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JESUS - KÖNIG DER JUDEN?

aus DER SPIEGEL 13/1966

7. Fortsetzung und Schluß

Eine neue Religion

Das Christentum ließ die »Mutterkirche« von Jerusalem links liegen, und wir können ihre Entstehung nur durch das Prisma jener Überlieferung sehen, die nach dem Sieg über ihre Rivalen natürlich beanspruchte, die einzige Tradition zu sein. Wir hören also in dem Kampf, der zwischen den einzelnen Bestandteilen des sich allmählich bildenden Glaubens stattgefunden haben muß, nur die siegreiche Seite.

Nicht ein Dokument aus der Gemeinde von Jerusalem ist uns erhalten geblieben; wenn ihre Mitglieder etwas über sich geschrieben haben, so ist es verschwunden. Die Schriftrollen vom Toten Meer enthüllen leider nichts über diese Periode. Es ist natürlich durchaus möglich, daß die Gemeinde keine Dokumente zu hinterlassen hatte; soweit wir es beurteilen können, muß der Kern ihres Glaubens ganz einfach die fieberhafte. Erwartung der Wiederkehr des Messias gewesen sein.

Da die Juden, die an die Messianität Jesu glaubten und eifrige Beter im Tempel waren, keine Ursache hatten, irgendwelche theologischen Neuerungen zu entwickeln, hielten sie es sicher für unnötig, irgend etwas schriftlich zu fixieren. Und weil sich die Wiederkehr verzögerte, verschmolzen die Nachfahren der ursprünglichen Gemeinde entweder mit der Masse der Heiden, die zu dem späteren, nichtjüdischen Glauben an den Christus übertraten, oder sie fielen zurück in das Judentum.

Es war unvermeidlich, daß die Schicksale der beiden Zweige des Jesus-Glaubens auseinanderliefen: Während die theologisch konservativen jüdischen Anhänger dem Untergang geweiht waren, feierten die eklektischen und erneuerungsfreudigen Urchristen in eigentlichem Sinne einen Triumph ohnegleichen.

Alle Hinweise auf die »Mutterkirche« wurden nach der Zerstreuung der ursprünglichen: Gemeinde von Jerusalem zusammengestellt und überarbeitet, nachdem die Römer den jüdischen Staat vernichtet hatten. Wegen dieser Auslöschung der »Mutterkirche« und des darauffolgenden Sieges des Paulinismus über seine nunmehr vergessenen Rivalen ist das Neue Testament nicht als Geschichte anzusehen (obwohl seine historischen Elemente selbstverständlich von unschätzbarem Wert sind), sondern als ein Konglomerat von tendenziös gefärbten Dokumenten, die das grundlegende Lehrbuch der triumphierenden Kirche bilden.

Die Vernichtung des jüdischen Staates bedeutete natürlich, daß die Juden, die in Judäa und Galiläa gelebt hatten, ihren Vorrang als Faktor des wachsenden Glaubens verloren, die zweite Christengeneration fand sich in der Frage der Konvertiten gänzlich auf die Massen des Römischen Reiches zurückverwiesen. Dies machte es einerseits notwendig, den römischen Staat und die griechisch sprechenden Objekte der Bekehrung versöhnlich zu stimmen, andererseits beseitigte es die hemmende Autorität der Gemeinde, die unmittelbar auf Jesus selbst zurückging.

Hätten die Tatsachen der wirklichen Existenz Jesu nicht die Fiktion der apostolischen Nachfolge für die Begründung der Autorität der sich heranbildenden Kirche notwendig gemacht, so wäre vermutlich sogar diese »Mutterkirche« mit ihrer jüdischen Frömmigkeit, ihrer fraglosen Unterwerfung unter die jüdischen Zeremoniegesetze und ihren Zweifeln an der Göttlichkeit Jesu überhaupt nicht erwähnt worden.

Vom Standpunkt der rasch entstehenden Christologie und der fortschreitenden Verherrlichung Jesu mußte das Jüdische an der »Mutterkirche« mit fromm-unredlichen Plattheiten hinwegerklärt werden; so gelang es, die Vorstellung zu erwecken, daß die Gemeinde von Jerusalem sich in völligem Einklang mit der christlichen Kirche befunden habe, die sie später als Zeuge ihrer eigenen Autorität in Anspruch nahm.

Immerhin sind uns einige Glaubensansichten der »Mutterkirche« in den frühesten Schichten der Evangelien - die Überlieferung von der davidischen Abstammung Jesu und die verschiedenen anderen Erinnerungen an die jüdische Lebensart des Jesus-Milieus - erhalten geblieben. Die Macht dieser Tradition, die so wenig zu den universalisierenden, vergöttlichenden Tendenzen paßt, die Jesus auf hellenistischem Boden erhöhen sollten, war zweifellos auf die frühe messianische Dogmatik zurückzuführen. Sie war in diesem jüdischen Milieu kräftig genug geworden, um in die Christologie Eingang zu finden, die sich später in der heidnischen Welt entwickelte.

Das ist auch alles, was wir über diesen Zweig des jüdischen Messianismus wissen. Er wurde der späteren Christologie angepaßt. Nachdem die Juden auseinandergejagt worden waren, war der Glaube der jüdischen Jesus-Anhänger lediglich zu einer exzentrischen Glaubensrichtung geworden, die keine Rechtfertigung für sich finden konnte.

Inmitten des allgemeinen Triumphs des hellenistischen Christentums wurden die lebendigen Ansichten der Juden, die an die Messianität Jesu glaubten, ausgelöscht; nur ein lebloses Bild von ihnen ist in der christlichen Überlieferung erhalten geblieben. Nach dem Tode Jesu mußte der Glaube an ihn unter den Juden, einzig verwurzelt in seiner Wiederkunft als Vorspiel zur Errichtung des Reiches Gottes, verdorren.

