbunden ist fast die Hälfte der übrigen weißen Bevölkerung Namibias, etwa die 20 000 südafrikanischen Regierungsbeamten mit ihren Familien sowie die 23 000 weißen Arbeitnehmer in namibischen und internationalen Firmen.

Doch allen gilt das Land als Dorado. »Es gibt für Weiße keinen besseren Platz auf der Welt«, schwärmt ein Hotelmanager in Windhuk, »wo sonst kann zum Beispiel ein 18jähriger ohne Berufsausbildung gleich einen Job erhalten, bei dem er ein Dutzend Kaffern zu befehligen hat.«

Inzwischen ist die Apartheid ein wenig gemildert worden -- auf jenem Gebiet, das die Südafrikaner »petty Apartheid«, kleine Rassentrennung, nennen.

Das funktioniert etwa so: Zum Betriebsfest einer Firma werden erstmals demonstrativ schwarze und weiße Beschäftigte eingeladen. Da das Veranstaltungslokal aber nur »weiße« Toiletten besitzt, müssen die Schwarzen in einer afrikanischen Behausung um Toilettenbenutzung bitten.

Doch der Mehrheit der Deutschen gehen schwarz-weiße Verbrüderungen ohnehin zu weit. Sie möchten am liebsten die alten Zustände bewahrt sehen, mit dem Weißen als Herrn und dem Schwarzen als Diener. »Die Schwarzen sind noch lange nicht soweit«, behauptet Karl Buchholz, Landwirt aus Otjiwarongo, »daß sie sich selbst regieren können. Die metzeln sich doch nur gegenseitig nieder und uns Weiße dazu.«

Und ein alter Farmer, der sich in Windhuk gerade ein Zielfernrohr auf sein Gewehr montieren ließ, rief: »Jeder Deutsche nimmt mindestens zehn Schwarze mit ins Grab.«

So war es immer gewesen, seit sich die Deutschen in das Land um die Wüsten Namib und Kalahari drängten. Die Geschichte der deutschen Herrschaft in ihrer ersten Afrika-Kolonie gehört zu den trübsten Kapiteln der gesamten Kolonialgeschichte.

Sie begann, als der Bremer Tabakimporteur Adolf Lüderitz 1883 den Schwarzen vom Nama-Stamm die Bucht von Angra Pequena, die spätere Lüderitzbucht, für 600 englische Pfund und 260 Gewehre abkaufte. Im gleichen Jahr betrog er die Afrikaner vom Bethanier-Stamm, denen er den Küstenstreifen vom Oranje-Fluß bis zum 26. südlichen Breitengrad in einer Tiefe von 20 geographischen Meilen abhandelte: Vorsätzlich wurden die Afrikaner nicht darüber aufgeklärt, daß eine geographische Meile 7,4 Kilometer beträgt und nicht 1,5 Kilometer, wie die vertraute englische Meile.

Im Anschluß an seine Erwerbungen bat er Bismarck um den Schutz des Reiches. Der Reichskanzler zeigte sich zunächst nicht interessiert, irgendwo in Afrika Geld im Kampf gegen die Eingeborenen zu verpulvern. Doch schon nach kurzer Zeit gab er der Kolonial-Lobby nach.

1890 tauschte Bismarck-Nachfolger Caprivi gegen Sansibar bei den Engländern eine schmale Landzunge im Nord-Osten VOn Südwestafrika ein, um so einen Zugang zum Sambesi und eine Verbindung zu den deutschen Besitzungen in Ostafrika zu schaffen. Außer dem sogenannten Caprivi-Zipfel erhielten die Deutschen von den Briten auch noch Helgoland.

Die Kolonial-Lobby war seit 1871 mächtig gewachsen: Gelehrte, Kaufleute, Intellektuelle und patriotische Schwarmgeister, allen voran Flotten-Verein und Alldeutsche, hatten inzwischen das Schlagwort von der deutschen »Weltgeltung« entdeckt.

