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»Jemand mußte es tun«

Wie ein U-Bahn-Fahrgast in New York die Zuneigung der Stadt gewann *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Die wesentlichen Bestandteile der amerikanischen Psyche«, behauptete der britische Schriftsteller D. H. Lawrence bei Gelegenheit, »sind Härte, Einsamkeit, eine stoische Gemütsverfassung und die Bereitschaft zum Totschlag.«

Der Satz scheint brauchbar, um das Gemüt von Bernhard Goetz zu beschreiben, der am Samstag vor Weihnachten mit einer Pistole vier junge Schwarze niederstreckte, die ihn in der U-Bahn um Geld »gebeten« hatten. Sie trugen angespitzte Schraubenzieher bei sich, um ihrer »Bitte« notfalls Nachdruck zu verleihen.

»Es tut mir leid, aber irgend jemand mußte es mal tun«, soll Goetz, ein Sohn deutscher Einwanderer, nach der Tat gesagt haben. Daß er jeden einzelnen der jungen Gauner habe töten wollen, daß er erst zu schießen aufgehört habe, als das Magazin leer war - das hat der U-Bahn-Rächer, nachdem er sich Silvester freiwillig gestellt hatte, dem Staatsanwalt freimütig gestanden.

Kaum ein New Yorker, der den Pistolenschützen nicht zumindest vorübergehend verstanden hätte. Doch wo derlei Selbstjustiz auf Millionen sympathisierende Geschworene rechnen kann, stimmt vieles nicht mehr. In der Stadt, in der vor zehn Jahren das Hohelied der schnellen Rache, Charles Bronsons Film »Ein Mann sieht rot«, gedreht wurde, in dieser Stadt künden jetzt Graffiti: »Alle Macht den Vigilanten, New York liebt euch.«

Vigilanten - in der amerikanischen Helden-Mythologie des Wilden Westens sind das die braven Bürger mit dem Colt unterm Bratenrock. Männer wie Goetz.

Zwar sah Richterin Leslie Snyder durch solche Selbstjustiz »die Grundlagen der westlichen Zivilisation« bedroht und warf am Donnertag letzter Woche Goetz ins Gefängnis. Nur - die Grundlage eben jener Zivilisation, die eine Stadt wie New York überhaupt erst möglich macht, ist nicht nur bedroht, sondern schon ziemlich verfallen: Vertrauen in die Berechenbarkeit des Nachbarn, Vertrauen in die Fairneß der anderen, das sind im New Yorker Alltag schon ziemlich riskante Tugenden.

Ein freies Volk bäuerlicher Grundbesitzer, das sollten die Amerikaner nach den Vorstellungen des Gründervaters Thomas Jefferson werden. Ein ängstliches Volk eingeschüchterter Apartmentbewohner, das sind zumindest die New Yorker geworden. Drei Schlösser an jeder Haustür, für immer verriegelte Fenster, und kaum ein New Yorker, der sich nicht abends in spiegelnden Schaufensterscheiben versichert, wer hinter ihm geht. »In God we trust«, Gott vertrauen wir, heißt es auf dem Dollar, den der gewitzte New Yorker U-Bahn-Fahrer in mindestens fünffacher Ausfertigung bei sich trägt, um den allfälligen Räuber nicht zu enttäuschen und zur Gewalttat zu reizen.

Die überwältigende Mehrheit jener 84 043 Raubüberfälle, die New Yorks Polizei letztes Jahr verzeichnet hat, gehen auf das Konto von farbigen Getto-Kids, für die »Straßenräuber« zum normalen Berufsstand geworden ist.

Die »Grundlagen der Zivilisation« - in New York wurden sie schon verlassen, als sich die Stadtverwaltung vor Jahren entschloß, das beinah bankrotte Gemeinwesen durch Steuergeschenke an Bodenspekulanten zu sanieren. Die Rechnung ging auf - aber nur für jenen goldenen Teil von Midtown Manhattan, in dem nach Ansicht des Großgrundbesitzers Harry Helmsley ohnehin niemand leben dürfe, der nicht wenigstens 45 000 Dollar im Jahr verdiene.

Hunderttausende New Yorker aber wurden abgedrängt in die Vororte und Slums - den Glanz der Reichen können sie, einmal aus dem Hades der Subway nach oben entronnen, während der Arbeitsstunden als Dienstleistende bestaunen.

Abends geht''s zurück mit der U-Bahn. Sie ist das letzte, was ganz New York zu eigen ist und verbindet: ein tägliches Ärgernis. Hier, wo die Menschen enger zusammenrücken müssen, können sie einander noch weniger vertrauen als sonstwo. Sorgsamer als im Tageslicht, wird der Nachbar taxiert und auf seine Gefährlichkeit abgeschätzt.

3600 U-Bahn-Polizisten zum Trotz werden im Untergrund täglich 40 Menschen beraubt, zusammengeschlagen, vergewaltigt oder gar ermordet. Rund 5000mal im Jahr brennt es in den Tunnels, auf den Bahnsteigen oder den Wagen des einstmals modernsten Nahverkehrssystems der Welt: Dschungel-Krieg.

In dieser Stadtguerilla war Bernhard Goetz womöglich nicht mehr als ein etwas zu eifriger Soldat.

Die meisten New Yorker werden ihm schon vergeben haben - wenn sie ihn denn für je schuldig hielten. _(Charles Bronson (r.) in »Ein Mann sieht ) _(rot«. )

Charles Bronson (r.) in »Ein Mann sieht rot«.

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