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»Jedes Kernkraftwerk kann zerstört werden«

aus DER SPIEGEL 43/1977

SPIEGEL: Seit der Schleyer- und der Flugzeug-Entführung durch Terroristen ist die Bevölkerung aufs höchste beunruhigt. Da treten Sie in der SPD-Zeitschrift »Neue Gesellschaft« eine Diskussion über die Gefahr terroristischer Anschläge auf Kernkraftwerke los. Wollen Sie neue Terroristenfurcht in der Bevölkerung provozieren?

SCHÄFER: Ich will keine Terroristenfurcht provozieren und betrachte den Schutz der Kernkraftwerke vor möglichen Terroranschlägen losgelöst von Schleyer und Dubai. Es ist notwendig, daß im Zusammenhang mit der sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie alle Risiken offen und öffentlich diskutiert werden, damit die Parlamentarier, aber auch die Bevölkerung die Entscheidungsgrundlagen tatsächlich kennen. Wer hier verharmlost, wer hier Risiken totschweigen möchte, muß sich den Vorwurf gefallen lassen, keinen offenen Dialog zu führen.

SPIEGEL: Geht der Vorwurf an die Bundesregierung?

SCHÄFER: Es ist verständlich, daß nicht alle Sicherungsmaßnahmen öffentlich diskutiert werden können. Notwendig wäre aber, auch von seiten der Bundesregierung, das tatsächliche Gefährdungspotential im Falle möglicher terroristischer Anschläge offen darzulegen. Dies ist bislang nicht geschehen.

SPIEGEL: Nun ist dies ja auch ein Problem anderer Länder.

SCHÄFER. Aufgrund der modernen Waffentechnik kann jedes Kernkraftwerk in der Bundesrepublik zielsicher zerstört werden. Das Auslandsargument trifft nicht zu: Die Vereinigten Staaten und die UdSSR sind aufgrund der geringeren Siedlungsdichte durch einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk wesentlich weniger gefährdet als wir.

SPIEGEL: Sie haben zusätzlichen Schutz gefordert, etwa den Bau unterirdischer Atommeiler. Würde dadurch der Atomstrom nicht zu teuer?

SCHÄFER: Sicherheit und Schutz der Bevölkerung müssen absoluten Vorrang vor ökonomischen Überlegungen haben. Die Politik darf nicht zur Gefangenen ökonomisch-technologischer Zwänge werden.

Harald Schäfer ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe Reaktorsicherheit und Strahlenschutz im Innenausschuß des Bundestags.

SPIEGEL: In der »Neuen Gesellschaft« stellen Sie als entscheidendes Problem des bevorstehenden Parteitages die Frage heraus, ob die SPD »die politische Kraft und Moral für eine energiepolitische Kurskorrektur besitzt«. Heißt das Baustopp?

SCHÄFER: Solange nicht schlüssig bewiesen ist, daß wir tatsächlich für unsere Energieversorgung Kernenergie brauchen, können die Argumente der Befürworter eines weiteren Ausbaus nicht überzeugen, zumal die Probleme im Brennstoffkreislauf nicht gelöst sind. Geprüft werden muß auch, ob die Bundesrepublik angesichts einer großen Anzahl von Kernkraftwerken noch verteidigungsfähig ist. Dies gilt erst recht für terroristische Anschläge.

SPIEGEL: Nach den vorliegenden Gutachten kann selbst ein Starfighter auf einen Reaktor fallen. ohne die Sicherheit des Atomkraftwerks zu gefährden.

SCHÄFER: Es ist richtig, daß die seit 1971 gebauten Kernkraftwerke gegen Flugzeugabstürze gesichert sind. Doch können auch diese Kraftwerke bei Anwendung entsprechender Waffen, zum Beispiel von Hohlladungsgeschossen, im Falle eines militärischen Angriffs oder möglicher terroristischer Anschläge zielsicher zerstört werden.

SPIEGEL: Also die Alternative: Strahlentod oder wirtschaftlicher Kollaps durch unzureichende Energieversorgung?

SCHÄFER: So stellt sich die Alternative nicht. Die Frage ist doch, ob wir die vorhandenen Energieeinsparungs-Potentiale nutzen, ob wir bereit sind, die Energieträger dort anzuwenden, wo sie ihre Stärke haben, ob wir fähig sind, eine rationellere Energieversorgung durchzusetzen, kurzum, ob wir gewillt sind, eine alternative Energiestrategie zu entwickeln, die auch der Möglichkeit Rechnung trägt, gegebenenfalls ohne den weiteren Ausbau der Kernkraft auskommen zu können.

SPIEGEL: Das klingt so, als bezichtigten Sie die Regierung der Leichtfertigkeit oder gar der Dummheit, weil sie nicht erkennt. wie sie ohne Atomstrom auskommen kann.

SCHÄFER: Ich unterstelle der Bundesregierung beides nicht. Wenn Sie den Energieleitfaden der SPD analysieren, werden Sie sehen, daß er eine ganze Menge von Möglichkeiten einer rationellen Energieverwendung aufweist.

SPIEGEL: Das sind Wunschvorstellungen der Partei, die von der Regierung bisher nicht realisiert wurden ...

SCHÄFER: ... die von der Regierung bisher nur in Ansätzen realisiert wurden. Die Wunschvorstellungen, wie Sie sagen, gehören nicht in den Bereich Utopia, wenn man die Kraft und den Mut hat, das politisch Notwendige umzusetzen. Ich gehe davon aus, daß der Hamburger SPD-Parteitag die entsprechenden Beschlüsse fällen wird.

SPIEGEL: Ein Parteitag ist kein Kabinett.

SCHÄFER: Es ist richtig, daß wir das imperative Mandat sowohl von unten nach oben als auch von oben nach unten ablehnen. Es entspricht aber dem Selbstverständnis unserer Partei und der Verfassungswirklichkeit, daß die Willensbildung sich über die Parteien vollzieht.

SPIEGEL: Entspricht das auch dem Selbstverständnis von Bundeskanzler Schmidt?

SCHÄFER: Diese Frage müssen Sie an den Bundeskanzler richten. Ich gehe davon aus: ja.

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