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»Jetzt nach Geld zu schielen, wäre ein Irrtum«

Mit einem Defizit in Milliardenhöhe rechnen die Funk- und Fernsehanstalten, die einst im Überfluß lebten. Verschwendung im Programmbetrieb, Personal in Fülle, wuchernde Bürokratie -- so steuerten die schlecht geführten Häuser in einen Kostenboom. Aufwendige Landesstudios, Regionalprogramme und Gebührenbefreiungen verschlimmerten die Not. Nun, da gespart werden soll, fehlen den Funkherren Kompetenzen: Sie können die Sender nicht gesundschrumpfen. Und die Politiker scheuen sich, vom Publikum mehr Geld zu fordern.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Der Termin mit Franz Josef Strauß war fest vereinbart. Auf dem Erlanger Flugplatz sollte das fünfköpfige Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks den CSU-Chef filmen und interviewen.

Doch Strauß wartete vergebens. Die TV-Mannschaft war aufgehalten worden, im Gasthaus »Bauer Keller« in Greding, wo sie Blut- und Leberwürste vertilgen mußte. Es ging nicht anders, so erläuterten die Herren später, denn »sonst wären uns die Mägen rausgefallen«. Von der Arbeitszeitordnung war dieses Verhalten voll gedeckt.

Als bei anderer Gelegenheit der Auftrag erging, für eine Hörfunk-Sendung das Glockengeläut einer Kirche am Ufer des Bodensees aufzunehmen, scheuten Technik und Redaktion keine Mühe. Fast eine Woche lang schaukelten drei Mann mit einem Kahn über das Gewässer, lauschten mal hier, mal dort aufs Gebimmel, bis ihnen der rechte Ton zu Ohren kam. Klang-Qualität, so erklärten die Schiffer, gedeihe nun mal nicht von ungefähr, und da sei solcher Aufwand wohl angebracht.

Großzügig auch ging es zu bei einer »Otello«-Produktion, die letzten Dezember über die ZDF-Sender gestrahlt und von Herbert von Karajan dirigiert wurde. Drei Wochen lang schaffte fast täglich ein Hubschrauber den Meister aus der Festspielstadt Salzburg auf ein Münchner Gelände, wo für das Mohren-Drama eine Festung aus Pappmaché samt künstlichem Hafen angelegt worden war.

Verschwenderischer Umgang mit dem Etat wie bei der Luftbrücke für den Stab-Star; Schlendrian und mangelhafte Leistungskontrolle wie bei den Glockenklanglausehern; bürokratische Borniertheit wie beim Wurstmahl im »Bauer Keller": Kein Wunder, so scheint's, wenn in den Funkhäusern die Kasse nicht mehr stimmt

»Wir sparen schon, so gut wir können«, sagt der ARD-Vorsitzende Hans Bausch, Intendant des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart, »aber das Defizit wegsparen, das können wir nicht.« 146 Millionen Mark drückten die Funk- und Fernsehanstalten bereits im vorletzten Jahr; fast 800 Millionen werden es, wie die ARD-Verwalter errechnet haben, bis Ende 1977 sein. Und niemand kann sagen, wie die Schuldenflut aufzuhalten wäre.

Gebührenerhöhungen scheinen für lange Zeit politisch nicht machbar, und Sparen will für die TV-Oberen offenbar erst gelernt sein. Monatelang reisten die Intendanten kreuz und quer durch die Republik und diskutierten auf immer neuen Tagungen immer neue Krisenpläne. Doch Überzeugendes fiel ihnen dabei nicht ein. Dem Frankfurter Intendanten Werner Hess kam der Gedanke, einen fernsehfreien Tag zu verordnen; beim Südwestfunk in Baden-Baden fängt man klein an: Jedes Telephonat, das mehr als zehn Mark kostet, muß schriftlich begründet werden.

Das große Show-Boat der Republik ist ins Schlingern gekommen. Und die Steuerleute, gewöhnt nur an einen bequemen Strom stetig fließenden Geldes, machten dabei eine neue Erfahrung: daß ihr ungefüges Gefährt sich unter widrigen Umständen kaum noch manövrieren läßt.

Denn die öffentlich-rechtliche Verfassung der westdeutschen Sendeanstalten, ihr behördengleiches Wesen -- es erweist sich nun als Überfracht, die man nicht eben mal über Bord werfen kann. Was einst gedacht war, die Entertainer und Ausrufer der Nation unabhängig zu machen vom Einfluß politischer oder wirtschaftlicher Machthaber, bewirkte statt dessen eine fatale Abhängigkeit von politischen wie wirtschaftlichen Zwängen.