Die Zerstörung Judäas im Jahre 70 war gründlich; vier Jahre hatte es gedauert, bis das mächtige Römische Reich diesen winzigen Staat niedergerungen hatte. Der Kampf war erbittert gewesen; die Juden hatten eine unglaubliche, fanatische Zähigkeit an den Tag gelegt, die die Römer beeindrucken und in Zorn versetzen mußte.

Josephus hat teilweise Schätzungen der Verluste gemacht, die die Juden an verschiedenen Orten während dieses vernichtenden Krieges erlitten; sie belaufen sich auf 1 356 460! Diese phantastische Zahl, die etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmacht, mag übertrieben sein, es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß die Vernichtungen des jüdisch-römischen Krieges eine ähnliche Schätzung fordern. Zu der Verwüstung des Landes und dem Hinmorden der. Bevölkerung kam die völlige Vernichtung des Tempels, des politischen und religiösen Mittelpunkts des Weltjudentums.

Das Unglück, das die jüdische Priesterschaft auslöschte, vernichtete auch die Partei der Sadduzäer, und die Pharisäer wurden die Exponenten der religiösen und geistigen Energien einer nunmehr besiegten und verstreuten Nation. So kam es, daß während der ersten beiden Jahrhunderte des Aufstiegs des christlichen Glaubens die Pharisäer mit dem jüdischen Volk als Ganzem identifiziert wurden.

Vor dem Jahre 70 war das Judentum nachsichtig jenen gegenüber gewesen, die an Jesus glaubten, aber am jüdischen Zeremoniell festhielten; seine Feindschaft richtete sich ausschließlich gegen die hellenistischen Anhänger Jesu, die dieses Zeremoniell umzustürzen wünschten.

Nach der nationalen Katastrophe zog sich das Judentum jedoch auf sich selbst zurück; es wurde zunehmend feindlicher gegen alle Formen des Christentums, vor allem weil sich dieses zu der Zeit in eine Richtung entwickelte, die immer unvereinbarer mit dem jüdischen Monotheismus wurde. Um das jüdische Volk in der Diaspora zusammenzuhalten, die nunmehr der einzige Boden seiner Existenz war, wurden die Pharisäer aus taktischen Gründen immer exklusiver.

Der Bruch zwischen beiden Religionen wurde unüberbrückbar: Nach dem Jahre 70 war es unmöglich, Jude und Christ zugleich zu sein. Das allein genügte, um das Schicksal der sogenannten Juden -Christenheit zu besiegeln.

Ohne die Fähigkeit, alle jüdischen monotheistischen Beschränkungen abzuwerfen und Jesus zu einem wahrhaften und unabhängigen Gegenstand der Anbetung zu machen, wie es der hellenistische Zweig der Christenheit betont unternahm, konnte sie nur in ihrer eigenen Sackgasse enden - zu jüdisch für das Christentum, zu jüdisch, um eine kraftvolle, unabhängige Sekte inmitten der jüdischen Tradition zu bilden, und andererseits nicht jüdisch genug, um unbemerkt wieder mit dem Hauptstrom des Judentums zu verschmelzen. Diese miteinander verknüpften Faktoren - die Unterdrückung der »Juden-Christenheit« (des jüdischen Glaubens an Jesus als den jüdischen Messias) nach dem Jahre 70 und die wachsende Starre des jüdischen Verhaltens an sich - zwangen das eigentliche Christentum, sich ausschließlich unter hellenistischem Einfluß zu entwickeln.

Werfen wir einen Blick auf eine Stufe zwischen der jüdischen Umwelt Jesu und der späteren Entwicklung der christlichen Theologie. Ich habe im vorhergehenden einige Andeutungen gemacht, auf welche Weise der ursprüngliche, noch jüdische Glaube an Jesus als den Messias nach der Vertreibung der Juden griechischer Sprache aus Jerusalem auf griechisch sprechende Gebiete übergriff; ebenso wies ich auf die Logik der Erhöhung Jesu hin, die die Ausbreitung der neu entstandenen Religion förderte.

Die allgemeine hellenistische Empfänglichkeit für die Erhöhung Jesu wurde besonders unterstützt durch die Vorstellung, Jesus sei der »Gottessohn«. Diese Idee war die Triebfeder für den Prozeß der Theologisierung, der Jesus, den jüdischen Propheten und Patrioten, rasch in den Heiland der Welt und den Herrn des Kosmos verwandelte. Das war die endgültige Entwicklung der relativ bescheidenen Vorstellung von der jungfräulichen Geburt, auch diese ein Beitrag des Hellenismus.

Die meisten Christen halten es für erwiesen, daß im Selbstverständnis Jesu auch die Vorstellung von sich als dem Sohne Gottes enthalten war. Aber ein kurzer Blick in die Evangelien zeigt, daß sie nur den Nährboden für den gesamten Prozeß der Erhöhung abgab. Sie war in der Tat die höchste Erhöhung, und sie legte den Grund für die Kirche.

Denn wenn wir uns ganz einfach fragen, was der Ausdruck »Gottes Sohn« für eine jüdische Zuhörerschaft in Judäa oder Galiläa zur Zeit Jesu bedeutet haben konnte, werden wir sofort erkennen, daß er nicht in seinem heutigen Sinn verstanden werden konnte.

Die Redensart »Gottes Sohn« war den Juden zur Zeit Jesu und auch in den vorangegangenen Jahrhunderten vertraut: Alle Juden waren Gotteskinder; das war es ja, was sie von anderen Völkern unterschied. Bei Samuel (2 Samuel

7,14) lesen wir beispielsweise die Worte Gottes an David: »Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein«, während im Deuteronomium (14,1) der Chronist sagt: »Ihr seid des Herrn Kinder, eures Gottes.« Ähnliches findet sich an vielen anderen Stellen des Alten Testaments.(Jesaja 1,2; 63,8; Jeremia 3,22).

