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NACHRUF JOHN HUSTON †

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aus DER SPIEGEL 36/1987

Sein letzter Regiestuhl war ein Rollstuhl: darin saß der wuchtige Mann, einen grobgestrickten weißen Pullover über die breiten Schultern gehängt; in den Nasenlöchern steckten Plastikschläuche, die führten zu einer Sauerstoff-Flasche auf seinem Schoß.

Er atmete keuchend durch den struppigen weißen Bart, seine Augen, wach, spöttisch und neugierig, waren in tiefe, schwarze Ringe gelagert, ein trockener Husten quälte ihn, aber seine Stimme war fest, seine Laune prächtig, sein Lebensmut ungebrochen.

Der 81jährige John Huston, ein Gigant aus dem Hollywood der vierziger Jahre, inszenierte in Kalifornien seinen letzten Film: »The Dead«, nach einer Erzählung von James Joyce. Der Film kommt jetzt erst nach Hustons Tod in die Kinos. Der kranke alte Mann hatte sich noch mehrfach aufgebäumt, war ins Krankenhaus gekommen, aus dem Krankenhaus - aber aufgeben wollte er nicht. Wenn ihn Reporter fragten, warum er nicht Schluß mache, fragte er zurück: »Hört ein Maler auf zu malen?«

Sein letzter Film spielt im Irland der Jahrhundertwende, bei einem Dreikönigsessen, zu dem sich eine abgetakelte, opern- und musikbegeisterte Gesellschaft versammelt: Trinker sind dabei und Kultursnobs, alte Damen, die ihre Gesangs-Stimme verloren haben, bei einem Abschiedslied erinnert sich eine Frau (sie wird von Hustons Tochter gespielt) an einen Freund, der sich ihretwegen, lang ist's her, umgebracht hat. Ihr Mann bemerkt mit Trauer, daß damals auch ihr Leben eigentlich erloschen ist.

»The Dead« ist ein Abschied, ein Abgesang auf das alte, lebensuntüchtige, versoffene, spintisierende, poetische Irland, dem sich der irischstämmige Huston so verbunden fühlte, daß er Irland zu seiner Altersheimat erkor.

Seine zweite Wahlheimat war Mexiko. Als junger Mann war er in die mexikanische Kavallerie eingetreten. Der spindeldürre 1,90 Meter große Mann soff, ritt und zockte in Hurenhäusern. Spielte mexikanisches Roulette, etwa so: Wenn irgend jemand den Poker-Pott gewonnen hatte, wurden alle Lichter gelöscht und eine geladene Pistole mit gespanntem Hahn gegen die Decke geworfen. Sobald die Pistole den Plafond berührte, ging sie los. Dann wurde Licht gemacht, die Männer sahen nach, wer tot war. War der Gewinner noch am Leben, bekam er den Pott, war er tot, wurde brüderlich geteilt.

Über dieses Desperado-Mexiko mit Männern, die in Todesspielen einen letzten Lebenssinn suchen, hat Huston einige Filme gedreht, zuletzt »Unter dem Vulkan« nach dem autobiographischen Trinkerroman von Malcolm Lowry.

Huston stammte aus einem gottverlassenen Kaff im hinterwäldlerischen Missouri. Sein Vater, ein gestrandeter Vaudeville-Schauspieler, war dort Ingenieur seine Mutter, eine erfolgreiche New Yorker Journalistin, hatte er mit in die Gottverlassenheit gezogen.

Die Ehe ging in die Brüche, der Vater zurück zum Theater, die Mutter zurück zur Zeitung, und der kleine Huston pendelte zwischen reicher Mutter und tingelndem Vater hin und her. Als man dem schwächlichen Jungen attestierte, er habe ein krankes Herz und kranke Nieren, warf er sich aus Abhärtungsgründen Nacht für Nacht in einen reißenden eiskalten Bach und übte Überlebenstraining. Huston war eine Hemingway-Natur, nicht ohne Grund hat er die knappste und beste Kurzgeschichte Hemingways mitverfilmt: »Die Killer«.

Aber Huston, der von der Mutter die Spielernatur vom Vater die Lust zum Fabulieren geerbt hatte, lebte auch a la Hemingway: 1944 auf einer Party des Filmproduzenten David O. Selznick. Kriegs-Leutnant Huston ist da und der Frauenheld und Filmkorsar Errol Flynn. Flynn erzählt eine schmutzige Geschichte über die Schauspielerin Olivia de Havilland. »Das ist eine Lüge«, sagt

Huston und nennt Flynn einen Hurensohn.

Kurz darauf kämpfen sie im Garten, Huston, der früher auch mal Boxer war (sein wundervoll elegischer Film »Fat City«, 1972, erinnert später daran), und Flynn prügeln sich unter entsetzlichen Flüchen. Am Schluß müssen beide ins Krankenhaus, Huston mit gebrochenem Nasenbein, Flynn mit zwei gebrochenen Rippen. Sie telephonieren, und Huston sagt: »Der Fight hat mir viel Spaß gemacht, hoffentlich können wir das bald mal wiederholen.«

Huston, der Kraftkerl: so stand er im Alter auch als Schauspieler vor der Kamera. Vor allem in Polanskis Film »Chinatown« (1974), der zeigt, auf welche korrupte Weise Los Angeles das Land Kalifornien buchstäblich ausgesaugt hat, indem die Stadt dem Land das Wasser abgrub und verbrauchte. Huston spielt den mächtigen Spekulanten, sitzt mit Gabel und Messer im Country-Club vor einem glubschäugigen Fisch. Er kennt auch sonst keine Regeln: Er hat seiner eigenen Tochter, weil sonst niemand gut genug für sie ist, ein Kind gemacht.

Huston, der Schauspieler, Huston, der Regisseur: stets zeigte er eine anarchische Kraft, eine unbändige Energie, die sich ihre eigenen Gesetze gibt. Kein Zufall, daß der »Malteser Falke« nach Hammetts zynischem Detektivroman sein erster durchschlagender Erfolg wurde - das Schlüsselwerk der Schwarzen Serie, lakonisch und kalt eine gierige, über Leichen gehende Gesellschaft spiegelnd.

Kein Zufall auch, daß Humphrey Bogart von da an der Huston-Star wurde. Im »Schatz der Sierra Madre« (1948) etwa, wo am Schluß der Wind den Goldstaub, um den alle bis aufs Blut kämpften, in der Wüste verweht: eine Westernparabel der Vergeblichkeit. Oder in »Key Largo« oder »African Queen«, wo Huston und Bogart Katharine Hepburn nach Macho-Manier von der säuerlichen Jungfer zur liebenden Heroine abrichteten.

Später hat ihn vor allem die Gebrochenheit von alternden, scheiternden Helden interessiert: die Hemingwaysche Größe im Untergang. »Misfits« mit Marilyn Monroe, mit Clark Gable, mit Montgomery Clift ist so ein Nachruf auf längst schäbig gewordene Cowboy-Tugenden; »Fat City« zeichnet ein Boxer-Porträt in der Gosse der kläglichsten Provinz.

Einer seiner letzten Filme, »Die Ehre der Prizzis« (1985), mit Jack Nicholson, wirkt wie ein Satyrspiel auf Hustons elegische Heldenepen. Hier wird der Ehrenkodex auf groteske Weise auf eine Mafia-Sippschaft übertragen. Huston eroberte mit diesem Film seiner Tochter Anjelica einen Oscar. Er hatte sie zur Schreckenskarikatur einer liebenden italienischen Mafia-Ehefrau gemacht.

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