Nicht allein Großmannssucht und Ausdehnungsbedürfnis von Intendanten oder Hauptabteilungsleitern ließen die westdeutschen Funkhäuser gleichsam über Nacht aus hohen Überschüssen in rote Zahlen rutschen. Ausgelöst und aufgetrieben wurde der Schuldenschwall durch Faktoren, die von außen in die Anstalten hineinwirkten:

>die dem öffentlichen Dienst angeglichene Struktur der Sender und die daraus resultierende Vielzahl sozialer wie rechtlicher Restriktionen, die nicht nur das Leistungsbewußtsein vieler Mitarbeiter blockieren, sondern auch verhindern, daß personelle Belastungen abgebaut werden,

* der Selbstentfaltungstrieb von Christ-, Sozial- und Freidemokraten, der die Regionalprogramme zum kostspieligen, vom Publikum fast völlig ignorierten Provinztheater aufgeblasen hat,

* die Umschichtung staatlicher Leistungen auf die Soll-Seite der Sender und das Aufbürden sozialer Lasten, die gemeinhin zum Obligo der Regierenden zählen. »Das Geld war einfach da, wir waren wohlhabend.«

Die Krise trifft eine Unternehmensgruppe, der die Konsumenten seit 1952, dem Gründungsjahr, unablässig zuliefen und deren Produkte das Gros der Bürger um keinen Preis mehr missen mag. Was die 22 000 festangestellten und 100 000 freien Mitarbeiter von ARD und ZDF zusammentragen und über 26 Hörfunk- sowie sieben TV-Programme verbreiten, übersteigt jedes gängige Maß. 27 Jahre lang müßte ein Mensch Tag und Nacht hören und sehen, um all das aufzunehmen, was für drei Milliarden Mark je Jahr den Bundesbürgern vorgeführt wird. »Das Geld war einfach da, wir waren wohlhabend«, erinnert sich Claus Hardt, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Fernsehproduzenten.

Ausgegeben wurde es ziemlich ungeniert, für monumentale Verwaltungsgebäude oder für erlesene Technik, im ersten wie im zweiten Programm. Für eine Silvester-Show wurden 1,8 Millionen Mark hingelegt; das ZDF, altväterlich geführt vom Philosophie-Professor Karl Holzamer, ließ ein altes Wasserschloß, das billig für Dreharbeiten zu mieten gewesen wäre, lieber anhand von Photos im Atelier naturgetreu nachbauen -- mit Mehrkosten von 90 000 Mark.

Besorgt wurde solche Geldanlage von immer mehr Leuten. Die Beschäftigtenzahl kletterte von 1963 bis 1973 um 34 Prozent. Gut ein Drittel der gesamten Betriebsaufwendungen wird derzeit von der Belegschaft verzehrt; genau 31,6 Prozent sind es beim größten Sender, dem WDR, 39 Prozent beim NDR -- und bis zu 50 Prozent bei kleineren Anstalten.

Die Sender können heuern, aber nicht mehr feuern.

Und solche Brocken erweisen sich nun, da es ans Sparen gehen soll, als schier unverrückbar. Denn jetzt treten die Blößen einer Unternehmensverfassung zutage, die vielfach als bessere Alternative zur privatwirtschaftlich organisierten Presse galt (der Bonn gleichwohl gern Ähnliches zuschneidern möchte).

Stimuliert wurden die Mitarbeiter-Massen schon beizeiten durch den föderalistischen Aufbau der TV-Szene. »Als das Fernsehen in der Bundesrepublik gegründet wurde«, erinnert sich ARD-Chef Bausch, »hat man diskutiert: Wie soll man das Fernsehen organisieren? Sollen wir Schwerpunkte schaffen -- sagen wir in Köln das Fernsehspiel, in München die Unterhaltung und in Frankfurt die Dokumentation -, oder sollen wir die Programmaufgaben prozentual je nach Finanzkraft gleichmäßig auf alle Anstalten verteilen?«

Gewählt wurde die teure Version, bei der jedem alles zufiel. Mit der Vielfalt der Aufgaben aber wucherten nicht allein Studios und Gerätschaften, sondern auch die Bestände an Festangestellten und die Schwärme von Freiberuflichen. Und die Rechtslage sorgt nicht nur dafür, daß entbehrliche Kulturschaffende bis zum Pensionsalter mitgeschleppt werden; sie bewirkt obendrein, daß auch die bislang freien Mitarbeiter faktisch in eine Beamtenlaufbahn geraten.

Bei jedem Versuch, die verkrustete Verwaltungsstruktur zu reformieren und »den Funk an die Unternehmensstruktur der Industrie anzunähern« (Münchens TV-Chefredakteur Rudolf Mühlfenzl), geraten die Funkherren »an Zäune, aus denen wir nicht ausbrechen können« (Stuttgarts Bausch). Und das »liegt nicht an der großen sozialen Barmherzigkeit der Intendanten«, weiß Bayernfunk-Justitiar Albert Schaff, »sondern einfach an der sozial-rechtlichen Lage«.

»Einfach aus Zweckmäßigkeitsgründen«, erinnert sieh Personalchef Werner Steinhoff vom Norddeutschen Rundfunk. hätten sich die Anstalten seinerzeit an die Tarifverträge im öffentlichen Dienst angelehnt. Wie beim öffentlich-rechtlichen Status der Sender, der das Medium aus den Niederungen und Anfechtungen des freien Wettbewerbs heraushalten sollte, schien den Gründern offenbar auch bei den Mitarbeitern größtmögliche Absicherung gerade angemessen.

So kommt es, daß Westdeutschlands Funk- und Fernsehanstalten zwar heuern. aber kaum mehr feuern können. Wer bei ARD oder ZDF erst einmal eine Planstelle hat, sitzt dort so geborgen wie im Katasteramt einer ostfriesischen Kreisstadt.