Im engeren Sinn wurde der Ausdruck auf hervorragende Persönlichkeiten angewandt, vor allem auf Könige, himmlische Boten. Man dachte sogar, daß,der Vers aus dem 2. Psalm, der in der Episode von der Taufe Jesu vorkommt: »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeuget«, Teil der Krönungszeremonie der Hasmonäerkönige gewesen sei.

Nachdem wir mit diesem kurzen Bericht einen Überblick über das Fiasko der tatsächlichen Unternehmung Jesu, über die Entstehung der ersten Gemeinde seiner jüdischen Anhänger, die

Verpflanzung des jüdischen Glaubens auf hellenistischen Boden und über das Erlöschen der jüdischen Gemeinde gegeben haben, wollen wir jetzt einen Blick auf die Entstehung des neuen Glaubens werfen - auf das »paulinische« Christentum.

Als Quellen dienen uns immer noch die Apostelgeschichte und, vor allem, die Paulusbriefe. Die Briefe sind indes, weit davon entfernt, eine zusammenhängende und abgerundete Darstellung des Glaubens von Paulus zu geben.

In der Tat ließe sich kein besserer Beweis für die Rivalität zwischen den widerstreitenden »Evangelien« finden als die Beschaffenheit dieser Briefe. Ihre Zufälligkeit, ihr oft bruchstückhafter Charakter, die Ungewißheit der Autorschaft bei einer Reihe von ihnen zeigen, daß sie eine gewisse Zeitlang nicht allen Christen als Autorität galten. Sie wurden zweifellos erst hervorgeholt, zusammengetragen und gehegt zu einem Zeitpunkt, als die vom paulinischen Christentum vertretene Tendenz sich durchgesetzt hatte. Dies führte dann zu dem Versuch, die Paulusbriefe der Vergessenheit zu entreißen; wenn sie von Anbeginn an autoritativ gewesen wären, so hätte man sich gewiß mehr darum gekümmert.

Es wäre vorteilhaft, wenn wir die Entwicklung der Gedankengänge des Paulus im Lichte seiner Persönlichkeit untersuchen könnten. Aber diese entzieht sich uns völlig. Die Briefe sind die einzige Quelle für seine Biographie, mit Ausnahme der offensichtlich stilisierten, tendenziösen Hinweise in der Apostelgeschichte (deren zweiter Teil sich liest wie eine paulinische Schilderung der Ereignisse); sie widersprechen häufig der Apostelgeschichte und geben uns auf jeden Fall ein völlig egozentrisches Bild seiner Tätigkeit. Tatsächlich verdunkelt der eigentliche Zweck, den Paulus in seinen Briefen - nicht eigenständige Stücke dogmatischer. Spekulation, sondern Streitschriften mit besonderen Zielen - verfolgt, unser Bild von ihm.

Am besten läßt man die umfangreiche Spekulation beiseite, die dem offensichtlich komplexen Charakter des Paulus gewidmet wurde, und betrachtet einfach seinen religiösen Beitrag. Dabei muß betont werden, daß Paulus selbst vermutlich nicht, der Urheber der Ansichten war, die er zum Ausdruck bringt, was immer auch sein Beitrag zu ihnen gewesen sein mag.

Wahrscheinlich hat die anfängliche Weiterentwicklung des ursprünglichen jüdischen Glaubens an die Messianität Jesu bereits in dem griechisch sprechenden Teil der Gemeinde von Jerusalem begonnen und sich nach der Emigration von Juden, griechischer Sprache nach Antiochia dort entfaltet. Aber es ist der Name des Paulus, der uns überliefert ist als der des Verfechters der christologischen Darstellung, die letztlich erfolgreich war.

Auf jeden Fall ist der Anteil der persönlichen Beiträge anderer nicht erkennbar. Daher ist der Name des Paulus häufig ein Kollektivname und steht für »Paulinismus«.

Ich habe im vorhergehenden die wesentlichen Merkmale der heidnischen »Mysterien« umrissen der Leser wird die Ähnlichkeit, mit dem Christentum bemerkt haben. Die Gelehrtenwelt war sich der weitgehenden Ähnlichkeit zwischen dem Christentum und vielen dieser Mysterienreligionen natürlich längst bewußt; wenige Laien erkennen, wie auffallend diese ist. Der orthodoxen Meinung ist selbstverständlich jeder Vergleich ein Ärgernis.

Die Ähnlichkeiten aber sind grundlegend: Die christliche Kommunion trägt uns sofort mitten in den Kern der Mysterien hinein. Es besteht keine Notwendigkeit, die technischen Komponenten dieser Kommunion zu erörtern; man kann sie zusammenfassen als Taufe, Eucharistie (das gemeinsame Mahl am Tisch des Herrn), Gebet und Ekstase.

Für unseren Zweck genügt es, die Eucharistie zu erwähnen. Sie ist sowohl ihrem Grundbegriff wie der Art ihrer Übung nach ein Stück Heidentum.

Freilich-sind die Begriffe des Bundes, des Sühneopfers und eines Sündenbockes zur Buße ursprünglich jüdisch, aber der eigentliche Kern des Christentums ist die Vorstellung einer magischen Kommunion mit dem Herrn vermittels seines Leibes und seines Blutes. Das ist völlig heidnisch, und ebenso der magische Wert, der Konsekrationsformel »Das ist mein Leib ... das ist mein Blut«.

