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SPIEGEL Gespräch »Jetzt überträgt Gott uns die Herrschaft«

Der radikale amerikanische Schwarzenführer Louis Farrakhan über Schwarz und Weiß in Amerika
aus DER SPIEGEL 24/1985

SPIEGEL: Mr. Farrakhan, Sie haben angedroht, daß Sie innerhalb der Grenzen der USA eine schwarze Nation schaffen wollen, weil Amerika seine schwarzen Bürger nicht zu ihrem Recht kommen läßt.

FARRAKHAN: In Wahrheit gibt es längst zwei Amerikas, ein schwarzes und ein weißes, die voneinander getrennt und ungleich sind. Das hat schon in den sechziger Jahren eine Untersuchungskommission des Präsidenten festgestellt. Das ist heute so wie damals.

SPIEGEL: Heute will der Präsident trotz des sichtbaren Elends in den schwarzen Gettos die Unterstützung für die Bedürftigen weiter einschränken. Mehr Armut aber wird womöglich zu verstärktem Radikalismus führen und Ihrer Black-Power-Bewegung noch mehr Zulauf bringen. Steuern die Vereinigten Staaten auf eine neue Konfrontation zwischen Schwarz und Weiß zu?

FARRAKHAN: Nicht zwangsläufig. Tatsache jedoch ist, daß die Schwarzen in Amerika so nicht weiterleben können. Das wird zu Gewalttätigkeit führen. Die Situation des schwarzen Teils Amerikas ist heute schlimmer als vor zwanzig Jahren.

SPIEGEL: Da Ronald Reagan Ihnen nicht helfen wird, wer wird es tun?

FARRAKHAN: Wir werden uns selbst helfen. Die Schwarzen in Amerika stehen für 200 Milliarden Dollar der amerikanischen Volkswirtschaft - 200 Milliarden Dollar, die sie in der Wirtschaft der Weißen ausgeben oder nicht.

SPIEGEL: Sie verlangen von den Schwarzen, das Geld in Geschäften auszugeben, die Schwarzen gehören, es bei schwarzen Banken zu deponieren und zu schwarzen Ärzten zu gehen.

FARRAKHAN: Ja, das stimmt. Die Frage ist nur, wie wir die Ausgaben der Schwarzen umdirigieren können, damit diese ungeheure Kaufkraft der schwarzen Bevölkerung zufließt und länger in den Händen der Schwarzen bleibt. Wenn uns das gelingt, können wir unsere Mißstände selbst beheben.

SPIEGEL: Die Weißen, die die US-Wirtschaft beherrschen, werden da wohl nicht mitspielen. Wollen Sie eine separate schwarze Nation?

FARRAKHAN: 90 Prozent der schwarzen Bevölkerung wollen von Amerika nicht getrennt werden! Wir hoffen, daß es möglich sein wird, unsere Ziele innerhalb der Vereinigten Staaten zu erreichen. Aber wenn die Regierung alles tun sollte, um diese neue Entwicklung unter den Schwarzen zu vereiteln, die sie fürchtet, werden wir keine andere Wahl haben, als für eine völlige Trennung in einem eigenen Territorium zu kämpfen.

SPIEGEL: Das ist doch kaum zu verwirklichen. Über welche Druckmittel verfügen die Schwarzen?

FARRAKHAN: Wir sind ein soziales Pulverfaß. 30 Millionen Schwarze leben in diesem Land. Aber wie leben sie? Die Gefängnisse sind voll von schwarzen Jugendlichen. Auf den Straßen wimmelt es ebenfalls von schwarzen Jugendlichen. Die Armee ist voller Schwarzer. Kann Amerika es sich etwa leisten, draußen einen Krieg zu führen und gleichzeitig im eigenen Lande eine Revolution zu riskieren? Nein! Eines erscheint mir daher logisch: Amerika muß sich damit abfinden, daß die Schwarzen ihre Kaufkraft für sich selbst nutzen, daß sie sich eine eigene Gemeinschaft aufbauen und sich eigene Institutionen schaffen.