In den einzelnen Manteltarifverträgen der Anstalten -- Bemühungen um einen Einheitstarif scheiterten bislang an regionaler Eigenbrötelei -- ist durchweg die Unkündbarkeit aller angestellten Mitarbeiter nach zehn Beschäftigungsjahren verbrieft. Eine Ausnahmeklausel für den Fall andauernder »Leistungsminderung« blieb in der Praxis auf ein paar Funk-Fahrer beschränkt, die wegen Trunkenheit am Steuer ihren Führerschein eingebüßt hatten. Zweite Ausnahme: Kündigung »aus sonstigen wichtigen Gründen«. Doch »da muß einer schon«, erläutert Bayern-Intendant Reinhold Vöth. »während der Dienstzeit dreimal eine Sekretärin vergewaltigt haben«.

Der geeignete Mitarbeiter bleibt draußen, der ungeeignete drin.

Die Zehnjahressperre, meint Verwaltungschef Norbert Seidel vom Westdeutschen Rundfunk. »wäre noch nicht das Schlimmste, wenn man darunter frei wäre«. Die Personalräte jedoch -- die in den Anstalten ohnehin erweiterte Mitbestimmungsrechte bis hin zur Teilnahme an Verwaltungsratssitzungen und Intendantenkonferenzen wahrnehmen -- üben fast immer Solidarität mit Entlassenen und legen Widerspruch ein. Um Streit zu vermeiden, weiß NDR-Steinhoff, wird daher »ohne die Zustimmung des Betriebsrats ganz selten gekündigt«.

Geschieht es dann doch einmal, kontert in aller Regel der Münchner Anwalt Wolfgang Kanz für die zum DGB zählende Rundfunk-Fernseh-Film-Union sofort mit dem Kündigungsschutzgesetz, nach dem die Auswahl des Entlassenen »sozial gerechtfertigt« sein muß. Selbst wenn die Kündigung betrieblich notwendig sei, argumentiert Kanz, »muß der Arbeitgeber prüfen, ob er den Mann in zumutbarer anderer Funktion beschäftigen kann«. Konsequenz nach Kanz: »Möglicherweise beißen den die Hunde, der eingestellt hätte werden sollen«; mögliche Folge: Der qualifizierte Mitarbeiter bleibt draußen, der weniger qualifizierte drin.

Arbeitsgerichtsprozesse sind überhaupt nicht mehr zu gewinnen«, klagt ZDF-Justitiar Ernst Fuhr. NDR-Juristen mußten denn auch in zwei Instanzen die Autorität ihres inzwischen verstorbenen Chefdirigenten Hans Schmidt-Isserstedt samt der damaligen Gastdirigenten Moshe Atzmon und Wilhelm Schüchter aufbieten, um einen überforderten Ersten Konzertmeister nach zweijähriger Tätigkeit wieder loszuwerden.

»Mannigfache Verfilzungen vor allem im Kulturbetrieb.«

Meist aber führt gerade der Versuch, die Schar der rund 1300 Musiker und Sänger der ARD zu lichten, wegen der gesetzlichen Bestimmungen, der tariflichen Auflagen und politischen Rücksichtnahmen zu Komplikationen. Als etwa das Stuttgarter Unterhaltungsorchester mit dem des Südwestfunks verschmolzen werden sollte, verlangten aufsichtsführende Politiker, der neue Klangkörper müsse dann in Kaiserslautern angesiedelt werden -- als Kulturbeitrag fürs Hinterland. »Das hätten wir nie bezahlen können«, rechnet SDR-Justitiarin Margret Wittig-Terhardt vor, »Besorgung neuer Wohnungen und so weiter.«

Endlösung: Zwei Orchestermitglieder waren ohnehin rentenreif, sieben weitere wurden vorzeitig pensioniert, neun noch in der Probezeit entlassen, sechs bei Weiterzahlung der Gehälter freigesetzt, ein einziger verzichtete freiwillig; die andere Orchesterhälfte, nochmal 23 Mann, verstärkte die Funksymphoniker auf »große Besetzung«, nunmehr 116 Mitglieder.

Der Spareffekt, jährlich 2,5 Millionen Mark, wurde freilich doch teuer erkauft: Nie wieder darf eines der bestehenden Orchester im Südwesten -- je ein Symphonie-Orchester in Stuttgart und Baden-Baden, je eine Tanzband. 36-Stimmen-Chor und die verbliebene SWF-Kapelle -- aufgelöst werden, wiewohl gerade die vielen Musikbeamten laut Intendant Helmut Hammerschmidt vom Südwestfunk »wesentlich für die defizitäre Lage des Hörfunks« sind. Damit stehen sich nun die beiden Sender noch schlechter als etwa Bayerns Vöth, der fast zehn Jahre nach der Auflösung eines Tanzorchesters jüngst dessen letzten Musikus in Pension schicken durfte: »Nun kann ich diese Planstelle endlich streichen.«

Unkündbarkeit, Pensionszusage und eine tariflich fixierte Gehaltsautomatik, die aus Gründen der Gleichbehandlung alle Erhöhungen des öffentlichen Dienstes exakt nachvollzieht -- das alles hat sich nicht nur auf die Seßhaftigkeit des Funk- und Fernsehpersonals ausgewirkt. Es glich zudem auch das Leistungsbewußtsein vieler Mitarbeiter jenen Maßstäben an, die in westdeutschen Amtsstuben gelten. Und was übrig bleibt an Elan, wird oft zugedeckt von Antrags- und Abrechnungsformularen, Betriebsvorschriften oder Arbeitszeitverordnungen.

