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VATIKAN / PAPST-REISEN Johnnie Walker

aus DER SPIEGEL 31/1960

Hunderttausende deutscher Katholiken, die sich an diesem Wochenende zum Eucharistischen Weltkongreß in München einfinden (siehe Seite 33), müssen ihre feierliche Zusammenkunft mit einer schweren Enttäuschung eröffnen: Papst Johannes XXIII. - seit Wochen durch Meldungen und Gerüchte angekündigt - bleibt dem Weltkongreß fern. Die Eminenzen des Vatikans haben einen Grundsatz durchgesetzt, der seit dem Ende des Kirchenstaats gilt und den ein römischer Prälat so umschreibt: »Ein Papst reist nicht.«

Dabei hatten die deutschen Katholiken noch bis zum letzten Augenblick geglaubt, der Heilige Vater werde nach München kommen: Der deutsche Prälat im päpstlichen Staatssekretariat, Monsignore Bruno Wüstenberg, hatte bereits mit der bundesrepublikanischen Vatikan-Botschaft Einzelheiten des päpstlichen Besuchs erörtert. Der Salonwagen des italienischen Staatspräsidenten Gronchi sollte dem Pontifex zur Verfügung gestellt werden, während sich die bayrische Staatsregierung für die Übernachtung des Papstes in der Münchner Wittelsbacher-Residenz interessierte.

Die Hoffnung auf ein Erscheinen des Papstes in München wurde vor allem durch den Umstand genährt, daß Johannes XXIII. immer wieder versucht, von Zeit zu Zeit die Mauern der 44 Hektar messenden Vatikanstadt zu verlassen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, Pius XII., der fast nie eine Reise unternahm, war schon dem Kurialdiplomaten Giuseppe Roncalli der Ruf vorausgegangen, einer der reisefreudigsten Kleriker der Kurie zu sein.

Der neue Papst ließ denn auch keinen Zweifel daran, daß er trotz aller Tradition viel reisen werde. Kurz nach der Wahl des Venedig-Patriarchen Roncalli zum Papst im Herbst 1958 berichtete das bürgerliche »Giornale d'ltalia«, Johannes XXIII. habe bei einer Audienz vor venezianischen Geistlichen erklärt, er werde Gelegenheit finden, die Lagunenstadt wieder zu besuchen.

Der venezianische Reiseplan stieß jedoch bald auf den Widerstand der vatikanischen Eminenzen, die zu bedenken gaben, Tradition und die absolutistische Regierungsform des Vatikans machten eine ständige Anwesenheit des Pontifex am Sitz der Kirchenregierung erforderlich. Statt des lebenden Papstes reiste einige Monate später ein toter Papst - die Hülle des heiliggesprochenen Pius X., der wie Johannes XXIII. Patriarch von Venedig gewesen war - in einem Glassarg von Rom nach der Dogenstadt.

Gegen solche Einengung seiner Bewegungsfreiheit setzte sich jedoch der Papst zur Wehr. Kurze Zeit nach der abgesagten Venedig-Reise wußten römische Blätter zu berichten, Johannes XXIII. habe vor Gläubigen aus seiner bergamaskischen Heimat ausgerufen, es gebe keine Bibelstelle, die ihm ein Wiedersehen mit seiner Heimat verbiete. Der Papst verschaffte sich denn auch zumindest innerhalb Roms mehr Bewegungsfreiheit.

Er begann, in Rom eine Kirche nach der anderen zu besuchen, inspizierte Krankenhäuser und Gefängnisse und setzte sich mit Freunden in deren Wohnungen zusammen. Berichtete das amerikanische Nachrichtenmagazin »Newsweek« im April 1960: »Innerhalb von vier Monaten verließ er den Vatikan zwanzigmal.«

Seine zahlreichen Spaziergänge durch Rom verleiteten sogar die den Rom -Besucher Eisenhower respektlos umschwärmenden US-Korrespondenten, den Papst mit dem an eine Whiskysorte erinnernden Spitznamen »Johnnie Walker« zu belegen - zu deutsch etwa: »Johann der Spaziergänger«.

Mochte sich der Pontifex in Rom auch noch so ungebunden fühlen, seinen weitergehenden Reiseplänen setzten die vatikanischen Diplomaten protokollarische Bedenken entgegen. Denn der touristische Unternehmungsgeist des Kirchenoberhaupts wurde immer größer: Johannes XXIII. wollte

- im Februar 1959 an der Hundertjahrfeier des französischen Wallfahrtsortes Lourdes teilnehmen,

- im Frühjahr 1960 zu dem italienischen

Wallfahrtsort Loreto pilgern, wo sich jener Stall befindet, in dem nach einer frommen Überlieferung Christus geboren wurde,

- im Sommer 1960 den Eucharistischen Weltkongreß in München besuchen und dabei einen Abstecher nach Innsbruck macheh.

Gegen diese päpstlichen Reiseprojekte wandten nun die Protokollbeamten der Kurie ein, derartige Besuche können die heilige Person des Papstes in den Sog höchst weltlicher Streitigkeiten und Eifersüchteleien rücken. So befürchtete der päpstliche Privatsekretär Capovilla Streitereien, die zwischen Städten und Staaten um die Gunst eines Papstbesuchs ausbrechen würden, falls erst einmal ein Präzedenzfall geschaffen sei. So gearteten Eifersüchteleien aber glaubte nun Papst Johannes durch seine Reise zum Eucharistischen Weltkongreß in München entgehen zu können; denn durch einen Besuch in der bayrischen Metropole, wo sich Katholiken jeder Nation versammeln sollten; konnte sich kein Land benachteiligt fühlen.

Indes, auch dieser Hinweis vermochte die vatikanischen ProtokollEminenzen

nicht zu überzeugen. Vielmehr wuchsen ihre politischen Bedenken noch: Ein Abstecher nach Innsbruck - so argumentierten die Eminenzen - könne manchen österreichischen Katholiken verlocken, von dem Papst eine Stellungnahme zum österreichisch-italienischen Streit um Südtirol zu erwarten, während die Visite in München als Identifizierung des Vatikans mit der Bundesregierung aufgefaßt werden könne.

Tröstete das italienische Nachrichtenmagazin »Vita« die Teilnehmer des Eucharistischen Weltkongresses: Papst Johannes XXIII. habe nicht nach München reisen wollen, »weil dort seine Person im Mittelpunkt gestanden und die Pilger von dem eigentlichen Zweck der religiösen Tagung abgelenkt hätte«.

Papst Johannes XXIII.: Reiseverbot in der Bibel?

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