SPIEGEL: Mit anderen Worten, der Traum von einer Integration ist ausgeträumt? Die Menschen, Schwarze und Weiße, werden statt dessen getrennt in ihren eigenen Gebieten leben, Schwarze mit Schwarzen und Weiße mit Weißen zusammen, jede Gruppe für sich?

FARRAKHAN: Wir werden von dieser Trennung nur profitieren. Die Integration ist eine Illusion. Mit der Integration in den Schulen per Bus ist es jetzt vorbei. Die Förderung von Schwarzen in Ausbildung und Beruf durch öffentliche Mittel ist so gut wie gestorben.

SPIEGEL: Vor wenigen Jahren noch durften Schwarze keine Universitäten im Süden besuchen. Heute dürfen sie es. Vor Jahren auch durften sie dort nicht in den gleichen Restaurants speisen wie die Weißen, im Bus durften sie nur ganz hinten sitzen. Inzwischen jedoch sind sie gleichberechtigt. Die Integration hat also einiges doch bewirkt.

FARRAKHAN: Die Art, in der die schwarzen Führer die Integration betrieben haben, hat nichts gebracht. Sie kommen aus einer zerrütteten schwarzen Gesellschaft und bitten die Kinder der Sklavenhalter gleichsam auf Knien, uns zu akzeptieren. Nein, diese Art Integration wollen wir nicht. Wir meinen, daß wir uns zunächst einmal unter uns selbst integrieren müssen. Die Chinesen in den USA haben eine gesonderte Gemeinde, niemand aber spricht davon, die Chinesen integrieren zu wollen. Auch die Japaner haben eine gesonderte Gemeinde, ebenso die Araber, von Integration jedoch kein Wort.

SPIEGEL: Integration bedeutet Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß. Schwarze Führer haben dafür gekämpft und sind dafür gestorben. _(Mit Redakteuren Hans Hielscher und ) _(Helmut Sorge in Boston; r.: Farrakhans ) _(Chefleibwächter Khalid Muhammad. )

FARRAKHAN: Die schwarzen Führer haben nun einmal eine Sklavenmentalität. Sie wollten von jeher den Kindern ihrer Sklavenhalter nahe sein und werden niemals das Gefühl haben, Fortschritte zu machen, solange sie nicht mit Weißen zusammen am Vorstandstisch sitzen, mögen ihre Funktionen noch so bedeutungslos sein. Sie werden jedoch weder die Wall Street noch die Industrie integrieren. Was also hat es für einen Sinn, wenn ich doch immer nur dazu verdammt bin, in ihrem Unternehmen den Portier zu spielen?

SPIEGEL: In der Wall Street sind schwarze Banker keine Seltenheit mehr. Es gibt schwarze Generäle, schwarze Ärzte, ja, selbst einen schwarzen Astronauten.

FARRAKHAN: Diese Mittelklasse wurde doch nur geschaffen, um einen Puffer zwischen den reichen Weißen und den armen Massen der Schwarzen zu bilden. Die schwarzen Intellektuellen werden gegen diese Massen als Symbol der Hoffnung eingesetzt: »Seht, diese Leute haben es geschafft! Ihr solltet die Hoffnung also nicht aufgeben.«

SPIEGEL: Gibt es denn in Ihren Augen überhaupt keine Fortschritte?

FARRAKHAN: Ist es Fortschritt, wenn unsere alten Leute nicht mehr unbelästigt durch die Straßen unserer Wohngebiete gehen können, wie es vor zwanzig Jahren noch der Fall war? Ist es Fortschritt, wenn Verbrechen und Drogenmißbrauch ungeheuer um sich greifen? Ist es Fortschritt, wenn die Schulen die schwarze Jugend nicht mehr erziehen? Unter den schwarzen Jugendlichen

breitet sich die Ernüchterung über das ganze System aus. Das ist die Realität.