Dem Zeitgeist entsprach es, die mit afrikanischen Häuptlingen abgeschlossenen Schutzverträge von Anfang an als Besitzergreifung des Landes auszulegen. Denn nach damaliger Völkerrechts-Auffassung galt Südwest als »herrenloses Land«, allein weil Großbritannien keine Ansprüche auf das Gebiet erhob, abgesehen von einem kleinen Bezirk um Walfischbai. »Das grauenhafte Bild verdursteter Heereszüge.«

Daß das Land zahlreichen Afrikanerstämmen wie den Namas (Rottentotten), Ovambos, Rehobothern und Hereros gehörte, zählte nicht.

Widerstand der Häuptlinge gegen Übergriffe weißer Siedler wurden in der Folgezeit stets zur Verletzung der Hoheitsgewalt hochstilisiert und zogen Strafgerichte nach sich, ähnlich den Vernichtungsfeldzügen der US-Kavallerie gegen die Indianer in Amerikas Westen. Gestraft wurden später auch Schwarze, die sich weigerten, einen Schutzvertrag mit den Deutschen abzuschließen, etwa die Namas.

So richteten die Deutschen 1893 ihr erstes Massaker in Südwest an: Hauptmann Kurt von Francois, Kommandeur der Schutztruppe, umstellte den Hottentotten-Hauptkral Hornkranz und ließ Männer, Frauen und Kinder niederschießen -- 150 Menschen kamen um. In der Beuteliste führten die Schutztruppler an: ein Harmonium, 44 Gebisse, 38 Gabeln, 25 Becher, ein Operngucker.

Den Widerstand der Namas unter ihrem Kaptein (Häuptling) Hendrik Witboi konnte aber erst Gouverneur Theodor Leutwein brechen, der 1894 ins Land kam.

Leutwein führte sieh damit ein, daß er dem Stamm der Khauas die deutsche Oberhoheit aufzwang, indem er den Häuptling erschießen ließ, einen Nachfolger bestimmte und diesen zur Unterschrift veranlaßte. Auf ähnliche Art verfuhr er mit anderen Stämmen.

Vorerst bestand überhaupt keine Notwendigkeit, viel Platz für die Deutschen zu schaffen: Bis Ende des Jahrhunderts kamen nur einige hundert -- weil es zu teuer war.

Denn nach dem Willen des Reichskolonialamtes in Berlin sollten die Siedler als Großfarmer Fleischlieferanten für den Export des Reichs werden. Deshalb empfahlen die Kolonialbehörden jedem Farmgründer einen Vermögensnachweis von mindestens 20 000 Goldmark.

Also nahmen sich die Deutschen das Vieh bei den Schwarzen, vor allen bei den Hereros, die mehrere hunderttausend Rinder besaßen. Nach angeblichen Vertragsbrüchen und provozierten Gewalttätigkeiten rückte Leutweins Schutztruppe an und »pfändete« das Vieh.

Nach afrikanischer Anschauung bedeutete Pfändung Diebstahl, Viehdiebstahl kam einer Kriegserklärung gleich. Setzte sich der Stamm zur Wehr, dann hatte die Schutztruppe den erwünschten Vorwand, den Stamm zu vernichten oder völlig zu enteignen.

Bis 1914 war die Schutztruppe auf 120 Offiziere und 2000 weiße Soldaten angewachsen: vornehmlich Freiwillige, die nach Ablauf ihrer Dienstzeit Land und Vieh billig erwerben konnten.

Die Deutschen wurden durch schwarze Hilfssoldaten verstärkt, die einige Stämme, so die Rehobother, aufgrund von Verträgen stellen mußten.

