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SÜDAFRIKA »Jeder WM-Fan sollte sich das zweimal überlegen«

Bischof Paul Verryn, 56, Prediger der größten Methodisten-Gemeinde in Johannesburg, über die Hetzjagd auf Ausländer
aus DER SPIEGEL 22/2008

SPIEGEL: Bischof Verryn, in Ihrer Kirche suchen seit Tagen Hunderte Menschen aus Simbabwe und Malawi Schutz vor dem Mob auf der Straße. Was ist der Grund für die blutigen Ausschreitungen?

Verryn: Es gibt ein ganzes Bündel von Gründen. In der Vergangenheit haben Politiker und Medien ein sehr negatives Bild von Fremden gezeichnet, sie sogar als »illegale Ausländer« gebrandmarkt. Zeitungen hoben es besonders hervor, wenn zum Beispiel Malawier in Verbrechen verwickelt waren. Das hat Vorurteile geschürt. Erschwerend kommt hinzu, dass es in unserem Land eine tiefe Spaltung zwischen Armen und Reichen gibt.

SPIEGEL: Warum entlud sich der Hass fast zeitgleich in verschiedenen Landesteilen?

Verryn: Übergriffe gegen Ausländer gab es schon früher, nur nicht so massenhaft. Ich glaube, dass die Hetzjagden der vergangenen Tage sehr gut gesteuert und geplant waren. Es stecken sowohl Politiker als auch lokale Beamte dahinter.

SPIEGEL: Wie lässt sich das beweisen?

Verryn: Zu mir sind Zeugen gekommen und haben ihr Herz ausgeschüttet. Nach deren Aussagen hat der Geheimdienst schon vor vier Monaten gewusst, dass solche Gewaltaktionen drohen - aber die Regierung hat nichts getan.

SPIEGEL: Warum sollten Politiker an solchen Pogromen interessiert sein?

Verryn: Hass ist ein Grund. Wir sind noch nicht über unsere Apartheid-Vergangenheit hinweg. Damals war der Hass auf ganze Gruppen der Gesellschaft, vor allem auf Schwarze und Farbige, institutionalisiert. Die Übergriffe sollen wohl belegen, dass zu viele Ausländer die Ordnung in unserem Lande destabilisieren.

SPIEGEL: Was muss passieren, um die Greuel zu beenden?

Verryn: Zuallererst müssen Polizei und Armee viel präsenter sein. Alle politischen Führer sollten zudem die Übergriffe auf das schärfste verurteilen. Und wir müssen uns bei unseren Nachbarländern dafür entschuldigen, wie ihre Bürger hier behandelt werden. Im Moment ist es eine Schande, Südafrikaner zu sein. So müssen sich viele Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg gefühlt haben.

SPIEGEL: 2010 will Südafrika die Fußball-WM ausrichten. Müssen ausländische Fans um ihr Leben fürchten?

Verryn: Ja, wenn das die Art ist, wie unser Land mit Ausländern umgeht. Jeder, der hierherkommen will, sollte sich das zweimal überlegen.

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