SPIEGEL: Trotz der Tatsache, daß die Hälfte der schwarzen Schulabgänger in den Städten arbeitslos ist, scheint die Sehnsucht nach einer Verwirklichung des »amerikanischen Traums« weiterzubestehen, selbst bei den ärmsten Schwarzen. Wie erklären Sie sich das?

FARRAKHAN: Das ist auf die von den Medien betriebene Imagepflege und Idolatrie, auf all dieses manipulierte Blendwerk, zurückzuführen. Wenn man diese Jugendlichen im Gespräch nach Martin Luther King fragt, haben sie keine Ahnung. Auch über Malcolm X oder Elijah Muhammad wissen sie nichts. Die jungen Schwarzen sehen immer nur diese groß herausgestellten Idole: schwarze Football-Stars, schwarze Baseball-Spieler, schwarze Musiker. Das bewahrt ihnen die Hoffnung, daß sie etwas erreichen können.

SPIEGEL: Aber das stimmt doch.

FARRAKHAN: Es stimmt, daß sie als Sportler vielleicht Erfolg haben können. Aber wissen Sie, weshalb? Weil sich die Weißen nicht bedroht fühlen durch einen Schwarzen, der höher springen und einen Ball besser ins Netz bringen kann als sie. Eine Zivilisation kann man nicht mit einem Ball bedrohen. Der Popstar Michael Jackson ist keine Gefahr, weil er ganz einfach ein prächtiger Mensch ist, so nett, lieb und freundlich. Mit seinem Handschuh und seiner kleinen Locke, mit seiner dunklen Brille und seinen Paillettenstiefeln wirkt er so gar nicht bedrohlich. Jesse Jackson dagegen, dieser intelligente und geistreiche, kluge und charmante Schwarze, der kein Blatt vor den Mund nimmt und von den Massen unterstützt wird ...

SPIEGEL: ... stellt für die Weißen eine Bedrohung dar?

FARRAKHAN: Ja, sie glauben, daß er das Image der weißen Vorherrschaft bedroht, weil er es sogar wagt, sich für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten zu bewerben.

SPIEGEL: Sie selbst aber, Mr. Farrakhan, wecken noch mehr Furcht als Jesse Jackson. Er bezog die Weißen ausdrücklich in seinen Wahlkampf ein. Sie dagegen plädieren für Separatismus, verteufeln die Juden und haben Adolf Hitler bewundert.

FARRAKHAN: Wenn die Weißen Angst haben, gibt es dafür wahrscheinlich gute Gründe. Sie sollten sich einmal selbst prüfen und sich fragen, was sie getan haben: Sie haben die Schwarzen angegriffen, haben sie mißhandelt. Nun plagt sie Angst davor, daß jemand sich aus der Masse erhebt, der um die Schmerzen weiß, die ihr Volk dem meinen zugefügt hat, und sich dann gegen die Unterdrücker auflehnt. Wenn die Presse sich auf Farrakhan als Rassisten, Antisemiten und Antiweißen einschießt, wird die Angst noch verschärft.

SPIEGEL: Mitunter hat man den Eindruck, daß Sie die Juden und Israel nur deswegen so beschimpfen, weil Sie Schlagzeilen machen wollen.

FARRAKHAN: Nicht ich habe über Schlagzeilen zu entscheiden. Dennoch: Polemisch oder militant zu sein, ist nichts Schlechtes. Jesus war militant, Moses und Mohammed waren es, Kolumbus, Galilei und Martin Luther King. All unsere großen Männer und Frauen, die dem Fortschritt der menschlichen Gesellschaft dienten, mußten gegen gewisse Vorstellungen ankämpfen, vor allem, wenn diese Vorstellungen falsch waren.

SPIEGEL: Lassen Sie uns nur eine Ihrer umstrittenen Äußerungen aufgreifen. Sie haben erklärt: »Hitler war ein großer Mann ... Er baute Deutschland aus den Trümmern des Ersten Weltkriegs wieder auf.« Halten Sie den deutschen Diktator wirklich für einen großen Mann?