Solche Vorstellungen wucherten, wie bereits angedeutet, im Universum der Mysterien. Freilich war man sich der Ähnlichkeit zwischen der christlichen Taufe und Eucharistie und dem heidnischen Taufritus im Blut der Gottheit sowie der Einverleibung ihres Leibes seit den Anfängen des christlichen Glaubens bewußt, von Paulus bis zu Augustinus (erstes bis fünftes Jahrhundert). Sie war den Propagandisten des neuen Glaubens ein Dorn im Auge, die sie als einen Trick des Teufels, eine teuflische Nachahmung Christi hinwegerklären mußten.

Die frühen Väter kehrten die historische Folge um und behaupteten, die Urkirche habe den zeitgenössischen Mysterien als Vorbild gedient. Gewiß ist die Wahrscheinlichkeit nicht auszuschließen, daß das sich ausbreitende Christentum einige der heidnischen Kulte beeinflußte, die gleichermaßen auf ein ewiges Seelenheil durch die Fürbitte einer Gottheit aus waren; aber alle bedeutenden heidnischen Kulte, alle grundlegenden Mythen, Symbole und tatsächlichen Riten gingen der Geburt des Christentums voran und besaßen zu Paulus' Zeiten bereits einen weitverbreiteten und verzweigten Ausdruck.

Das Auffallende an der Beziehung zwischen Christentum und Mysterien ist die Gleichheit der dynamischen Struktur wie der Arten ihres Ausdrucks. Es handelt sich um mehr als um die Frage einer nur äußerlichen Ähnlichkeit zwischen Ritualen oder der abstrakten Ähnlichkeit zwischen mystischen Erfahrungen.

Die Rituale erhalten ihre grundlegende Bedeutung schließlich aus der Gestalt der Religion. Das vorherrschende Element im Christentum wie in den Mysterien war die Vorstellung von einer persönlichen Erlösung des Menschen. Das Christentum wie die Mysterien waren Religionen, die sich gründeten auf die Notwendigkeit einer Vermittlung zwischen dem Glaubenden und Gott selbst durch einen göttlichen Fürbitter, der, jungfräulich geboren, sich erniedrigt hat, wie ein Mensch zu leben und einen menschlichen Tod zu erleiden, um das sonst hilflose Individuum in die Lage zu versetzen, die Erlösung zu erlangen, indem es sich mit ihm identifizierte.

Ähnlich ist es mit der Frage der Kommunion: Hier wird die Gleichheit der durch die Eucharistie herbeigeführten Kommunion und der Kommunion der Mysterien augenscheinlich. Der Paulinismus erhöhte lediglich die mythische Intensität dieses Ritus, indem er ihn mit der Vorstellung bereicherte, daß der Gläubige zusammen mit seinem Herrn gekreuzigt werde. Dadurch wurde die mystische Gewalt dessen, was in den Mysterien nur Gleichnis wart ausgedehnt und verstärkt.

Wenn der Angelpunkt des Heidentums in der Verschmelzung der Wesenheiten eines Gläubigen und einer greifbaren Gottheit zu sehen ist, dann vertiefte und bereicherte der Paulinismus das Heidentum der Mysterien. Innerhalb des gleichen Begriffsrahmens von einem Seelenheil machte die dramatische Gewalt einer Erlösung durch den demütigenden und folglich erhöhenden Tod des Herrn am Kreuz den fundamentalen christlichen Ritus zu einer weit wirksameren mystischen Erfüllung, als sie die Mysterien zu bieten vermochten.

Im Christentum aber wie in den Mysterien erhielten einerseits die Riten ihren Sinn aus der Struktur der Religion, und die Religion bezog andererseits ihre Gefühlsgewalt aus den Riten durch die lebendige Einheit, die durch ihre Verschmelzung zustande kommt.

Dies ist die Anatomie der Erlösungstheorie des Paulus:

Ein göttliches Wesen, das in gottähnlicher Gestalt vor der Erschaffung des Kosmos existierte, ist auf die Erde herabgestiegen, wo es in Jesus Fleisch wurde, einem physisch normalen Menschen, der einem bestimmten Volke angehörte; dieser Mensch ist dann am Kreuz gestorben.

Dieses Opfer wird in Übereinstimmung mit dem ewigen Willen Gottes gebracht und ist dazu bestimmt, zunächst den allesumfassenden Kosmos mit dem himmlischen Vater durch die Kreuzigung der Sünde im Leibe Jesu, die so mit ihm vernichtet wird, zu versöhnen und dann allen Menschen den einen währen Weg zum Heil zu eröffnen.

Kurz: »Das ist gewißlich wahr: Sterben wir mit, so werden wir mitleben«

(2 Timotheus 2,11).

Diese Theorie ist nach Inhalt und Aufbau offensichtlich ein Mythos. Ihre Ansicht von der Bedeutung der Sühne hat nichts gemein mit der alten jüdischen Idee vom moralischen Wert der Buße; sie bewegt sich um die mystische, magische Wirksamkeit, die zur eigentlichen Natur des Todes eines Wesens gehört, das zugleich göttlich und

menschlich ist: Weil es ein solches Wesen ist, hat sein Tod die Fähigkeit, den Tod der Sünde und folglich die Erlösung und endliche Verherrlichung des Individuums nach sich zu ziehen. Es geht nicht einfach darum, Ähnlichkeiten festzustellen: Was uns zuerst am paulinischen Evangelium auffällt, ist der Umstand, daß es ausdrücklich als Mysterium dargestellt wird. Noch am Ende des zweiten und am Beginn des dritten Jahrhunderts faßten die christlichen Propagandisten ihren Glauben in der Weise anderer damals herrschender Mysterien auf; er stand unendlich höher, ohne Zweifel und war dem Wert nach nicht vergleichbar, aber er war dennoch ein Mysterium. Im zweiten Jahrhundert unternahm es Clemens von Alexandria, das »authentische Mysterium« des Christentums anderen Mysterien gegenüberzustellen; er sah die anderen Mysterien als einen satanischen Unsinn an ...

