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COMICS / "MICKY MAUS" Jünger Maos

aus DER SPIEGEL 43/1969

Mitte Juli urteilte CSU-Wahlkämpfer Franz Josef Strauß über einige Apo-Anhänger, sie gebärdeten sich »wie Tiere«. Zehn Wochen später warf der von Franz Josef Strauß herausgegebene »Bayernkurier« einigen Tieren vor, sie gebärdeten sich wie Apo-Anhänger.

Unter der Rubrik »Jugend« beanstandete das CSU-Blatt, manche der anthropomorphen Tiergestalten in Walt Disneys »Micky Maus«-Heftchen sprächen »in letzter Zeit« das »Soziologen-Chinesisch der neuen Linken Mithin drohe »Gefahr ... für unsere Kinder«.

Gefährdet durch linke Sprechblasen sehen Straußens Kinderschützer die Leser der »größten Jugendzeitschrift der Welt«, deren Deutschland-Ausgabe wöchentlich In einer Auflage von 450 000 Exemplaren im Stuttgarter Ehapa-Verlag erscheint (Preis: 90 Pfennig).

Besonders »alarmierend« fand das Blatt eine bunte Bilder-Geschichte in der »Micky Maus«-Nummer 36 vom 6. September. Das Heft berichtet über einen neuerlichen Versuch der »Panzerknacker AG«, den geizigen Multimilliardär Onkel Dagobert, den »reichsten Mann der Welt«, zu berauben: Die Panzerknacker legen sich, nachdem konventionelle Methoden ("Hände hoch") wieder einmal versagt haben, einen »Verbandsideologen« zu, der ihnen rät: »Ihr müßt euch in den Besitz der Produktionsmittel setzen.«

Doch trotz ideologischen Überbaus scheitern die Panzerknacker, und wie stets In den »Micky Maus«-Heften siegt das sogenannte Gute: Der »alte Kapitalist« Dagobert, ein telleräugiger Enterich, behält seine Milliarden.

Dennoch sah der »Bayernkurier« die »Micky Maus auf Abwegen": »Bedenklich« stimme schon »das Wort »Ideologe«, noch dazu, wenn es auf einer einzigen Seite dreimal auftaucht«. Mit solchen Begriffen werde den Kindern eine »Phraseologie eingeimpft«, die »sich -- wenn sie nicht sinnvoll später interpretiert wird -- rasch mit Schlag-Inhalten füttern läßt«.

Der CSU-Angriff zielt auf die »Micky Maus«-Chefredakteurin Dr. Erika Fuchs, 61 -- eine Dame, die, ausgestattet mit einem Studium der Kunstgeschichte und der Philosophie, seit 15 Jahren »Micky Maus«-Texte »ziemlich frei« aus dem Amerikanischen ins Deutsche überträgt und der die CSU-Attacke »lächerlich« erscheint: »Der reiche Dagobert Duck ist so irrsinnig geizig -- daß er veralbert wird, dagegen dürfte doch keiner etwas haben.«

Im übrigen, so die Chefredakteurin, habe der linke Panzerknacker-»Chefideologe« in Heft 36 ja versagt, Erika Fuchs: »Wer so etwas für linksgerichtet hält, hat nicht nur eine Parteibrille, sondern ein Parteibrett vor dem Kopf.«

Bislang hatte sich die »Micky Maus«-Chefin eher mit Angriffen anderer Art auseinanderzusetzen: Das pädagogische Periodikum »Jugendschriften-Warte« etwa verdammte die Bilderbogen als »Bilderdrogen« und sagte voraus, daß Konsumenten solcher »Baby-Hieroglyphen« auf immer im »Lau-Alter« bleiben. Und Eugen Gerstenmalers »Christ und Welt« fragte vor Jahren: »Kann man die zwar harmlosen, aber unendlich hingedehnten und aufgeschwollenen »Micky Maus«-Stories überhaupt ansehen, ohne zu erschrecken über die Banalität ...?«

Immerhin findet der »Bayernkurier«, daß die Sprache der »Micky Maus«-Hefte »zwar einfach, aber nicht primitiv« sei. Der Verwendung von Wortfetzen wie »ächz«, »stöhn«, »schnurch« und »grübel-grübel« (Erika Fuchs: »Meine Erfindung") mißt die »Micky Maus«-Macherin gar pädagogische Bedeutung bei: »Die Kinder lernen so Wortstämme kennen und werden mit Wort-Lautspielereien vertraut.« Zudem ist die Comic-Stripteuse bemüht, »in Deutschland wieder das Perfekt und den richtigen Gebrauch des Konjunktivs einzuführen«.

Von den rechtsradikalen Konkurrenz-Comics aus dem Münchner Kauka-Verlag (SPIEGEL 38/1969), in denen Held »Sigi aus Bonnhalla« einen jiddisch sprechenden Herrn namens »Schieberius« bekämpft, unterscheiden sich die »Micky Maus«-Hefte gründlich.

»Wenn sie überhaupt eine politische Absicht verfolgen«, präzisiert Chefredakteurin Fuchs, »dann eine demokratische und tolerante.« Beispiel: In der Strip-Story »Der goldene Helm« verfolgt Donald Duck einen machtgierigen Wikinger-Nachfahren, der, unterstützt von einem Winkeladvokaten, »ganz legal« Kaiser von Amerika werden will. Dem Führer-Anwärter legte Chefredakteurin Fuchs »absichtlich einige Redensarten des Dritten Reiches« wie »Ich glaube an meine Sendung« in den Mund -- »in der Hoffnung, daß niemand auf solche Phrasen hereinfällt, der als Kind darüber gelacht hat«.

