»Jeder von euch ist ein Rächer«
Wir trafen uns im Wadi Schahrur, dem Tal der Nachtigallen, südöstlich von Beirut. Es war Mittwoch, der 15. September. Tags zuvor war unser Führer Beschir Gemayel einem Mordanschlag zum Opfer gefallen.
Wir waren an die 300 Männer aus Ost-Beirut, dem Südlibanon und aus dem Akkar-Gebirge im Norden, fast alle Mitglieder der Falange-Miliz. Deren Uniform trugen wir alle, auch diejenigen, die wie ich zur Tiger-Miliz von Ex-Präsident Camille Schamun gehörten.
Zusammengetrommelt und zum Sammelplatz gebracht hatten uns Falange-Offiziere, die erklärten, sie brauchten uns zu einer »Sonderaktion«.
»Ihr seid freiwillig gekommen, um den abscheulichen Mord an Beschir Gemayel zu rächen. Ihr seid Gottes Werkzeuge«, hämmerten uns die Offiziere ein. »Jeder von euch ist ein Rächer.«
Das traf auf mich in jedem Fall zu. Denn ich hatte 1976, als Palästinenser die Küstenstadt Damur stürmten, zwei minderjährige Brüder verloren. Aus Gesprächen mit meinen Kameraden entnahm ich, daß viele von ihnen ebenfalls Angehörige verloren hatten.
Dann kamen ein gutes Dutzend Israelis in grüner Uniform, ohne Rangabzeichen. Sie hatten Karten dabei und sprachen ganz gut Arabisch, nur das harte »h« sprachen sie wie alle Juden wie »ch« aus.
Es ging um die Palästinenserlager Sabra und Schatila. Wir alle mußten uns stundenlang mit den Karten abmühen, was vergeudete Zeit war, denn was wir tun sollten, war uns klar, und wir freuten uns darauf.
Unsere Offiziere teilten uns mit, wir hätten die ehrenvolle Aufgabe, den Libanon jetzt von seinen letzten Feinden zu befreien. Wir sollten die Lager durchkämmen und alle kampffähigen Männer gefangennehmen. Wir waren richtig stolz.
Am nächsten Nachmittag traf sich unsere Gruppe noch einmal. Wir mußten uns durch einen Eid verpflichten, niemals etwas über die Aktion zu verraten.
Gegen 22 Uhr bestiegen wir einen amerikanischen Armeelaster, den die Israelis uns überlassen hatten. Wir ließen das Fahrzeug in der Nähe des Flughafenrondells stehen. Dort, unmittelbar bei den israelischen Stellungen, parkten bereits mehrere solcher Lkw, auf denen später die Gefangenen abtransportiert werden sollten.
Einige Israelis in Falange-Uniformen waren mit von der Partie. »Die israelischen Freunde, die euch begleiten«, so erklärten uns unsere Offiziere, »sind auch Freiwillige, die ihrer Armee nichts davon gesagt haben, daß sie teilnehmen. Sie werden euch eure Aufgabe erleichtern.«
Außerdem schärften sie uns ein, wenn irgend möglich nicht von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. »Alles muß geräuschlos ablaufen. Wir erwarten euch in drei Stunden zurück.« Ein Falange-Offizier hielt die Verbindung zu den Israelis am Lagereingang.
Dann führte uns eine vermummte Gestalt auf eine Böschung in der Nähe der verlassenen kuweitischen Botschaft. »Äfis«, zischte es hinter mir, »spring«.
Neben dem Erdwall, von dem wir heruntergesprungen waren, stand eine Baracke. Wir stießen die Tür auf. Ein alter Mann, eine alte Frau und zwei 15bis 16jährige Jungen hörten Radio. Wir hielten sie mit unseren MPs in Schach und durchsuchten die Behausung nach Waffen.
Einer der Jungen wurde frech und schrie uns »kilab al-jahud« (Hunde der Juden) ins Gesicht. Er kam sich dabei wohl sehr tapfer vor, der Frechdachs. Einer von uns stach ihm mit dem Bajonett mitten durchs Herz. Das ging schnell und so leise wie befohlen.
Aber wir konnten nicht vermeiden, daß das alte Ehepaar und der zweite Sohn ein schlimmes Geschrei anstimmten. Dabei taten wir ihnen nichts. Zwei Kameraden zerrten sie nur aus dem Haus, um sie zu den Lastwagen zu bringen. Ich weiß nicht, ob sie da angekommen sind.