Der Programmbetrieb ist denn auch vielfach nichts anderes als Behördenroutine: korrekt, aber ineffizient, geschmiert, aber öde. Die bürokratischen Arbeitspausen, der technische Perfektionismus, der tönende Leerlauf -- es resultiert aus Bewertungssystemen, die allenfalls noch die Anzahl von Arm- und Beinbewegung als Fleiß, nicht aber die Qualität eines Gedankens, einer Idee zu erfassen vermögen. »An die Stelle des Einfalls«, räumt SWF-Programmdirektor Dieter Stolte ein, »trat der Aufwand.«

Da gibt es in jeder Anstalt eine Vielzahl abgeschirmter Fachredaktionen, beispielsweise für Kleinkinder, Kinder und Jugendliche, für regionale Wirtschaft, Militär- oder Sozialpolitik, in denen Expertenwissen mit einem schwer durchschaubaren Aufwand an Eigenarbeit und Fremdmaterial verwaltet wird und ein Heer behäbiger Rundfunkbeamter auf Planstellen der Pensionierung entgegenaltert.

»Da gibt es auch sehr gescheite Leute«, stichelt Bayerns Mühlfenzl, »die sich um die jahrtausendealte indische Kultur bemühen.« Und es gibt sogar welche, wie im Hausmagazin »Südwestfunk-Intern« nachzulesen, »die guten Willens waren, beschäftigt zu werden, die auch treu und brav über die Jahre hinweg hier im Hause erschienen sind und dennoch keine Aufgaben bekamen«.

Etliche wiederum lassen freie Mitarbeiter für ihre festen Sendezeiten schaffen, während sie selbst ungestört Manuskripte für Fachkollegen in anderen Anstalten abfassen -- und natürlich. völlig korrekt, Honorar dafür einstreichen. »Mannigfache Verfilzungen vor allem in Unterhaltungs- und Kulturbetrieb« registrierte ein prominenter Fernsehautor, der sich aus Angst vor einem Auftragsboykott namentlich zurückhält:

Beim ZDF etwa nahm ein Hauptabteilungsleiter seine eigenen Drehbücher zur Produktion an und bewilligte sich dann selbstverständlich auch das übliche Honorar; Redakteure überließen eigene Exposés freien Produzenten zur Bearbeitung, placierten die Zweit-Schrift dann im Programm und kassierten vom Produzenten für ihr Erstskript diskret Honorar; eine Vielzahl von Abteilungsleitern beschäftigt sich selbst oder gegenseitig als Regisseure, Schauspieler oder Sprecher.

Produktion pro Mann 17 Minuten im Jahr.

Zumeist freilich geschieht das inzüchtige Treiben ganz legal: Was erlaubt oder verboten ist, füllt soviel Papier, daß sich fast immer eine Vorschriften-Nische finden läßt. Kein Wunder, daß Fernseh-Mühlfenzl bei seinen Redakteuren »einen stark differenzierten Ausstoß« für die eigene Anstalt ausgemacht hat. In den ohnehin gemächlichen Gefilden des Kulturbetriebs sinkt die Programmproduktion pro Mann zuweilen auf 17 Minuten innerhalb eines ganzen Jahres.

Den äußeren Anschein des Müßiggangs freilich wissen erfahrene Fernsehschaffende gleichwohl zu vermeiden. Da reißen sich immer wieder Programmgestalter wie Techniker ums Dabeisein, überbieten einander im geschäftigen Leerlauf. Doppel- und Mehrfachbesetzung ist an der Tagesordnung. Sogar dem Kanzler Schmidt mißfiel bei der Rückkehr von den USA nach Bonn »das vielköpfige Rudel von Fernsehleuten«. Und die Erklärung des Technischen Direktors beim Hessischen Rundfunk, Rolf Thiele, kann solchen Unmut kaum zerstreuen: »Das sind oft eben mehrere Teams gleichzeitig, die auf dem Flugplatz auftauchen: ARD, dazu das ZDF und vielleicht noch eine Extra-Mannschaft, die ein Feature »Schmidt auf Reisen« filmt.« Nicht zu erklären wäre damit beispielsweise die Kompanie der Auslands-Korrespondenten, die an allen möglichen Flecken des Globus für die deutschen Sender nebeneinander und gegeneinander kämpfen -- bei aller gebotenen Frontberichterstattung, die der Wahrheitsfindung dient. Zwischen acht und zehn TV- und Hörfunkjournalisten residieren in Washington, London und Paris -- mehr als ein auf Qualität bedachtes Blatt wie die »Süddeutsche Zeitung« in der Bundeshauptstadt Bonn beschäftigt. Je acht ARD- und ZDF-Mitarbeiter sind in Rom und Brüssel, fünf allein in New York und in Madrid immerhin noch vier.

Solche Üppigkeit aber hindert kaum eine Hauptabteilung, zusätzlich immer dann komplette Teams an Brennpunkte oder in die Einöden des Erdballs zu entsenden, wenn es Spezielles einzufangen gilt-vielleicht »Die Kuh« im Iran oder die »Quellen von Hinduismus und Buddhismus« auf der Insel Bali.

