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UGANDA Jetzt, jetzt, jetzt

Die Mehrheit der sexuell aktiven Einwohner in der Hauptstadt könnte in fünf Jahren von Aids infiziert sein. Deshalb stellte Uganda ein beispielloses Anti-Aids-Programm auf. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Kyotera ist ein Ort wie viele andere im Busch Ugandas: Lehmhütten mit einem hölzernen Vordach, eine schlecht asphaltierte Straße, eine Tankstelle, aus deren Zapfsäulen das Benzin bei Stromausfall mit der Hand gepumpt wird, und das ist häufig der Fall.

Nachmittags stehen die Männer auf den Terrassen, palavern, spielen oder beobachten die Sturzbäche rotbraunen Regenwassers, das die Wege herunterschießt. In den Häusern bereiten die Frauen das landesübliche Abendessen Matoke, grüne Kochbananen.

Der Schein des ärmlichen, aber beschaulichen Lebens in der Provinz Rakai im Südwesten Ugandas trügt. Tod und Trauer sind in den Ort eingezogen. »In jeder Woche«, berichtet der stellvertretende Verwaltungschef Mike Ssenjondo, 34, »begraben wir drei unserer Bürger.« Todesursache: Aids oder »slim disease«, die Magerkrankheit, wie die Ugander die Seuche nennen.

Jede Familie in Kyotera, sagt Ssenjondo, hat bislang mindestens einen Aids-Toten zu beklagen, insgesamt ein Viertel des 13000-Einwohner-Städtchens in der Nähe des Viktoriasees ist infiziert. Ssenjondo, der in einer Baracke unter dem Porträt des seit 1986 amtierenden Staatspräsidenten Yoweri Museveni arbeitet, hat selbst seinen älteren Bruder verloren. Auch der lokale Hexendoktor liegt mittlerweile unter der roten Erde.

Kyotera war lange Zeit ein übervölkerter Sündenpfuhl an der großen Überland-Lkw-Route durch Ostafrika, die Tansania, Uganda und Kenia verbindet. Müde Trucker, schräge Schmuggler und reiche Dealer aus den Nachbarstaaten suchten hier, etwa im »Equator Rest House«, Entspannung - willkommene Chance für ugandische Mädchen, durch Liebesdienst die Barschaft aufzubessern. 1982 tauchte Aids in Kyotera auf.

Zum erstenmal war die Seuche in Uganda im 70 Kilometer entfernten Fischerort Kasensero am Viktoriasee durch den Bezirksarzt Anthony Lwegaba entdeckt worden, der sich mittlerweile von einem kleinen Hinterhofzimmer in Masaka aus nur noch mit der Aids-Bekämpfung im Rakai-Distrikt befaßt. Auch in Kasensero blühte lange Jahre die Prostitution.

Eine Erklärung für die Krankheit fand die Bevölkerung schnell - die Spur führte zu den Tansaniern, die 1979 in Uganda zwar das Regime des blutrünstigen Diktators Idi Amin gewaltsam beendeten, aber die Befreiten durch Plünderung und Vergewaltigung drangsalierten.

Betrügerische Händler aus dem Nachbarland und ihre nicht minder unehrlichen ugandischen Partner, so eine Version, erhielten nun Gottes grausame, aber gerechte Strafe - den Tod.

Als sich allerdings die Zahl der Toten häufte, fiel die Theorie in sich zusammen. Doch die Einwohner ließen tansanische Lkw-Fahrer, Händler und Schmuggler nicht mehr in ihren Ort.

Mittlerweile haben die meisten Bürger Kyoteras eingesehen, daß »slim disease« nicht durch Verbannung der Tansanier aufzuhalten ist, sondern nur durch einen anderen Lebenswandel. Die Zahl der leichten Mädchen ist kleiner geworden, »eine Menge Vergnügen ist verschwunden«, sagt Ssenjondo.

Nach seinem Eindruck wechseln die Einwohner auch nicht mehr so häufig den Partner wie früher üblich. Allerdings gebe es ein paar infizierte »ungezogene Jungs«, die sich trotz aller Mahnungen weiter eifrig sexuelle Kontakte suchten: »Sie wollen nicht allein sterben.«

Anzeichen für verändertes Bewußtsein ist der gestiegene Absatz der ehedem verachteten Kondome, die Apothekerin Felicitas Nsamba in ihrem kleinen Laden verkauft. Bei Bedarf erklärt sie,

früher für eine Frau im tief religiösen Uganda eine Todsünde, wie die roten, gelben und blauen Dinger der amerikanischen Marke »Tahiti« zu benutzen sind.

