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Jeder Vierte ein Chinese

aus DER SPIEGEL 6/1947

Als General Marshall die Leitung der amerikanischen Außenpolitik übernahm, schloß er sich zunächst in seinen neuen Amtsräumen ein und blieb allen journalistischen Erkundigungen über seine nächsten Absichten unzugänglich. Jetzt hat er von sich aus sein erstes Eingreifen in die Weltpolitik bekanntgegeben.

Nordamerika zieht sich aus dem sogenannten Dreierkomitee zurück, das im Februar 1945 zur Vorbereitung des Friedens in China gegründet wurde, und in dem die USA den Vorsitz führten. Gleichzeitig werden die etwa 9000 Mann USA-Truppen, die zum Schutz nordamerikanischer Interessen in China stationiert sind, zum größten Teil heimbefördert.

Das bedeutet äußerlich, daß Washington die Versöhnung der beiden feindlichen chinesischen Brüder im Augenblick als gescheitert betrachtet und sich deshalb aus der chinesischen Frage zurückzieht.

Grundsätzlich bringt diese Entwicklung keine Ueberraschung. Marshall ist erst kürzlich aus China zurückgekehrt, wo er 13 Monate als Vorsitzender des amerikanischen Verwaltungsausschusses verbracht hatte. Er hatte lange genug versucht, die Unversöhnlichen zu versöhnen. Auf der einen Seite fand er eine Gruppe kriegerischer Reaktionäre, die die rote Gefahr um jeden Preis ausmerzen wollte. Auf der anderen Seite standen die Kommunisten, die ihre Ziele schonungslos ohne Rücksicht auf die wahren Interessen Chinas durchzusetzen versuchten.

Die New. Yorker Presse ist lebhaft enttäuscht- darüber, daß die Regierung die Vermittlertätigkeit in Fernost aufgegeben hat. China ist der größte Markt der Welt. Die gescheiterten Hoffnungen gelten deshalb nicht nur dem politischen Frieden, sondern auch wirtschaftlichen Interessen.

China ist etwa 40mal so groß wie England. Es hat 450 000 000 Einwohner, was besagt, daß jeder 4. bis 5. Erdbewohner ein Chinese ist. Damit stellt das Reich der Mitte zugleich den größten Absatzmarkt der Welt dar. Die englische Exportwirtschaft wartet mit Schmerzen auf die Stabilisierung der politischen Verhältnisse in diesem Riesenreich. Aber auch für die nordamerikanische Industrie ist der Absatz in China geradezu eine Lebensfrage.

Mit der Umstellung auf die Friedenswirtschaft stehen die Vereinigten Staaten heute im Grunde vor derselben Situation wie vor fünfzehn Jahren. Damals hatte Präsident Roosevelt vergeblich versucht, seine fünfzehn Millionen Arbeitslosen durch die Politik des New Deal loszuwerden. Helfen kann nur die Erschließung großer neuer Märkte. Das ist eigentlich der ganze Sinn der gegenwärtigen amerikanischen Außenpolitik. Daraus ergibt sich, welche Rolle China zugedacht ist. Es muß nach zwanzig Jahren Bürgerkrieg und japanischer Invasion endlich wieder aufgebaut und auf eine moderne Basis gestellt werden. So hatten die amerikanischen Vermittlungsbemühungen also nicht nur menschenfreundliche, sondern auch durchaus handfeste geschäftliche Motive. Die jetzige Aktion Marshalls bedeutet denn auch keineswegs einen Verzicht auf das China-Geschäft. Im Gegenteil.

Die USA-Regierung verspricht sich auf der anderen Seite günstige Rückwirkungen auf das Verhältnis zu Moskau, wenn sie ihre Hand von dem innerchinesischen Konflikt zurückzieht. Marshall hat klar genug in klärt, daß er es für sinnlos hält, den Chinesen weiter freundlich zuzureden. Er hat festgestellt, daß in der chinesischen Nationalpartei, die reaktionären Militärs das große Wort führen. Sie verlassen sich auf die nordamerikanischen Lieferungen und den »totalen Sieg«. Das stärkt wieder die radikalen Elemente auf der kommunistischen Seite: Ein Friede kann jedoch nur dann zustandekommen, wenn die gemäßigten Kreise ans Ruder gebracht werden. Nach Marshalls Ansicht gibt es solche in beiden Lagern. Er bezeichnet sie als die »Liberalen«.

An diesem Punkt hakt die neue amerikanische China-Politik ein. Vier Fünftel des chinesischen Volkseinkommens wurden durch den Bürgerkrieg aufgesogen. Die Währung ist zusammengebrochen. Das Verkehrswesen bildet ein heilloses Durcheinander. Auch dies ist ein Grund dafür, daß große Gebiete hungern.

Die gut organisierten Kommunisten in Yünan spekulieren auch auf den General Zeit. Sie glauben zuletzt dadurch zu gewinnen, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse bei der Nationalpartei in Nanking eines Tages den vollkommenen Zusammenbruch herbeiführen werden.

Tschiangkaischek bleibt deshalb nichts anderes übrig, als im eigenen Hause Ordnung zu schaffen. Wenn Nordamerika seine Hand von China abzieht, muß China alle Anstrengungen machen, selbst durchzukommen. Außenminister Marshall weiß um diese Dinge und redet deshalb in einer neuen Sprache mit Nanking.

Die ganze Verantwortung liegt im Augenblick bei Marschall Tschiangkaischek. Für das künftige Schicksal Chinas ist es ausschlaggebend, daß eine Versöhnung erreicht wird. Das Jahr 1947 wird deshalb das chinesische Entscheidungsjahr werden. Vorläufig werden jedoch neue Kämpfe in China erwartet und sowohl nationalistische Armeen als auch kommunistische Einheiten marschieren.

Washington hat mit einem scharfen Schuß gewarnt. Jetzt wartet es ab und hält sich bereit, die zurückgezogene Hand wieder auszustrecken. Aber es muß sich lohnen.

Nicht das letzte Glas

Als General wollte Außenminister Marshall in China vermitteln

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