Fern der Heimat macht sich ganz besonders auch ein Übel bemerkbar, das bei Redakteuren und Regisseuren zusehends den noch verbliebenen Schwung bremst: die strengen Regularien, nach denen die Funk- und Fernsehtechnik arbeitet. Sie werden genau genommen, und ehe die Leute »bei einem Auslandseinsatz auch nur zwei Stunden am Wochenende drauflegen, um eine begonnene Produktion zu beenden, legen sie sich lieber von Freitag bis Montag im Hotel auf den Sack, weil ihnen das andere niemand honoriert« -- so ein Filmemacher aus Wiesbaden.

»Die kurze Arbeitszeit der Techniker gegenüber Schauspielern und Journalisten«, sagt Produzentenverbands-80ß Hardt, sei überdies »zum größten Verteuerungsfaktor geworden«. Während früher von halb neun Uhr morgens bis abends um halb sieben gedreht werden konnte, sind die Techniker nach der heutigen Arbeitszeitordnung vor halb zehn und nach 17.15 Uhr nicht mehr ansprechbar.

Die Filmschaffenden treibt es deshalb zurück zur Natur. »Die Regisseure gehen so gern raus ins Gelände«, weiß der Frankfurter TV-Produktionsleiter Wolfgang Völker, »weil im Studio die Techniker Feierabend machen, sobald sich um Punkt fünf das Haus leert. Draußen kann man wenigstens noch mit ihnen darüber reden.«

Zudem herrscht auf einem Arbeitsfeld, bei dem Überlagerung verschiedener Tätigkeiten und gelegentliche Improvisation gleichsam zur Natur der Sache gehören, strenges Klassenbewußtsein. Ein Toningenieur beim ZDF etwa, der nach Tarifklasse 7 entlohnt wird und dem laut Vergütungsverordnung das »Durchführen von Tonaufnahmen bei umfangreichen Produktionen, Anleiten und Überwachen zugeteilter Mitarbeiter« obliegt, läßt sich kaum mal eben herbei, einen Handschlag nach Tarifklasse 3 zu tun. Denn einem »Dreier« wird das »Führen eines Kraftfahrzeuges« zugemutet, gar das »Mitwirken beim Be- und Entladen«, und er muß sich »nach Anweisung oder unter Aufsicht« bewähren. »Das einzige, was stört,

ist das Programm, das da läuft.«

Wer sich dennoch überwindet und von seinem Klassenplatz herabsteigt« verbessert wenigstens das Salär. Ein Toningenieur etwa, der den Dienstwagen selber zum Drehort chauffiert, kassiert pro gefahrenen Kilometer fünf Pfennig extra. Selbst wenn ein Redakteur sich einen Leihwagen nimmt, wird ihm der Chauffeurdienst, den er sich selber leistet, mit Kilometer-Geldern vergütet.

Die feine Abgrenzung zwischen Zehner-, Neuner- oder Vierer-Leuten und die Aufschlüsselung der Gruppen für verschiedene Produktionen ist zu einem zeitzehrenden Puzzle geworden. Sucht beispielsweise ein Redakteur für »schicke Außenaufnahmen vom Gerüst« einen behenden jüngeren Kameramann der Gehaltsgruppe 7, so wird ihm -- weil es sich um einen 45-Minuten-Film, also ein aufwendiges Projekt handelt -- statt des Siebeners ein erfahrener Neuner- oder Zehner-Mann zugeteilt. Der paßt nun wohl laut Vergütungsordnung zum Film, doch, so ein ZDF-Redakteur: »Man kriegt den nicht dazu, daß er da raufsteigt, den Alten, und was soll ich dann mit ihm.«

»Die Beamtenmentalität im technischen Bereich«, so urteilt denn auch ein Praktiker wie Mühlfenzl, »blockiert unsere journalistischen Abteilungen.« Oder kürzer: »Mief beherrscht die Atmosphäre.« Und Hessens Intendant Hess lästert über das Wuchern der Bürokratie in den Funkhäusern: »Das einzige, was noch stört, ist das Programm, das da läuft.«

Das Gedränge in Studios und Redaktionsstuben aber wird noch größer werden. Denn seit in den Senderzentralen über Sparmaßnahmen nachgedacht wird, seit klar ist, daß die Millionendefizite vorerst nicht durch höhere Gebühren, sondern durch Selbstbeschränkung gemildert werden sollen, streben freie Mitarbeiter zu Hunderten ins Angestelltenverhältnis -- in berechtigter Sorge, daß an den Freien zuerst gespart wird, weil an den Festen nicht gespart werden kann.

Dieser Ansturm ist allem Anschein nach nicht aufzuhalten, denn vor Arbeits- und Sozialgerichten obsiegen die Freien -- die sich bislang oft auf ihre Unabhängigkeit was zugute hielten -- in fast allen Fällen. Allein der Westdeutsche Rundfunk muß dieses Jahr für zwölf Millionen Mark 272 neue Planstellen einrichten; der NDR muß nach Aktendurchsicht neben bereits vorher angestellten 172 Mitwirkenden noch einmal 90 einplanen. Und von den knapp 200 Abgelehnten wird »sicher eine ganze Reihe vor Gericht gehen« (Steinhoff). Und dieser komplizierte, kostspielige und zeitraubende Marsch über die Rechtswege führt fast immer zum Ziel. Kölns Verwaltungsdirektor Friedrich Wilhelm von Seil: »Wir haben einen Musiker, der morgens zehn bis fünfzehn Minuten in einer Magazinsendung Piano spielt. Der ist laut Gericht vom WDR wirtschaftlich abhängig und muß deshalb fest angestellt werden. Jetzt müssen wir eine Beschäftigung für ihn finden, egal welche.«

