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»JESUS SUCHTE DIE ENTSCHEIDUNG«

aus DER SPIEGEL 10/1966

Der Entschluß, nach Jerusalem zu ziehen, ist fraglos die entscheidende Wende in Jesu Geschichte. Man darf ihn freilich nicht sofort im Sinne der späteren Überlieferung verstehen, als habe Jesus in Jerusalem nur seinen Tod gesucht. So erscheint es nach den wiederholten Leidens- und Auferstehungsweissagungen (Markus 8,31; 9,31; 10,33 f.). Sie sind deutlich erst im Rückblick auf seine Passion formuliert, um Jesu wunderbares Vorauswissen der kommenden Ereignisse und den geheimnisvollen Ratschluß Gottes, der in ihnen waltet, zu bekunden. Besonders die dritte Weissagung ist zu einem ganzen Summarium der Passions- und Ostergeschichte ausgestaltet.

Der Grund für Jesu Zug nach Jerusalem, den er mit seinen Jüngern antritt, kann nicht zweifelhaft sein. Es galt, die Botschaft der kommenden Gottesherrschaft nun auch in Jerusalem, das Jesus selbst als Gottes Stadt, »die Stadt des großen Königs«, bezeichnet hatte (Matthäus 5,35), auszurichten. Wie für jeden Juden ist also auch für Jesus Jerusalem nicht nur Landeshauptstadt, sondern der Ort, mit dem in besonderer Weise das Schicksal Israels verknüpft ist.

Daß dieser Weg in neue, schwere Kämpfe mit den geistlichen und weltlichen Machthabern hineinführen und Jesus mit der bestimmten Möglichkeit seines gewaltsamen Endes rechnen mußte, haben wir keinen Anlaß zu bezweifeln, so berechtigte Gründe bestehen, die historische Echtheit der Leidens- und Auferstehungsweissagungen im einzelnen anzufechten. Von welchem Augenblick an diese Bereitschaft, auch den Tod auf sich zu nehmen, die Jesus ja auch von seinen Jüngern forderte, zur Gewißheit seines bevorstehenden Endes wurde, lassen die Quellen nicht mehr sicher erkennen. Zunächst aber dürfen wir annehmen, daß Jesu Weg nach Jerusalem vor allem den Sinn hatte, das Volk hier in der heiligen Stadt vor die Botschaft vom Reiche Gottes zu stellen und in letzter Stunde zur Entscheidung zu rufen. Ausdrücklich sagt Lukas an mehreren Stellen (19,11; 24,21; Apostelgeschichte 1,6), daß für die Jünger sich mit diesem Zuge die Hoffnung verband, nun werde das Reich Gottes erscheinen ... Außer Zweifel steht, daß Jesus erst bei seinem Zug ... nach Jerusalem und zum Tempel die letzte Entscheidung gesucht hat ...

Zu dieser letzten Geschichte Jesu gehört bereits sein Einzug in Jerusalem im Kreis seiner Anhänger (Markus 11,1 ff.). Es ist die Zeit des Passahs, wo riesige Pilgerscharen zur Feier der Rettung des Volkes aus Ägypten in der heiligen Stadt zusammenströmen und eschatologische Hoffnungen, wie wir auch aus späteren Zeugnissen wissen, in besonderer Weise lebendig waren. Die

Erwartung der kommenden Gottesherrschaft erfüllt auch Jesus und seine Begleiter, die ihn, den Propheten aus Galiläa, mit jubelndem Zuruf als den Messias feiern.

Wieweit Jesus selbst diesen Zug als Demonstration seiner Messiaswürde gemeint hat, mag umstritten bleiben ... Indessen, wenn man auch hier den späteren Glauben der Jünger in Rechnung stellt, denen der tiefere Sinn des Geschehens erst aufging, »als Jesus verherrlicht war' (Johannes 12,16), sicher ist doch schon dieser Einzug Jesu mit seinen Anhängern nicht ohne seinen machtvollen Anspruch zu denken, daß mit seinem Wort das Gottesreich anbricht und an ihm selbst die letzte Entscheidung fällt.

Der Kampf gegen die geistlichen Führer des Volkes war damit von ihm selbst eröffnet. Das bekundet auch die Tempelreinigung (Markus 11,15 ff.), die diesem Einzuge folgt, auch sie bald, wie die Darstellung bei Johannes zeigt (2,13 ff.), von der deutschen Überlieferung gleichsam messianisch »überbelichtet«. Und doch ist sie schon nach dem Bericht der Synoptiker mehr als eine reformatorische Tat, die nur dem Gottesdienst im Tempel seine Reinheit wiedergeben soll.

Das Bild, das sich Jesus im Vorhof des Tempels bot, war für keinen Juden besonders anstößig. Es entspricht dem Treiben, das heute noch zu allen Wallfahrten gehört. Krämer und Geldwechsler machen ihre Geschäfte, bieten Opfertiere an und tauschen das fremde Geld der Pilger in althebräische oder phönizische Währung, die für Handel und Tempelsteuer vorgeschrieben war. Daß die heiligen Bereiche des Tempels davon nicht berührt wurden, dafür war ja gesorgt.

Aber Jesus macht mit geschwungener Geißel diesem Treiben ein Ende und reinigt das Heiligtum für den Anspruch der Gottesherrschaft. Man darf auch hier diesen eigentlichen Horizont des Geschehens nicht außer acht lassen noch den Anspruch, der diese Tat begründet. Durchaus sinngemäß verbinden alle Evangelien darum mit der Geschichte der Tempelreinigung das Kampfgespräch Jesu mit den Oberen des Volkes über die »Vollmacht«, die ihn zu solcher Tat berechtigt (Markus 11,27 ff.).

Fragen wir hier ... weiter nach dem Ablauf der Ereignisse, so darf man mit Sicherheit annehmen, daß die jüdische Behörde vor allem durch die sie herausfordernden Szenen beim Einzug und im Tempel sich zum Einschreiten veranlaßt sah. Jesu starke Wirkung auf das Volk mag der Grund dafür gewesen sein, daß die jüdische Obrigkeit nicht sofort zuschlug (Matthäus 21,14 ff.; Lukas 19,47 f.; Johannes 12,19). Aber schnelles Handeln schien ihnen geboten - noch vor dem Fest, »damit kein Aufruhr des Volkes entstehe« (Markus 14,2).

* Aus »Jesus von Nazareth« (Urban-Bücher Nr. 19). Kohlhammer Verlag, Stuttgart.

Bornkamm

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