Auch privat konnten die Ansiedler an den Besitz der Schwarzen kommen: Weiße Händler schwatzten ihren schwarzen Kunden gewaltige Warenbestände auf Kredit auf. Die Eintreibung der Schulden überließen sie dann der Polizei oder eigens dafür gegründeten Gesellschaften. Dabei setzten die Eintreiber dann den Wert der gepfändeten schwarzen Habe selber fest: Eine Ziege wurde etwa auf 1,50 Mark, eine Kuh auf 50, ein Ochse auf 60 Mark taxiert.

Erfolg: Von ihren unabsehbaren, Hunderttausende zählenden Rinderherden waren den Afrikanern nach einer amtlichen Viehzählung im Jahre 1902 noch 45910 geblieben.

Einige hundert deutsche Siedler aber, die zehn Jahre zuvor oft mit leeren Händen ins Land gekommen waren, hatten es inzwischen auf 44 490 Rinder gebracht.

1904 betrug das gesamte Vermögen der deutschen Siedler etwa 20 Millionen Mark, wovon allein das Vieh 14 Millionen Mark wert war.

Nebeneffekt: Die ihres Viehs und der Weiden ·beraubten Stämme waren gezwungen, sich -- um überhaupt überleben zu können -- als billige Arbeitskräfte bei den Weißen zu verdingen.

1904 erhoben sich die Hereros. Sie hatten das Ziel der deutschen Herren durchschaut: die totale Auflösung der afrikanischen Strukturen.

Wann immer Herero-Haufen der Schutztruppe auf Hörweite gegenüberstanden, skandierten Herero-Frauen auf Deutsch: »Wem gehört Herero-Land -- uns gehört Herero-Land.« Des Kaisers Soldaten besiegten die Hereros in der Schlacht am Waterberg. Die Reste wurden von überlegenen deutschen Truppen in die Wüste getrieben. Ziel war, so der Große Generalstab, »die Vernichtung des Hererovolkes«. Monatelang riegelte die Schutztruppe die Wüste ab. »Dann«, so berichtet der Generalstab über das Ergebnis dieses Völkermordes«, enthüllte sich ... das grauenhafte Bild verdursteter Heereszüge. Das Röcheln der Sterbenden und das Wutgeschrei des Wahnsinns ... sie verhallten in der erhabenen Stille der Unendlichkeit. Die Hereros hatten aufgehört, ein Volk zu sein.

Doch noch immer waren nicht alle tot, wie sich bald zeigte. Deshalb forderten die Kolonialbeamten die Missionsstationen auf, Konzentrationslager für Hereros einzurichten, die sich ergeben wollten.

Von 16 969 gefangenen Schwarzen starben mehr als die Hälfte, bevor sie ihre Zwangsarbeitsstätten erreichten. Im Jahre 1911 lebten von ehemals 80 000 Hereros nur noch 15 310 und von einst 20 000 Namas noch 9781 --Nun konnten die weißen Herren die koloniale Endlösung anpacken. Der stellvertretende Gouverneur Tecklenburg 1905 in einem Schreiben nach Berlin: »Es wäre eine Schwäche, die sich bitter rächen würde, wenn man die gegenwärtige Gelegenheit, alles Eingeborenenland zu Kronland zu erklären, ungenutzt vorübergehen ließe.«

Jeder Eingeborene erhielt »als Legitimation eine Blechmarke mit eingepreßter Nummer, Bezirksbezeichnung und Kaiserkrone«. Keiner durfte noch Großvieh halten oder Waffen besitzen.

Schwarze, die der Zwangsarbeit entflohen waren, durften von den Farmern mit dem Schambock bestraft werden, einer Peitsche, in die oft Eisenstücke eingeflochten waren.

1908 wurden nahe der Lüderitzbucht Diamanten gefunden. Die deutsche Kolonialgesellschaft, auf deren Boden die Schätze lagen, zahlte 1909 ihren Anteilseignern in Südwest 64 Prozent Dividende. Der Wert ihrer Aktien kletterte um 2000 Prozent.