FARRAKHAN: Für mich besteht die große Leistung Hitlers darin, daß es ihm durch die Macht seiner Rhetorik und seine offensichtliche Leidenschaft für Deutschland gelang, die Massen des deutschen Volkes zu begeistern und mitzureißen; die einfachen Menschen marschierten für ihn. Die deutschen Intellektuellen konnte Hitler mit Hilfe einer Philosophie mobilisieren. Ja, dieser Mann fasziniert mich. In meiner Jugend habe ich alle

Hitler-Filme gesehen.

SPIEGEL: Sie wissen aber doch, daß die von Ihnen bewunderte große Leistung Hitlers die Welt in eine Katastrophe stürzte.

FARRAKHAN: Ich stimme nicht mit Hitler überein, weil er die Schwarzen haßte. Als Jesse Owens auf der Berliner Olympiade Sieger wurde, war Hitler nicht einmal bereit, ihm die Hand zu schütteln. Er haßte die Schwarzen, er haßte die Juden. Hitlers Philosophie und Ideologie kann ich nicht loben. Was jedoch seine reine Leistung für den Aufbau Deutschlands anlangt, erkenne ich darin gewisse Grundsätze, die allgemeingültig sind.

SPIEGEL: Wenn Sie solche Äußerungen machen, dürfen Sie sich nicht wundern, daß die Juden in Amerika Sie einen »schwarzen Hitler« nennen.

FARRAKHAN: Sie haben Angst vor einem Schwarzen, der die Leidenschaften der schwarzen Bevölkerung wecken und die Massen so aufrütteln kann wie einst Hitler die Deutschen. Warum aber haben sie Angst? Weil sie wissen, daß sie für das Böse, das sie den Schwarzen angetan haben, eines Tages bestraft werden. Aus dieser Angst heraus müssen sie mich angreifen, um mich zu diskreditieren. Sie müssen meine Redegewalt über das Volk vernichten, weil sie befürchten, daß ich eine Armee auf die Beine stelle, die ihnen das antut, was Hitler den Juden in Deutschland antat.

SPIEGEL: Sind Sie deswegen gegen die Juden, weil die armen Schwarzen in den Gettos sehr oft judenfeindlich sind, zumal wenn sie glauben, daß ihre Hauseigentümer Juden sind?

FARRAKHAN: Zu behaupten, ich sei judenfeindlich, ist falsch. Absolut richtig dagegen ist, daß ich gegen Ausbeutung durch die Juden bin. Ich bin gegen jede Ausbeutung, sei es durch die Weißen, die Araber oder die Schwarzen. Ich will nicht, daß den schwarzen Massen das Blut ausgesaugt wird, von wem auch immer.

SPIEGEL: Die Juden, aber auch andere Amerikaner sind über Ihre guten Beziehungen zu Oberst Gaddafi von Libyen zutiefst entsetzt.

FARRAKHAN: Bruder Gaddafi benutzt die ungeheuren Mittel aus seinen Erdöl-Einnahmen, um damit den revolutionären Kampf in aller Welt zu finanzieren. Dagegen habe ich nichts. Er hat schon 1972 Elijah Muhammad, dem Gründer der amerikanischen »Nation of Islam«, etwa vier Millionen Dollar gestiftet, so daß Muhammad eine griechisch-orthodoxe Kirche und Schule kaufen und sie in eine Moschee umwandeln konnte.

SPIEGEL: Verstehen Sie sich als Revolutionär wie Gaddafi?

FARRAKHAN: Diese Frage muß ich bejahen, wenn Sie unter Revolution den Wunsch verstehen, einen völligen Wandel im Leben der Menschen herbeizuführen. Jeder Prophet Gottes war ein Revolutionär.