Der Vorrat geht langsam zur Neige. In ihrem Schrank hat Frau Nsamba nur noch einen Pappkarton mit einigen Packungen. Der Preis: fünf ugandische Shilling pro Stück - eine Menge Geld in einem Land, wo der Chefarzt eines Krankenhauses nur 900 Shilling im Monat verdient und der Staat gerade per Währungsreform 30 Prozent vom eingetauschten Geld kassiert hat.

Die Einwohner murren denn auch über den hohen Preis. Sie würden, sagt einer, die Präservative lieber gratis erhalten, und dahin könnte es bald kommen.

Mit Hilfe der Weltgesundheitsorganisation WHO und zehn europäischer Staaten, die über sechs Millionen Dollar stiften, hat die ugandische Regierung nun ein Anti-Aids-Programm gestartet, das in Afrika vorerst beispiellos ist.

Bislang versuchen die afrikanischen Staaten die Seuche offiziell herunterzuspielen. Nachbar Kenia etwa fürchtet um den Touristen-Strom aus Europa. Der WHO-Spezialist für Epidemien in Kampala, der Pole Wirsky: »Wir können jetzt die psychologische Barriere in Afrika durchbrechen . »

Die Hilfe wird dringend benötigt: Die Daten in dem ostafrikanischen Staat sind dramatisch.

Gesundheitsminister Ruhubana Rugunda gab Mitte Mai bekannt, daß 1388 Ugander an Aids gestorben seien - was ausländische Ärzte für weit untertrieben halten. Allein im am schlimmsten betroffenen Rakai-Distrikt an der Grenze Tansanias dürften über 2000 Menschen gestorben sein.

Systematisch erfaßt werden Aids-Kranke nur in 5 der 81 ugandischen Hospitaler, 3 davon in Kampala. Das Krankenhaus von Jinja östlich der Hauptstadt, das seit Januar eine Aids-Statistik unter den Patienten führt, meldete bis Mai schon 150 Fälle. Der zuständige Ministerialbeamte Samuel Okware: »Das ist nur die Spitze des Eisbergs.«

Alarmierend ist die Lage vor allem in Kampala. Deneit sind dort nach offiziellen Angaben zehn Prozent aller sexuell aktiven Erwachsenen zwischen 15 und 45 mit dem HlV-Virus infiziert, laut Gesundheitsministerium wird sich die Rate bei gleichbleibenden Bedingungen schon in »zwei Jahren oder sogar weniger« verdoppelt haben.

Unter den Blutspendern waren in der Hauptstadt 14 Prozent HIV-positiv sowie 13 Prozent der untersuchten schwangeren Frauen. Bei den Prostituierten liegt die Rate der Infizierten gar bei 80 Prozent.

Wenn sich die Verhältnisse nicht änderten, heißt es in einem vertraulichen Regierungspapier, werde in fünf bis sechs Jahren »eine Mehrheit der sexuell aktiven Bevölkerung in der Hauptstadt« angesteckt sein.

Zunächst soll ein Notprogramm greifen. WHO und EG schaffen in der nächsten Zeit 2,5 Millionen Kondome ins Land, 2 Millionen wurden bereits in den ländlichen Gesundheitszentren verteilt. Jeder Student der Makerere-Universität in Kampala erhielt zum vorigen Semesterbeginn ein Päckchen mit 200 Präservativen.

Zu den dringenden Maßnahmen gehört auch der Import von Einweg-Flaschen für Blutkonserven. Handschuhe für medizinisches Personal, 1000 Sterilisiergeräte sowie fünf Analysegeräte zur Suche nach dem HIV-Virus. Bislang sind nur drei Krankenhäuser in Kampala in der Lage, Blut auf das Virus zu testen.

In einer zweiten Phase sollen zuverlässige statistische Daten über die Zahl der Aidskranken, über die Sexualpraktiken und die Zahl der Sexualkontakte gesammelt werden. Zum Programm gehören die Erneuerung der Zentralen Blutbank in Kampala sowie des in den Kriegswirren zusammengebrochenen Virus-Forschungszentrums.

Den größten Part macht die Propaganda aus. Plakate und Werbespots in Fernsehen und Radio sowie Aufklärungsveranstaltungen vor Ort und in den Schulen sollen die Bürger zur Zurückhaltung bei der Liebe ermahnen.

Schon jetzt hängen in Kampala und an der Handelsstraße am Viktoriasee, wo sich Fernfahrer und Barmädchen in Etablissements wie »Arizonabar« oder »Hawaii Night Center« vergnügen, Plakate mit einem roten Herzen und dem Motto: »Liebe vorsichtig.«

Text: »Dein nächster Sexualpartner könnte eine ganz besondere Person sein. Nämlich jene, von der du Aids bekommst. »

Broschüren mahnen: »Hab weniger Sex« und, als ob das so leicht wäre, »Vermeide medizinische Betreuung durch unqualifiziertes Personal.« Das Fernsehen, das nur rund sieben Prozent der 15 Millionen Ugander erreicht, strahlt warnende Spots aus.