Der deutsche Traum vorn Reichtum aus Südwest endete mit dem Ersten Weltkrieg. Buren und Briten besetzten das Land und entwaffneten die Schutztruppe. Die meisten Deutschen wurden interniert, viele von ihnen nach Kriegsende nach Hause geschickt. Wer die südafrikanische Staatsbürgerschaft annahm, durfte bleiben. Die Offiziere mußten sieh lediglich ehrenwörtlich verpflichten, nie mehr zu kämpfen.

Im Friedensvertrag von Versailles wurde Südwestafrika dann britisches Mandat, die Briten gaben das Territorium an die Südafrikanische Union weiter. Die ausgewiesenen Deutschen durften jedoch schon Anfang der 20er Jahre zurückkehren, zusätzlich strömten neue deutsche Einwanderer ins Land, die vor den Wirren im Mutterland geflüchtet waren.

Anreiz für die Deutschen: Unter der Herrschaft der Buren lebte sich's wie in

* Oben: Aufmarsch zur Kranzniederlegung am Bismarck-Denkmal am 1. Jahrestag der Erwerbung von Deutsch-Südwestafrika; unten: zwischen den Weltkriegen.

den guten alten Zeiten. 1933 sympathisierten die Südwester-Deutschen offen mit den Nazis. Die Hakenkreuzfahne wehte über deutschen Häusern, Schulkinder organisierten sich in der Hitlerjugend.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erst kam der größte deutsche Einwanderer-Schub in der Geschichte des Landes: rund 20 000 Menschen. 1949, als Südafrika-Premier Malan erstmalig auch Wahlen im Mandatsgebiet Südwest ausschrieb, versprach seine Nationale Partei den Deutschen in Südwest, neben Englisch und Afrikaans. auch Deutsch wieder als offizielle Sprache zuzulassen.

»Ballast für das sinkende Schiff Südafrika.«

Die Deutschen wählten daraufhin fast geschlossen die Nationale Partei, die nun die Apartheid als Staatsideologie auch in Südwest einführte.

Unter dem Eindruck ständiger Proteste der Weltöffentlichkeit und des Völkerbund-Nachfolgers Uno gab sich Pretoria zuweilen in Südwest etwas weniger repressiv als die Republik Südafrika, etwa indem sie die Nationalisten-Bewegung Swapo zuließ.

Langfristig aber plante Pretoria damals, Südwestafrika als fünfte Provinz völlig in die Republik Südafrika zu integrieren und die nichtweiße Bevölkerung in Südwest ebenso in separaten »Heimatländern« anzusiedeln wie die Schwarzen Südafrikas.

Nach dem schnellen Fall der portugiesischen Kolonien aber bereitete sich Südafrikas Regierungschef Vorster darauf vor, außer dem weißen Rhodesien auch Südwestafrika »als Ballast

* Nach dem Gouverneur Theodor Leutwein benannt

über Bord zu werfen, um das sinkende Schiff Südafrika zu retten«, so der amerikanische Afrika-Experte Immanuel Wallerstein.

Südafrika förderte die Einberufung einer Verfassungskonferenz in der alten deutschen Turnhalle der Hauptstadt Windhuk, auf der 140 Delegierte aus zwölf Volksgruppen Namibias vertreten sind. Die Swapo -- die selbst nach südafrikanischem Einverständnis die Mehrheit der Namibia-Bevölkerung hinter sich hat -- boykottiert das Treffen, denn die Delegierten seien »handverlesene Quislinge, mit deren Hilfe Südafrika Namibia zu balkanisieren versucht«.

Die Turnhallen-Konferenz gab immerhin den Amerikanern die Möglichkeit, im Uno-Sicherheitsrat eine Resolution über ein Waffenembargo gegen Südafrika per Veto zu torpedieren afrikanische Staaten verurteilten das US-Veto als Beweis für die undurchsichtige Haltung Washingtons in der Namibia-Frage.

Noch stärker ist nur die Bundesrepublik ins Zwielicht geraten.