SPIEGEL: Revolution aber setzt die Bereitschaft voraus, zu den Waffen zu greifen, um die angestrebte Veränderung gegen den Unterdrücker durchzusetzen. Auf dem letzten Konvent Ihrer »Nation of Islam« sprach Gaddafi zu Ihren Anhängern über Satellit. Er bot Ihrer Organisation Waffen an und forderte die schwarzen US-Soldaten auf zu desertieren.

FARRAKHAN: Ich besitze bereits eine Waffe - den Koran. Ich brauche die

Waffen nicht, die Gaddafi anbietet, denn der wirkliche Kampf besteht nicht darin, daß ein Mensch einen anderen erschießt und eine schlechte Gesellschaft durch eine andere schlechte ersetzt wird. Bei dem wirklichen Kampf geht es darum, Geist und Herz der Menschen zu ändern. Ich bin daran interessiert, die geistige Haltung der Weißen zu vernichten, nicht aber ihre physische Existenz.

SPIEGEL: Also kein Blutvergießen?

FARRAKHAN: Wenn die Vorstellung von einer weißen Vorherrschaft bestehenbleibt, wenn die Krankheit der Weißen nicht ausgerottet wird, die sie glauben macht, sie müßten das Leben und Schicksal der Schwarzen beherrschen, dann bleibt die Möglichkeit von Vernichtung und Blutvergießen.

SPIEGEL: Stimmen Sie mit Oberst Gaddafi überein, wenn er erklärt: »Dieses imperialistische Land, die Vereinigten Staaten, muß vernichtet werden, sonst werden die Nation der Schwarzen und der Islam vernichtet werden«?

FARRAKHAN: Ich stimme zu, daß die imperialistische Idee im Geist und Herzen jener, die diese Idee vertreten, vernichtet werden muß. Ich glaube jedoch nicht, daß wir in den Vereinigten Staaten einen bewaffneten Kampf führen müssen. Denn noch haben wir die anderen Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft. Ein bewaffneter Kampf wäre in Amerika selbstmörderisch.

SPIEGEL: Warum werden Sie Ihrer Meinung nach von Oberst Gaddafi unterstützt und nicht von der Regierung eines anderen moslemischen Staates, zum Beispiel von Saudi-Arabien?

FARRAKHAN: Ich glaube, daß auch andere Moslemländer mich am Ende sinnvoll unterstützen werden.

SPIEGEL: Was verstehen Sie unter sinnvoll? Was können die arabischen Staaten für die schwarzen Amerikaner tun, um deren Leben zu verändern?

FARRAKHAN: Für unser Wirtschaftsprogramm brauchen wir entsprechende Mittel. Sie könnten uns helfen, indem sie ihre Geschäfte mit den Vereinigten Staaten über amerikanische Moslems abwickeln, oder wenn sie hier in den USA Firmen einschalteten, die den Moslems Prozente gäben.

SPIEGEL: Arabische Entwicklungshilfe für das schwarze Amerika?

FARRAKHAN: Sobald wir unsere Wirtschaft besser in den Griff bekommen haben, müssen wir ein eigenes Bankensystem errichten. Ich würde es natürlich begrüßen, wenn die Araber ihr Geld aus den von anderen kontrollierten Banken abzögen und uns gestatteten, das Geschäft zu übernehmen.

SPIEGEL: Die Wall Street dürfte von diesem Vorhaben entzückt sein. Fühlt sich Ihre Bewegung den Völkern der Dritten Welt stärker verbunden als den weißen Bürgern Amerikas?

FARRAKHAN: Ganz zweifellos. Die weißen Amerikaner haben uns von jeher unterdrückt. Es sind erst hundert Jahre her, daß wir von der Sklaverei befreit wurden, und noch keine fünfzig Jahre, daß Schwarze auf grausame Weise gelyncht wurden. Wir können nicht vergessen, was uns widerfahren ist. Afrika ist unsere Heimat, dort sind wir verwurzelt. Die Leiden unserer schwarzen Brüder in Südafrika erwecken bei den Schwarzen in den Vereinigten Staaten schmerzliche und qualvolle Gefühle.

