Zur Ausgabe
Artikel 19 / 49
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

VATIKAN / PAPST-GESCHICHTE Johannes XXIII. (XXI.)

aus DER SPIEGEL 15/1961

Seit 642 Jahren hatte es kein legitimer Papst mehr unternommen, sich den

Namen Johannes zuzulegen. Allzu verworren schien ihnen die Geschichte der Johannes-Päpste.

Kardinal Angelo Giuseppe Roncalli, damals Patriarch von Venedig, heute

Oberhaupt der katholischen Kirche, wagte es. Am 28. Oktober 1958, in der Sixtinischen Kapelle von Rom gerade zum Papst gekürt, verkündete er:

»Dieser Name ist Uns lieb, weil es der Unseres Vaters war ... Es ist dies der Name, der in der langen Reihe der römischen Päpste am häufigsten angenommen wurde. In der Tat kennt man 22 Päpste mit dem Namen Johannes von unzweifelhafter Rechtmäßigkeit.«

Mit dem Hinweis auf die 22 Päpste »von unzweifelhafter Rechtmäßigkeit« hatte der neue Johannes XXIII. den versteckten Rat gegeben, nunmehr endlich einen Gegenpapst aus den Annalen der Kirche zu streichen, der von 1410 bis 1415, ebenfalls unter dem Namen Johannes XXIII.; päpstliche Geschichte gemacht hatte.

Dieser Gegenpapst war immer wieder in vatikanischen Chroniken aufgeführt worden, zumal er auch nach seiner verunglückten, Papst-Herrschaft der Kirche weiterhin als Kardinal gedient hatte. Kunstbeflissene Rom-Touristen können

sein Porträt noch heute in der Basilika di S. Paolo fuori le mura in der Reihe der Mosaik-Medaillons aller römischen Päpste bewundern.

Wer indes geglaubt hatte, mit der Namenswahl des Heiligen Vaters und der offiziellen Ausmerzung des mittelalterlichen Gegenpapstes seien alle Numerierungsprobleme der Papst -Geschichte gelöst, mußte sich durch das jüngst herausgegebene »Päpstliche Jahrbuch für das Jahr 1961« ("Annuario Pontificio") eines Besseren belehren lassen.

Dieses Buch weist nicht 22, sondern nur 20 echte Vorgänger des jetzigen

Papstes auf, die sich des Namens Johannes bedient haben:

- Johannes XVI. (997 bis 998) wird lediglich als Gegenpapst aufgeführt, und einen

- Johannes XX. hat es nie gegeben; denn auf Johannes XIX. (1024 bis 1032) folgte ein Johannes XXI. (1276 bis 1277).

Schon frühere Jahrbücher hatten auf diese Numerierungsschwierigkeiten in der Johannes-Reihe hingewiesen. Und auch die Medaillon-Schöpfer in der Basilika di S. Paolo berücksichtigten das arithmetische Wirrsal: Unter dem Bild des geschichtlichen Johannes XXI. steht zu lesen: »Johannes XIX. oder XX. oder XXI.«

Genaugenommen wäre der jetzige Heilige Vater erst der 21. Johannes. Im Vatikan bezweifelt man allerdings, daß

- zumindest zu Lebzeiten des heutigen Papstes - die Rechenfehler seiner Namensvorgänger korrigiert werden.

Gegen eine solche Korrektur spricht vor allem, daß die Jahrbuch-Redakteure nur ungern an ihrer Papst-Folge rütteln lassen und sich meist erst nach Jahrhunderten zu Änderungen bereit finden.

Im Jahrbuch von 1946 wurde beispielsweise noch ein Kletus als dritter Papst genannt (78 bis 90). Als fünften Papst führte dieses Jahrbuch einen Anakletus (100 bis 112) auf. Das »Annuario« von 1947 vereinte jedoch beide Päpste zu einer Person: Der dritte Papst hieß nun je nach Wunsch Anakletus oder Kletus und thronte von 76 bis 88 auf dem Heiligen Stuhl.

Ein ähnliches Problem lösten die Geschichtsschreiber des Vatikans jetzt für

eine andere Papstreihe: Stephan II., der am 23. März 752 zum Papst gewählt worden war, aber schon drei Tage später, noch vor der Weihe, starb, wurde aus der Stephan-Reihe gestrichen, weil zu jenen Zeiten nicht die Wahl, sondern erst der Amtsantritt für die Papstnachfolge maßgebend war. Die Päpste der Neuzeit hingegen werden - darüber sind sich »Annuario«-Redakteure und Historiker einig - bereits am Tage ihrer Wahl in die Liste der Nachfolger Petri eingereiht.

Seit dem Tode Stephans II. war unklar geblieben, ob man ihn in der offiziellen Chronologie der Päpste mitzählen sollte. Die Chronisten hatten seinen Nachfolgern auf dem Heiligen Stuhl, die den Namen Stephan annahmen, stets eine Doppelnummer zugeteilt. Sie nannten sie Stephan II. (III.) bis Stephan IX. (X.).

Jener Drei-Tage-Papst Stephan II., dessen Abbild ebenfalls die Basilika di S. Paolo ziert, wurde nun von den vatikanischen Geschichtsschreibern aus der Reihe der anerkannten Nachfolger des Apostels Petrus gestrichen, die sich damit auf 260 Päpste verringerte.

Durch diese späte Korrektur wurde ein künftiger Papst mit Namen Stephan in den Stand gesetzt, die einfache Ordnungszahl X. hinter seinen Namen zu schreiben.

Ein künftiger Papst Johannes aber wird in einer noch heikleren Lage sein als der heutige Papst, der - dank den Rechenfehlern seiner Namensvorgänger und ihrer Chronisten - vielleicht einmal als Papst Johannes XXIII. (XXI.) in die Kirchengeschichte eingehen wird.

Regierender Papst Johannes: Zwei Nummern tiefer

Drei-Tage-Papst Stephan II.

Bei Durchsicht der Bücher ...

Gegenpapst Johannes XXIII.

... von den Chronisten gestrichen

Zur Ausgabe
Artikel 19 / 49
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel