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JOVI ET BOVI

aus DER SPIEGEL 24/1968

Eine hübsche Denksportaufgabe zum Thema Pressefreiheit stellte Springers »Welt am Sonntag« ihren Lesern vor drei Wochen. Ausgangslage: Der britische Großverlagsherr Cecil King hatte in zwei ("Daily Mirror« und »Sun") der über 200 Publikationen seiner International Publishing Corporation (IPC) den Rücktritt von Ministerpräsident Wilson gefordert.

Problemstellung laut »WamS": »Man stelle sich einmal vor, am Tage nach der SPD-Wahlniederlage in Baden-Württemberg hätte der Verleger Axel Springer in der »Bild«-Zeitung persönlich Stellung genommen und verlangt, daß der SPD-Vorsitzende und Außenminister Brandt seine Ämter räumen solle.«

»WamS«-Preisfrage an die Leser über die Reaktion in England auf Kings Attacke: »Wurde das »Daily Mirror'-Haus gestürmt? Veranstalteten Studenten ein Cecil-King-Tribunal? Forderten Professoren in Oxford und Cambridge zu einem Boykott der Cecil-King-Blätter auf? Gab es ein »sit-in« vor Mr. Kings Druckereien und den Versuch, die Auslieferung von »Daily Mirror« und »Sun« zu verhindern? Warfen englische Intellektuelle dem Zeitungskönig Manipulierung der öffentlichen Meinung vor? Fiel die übrige englische Presse über den Großverleger her?«

Richtige Lösung für »WamS«-Leser: »Nichts von alledem!«

Indes, die »WamS«-Lösung erwies sich als unbeständig. Und wenn auch -- Wie bei allen Rätsel-Fragen der Rechtsweg ausgeschlossen ist und die »WamS«-Lösung für »WamS«-Leser gültig zu bleiben hat, so soll doch die konkrete Antwort nachgetragen werden. Gewiß. keiner stürmte Cecil Kings Verlagshaus« niemand behinderte die Auslieferung seiner Zeitungen. Wozu auch? Denn kaum drei Wochen nach Cecil Kings »Paukenschlag« ("WamS") gegen Wilson wurde dem »Beherrscher des größten Zeitungs- und Zeitschriftenkonzerns, den die Welt bisher gekannt hat« ("Welt"), der Stuhl vor die Konzerntür gesetzt -- er war über Nacht« wie englische Abendzeitungen unsentimental formulierten, »geflogen« und »gefeuert«.

Denn Cecil Kings Mitdirektoren hatten ihren obersten Chef entlassen, weil -- so einer von ihnen -- »seine zunehmende Beschäftigung und seine Einmischung in nationale Angelegenheiten in einer sehr subjektiven Weise eine Situation zwischen ihm und seinen Kollegen geschaffen haben, die der gegenwärtigen und künftigen Leitung der IPC schaden«.

War das ein undemokratischer Eingriff in die Meinungsfreiheit des großen Cecil King? Ach, in England hegt man noch die altmodische Ansicht, daß die Ausübung wirtschaftlicher Macht durch einen Verlagsherrn nicht unbedingt als schutzwürdige Wahrnehmung der Meinungsfreiheit betrachtet werden muß. Dort glaubt man noch, daß sich in Zeitungen die Meinungsfreiheit ihrer Redakteure und nicht ihres Verlegers -- oder gar ihres Konzernherrn allein -- verwirklicht. Der neue IPC-Chef Hugh Cudlipp will sich klar von Cecil King unterscheiden. Er betrachtet sich ausdrücklich als »gewählter Vorsitzender«, versichert, daß der Konzern zu groß sei für »autoritäre Techniken« und verspricht: »Es wird niemals die Rede sein von meinen Zeitungen, meinen Redakteuren, meinen Photographen.«

Wie schrieb die »Welt am Sonntag« zu Beginn ihrer voreiligen Denksportaufgabe: »Quod licet jovi, non licet bovi lautet ein römisches Sprichwort, was den Göttern erlaubt ist, geht den Menschen noch lange nicht durch! Auf unseren Fall angewandt, läßt sich diese Weisheit dahin abwandeln, daß in einer echten Demokratie für natürlich gilt, was Pseudodemokraten niemals begreifen werden. Wir meinen die Freiheit der Presse.«

Bei Jupiter, es ist wirklich alles anders: Der Mensch ("WamS« hat »bovi« sehr schmeichelhaft übersetzt) Axel darf sich hei uns alles erlauben, was den Gott Cecil King in England zu Fall brachte. Axel Springer wird -- wie eh und je -- von »meinen Zeitungen« und »meinen Redakteuren« sprechen. Er wird auch künftig -- wie er selbst sagt -- »Pflöcke« einschlagen, innerhalb derer sich Springer-Redakteure bewegen müssen, die in Ausübung der Pressefreiheit ihres Verlagsherrn bei der Studenten-Bekämpfung -- wie es gerichtsnotorisch ist -- »das Fälschen nicht lassen« konnten.

Springer hat im ZDF erklärt, er könne sich an den Gedanken einer gesetzlichen Marktbeschränkung »überhaupt nicht gewöhnen«. In England jedoch verheißt ein Gesetz Konzernherren« die sich an Marktbeschränkung nicht gewöhnen wollen, bis zu zwei Jahren Gefängnis. In dieser »echten Demokratie« ("WamS") gilt, wovon das deutsch! englische Freundespaar (Springer: »Mein Freund Cecil King«, King: »Mein Freund Axel Springer") nichts wissen will: »Die Freiheit« etwas zu veröffentlichen, bedeutet Freiheit für alle und nicht nur für wenige. So lautete die Begründung des Gesetzes. Cecil King« »vorgestern noch allmächtig« ("FAZ")« mußte dies erleiden. Axel Springer wird es nie erfahren.

Otto Köhler

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