SPIEGEL: Auch die Weißen haben schmerzliche Gefühle. Viele Weiße in den USA demonstrieren und fordern Maßnahmen gegen das rassistische Regime in Südafrika. Sie scheinen aber zu glauben, daß die Gerechtigkeit auf Ihrer Seite ist, nur weil Sie schwarz sind. Manche nennen das »umgekehrten Rassismus«.

FARRAKHAN: Weiße nennen es umgekehrten Rassismus. Aber wenn die Juden erklären, sie seien das auserwählte Volk, spricht kein Mensch von Rassismus. Es war absolut nicht schändlich, daß der weiße Mann sich als erwählt bezeichnete. Glauben Sie denn wirklich, daß Gott nicht ein schwarzes Volk auserwählen kann?

SPIEGEL: Warum nicht? Aber warum muß es überhaupt ein auserwähltes Volk geben? Warum jetzt die Schwarzen, wie Sie meinen?

FARRAKHAN: Weil die Zeit der Weißen vorbei ist. Sie hatten ihre Chance, aber sie haben die Welt ins Chaos gestürzt. Was haben die Spanier gemacht, als sie die Macht besaßen? Was die Portugiesen? Wie hat England seine Macht benutzt? Gottes Ziel besteht darin, den Weißen die Macht über die Schwarzen in der Welt zu entziehen. Die Weißen können gern ihre Macht behalten, um sich selbst zu regieren. Sie sind jedoch unfähig, uns zu regieren, weil sie die Schwarzen nie gerecht regiert haben. Jetzt überträgt Gott uns die Herrschaft.

SPIEGEL: Die bisherigen Ergebnisse der schwarzen Herrschaft in Afrika zeugen nicht unbedingt davon, daß die neuen Führer aus der Geschichte gelernt hätten. Sollen sich die Schwarzen nun an den Weißen rächen?

FARRAKHAN: Ich werde es nie zulassen, daß ein Weißer heute für das bestraft wird, was vor 400 Jahren geschah. Ich billige auch nicht den sogenannten Terrorismus, durch den unschuldige Menschen getötet werden. Das kann ich niemals gutheißen, obwohl ich verstehe, daß unerträgliche Lebensumstände Menschen zu solchen Gewalttaten treiben können.

SPIEGEL: Vor über 20 Jahren schrieben Sie einen Song, der bei den amerikanischen Schwarzen sehr populär wurde. Er hieß »A White Man''s Heaven is a Black Man''s Hell«. Gilt der Text noch immer?

FARRAKHAN: Ja, wo immer Weiße im Himmel leben, erfahren die Schwarzen die Hölle, denn die Weißen sind in ihrer Machtausübung nicht gerecht. Südafrika zum Beispiel wird von den Weißen als Paradies bezeichnet. Für die Schwarzen jedoch ist es die Hölle. Bei uns hier leben Schwarze in einigen Südstaaten wie Alabama, Mississippi und Louisiana noch immer wie Sklaven - auf Plantagen versteckt, ungebildet und unwissend, von dem ganzen sogenannten Fortschritt unberührt. Es ist uns bisher nicht gelungen, die schwarzen Massen aus ihrem Elend zu befreien.

SPIEGEL: Nun wollen Sie Ihrem Volk helfen. Sie sind aber weder gewählt

worden, noch werden Sie von der Mehrheit der schwarzen Führer Ihrer Nation unterstützt.

FARRAKHAN: Ich bin die Stimme Gottes. Gleichzeitig aber bin ich auch die Stimme der Seelen der Schwarzen, nicht nur der heute lebenden Schwarzen. Ich spreche für die Toten, die nicht mehr für sich selbst sprechen können, und für die ungeborenen Generationen, die noch kommen werden.