Selbstverständlich unterscheidet sich das Christentum von den in der heidnischen Welt herrschenden Mysterien. Obgleich die orientalischen Mysterien die Geschichte einer Gottheit, deren Passion und Auferstehung, zum Mittelpunkt hatten und die Unsterblichkeit der Gläubigen garantierten, indem sie diese Geschichte als Heilsweg auslegten, besaßen sie keine Lehre.

Der Sinngehalt ihrer Offenbarung bestand aus einem Apparat von Riten und Formeln, dazu bestimmt, den Gläubigen in die Lage zu versetzen, sich mit seiner Gottheit zu vereinigen. Diese Vereinigung gewährleistete durch die Verknüpfung der Geschichte des Gläubigen und der Gottheit die alljährlich erneuerte Unsterblichkeit, deren Modell die Gottheit war.

Die Unterweisung in den orientalischen Mysterien schenkte eine Hoffnung und ein Vorbild: sie war nicht theologischer Art. Am bedeutendsten dabei ist, daß keines der Mysterien die Passionsgeschichte der Gottheit so schildert, als ob sie einen Erlösungswert habe: Die Gottheit starb nicht, um die Unzulänglichkeiten oder Sünden ihrer Anbeter gutzumachen.

Das sind indes Unterschiede des Inhalts. Die Struktur der Heilserlangung aber ist die gleiche im Christentum wie bei den Mysterien. Die Lehre des Paulus bewegt sich um die Schaffung des Heilsweges, dessen Substanz die Lehre von der Inkarnation und der Erlösung bildet.

Mit anderen Worten: Nach der Auffassung des Paulinismus besteht der Weg zum Heil aus der Inkarnation und der Erlösung und diese werden von Paulus selbst in der Sprache der Mysterien zum Ausdruck gebracht.

Im Grunde war das Christentum, obwohl es sich von den Mysterien, nach deren Vorbild es geformt wurde, unterschied in Wirklichkeit weder eine strukturelle noch eine emotionale oder rituelle Neuerung; der einzige Unterschied lag in seiner Aufnahme eines Lebensfaktumis - der Kreuzigung.

Das ist die tiefere Bedeutung der Stelle aus dem 1. Korintherbrief: »Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft ... Sintemal die Juden Zeichen fordern und die Griechen nach Weisheit fragen, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis

und den Griechen eine Torheit«

(1,18; 22-23).

Daß er nichts als den gekreuzigten Christus predige, wird von Paulus mehrfach ausgesprochen. Die Bedeutung ist klar:

Den Juden war die Kreuzigung ein Ärgernis wegen der Absurdität der Vorstellung, daß der Messias, der Gesalbte Jahwes, von Missetätern zu Tode gebracht werden konnte, wo doch der ganze Sinn seiner Existenz darin lag, diese zu vernichten. Dieser Standpunkt wurde bestärkt durch den Fluch Jahwes über einen, »der am Holz hängt« (5 Mose 21,23; Galater 3,13).

Die Heiden kannten in ihren Mysterien das besondere Element einer erlösenden Kreuzigung nicht. Der Erlösungsbegriff konnte sie sehr wohl durch seine Tiefe, seinen Reichtum und seinen mystischen Gehalt anziehen; seine Neuartigkeit wie die befremdliche Überspanntheit des Kreuzes als Weg zur Erlösung konnte sie jedoch auch abstoßen.

Darin liegt übrigens der beste Beweis für die Geschichtlichkeit der Kreuzigung: Eine derart willkürliche Idee auszudenken wäre in höchstem Grad grotesk gewesen.

Letztlich war es vor allem dieses dramatische Detail der Kreuzigung, erfüllt von der tiefen Bedeutung und der Gefühlsgewalt der Erlösung, das dem paulinischen Christentum den Auftrieb geben sollte. Den Juden blieb es gewiß ein Ärgernis - sie sind in der Tat nie darüber hinweggekommen -, aber sein Erfolg unter den Heiden war bemerkenswert.

Damit schließt sich für uns der Kreis: Wir haben die Hinrichtung Jesu zum Ausgang genommen für eine Untersuchung der Ereignisse, die dazu führten, und am Ende kommen wir wieder darauf zurück, nachdem wir gesehen haben, daß die Tatsache so einfach ist wie sie schien: Jesus starb als Rebell, und er war ein Rebell.

Wir haben jetzt gesehen, daß es der Tod Jesu war, der die Erinnerung an ihn überhaupt lebendig erhielt, nicht nur in dem Sinne, in dem Paulus sagte, seine »Predigt« sowohl wie der christliche Glaube seien »leer«, wenn Jesus nicht auferstanden sei, sondern in dem historischen Sinn, daß er den religiösen Kult hervorrief, der sich darauf gründet.

Die Frage nach dem Tod Jesu kommt schließlich zur Antwort, daß dieser sich wirklich ereignet hat. Die Art der Hinrichtung hat dann jene Spekulation hervorgerufen, die sich zum Christentum ausbildete.

Die Kreuzigung entwickelte ihre ungeheure Kraft mit ihrer Unverdaulichkeit. Die herausfordernde Unmöglichkeit des Kreuzes, seine unfaßbare Widerwärtigkeit, seine vollkommene Widersprüchlichkeit waren es, die eine gewaltige Schwungkraft erzeugten und es den Ausgangspunkt des Christentums werden ließen, nicht nur chronologisch, sondern auch dynamisch. Eine Tatsache, die nicht wegerklärt werden konnte, mußte wegerklärt werden, ein Widerspruch mußte gelöst werden. Die Spannung, die in diesen Unmöglichkeiten lag, entlud sich in einer mächtigen Explosion. Die Vorbereitung zu dieser schließlichen Explosion vollzog sich in zwei Stufen: Im jüdischen Milieu hing der Glaube an Jesus als den Messias von einer Vision ab, in der Jesus als der Auferstandene seinen sehnsüchtigen Jüngern in der Herrlichkeit erschien; die zweite Stufe trat ein, als die Hoffnung, die sein angebliches Wiedererscheinen erweckte, auf hellenistischen Boden getragen wurde, wo eine zweite und sehr viel tiefergreifende Umwandlung vor sich gehen mußte, da die messianische Hoffnung der Juden für Heiden keine Bedeutung besaß.

