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»JETZT HAB ICHS IHNEN MAL GESAGT«

aus DER SPIEGEL 8/1968

Frau Ilse Heß, 9. Dezember 1933.

Verehrtester aller Polizeipräsidenten!

Sie haben die gewiß lobenswerte Angewohnheit, durch die Objekte Ihres unerforschlichen Willens die Feinde des Vaterlandes zu überwachen, so z. B. am Telephon. Warum aber, Hochzuverehrender, überwachen Sie auch Männer wie z. B. brave Minister, verärgern selbige und ihr ganzes Haus mit lächerlichen Überwachungsgeräuschen im Telephon, lassen ihre Organe nicht einmal die Überwachung beenden, wenn man harmlose Gespräche über Weihnachtsplätzlerezepte führt, oder wenn die Frau Reichsminister mit ihrer kranken Mutter ein rein kindliches Gespräch tätigt???!

Sollte es für die Sicherheit des Vaterlands aus, für vom lieben Gott mit Verstand nicht gesegnete Frauen, unerforschlichen Gründen nötig sein, diese Überwachung auch bei braven Reichsministern durchzuführen, wäre es dann nicht möglich, selbiges störungslos vor sich gehen zu lassen? ...

So, Hochzuverehrender, jetzt hab' ich's Ihnen mal gesagt!!! Aber Scherz beiseite, lieber Herr Himmler, vielleicht sind Sie auch gar nicht der Übeltäter, vielleicht horchen Sie uns gar nicht ab ... Unsere Anlage ist doch von Siemens eingerichtet, und ich werde das verdammte Gefühl nicht los, daß wir eine Abhörvorrichtung drinhaben

*

An Frau Ilse Hell, 7. April 1934. Verehrte, liebe Frau Hell!

Erst heute komme ich dazu, auf Ihren vorwurfsvollen und trotzdem so freundlichen Brief ... zu antworten. Sollten Sie noch immer das Gefühl haben, daß bei Ihnen abgehorcht wird, so kann ich, was ja selbstverständlich ist, nur erneut die Versicherung abgeben, daß wir, die Politische Polizei, es nicht sind.

*

An SS-Obergruppenführer Richard Walther Darré, 7. Mai 1936.

Ich bitte, die Ahnentafel der Frau des Generals Ludendorff ... einer eingehenden Nachprüfung unterziehen zu lassen ... Ich vermute sehr stark, daß in der Ahnentafel irgendwelche jüdischen Blutstelle auftreten werden, da sonst die Rabulistik dieser Frau, die bezeichnenderweise in ihren jüngeren Jahren eine sehr tätige internationale Pazifistin in der Schweiz war, sowie ihr ganzes anormales persönliches und sexuelles Leben nicht erklärlich wären. Wenn ich je glaubte, daß die Freimaurerei bestimmte Leute abschickt, um andere zu verderben, so glaube ich in diesem Falle ... daß sie geschickt worden ist, den General Ludendorff zu verderben.

*

Reichsstelle für Sippenforschung, 10. November 1936.

Im Nachgang zu meinem Bericht vom 23. Juli ds. Js. übersende ich die im Sinne der Partei aufgestellte Ahnentafel der Mathilde Spieß, jetzt Frau des Generals Ludendorff. Ein jüdischer Bluteinschlag konnte nicht festgestellt werden. Dagegen ist es auffällig, daß.., unter den Vorfahren nicht weniger als neun Theologen erscheinen. Eine entsprechende Schlußfolgerung ist damit ohne weiteres gegeben.

* Ehefrau des Hitler-Stellvertreters und Reichsministers Rudolf Heß.

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