Dann sahen wir andere Kameraden. Sie hatten sich bisher ebenfalls an die Weisungen gehalten und nicht geschossen. Dafür hatten sie mit Bajonetten und Messern arbeiten müssen. Blutige Leichen lagen in den Gassen und in den Eingängen der Baracken.
Aber die dusseligen Weiber und Kinder, die um Hilfe plärrten, gefährdeten unser ganzes Konzept, denn durch den Lärm wurde die Lagerbevölkerung alarmiert.
Und dann fielen plötzlich Schüsse. Im nördlichen Lagerviertel von Schatila hatten sich bewaffnete palästinensische Jugendliche verschanzt. Sie schossen sogar mit einer »Bazooka« auf unsere Gruppe.
Meinem Kameraden wurde die linke Hand abgerissen. Wir mußten uns zurückziehen. Kein Gedanke mehr daran, die entgleiste Aktion in drei Stunden zu beenden.
Nun sah ich wieder die israelischen Berater, die auf unserer geheimen Zusammenkunft gewesen waren. Einer benutzte ein Sprechfunkgerät und bedeutete uns, in die Nähe des Lagereingangs zurückzugehen. Wenige Minuten später schoß die israelische Artillerie aus allen S.113 Rohren auf das widerspenstige Lagerviertel.
Als wir wieder nach vorn gingen, halfen uns die Israelis auch mit Leuchtkugeln, Freund und Feind zu unterscheiden.
Es gab erschütternde Szenen, die zeigten, wozu die Palästinenser fähig waren. Ein paar Bewaffnete, auch Frauen dabei, hatten sich in einer schmalen Gasse im Nordteil des Lagers verschanzt, und zwar hinter einigen Eseln. Wir mußten diese armen Tiere leider abschießen, um die Palästinenser dahinter erledigen zu können. Mir ging das nahe, als die getroffenen Esel voll Schmerz aufschrien. Schauerlich war das.
Damit Sie sehen, was für Menschen die Palästinenser sind: Ein verwundeter Kamerad betrat ein Haus, vollgestopft mit Frauen und Kindern. Er suchte nur Verbandszeug. Aber die Palästinenser kreischten los und warfen ihren Spirituskocher zu Boden, wohl damit das Haus Feuer fing und der Kamerad kein Verbandszeug finden konnte. Dieses hartherzige Gesindel schickten wir zur Hölle.
Gegen vier Uhr morgens ging mein Trupp zu den Lastwagen zurück. Offenbar war bis dahin nur einer benutzt worden. Wir fuhren zum Übernachten an den Ortseingang bei Hadath zurück. Bei Morgengrauen ging es zurück ins Lager.
Wir liefen an Leichen vorbei, stolperten über Leichen, schossen und stachen auf alle Augenzeugen, was hätte man sonst auch machen können. Andere umzubringen geht ganz leicht, wenn man es ein paarmal getan hat.
Jetzt kamen die ersten Bulldozer der israelischen Armee. »Pflügt alles unter die Erde, laßt keine Augenzeugen am Leben, alles muß jetzt blitzschnell über die Bühne gehen«, befahl ein Falange-Offizier. Aber der hatte gut reden. Hatte er denn keine Augen im Kopf?
Es wimmelte ja trotz unserer Anstrengungen immer noch von Menschen, und von allen Seiten kamen auch noch Schüsse. Die Leute wehrten sich, sie liefen fort und richteten ein heilloses Durcheinander an. Kurzum: Das mit dem »Unterpflügen« war einfach zuviel verlangt.
Wir rächten unsere Bürgerkriegs-Toten gründlich. Aber in der Nacht vom Freitag zum Samstag stand bereits fest, daß der ganze schöne Plan ins Wasser gefallen war: Tausende waren uns entkommen. Viel zu viele palästinensische Feinde sind am Leben geblieben.
Überall redet man heute vom Massaker und bedauert auch noch die Palästinenser, die uns zum Handeln gezwungen hatten. Wer würdigt eigentlich die Strapazen, die wir für eine gerechte Sache auf uns nahmen? Stellen Sie sich nur mal vor, ich habe in Schatila 24 Stunden lang gekämpft, 24 Stunden ohne Essen und Trinken.