Während bei den Juden die schmähliche Tragödie des Kreuzes ausgeglichen wurde durch die Auferstehung Jesu in

der Herrlichkeit, verlangte indessen die Erhöhung Jesu, die in der heidnischen Welt vor sich ging, daß das Drama des Todes Jesu weit stärker aufgewertet und ausgeschmückt wurde, damit es in die Theorie paßte, die sich mit der Erhöhung entwickelte.

Die konvulsive Natur dieser Umwandlung tritt vielleicht am deutlichsten in der Psychologie des Paulus zutage. Gewiß wäre selbst eine versuchsweise Analyse seines Charakters zwecklos, aber die bewegende Kraft in seiner ganzen Laufbahn kann nirgend anderswo gefunden werden als in der überstarken Spannung zwischen seinem jüdischen Monotheismus und der Anziehungskraft der heidnischen Mysterien auf sein Gemüt. Seine Feindschaft gegen den sich heranbildenden Kult der Anbetung eines Mitmenschen als Heiland - sofern er diese Feindschaft nicht überbetont hat, um aus dem Gegensatz zugunsten einer späteren Polemik Kapital zu schlagen - muß gerade wegen ihrer Übertriebenheit als Widerspiegelung einer uneingestandenen Hinneigung gedeutet werden.

Die unerträgliche Spannung zwischen beidem mag sich gleich einer Explosion entladen haben als er plötzlich die Möglichkeit erkannte, beides zu haben - die Faszination zu behalten, die in der mystischen Vereinigung mit einer greifbaren Gottheit liegt und zugleich nicht den Anschein zu erwecken, die Vorrechte Jahwes, des einen Gottes, zu schmälern.

Die Vision des auferstandenen Christus, die Paulus auf dem Weg nach Damaskus hatte, mag also eine Erinnerung nicht an eine historische, sondern an eine psychologische Tatsache sein: Der auferstandene Christus erwies sich als eine mächtige Kraft für diese dramatische Synthese von jüdischem Monotheismus und heidnischer Götzenanbetung.

Der Begriff eines Gottesmenschen, der als Sündenbock für die ganze Menschheit diente und für die Heiden nach dem Modell der ihnen vertrauten Mysterien geformt war, bildet den Ausgangspunkt der Entstehung des Christentums.

Die geistigen Nöte des Paulus führten ihn zur Lösung seiner persönlichen Spannungen durch eine Konzeption, die zugleich neu und unerhört einfach war: Der Herr war gestorben, predigte Paulus,

weil er es so gewollt hatte; und er hatte es so gewollt aufgrund eines göttlichen Planes.

An sich ist diese Vorstellung vielleicht als ein Nachhall der jüdischen Gewohnheit anzusehen, Trost aus dem Unheil zu schöpfen. Sobald aber diese einfache und doch inhaltsschwere Idee unter den Heiden zu keimen begonnen hatte, war die jüdische Motivation unerheblich. Sie wuchs im Ausland aus eigener Kraft.

Sobald sie in Umlauf gesetzt war, mußte der abstoßendste und faszinierendste Aspekt der Kreuzigung - ihre Schändlichkeit wie ihre Grausamkeit - vermöge der dynamischen Dialektik, die in ihrer Konzeption lag, eine Konzeption des ganzen göttlichen Dramas hervorbringen, die nicht hätte exaltierter sein können: Um die in höchstem Grad transzendenten und herrlichen Aspekte des göttlichen Planes zu unterstreichen, hatte der Herr und Heiland des Universums natürlich die gemeinste, die schrecklichste, die abstoßendste aller Todesarten gewählt.

Während also die fundamentale paulinische Lehre die charakteristische Struktur anderer Mysterien der damaligen Zeit beibehielt, mit denen sich Paulus und seine Anhänger im Wettstreit fühlten, trug sie ein Element echter Originalität bei, nicht notwendigerweise aus dem Grund irgendeines Genies, sondern weil die Assimilierung der historischen Kreuzigung danach verlangte, das unlösbare Problem des ursprünglichen jüdischen Glaubens an einen Messias, der in der Tat gescheitert war, gewaltsam zu lösen.

Wir können sehen, wie unvermeidlich der Bruch mit dem Judentum war. Der Paulinismus war im Grunde eine alte heidnische Mysterienreligion, der man moderne Formen gegeben, die man demokratisiert, erhöht, vertieft und dramatisiert hatte. Er war die Creme der Mysterien, wenn man so sagen will - ein Supermysterium.

Nachdem er die Hauptzüge der Mysterien absorbiert hatte, gab er dem äußerst dramatischen Symbol der erlösenden Kreuzigung eine besondere mystische Kraft durch die Lokalisierung in Raum und Zeit. Indem er das tat, mußte er Jesus in den Status einer Gottheit erheben, anders hätte die Kreuzigung ihren eigentlichen Wert nicht besessen.

Die Einsetzung Jesu an Jahwes Statt geht deutlich aus der folgenden Stelle hervor: »Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, -daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes, des Vaters« (Philipper 29-11).