Überdies sorgen sich die Funkherren, da alle nur denkbaren Planstellen auf Jahrzehnte hinaus blockiert sind, um die zunehmende Vergreisung ihres ohnehin nicht mehr taufrischen Personalkörpers. Der »Evangelische Pressedienst« malte dazu eine düstere Tele-Vision: »In zwanzig Jahren wird es in den Studios und in den Redaktionen keine jungen Leute mehr geben, in dreißig Jahren nur noch »Ältere«, wenigstens überwiegend ... Ein Werner Höfer oder Rudolf Mühlfenzl, wären sie heute Primaner, sie würden nie eine Sendung machen können. Dafür werden wir Köpcke weißhaarig und mit wackeliger Stimme erleben, und die Ansagerinnen zunächst mehr mütterlich, schließlich mehr großmütterlich.«

Von Paragraphen und Klauseln, Tarifen und Ordnungen an die kurze Kette gelegt, warten die Anstalten so auf die »Abgänge, die sich aus der Altersstruktur ergeben« (NDR-Intendant Martin Neuffer) -- und die dann wenigstens nur noch die Pensionskasse belasten, beim NDR etwa mit derzeit 16,5 Millionen Mark im Jahr. Immerhin soll künftig straffer koordiniert werden, etwa nicht mehr ein Magazin-Moderator nach Belieben Korrespondenten einschalten können, sondern seine Wünsche bei einer zentralen Stelle für alle Anstalten anmelden. »Auch zu Terminen im Ausland«, so Bausch, »soll einer und nicht von jeder Anstalt einer hinfahren.« Schließlich soll die »total veraltete Verwaltungsstruktur« (Mühlfenzl) reformiert werden -- wenigstens langfristig, denn vorerst sind die Reformer dabei auf die freundliche Zustimmung der jeweiligen Planstellenbesitzer angewiesen.

Auch SWF-Fernsehchef Dieter Stolte hat erkannt, daß es »nicht nur eine Ästhetik der Form und eine Dramaturgie des Inhalts« gibt, »sondern auch eine Ökonomie der Herstellung«. Und es werde den Anstalten guttun, meint er, »daß es mal zwei oder drei Jahre durch eine Durststrecke geht« -- in der die davoneilenden Kosten nicht mehr mit Gebührenerhöhungen aufgefangen werden können.

Sie mögen schon recht haben, nur: An dem Grundübel vermögen ein paar Beschnitte hier und da am Programm oder die Beseitigung wenigstens der gröbsten Organisationsmängel nichts zu ändern. Die ganze Sparerei soll das bis 1977 erwartete Minus von 800 Millionen Mark um rund 100 Millionen verringern. Und das ist nicht viel mehr als nichts. Denn es reicht noch nicht einmal für die über 100 Millionen Mark Zinsen, die die Anstalten bis dahin für ihre Schulden aufbringen müssen. Zudem werden die Einsparungen durch neue Lasten zunichte gemacht. WDR-Intendant Klaus von Bismarck: »Die Verringerung im Programm wird im Produktionsbereich allein durch die 40-Stunden-Woche vollkommen aufgefressen.«

Es wächst das Defizit, und es bleiben die öffentlich-rechtlichen Barrieren. Zudem: Das Parkinsonsche in der Betriebsführung und der schon gedämpfte Protz im Programm -- es ist nur die halbe Wahrheit. Der Schuldenlawine können die Funkhäuser nur dann ausweichen, wenn sie von Wünschen und Lasten befreit würden, die nicht sie zu vertreten haben, sondern die zu ihrer Aufsicht bestellten Politiker.

Ungeniert bedienen die Aufseher sich des Mediums, das sich längst zu »geziemendem Wohlverhalten« (Bausch) genötigt sieht. Sie ordern für 450 000 Mark ein neues Gastarbeiterprogramm, wenn ein Regimewechsel wie in Portugal dies geboten erscheinen läßt. Der Hessische Rundfunk richtete auf dem Gelände des Wiesbadener Landtages eigens ein TV-Studio ein, weil die geplagten Parlamentarier und Kabinettsherren, so Techniker Thiele, »nicht mehr immer zur Rush-Hour-Zeit nach Frankfurt fahren wollten«. Der niedersächsische Ministerpräsident Alfred Kubel scheuchte letzten Juli das Dritte TV-Programm des Norddeutschen Rundfunks aus dem Sommerschlaf -- nur um seine Regierungserklärung live unters Volk zu bringen.

Gesehen haben die SPD-Regenten vermutlich nur wenige, aber gerade am Dritten Programm hängen, zum Dritten Programm drängen die Landesherren. Denn nur dort dürfen sie, so die »Zeit«, ungehemmt ihre »landeseigenen politischen Wunschkonzerte« veranstalten. Folgerichtig forderte denn auch eine Arbeitsgruppe der Ministerpräsidenten, die 1973 die Notwendigkeit einer Gebührenerhöhung zu prüfen hatten, bei den Dritten Programmen zwar den »Programmaustausch zu verstärken« und überhaupt »die Rationalisierungsmaßnahmen zu intensivieren« -- aber alles das »ohne Schmälerung der landespolitischen Aufgaben«.