SPIEGEL: Im vergangenen Jahr haben Sie den schwarzen Präsidentschaftsbewerber Jesse Jackson unterstützt. Im Laufe der Kampagne aber fügten Sie ihm durch Ihre Ausfälle gegen die US-Juden und Ihre Bemerkungen über Hitler Schaden zu. Sie bedrohten einen schwarzen Reporter mit dem Tode, der eine vertrauliche Bemerkung Jacksons über die Juden gemeldet hatte. Jackson bezeichnete die Juden mit dem abfälligen Slang-Wort »Hymies«.

FARRAKHAN: Ich habe das Leben dieses Reporters nie bedroht. Ich habe lediglich erklärt, daß er nach meinem Urteil ein Verräter sei.

SPIEGEL: Und was macht man mit Verrätern?

FARRAKHAN: Ich habe erklärt, daß der Reporter geächtet werden sollte. Wenn er in die Kirche kommt, sollte die Gemeinde ihn ausstoßen. Wir sollten ihn nicht in unserer Gesellschaft dulden, bis er seinen Fehler bereut.

SPIEGEL: Haben Sie nicht auch von seinem Tod gesprochen?

FARRAKHAN: Ich habe erklärt: Wir werden euch mit dem Tode bestrafen. Mit »euch« meinte ich jedoch nicht direkt den Reporter, sondern eine Klasse von Verrätern, Spitzeln und Denunzianten, welche die US-Regierung gegen schwarze Organisationen eingesetzt hat. Denn wenn wir eine schwarze unabhängige Nation werden, vielleicht sogar schon vorher, müssen diese Verräter getötet werden.

SPIEGEL: Für einen Mann, der sich als Stimme Gottes versteht, ist das eine bemerkenswerte Erklärung.

FARRAKHAN: Bemerkenswert ist allein die Große Gefahr, in der sich Jesse Jackson befand, nachdem seine Bemerkung über die Juden gemeldet worden war. Das löste eine unbeschreibliche Hysterie aus, die Jackson das Leben hätte kosten können. Wäre Jackson damals ums Lebens gekommen, wäre vielleicht heute auch der Reporter ein toter Mann.

SPIEGEL: Jacksons Partei und seine Anhänger zwangen den Präsidentschaftsbewerber, sich von Ihnen zu trennen. Hat das Ihr Verhältnis zu Jackson geändert?

FARRAKHAN: Ja. Wir sind nicht mehr die Freunde, die wir einmal waren.

SPIEGEL: Woran liegt das?

FARRAKHAN: Ich glaube, das liegt an den politischen Ambitionen, die Jackson für die Zukunft verfolgt. Seine unmittelbare Umgebung ist wohl der Meinung, daß es nicht unbedingt in seinem Interesse liegt, wenn er mit Louis Farrakhan identifiziert wird.

SPIEGEL: Verletzte es Sie, als Jackson sich öffentlich von Ihnen distanzierte?

FARRAKHAN: Natürlich war ich verletzt. Ich hatte die Schwarzen aufgefordert, zu Jesse zu stehen, als er sich auf den Konvent der Demokratischen Partei vorbereitete, damit er von seinen eigenen Leuten die größtmögliche Unterstützung erhielt und auf diesem Konvent etwas für die Schwarzen bewirken konnte.

SPIEGEL: Sie haben ihm wahrscheinlich mehr geschadet als geholfen. Jesse Jackson wird Sie mit Sicherheit nicht bitten, ihn bei seinem nächsten Wahlkampf zu unterstützen.

FARRAKHAN: Das ist mir egal. In den nächsten Jahren wird ohnehin kein Jesse-Jackson-Wahlkampf notwendig sein. Dieser Bruder, dem Sie hier gegenübersitzen, wird mit Gottes Gnade über 30 Millionen Schwarzen stehen. Jesse wird, wenn er erneut kandidieren will, zu mir zurückkommen müssen, weil die Massen zu Farrakhan stehen werden.

SPIEGEL: Mr. Farrakhan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mit Redakteuren Hans Hielscher und Helmut Sorge in Boston; r.:Farrakhans Chefleibwächter Khalid Muhammad.

H. Hielscher, H. Sorge
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