Der Schlüsselsatz ist, daß »sich aller derer Kniee beugen«, was natürlich auf die Ehrerbietung hinweist, die bisher ein Vorrecht Jahwes war (Jesaja 45,23). Die Stelle ist aufschlußreich, weil die Ersetzung noch unvollständig ist, und in der Gegenüberstellung Gottes mit dem Namen, »der über alle Namen ist«, erhalten wir einen Einblick in den Prozeß auf dem Höhepunkt seiner Verwirrung.

Die Vergöttlichung Jesu verlangte selbstverständlich die Abschaffung des jüdischen Zeremoniells, das sinnlos geworden war, sobald die Kreuzigung den Brennpunkt des neuen Kults bildete. Das jüdische Gesetz mußte verworfen werden, wenn die Kreuzigung irgendeinen Heilswert besitzen sollte: »Daß aber durchs Gesetz niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar ... Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns (denn es steht geschrieben: Verflucht ist jedermann, der am Holz hängt!'), auf daß der Segen Abrahams unter die Heiden käme in Christo Jesu und wir also den verheißenen Geist empfingen durch den Glauben« (Galater 3,11-14).

»So bestehet nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, und lasset euch nicht wiederum in das knechtliche Joch fangen. Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wo ihr euch beschneiden lasset, so nützt euch Christus nichts« (Galater 5,1-2).

Wir sind weltweit von Jesus entfernt. Wenn Jesus kam, nur um »das Gesetz oder die Propheten ... zu erfüllen«,

wenn er glaubte, daß »nicht der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz zergehen« werde, daß das Hauptgebot laute: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Herr«, und daß »niemand ist gut denn der einige Gott«,

wenn er sich selbst ansah als gesandt »nur zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israel« und es für »nicht fein« hielt, »daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde«,

wenn er allein aus Verzweiflung darüber, daß die Errichtung des Reiches Gottes nicht durch göttliche Intervention geschah, zur Tat schritt und die Herren dieser Welt mit Gewalt angriff,

wenn seine Unternehmung scheiterte und er als Rebell gegen den Staat hingerichtet wurde was hätte er von dem Werk des Paulus gehalten!

Der Triumph des Paulus bedeutete die endgültige Auslöschung des historischen Jesus; der historische Jesus ist auf uns gekommen eingeschlossen im Christentum wie eine Mücke im Bernstein.

Der neue Glaube, getragen von der erfolgreichen Synthese des Paulinismus, entfernte sich rasch von der Religion seines angeblichen Gründers. Sosehr er dem Wesen nach heidnisch war, behielt er drei jüdische Züge bei, die als verdichtende Faktoren zu seiner Stoßkraft beitrugen.

Der erste Zug war das monotheistische Erbe. Während Jesus, indem er zur Achse der sich ausdehnenden Christologie wurde, als unmittelbarer Gegenstand der Verehrung und des Gefühls an die Stelle Jahwes trat, ersetzte er ihn in der paulinischen Theologie niemals im eigentlichen Sinn, sondern blieb hier auf eine wirre und unerklärbare Weise etwas untergeordnet (was später durch das Dogma von der Trinität gelöst werden sollte).

Andererseits bedeutete gerade die Tatsache der Erhöhung Jesu zu Gott hin, daß der gläubige Christ - im Gegensatz zum Adepten der Mysterien, der, nachdem er die magischen Riten der Kommunion vollzogen hatte, ein Attis oder ein Osiris wurde - nicht im Traum daran denken konnte, selbst ein Christus geworden zu sein. -

In den Mysterien wird die Substanz der Gottheit vom Gläubigen zu sich genommen, der damit für diesen Augenblick zur Gottheit wird. Im Christentum wird der Gläubige von der Gottheit absorbiert: Er »gehört Christus an«.

Auf andere Weise könnte man sagen: Während der jüdische Monotheismus Jesus etwas tiefer stellte als den Begriff von Gott, stellte die heidnische Erhöhung dagegen Jesus etwas höher, als das Verständnis derer, die an ihn glaubten, reichte. Das Christentum schloß einen Kompromiß zwischen den allesumfassenden Ansprüchen des alten körperlosen Jahwe und der bequemen Zugänglichkeit der heidnischen Gottheiten.

Das paulinische Denken dehnte den sozialethischen Inhalt des Judentums auf den neuen Glauben aus; Paulus bestand mit weit größerem Nachdruck auf der Schaffung seiner Körperschaft der Gläubigen, als es die Mysterien mit ihren Bruderschaften von Anhängern taten.

Für Paulus besaß die Kirche eine reale Existenz: Sie war eine echte Ganzheit, mystisch gegründet auf die Kommunion der Gläubigen »im Herrn«. Denkt man an die katholische Kirche, so darf man sogar sagen, daß es die Kirche ist, die mystisch von dem ihr innewohnenden Christus eingesetzte und geeinte Kirche, die den Gegenstand der Anbetung bildet.

Christus wird von dem Gläubigen durch Vermittlung der Kirche verstanden, die nicht nur der einzige Weg des Ausdrucks der Religion ist, die alleinige Auslegerin der Texte, sondern tatsächlich ein Körper, mit Jesus als Haupt.

Darüber hinaus lebte die jüdische Ethik im Christentum fort, nicht nur in dem Sinne, daß die ethische Substanz des Judentums, die des Pentateuch und der Propheten, ja des ganzen Alten Testaments, in die neue Religion überging, sondern auch, weil der neue Kult im Gegensatz zu den Mysterien sich nicht mit der bloßen Tatsache der heilbringenden Verbindung des Gläubigen mit der Gottheit zufriedengab.

Er bestand auf der Schaffung eines völlig neuen persönlichen Lebens im Einklang mit dem Leben der ganzen Menschheit und des Kosmos. In den Mysterien konnte sich der Gläubige von allem Zwang befreit ansehen, der noch auf den Außenstehenden lastete. Im paulinischen Christentum hingegen hatte das neue Leben »im Herrn« ein ganzes Reglement strikter moralischer Verpflichtungen zur Folge, dem der Außenstehende nicht nachkommen konnte.