Dabei wäre gerade der dritte Kanal so recht ein Exerzierfeld für die ökonomische Besinnung gewesen -- es guckt sowieso fast keiner rein. Schon 1971 erwies sich bei einer Test-Umfrage: 40 Prozent der Sendungen hatten eine Sehbeteiligung von null, weitere 40 Prozent von einem Prozent; für den Rest wurden Quoten zwischen zwei und fünf Prozent gemessen.

Emsig und in herzlichem Einvernehmen mit den Kontrollgremien versuchten die Landesanstalten daraufhin, ihre Dritten aus der dunklen Ecke herauszumanövrieren. Allein 1973 strahlten sie in den fünf Hausprogrammen mit 146 037 Minuten fast 30 Prozent mehr aus als im Jahr zuvor. Die Jahreskosten wuchsen beispielsweise von 1972 bis 1973 um 73 Millionen auf 384 Millionen -- eine Summe, mit der allein die Hälfte des von der ARD bis 1977 errechneten Funk-Defizits abgetragen werden könnte.

Geholfen hat es gleichwohl nichts. In allen Bereichen, so WDR-Medienreferent Uwe Magnus letztes Jahr, bestehe »der bisherige Zustand fort«. Magnus-Fazit: »Die Nutzung des Programms ist nach wie vor gering, um nicht zu sagen minimal.« Mehr noch: »Knapp 80 Prozent der Zuschauer wären bereit, auf das dritte Programm praktisch zu verzichten.«

Der Gedanke, sich des kostspieligen Außenseiters zu entledigen oder wenigstens aus den fünf Einzelprogrammen ein einheitliches Programm für handverlesene Minderheiten zu machen, ist Ministern und Landräten dennoch suspekt. Zu günstig ist die Gelegenheit, bei allen möglichen lokalen Anlässen vor den Kameras zu balzen. Und gemeinsam ist Parteipolitikern sowie den ihnen politisch verbundenen Intendanten daran gelegen, durch Belegung des dritten Kanals die einzig mögliche Frequenz für Privatinteressenten -- wie Zeitungsverlegern oder Filmproduzenten -- vorsorglich zu blockieren. »Wir sind irgendwie der Brotpreis geworden.«

ARD-Obmann Hans Bausch registriert verdrossen, es sei »der Beispiele kein Ende, an denen nachgewiesen werden könnte, wie selbstverständlich und immer wirksamer der Staat jenseits der reinen Gesetzgebungsbefugnis in den Freiheitsbereich der Rundfunkanstalten eingebrochen ist«. Und welchen Ton die Politiker bei diesem einseitigen Dialog inzwischen anschlagen, schildert der Leiter des SWF-Landesstudios Mainz, Hans Schweizer, in »Südwestfunk-Intern

Telephon. Persönlicher Referent höchstpersönlich am Apparat. Der Herr Minister bittet um einen sofortigen Besuch. Dringend. Und um 13.40 müsse der Herr Minister nach Bonn. Also Anruf beim Minister. Der Landessender müsse ganz entschieden mehr für die Region ... Dort lebten auch Menschen, nicht nur in der Landeshauptstadt. Tun wir doch. Allerdings gebe es zu unserem größten Bedauern auch finanzielle Grenzen. Seit 1. Januar verlange die Bundespost doppelt so hohe Leitungsgebühren. Sache des Bundes, meint der Minister. Schießen Sie doch mal kräftig gegen die Bonner Koalition. Sie spüren es jetzt ja selbst, wohin das führt ...

Wohin das führt, wenn den auf Wirtschaftlichkeit verpflichteten Funkinstituten politische Verpflichtungen auferlegt werden, wird auch deutlich an den Folgen der Gebührenbefreiungsordnung -- ein Passiv-Posten, der durch keinerlei hausinterne Rationalisierung oder Programmbeschneidung verkraftet werden kann.

Waren bis 1969 allenfalls Blinde, Taube oder sonstwie körperlich oder geistig Versehrte sowie Altersheimbewohner von der Gebührenzahlung befreit, so wurde dieser Vorzug 1970 allen Armen des Landes zuteil -- was immer man darunter verstehen kann. Seither darf nach der Gebührenbefreiungsverordnung, die in allen Bundesländern einheitlich gilt und sich an den Regelsätzen von Sozialhilfe und Wohngeld orientiert, selbst eine Familie mit vier Kindern bei 2600 Mark Nettoeinkommen monatlich gratis hören und sehen.

Solche Bürger aber meldeten sich massenweise: 1969 hatte es nur 66 000 Befreite gegeben, 1971 waren es schon 462 000 und am 1. Januar 1975 gar 1,364 Millionen -- allein beim Fernsehen.

Beim Westdeutschen Rundfunk etwa, wo inzwischen jeder elfte Teilnehmer ohne Gebühr dabei ist, stieg wegen der rund 88 000 Befreiungen im letzten Jahr die Anzahl der zahlenden Kunden nur noch um 2384 an. Zeitweise sank im vergangenen Jahr beim WDR wie in anderen Regionen der Republik -- etwa in Bremen -- die Ziffer der zahlenden Zuschauer per Saldo sogar um 6000. ARD-Vorsteher Bausch hat im Prinzip auch »gar nichts gegen Gebührenbefreiungen -- wenn der Staat als dafür Verantwortlicher diese Sozialausgaben übernehmen würde«.