Szene: In einer Bar flirtet ein Mann mit einer jungen Dame. Seine Frau fährt dazwischen: »Was machst du mit diesem elenden Weibsstück. Du solltest bei einer bleiben.« Der verhinderte Sünder trollt sich reumütig mit seiner Gattin. Ein anderer Ugander ruft entsetzt aus, er gehe zum Gesundheitszentrum, um sich zu informieren: »Jetzt, jetzt, jetzt.«

Die Behörden melden erste Erfolge ihrer Propaganda-Offensive. Ugander würden, meint Patrick Kadama vom Aids-Referat des Gesundheitsministeriums, nicht mehr so häufig ihre Partner wechseln. Auch die Zahl der Prostituierten sei gefallen.

Bevor die Regierung Museveni aktiv wurde, entwickelten ausländische und einheimische Mediziner eigene Strategien in der Aids-Behandlung. Im Mary St. Joseph Hospital in Masaka, Verwaltungszentrum des Rakai-Bezirks, behandeln irische Ordensschwestern Aids-Kranke zu Hause und versuchen gleichzeitig die Angehörigen zu beraten.

Die Mediziner des deutschen Notärzte-Teams im Nakaseke-Hospital, 70 Kilometer nördlich von Kampala im einst schwer umkämpften Luwero-Dreieck gelegen, zapften allen Angestellten des Krankenhauses Blut ab und ließen es

in Kampala nach dem HIV-Virus untersuchen, um für den Notfall »lebendige Konserven« zu haben, wie Ärztin Birgit Lamm aus Cuxhaven meint. Resultat: 5 der 50 Angestellten waren positiv.

Die Notärzte haben zudem 200000 Kondome geordert, die sie im Krankenhaus verteilen wollen. Gleichwohl sind sie skeptisch, daß Patienten und Angestellte die Präservative verwenden werden, weil sie nach wie vor als Zeichen des Mißtrauens gegenüber dem Partner gelten. Birgit Lamm: »Es ist schwer, ins Sexualleben einzugreifen. Die halten uns für verklemmt.«

Aber auch die Ugander zweifeln am Erfolg ihrer Aufklärungskampagne. Es sei in der Bevölkerung noch immer nicht akzeptiert, so ein vertrauliches Regierungspapier, daß der Aids-Virus durch normale sexuelle Kontakte übertragen werde. Der Ministerialbeamte Kadama: »Die Leute glauben das nicht.«

Zudem gibt es vor allem viele junge Frauen, die Aufklärungsmaterial gar nicht lesen können, und schließlich religiöse Vorbehalte. Konservative Geistliche, furchtet das Gesundheitsministerium, sahen Kondome als verbotenes Mittel zur Geburtenkontrolle an und nicht als Schutz gegen eine tödliche Infektion. Diese Leute könnten die Aufklärungskampagne um den Erfolg bringen.

Daß die ugandische Führung die Seuche energisch bekämpfen will, ist nicht zuletzt mit der Furcht begründet, das Virus könne die besten Bürger des Landes hinwegraffen und die durch jahrelangen Bürgerkrieg ohnehin marode Wirtschaft endgültig ruinieren. Präsident Museveni verlor bereits nahe Vertraute und Mitstreiter aus der Kampfzeit im Busch - etwa den Verwaltungschef des Rakai-Bezirks, Bob Kajoro, unverheirateter Vater zweier Kinder.

Auch militärisch drohen schlimme Konsequenzen. Noch immer ist Musevenis Nationale Widerstandsarmee mit den Rebellen der vertriebenen Vorgänger Amin, Milton Obote und Tito Okello im Norden des Landes nicht fertig geworden.

Kubanische Ärzte sollen bei einer Reihenuntersuchung der Truppe eine überdurchschnittlich hohe Zahl infizierter Soldaten und Offiziere entdeckt haben.

Das erklärt wohl auch die Empfindlichkeit, mit der ugandische Beamte zuweilen auf ausländische Berichte reagieren. So wies die neue Regierung jüngst den britischen Arzt Wilson Carswell, Chefchirurg des Mulago-Hospitals in Kampala, aus, der sich als einer der ersten Mediziner in Uganda mit Aids befaßt hatte. Zwei seiner Diener wurden von Unbekannten zu Tode geprügelt, sein Computer mit Aids-Daten zerstört.

Carswells Vergehen: Er hatte öffentlich verkündet, wenn sich die Seuche weiter so schnell verbreite, werde es in Kampala bald keine Parkplatzsorgen mehr geben.

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