Der jüdische Zug jedoch, der sich bei der Ausbreitung des neuen Kultes als wirksamster erweisen sollte, war die grundsätzliche Intoleranz, die für den gesetzestreuen Monotheismus charakteristisch ist. Den heidnischen Mysterien genügte es vollkommen, Seite an Seite zu leben, trotz der sich gegenseitig ausschließenden Ansprüche, die vom rein logischen Standpunkt die Nichtigkeit der Rivalen bedeutet hätten.

Im Falle des Christentums aber wurde die reine Logik unterstützt von einem tiefen Gefühl der Einzigartigkeit: Was das Christentum völlig unnachgiebig gegen Rivalen machte, war die Selbstgerechtigkeit des Gefühls derer, die an den einen wahren Gott Jahwe glaubten.

Ohne Zweifel hatte Paulus sie zusammen mit den anderen jüdischen Wesenszügen geerbt und auf den neuen Glauben übertragen. Es konnte keine Rede davon sein, daß hier lediglich ein neues Mysterium neben anderen auftrat: Die Verkünder des neuen Glaubens mußten auf der völligen Ausschaltung aller »falschen Mysterien« beharren, die vom Teufel waren und gegen die Rechte des neuen Herrn des Kosmos verstießen.

Paulus erfüllte zwar den neuen Kult mit der sozialen Ethik des Judentums und vor allem mit der für das Judentum charakteristischen Zielbewußtheit, und er erklärte ihn zum Geburtsrecht jedes Menschen unabhängig vom jüdischen Gesetz, er machte ihn aber auch. absolut exklusiv: Indem er seinen gefühlshaften und logischen Wert verabsolutierte, entzog er den Mysterien, die sich so gut miteinander vertragen hatten, den Boden.

Der Zug des neuen Glaubens aber, der am stärksten jüdisch war, nicht so sehr in seiner Struktur als in dem, was man seine Verankerung nennen könnte, war, wie bereits angedeutet, seine Geschichtlichkeit.

Die jüdische Offenbarung ist im Gegensatz zu den zeitlosen Phantasien des Heidentums, das an die ewige Einhelligkeit der Natur gebunden war, wesentlich eine Geschichtsbetrachtung. Die verschiedenen Bünde zwischen dem jüdischen Volk und Jahwe wurden als Ereignisse des - realen Lebens angesehen, die zu gewissen Zeiten zwischen bestimmten Individuen und einem

Gott geschahen, der sich auf reale Weise in einer realen Welt manifestiert hatte. Die Geschichte als solche war nur sinnvoll, weil sie die Manifestation des göttlichen Willens darstellte. Dadurch wurde sie erst eigentlich zur Geschichte und nicht zu einer sinnlos trivialen Chronik, die bedeutungslos war wie eine Klatschspalte.

Das Christentum übernahm vom Judentum diesen Begriff des eigentlichen Sinngehaltes der Geschichte als Offenbarung des göttlichen Willens, und übernahm damit dessen dynamische Verschmelzung transzendenter und historischer Ereignisse.

Aber es tat etwas noch weit Revolutionäreres, das sich in seiner engen Verbindung von Tatsache und Symbol als überaus zwingend erweisen sollte.

Ausgehend vom Geschichtsbewußtsein des Judentums, intensivierte Paulus

den Schauer der Kommunion mit der auferstandenen Gottheit durch die Behauptung, die Erlösung sei ebensosehr eine Wirklichkeit wie die Kreuzigung, beides sei in der Tat ein identischer Akt.

Er verstärkte nicht nur, was in den heidnischen Kulturen fließende Spekulation war, durch diesen emotional verdichteten Ritus. Mit der Behauptung, das göttliche Drama habe tatsächlich an einem bestimmten Punkt in Zeit und Raum stattgefunden, verlieh er auch dem neuen Kult die unbestreitbare Überlegenheit eines authentischen Ereignisses.

Damit kehrte der Paulinismus unter anderem auch die jüdische religiöse Erfahrung um.

Das Judentum nahm etwas, das sich in der Geschichte ereignet hatte - die

Evolution des jüdischen Monotheismus -, und mythisierte es, indem es seine symbolische Bedeutung in der biblischen Erzählung personifizierte.

Das Christentum tat das Gegenteil Es griff einen Mythos auf und behauptete, er habe sich tatsächlich ereignet.

Das Christentum, das gezwungen war, die unverdauliche Hinrichtung Jesu zu verdauen und dieses Lebensfaktum zu assimilieren, ließ es natürlich nicht bei einer rein historischen Tatsache bewenden, die leblos und sinnlos war; sie erhob sie ins Transzendente:

Und durch die gleichzeitige Behauptung, daß sich der Mythos tatsächlich ereignet habe, verlieh sie diesem das wichtigste Element, das ein, Mythos haben kann - die Versicherung, daß er ein Faktum sei.

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»Ereignis des realen Lebens«

Kreuzigung Jesu*: »Brennpunkt des neuen Glaubens«

* Ausschnitt aus einem Gemälde des holländischen Malers Dierick Bouts (15. Jahrhundert).

* Illustration aus einer Handschrift des 12. Jahrhunderts.

* Gemälde von Lukas Cranach dem Älteren (1472 bis 1553).

* Relief an der Triumphsäule im Hildesheimer Dom: Die orthodoxen Juden wollten Paulus töten, nachdem sich der Apostel, der zuvor als Saulus die Christen verfolgt hatte, selbst taufen ließ. Anhänger des Apostels ließen Paulus in einem Korb über die Stadtmauer von Damaskus hinab, um ihn vor dem Zugriff der Juden zu retten.

* Holzschnitt von Albrecht Dürer.

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