Denn: Gäbe es keine Gebührenbefreiung, könnten Westdeutschlands Funkhäuser ihr

Defizit bis 1977 zu etwa 85 Prozent decken.

Ähnlich beherzten Zugriff bei den wohlstandsverdächtigen Anstalten gestattete sich das Staatsunternehmen Bundespost, das für den Betrieb der meisten Sender Sorge trägt, Kabel schaltet, Richtfunkverbindungen herstellt und vorerst noch für die Anstalten die Gebühren kassiert. Die Post rechnet neuerdings mit den Funkhäusern nicht mehr pauschal ab, sondern stellt jede einzelne Dienstleistung in Rechnung. Und deshalb stiegen beispielsweise die Kosten für eine Sammelleitung vom Wiesbadener Landtag zum Hessischen Rundfunk zwischen 1972 und 1973 derart drastisch von 7490 auf 87 270 Mark, daß es die Hessen nun vorzogen, einen Teil ihrer Bänder statt über Kabel per Auto-Kurier nach Frankfurt zu schaffen.

Nach dem neuen Berechnungsmodus werden die gesamten ARD-Abführungen an die Post von 375 Millionen Mark im Jahre 1972 auf 632 Millionen in diesem Jahr steigen. »Darüber regt sich kein Mensch auf«, klagt ZDF-Justitiar Fuhr, »nur bei den Gebührenerhöhungen gibt es immer ein Riesenpalaver.«

Die Mehrfach-Moral von Parlamentariern und Parteiherren im Funk- und TV-Geschäft hat in der Tat Großformat. Etwa die Werbeminuten zu erweitern, ist ihnen suspekt -- und auch in der Branche umstritten. Die Vereinigung von Sendern, beispielsweise im stark zersplitterten südwestdeutschen Raum, würde ebenso wie eine Länderneugliederung am Einspruch der Regional-Regenten scheitern -- allen scheinheiligen Fusionsforderungen zum Trotz.

Der Gedanke jedoch, die immens gestiegenen Ausgaben durch höhere Einnahmen bei der Kundschaft wettzumachen, paßt den Kontrolleuren nicht in die von Preisverfall deformierte Polit-Landschaft. »Jetzt nach Geld zu schielen«, so der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Heinz Kühn (SPD),· »wäre ein fataler Irrtum.« Landtagspräsident Wilhelm Lenz (CDU) pflichtet bei: »Solche Ansinnen sind unrealistisch.«

Dabei sind die Funk-Teilnehmer trotz zweier Preiskorrekturen -- 1970 von sieben auf 8,50 Mark und 1974 noch einmal auf 10,50 -- mit den Gebühren so schlecht gar nicht gefahren. Neunzig Minuten vor dem Bildschirm kosten bei den heutigen Sehgewohnheiten 26 Pfennig Gebühr, eine Vorstellung des »Exorzist« auf zwei Kinosesseln dagegen 13 Mark, und, so Mainzens Chef-Jurist Fuhr: »Wenn man sich heute in der zweiten Bundesliga ein Spiel zwischen Mainz 05 und 1. FC Homburg ansieht, kostet das auf zwei Holzbanksitzen 30 Mark.«

Teils aus (plausiblen) erzieherischen Gründen, teils aus (anfechtbaren) politischen Motiven wollen sich die Staatsaufseher auf solchen Preisvergleich aber nicht einlassen. Erst einmal müßten die Rundfunkanstalten »aus eigener Kraft ein erhebliches Defizit an Glaubwürdigkeit hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Solidität abbauen«, so Stuttgarts Landesvater Hans Filbinger (CDU) im Herbst bei der Einweihung des SWF-Senders Hornisgrinde, erst dann dürfte »der Rundfunkteilnehmer erneut zur Kasse gebeten werden«.

Bis 1977, möglicherweise sogar 1978 wird der Preisstopp nach dem Willen der Länderherren beibehalten. Soll dann die Schuld der Sender beglichen werden, müßte die Gebühr steil steigen -- wenn es dann erlaubt ist. »Sollten die Landtage sagen, es gibt überhaupt nie wieder eine Gebührenerhöhung«, droht Hans Bausch für die ARD, »dann glaube ich, wären die Rundfunkanstalten vor die Notwendigkeit gestellt, ihr Recht vor dem Bundesverfassungsgericht zu erstreiten.«

Verquer genug: Ein lückenloses Netz sozialrechtlicher Bindungen,

das aus dem Blickwinkel der Arbeitsplatzsicherung seinen Sinn hat, aber die Sterilität des Funkbetriebs stetig fördert und ökonomische wie journalistische Anpassung im Personalbereich ausschließt; ein kostspieliger Funk-Fächer regionaler Programme, der vor allem die Bedürfnisse von Partei- und Lokalregenten befriedigt; eine Gebührenbefreiung, die wünschenswert sein mag, aber gewiß nicht zu den genuinen Aufgaben der Rundfunkanstalten gehört -- nichts davon ist allein dem Willen der Funk- und Fernsehmanager zuzuschreiben, vieles vor allem den Wünschen politischer Gremien.

»Wir sind irgendwie«, sagt Hessens Hess, »der Brotpreis in Frankreich vor der Revolution geworden.«

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