Sie hatte versucht, ihre Gunst gleichermaßen auf die 30 000 Deutschen und Deutschstämmigen wie auf die schwarze Befreiungsorganisation Swapo zu verteilen: Offiziell wird der wirtschaftliche und politische Südafrika-Boykott der Uno gestützt; zugleich bemühen sich Firmen und Vereine mit Bonner Hilfe um Ausbeutung der Bodenschätze, den Transfer deutschen Kulturguts und Entwicklungsprojekte.

So werden für die deutschen Schulen in Namibia über das Schulreferat des Auswärtigen Amtes und die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen keine Lehrer mehr vermittelt -- dennoch klappt die Anwerbung.

Wie das geht, beschrieb der Geschäftsführer der Deutsch-Südafrikanischen Gesellschaft, Rudolf Gruber, in einem Brief an den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft deutscher Schulvereine in Südwestafrika, Kurt Böhme: »Es wird Ihnen auffallen, daß nirgendwo von staatlichen Stellen die Rede ist ... es schien im Hinblick auf die Gesamtlage besser zu sein, die Aktion im Namen der Arbeitsgemeinschaft durchzuführen.« Deutsche beamtete Lehrer werden von ihren Kultusministerien beurlaubt, um sich von einem »privaten Verein« in Namibia anstellen zu lassen.

»Beweisen, daß wir aus Stahl gemacht sind.«

Auf der anderen Seite überwies Bonn 100 000 Dollar an das von der Uno getragene »Namibia-Institut« der Swapo in Lusaka, zu dessen Aufgaben »die Ausbildung von Führungskräften für ein unabhängiges Namibia sowie die Forschung und wissenschaftliche Grundlagenarbeit für die Tätigkeit der Regierung eines unabhängigen Namibias« (Wischnewski> gehören.

So spendet Bonn links für die Unabhängigkeit und rechts für den hoffnungslosen Status quo.

Trotz des vom Weltsicherheitsrat verhängten Wirtschaftsboykotts gegen Namibia hat sich die -- von Bonn subventionierte -- Frankfurter Urangesellschaft eine 15prozentige Option auf Anteile der Rössing-Mine gesichert. Per Anzeige in der Johannesburger »Sunday Times« suchte die Minenleitung im Juni einen »Housing Superintendent«. Bedingung; Beherrschung der deutschen Sprache.

Die doppelbödige Strategie der Bonner reicht bis ins Bundeskabinett. Kaum hatte Entwicklungsminister Egon Bahr öffentlich überlegt, ob nicht Namibia-Deutsche, die in die Bundesrepublik kommen wollen, die gleichen Hilfen erhalten sollten wie Aussiedler aus dem Osten, gab Außenminister Genscher Sperrfeuer.

»Die Bundesregierung«, erklärte das AA, »ist der Auffassung, daß die Deutschen und Deutschstämmigen in Namibia zur Weiterentwicklung des Landes nach der Unabhängigkeit einen wichtigen Beitrag leisten können.«

Wahrscheinlicher ist, daß die Liquidation der weißen Herrschaft am Kap eine Eigendynamik annimmt, die ein gedeihliches Nebeneinander zwischen Schwarz und Deutsch ausschließt. Swapo-Vertreter Ben Amathila in Bonn: »Erkennungsmerkmale der Deutschen sind ihre Arroganz, ihre Überheblichkeit und ihr Lebensstil, der im 19. Jahrhundert stehenblieb. Sie glauben. daß sie eine bessere Klasse sind.«

Manchen Deutschen in Südwest befällt nun späte Einsicht -- oder jähe Angst. So hatte noch vor einem Jahr Chefredakteur Kurt Dahlmann in seiner Windhuker »Allgemeinen Zeitung« gefordert, die Deutschen müßten »beweisen. daß wir aus Stahl gemacht sind«.

Heute »wird ihm angst und bange um die Zukunft unseres schönen Südwestafrika«.

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