Das »natürliche Gefühl für Recht und Unrecht, wahr und falsch, gut und schlecht« will Texterin Fuchs durch Anwendung einer erziehungswissenschaftlichen Einsicht aktivieren: Solche »Micky Maus«-Figuren« mit denen sich die kindlichen Leser identifizieren (wie die Entchen Tick, Trick und Track und der Kleine Wolf), werden mit positiven Eigenschaften ausgestattet, »erwachsene« Figuren (wie Donald Duck und der Große Böse Wolf) dagegen mit negativen.

Dieser antiautoritäre Zug (Erika Fuchs: »Erziehung ohne erhobenen Zeigefinger") hat die »Micky Maus« freilich auch beim antiautoritären Teil der Apo beliebt gemacht: Es gibt in Deutschland kaum ein Untergrund-Lokal, in dem nicht auch »Micky Maus« gelesen wird, kaum eine Kommune, in der die »Micky Maus« nicht ständig ausliegt.

Für den Ur-Kommunarden Rainer Langhans, 29, nehmen die »Micky Maus«-Strips »immer mehr den Charakter eigentlicher Bücher« an. Und seine Mit-Kommunardin Uschi Obermaier, 23, ein Ex-Mannequin, erläutert: »Bücher lesen ist schwierig. »Micky Maus« ist einfacher. Das strengt nicht so an.«

In diesem Punkt sind sich die linken Kommunarden mit Intellektuellen einig -- etwa mit dem Frankfurter Philosophie-Professor Max Horkheimer, 74, der »vor dem Einschlafen« zu Comics zu greifen pflegt, weil er sie »ganz naiv gern« hat. Der Freiburger Germanistik-Ordinarius Dr. Hugo Steger, 40, der solches Verhalten untersucht, kam zu dem Schluß: »Wer tagsüber seinen Verstand strapazieren muß, sucht in den wenigen Augenblicken seiner Freizeit instinktiv nach geistiger Entspannung. Mit den banalen Comic strips wäscht er sozusagen das Gehirn rein.

Doch so beliebt solche Gehirnwäsche bei der neuen Linken von Campus und Kommune ist, so sehr wird sie von der alten Linken verabscheut. In der DDR gilt, was 1961 der Vorsitzende der Kreispionierorganisation Wismar, Hans Borowski, über die »Micky Maus« sagte: »Ein guter Pionier und Schüler liest sie nicht. Die »Micky Maus« ist eine Kinderzeitschrift eines uns feindlichen Staates, der alles tut, damit ein neuer Krieg vom Zaun gebrochen wird.«

In Hannover trugen die ideologischen Meinungsverschiedenheiten zwischen der alten und der neuen Linken über den Stellenwert der »Micky Maus« unlängst dazu bei, daß die dortige Apo-Zentrale, der »Club Voltaire«, geschlossen werden mußte: Zum Ärger der Apo-»Traditionalisten« hatten die Apo-»Antiautoritären« von den Lese-Tischen des Klubs »alle Informationsmittel vom »Neuen Deutschland« bis zur »Frankfurter Rundschau« zugunsten kulturrevolutionärer Schriften wie »Micky Maus"« entfernt (Klub-Mitgründer Dietrich Kittner).

Wie wichtig die »Micky Maus« für Teile der Apo ist, zeigt auch eine von Berliner Raubdruckern hergestellte Neuauflage des 1925 erschienenen Buches »Der triebhafte Charakter« von Wilhelm Reich, dem linken Sexpol-Ideologen: Auf der gelben Titelseite des neuaufgelegten Werkes sind Dagobert Duck und ein Panzerknacker abgebildet. Auch in dem von Apo-Leuten gestalteten Buch »Subkultur Berlin«, das unlängst im Darmstädter März-Verlag erschienen ist, tauchen Disney-Gestalten auf. Die Herausgeber drucken in dem Kompendium, einer »Selbstdarstellung« der »subversiven Gruppen«, über acht Seiten hinweg eine »Micky Maus«-Geschichte ab, in der ein gutmütiger Donald-Duck-Freund« der »Dipl.-Erfinder Daniel Düsentrieb«, den »üblen Erfinder Hugo Habicht« bekämpft.

Denn das Duell zwischen den Wissenschaftlern Habicht und Düsentrieb fügt sich in die »Technologie-Diskussion"« die neuerdings in der studentischen Linken über die »Verwertung wissenschaftlicher Arbeiten« geführt wird: In einer düsengetriebenen Badewanne geraten Donald Duck und Daniel Düsentrieb auf eine Südsee-Insel, deren Einwohner Hunger leiden; denn Erfinder Hugo Habicht knackt dort mittels eines künstlichen Polypen alle Austern, das Hauptnahrungsmittel der Insulaner, um sich die Perlen anzueignen. Donald und Düsentrieb verjagen den Kapitalisten Habicht und vergesellschaften den Polyp-Roboter. Die Eingeborenen über dessen neuen Verwendungszweck: »Wir pflücken damit Kokosnüsse, wir schaukeln damit unsere Kinder, wir roden damit den Urwald.«

»So herrlich antikapitalistisch« (Kommunardin Uschi Obermaier) erscheinen vielen Linken auch die Geschichten um den reichen Geizhals Dagobert -- beispielsweise diese: Dagobert Duck lädt den zweitreichsten Mann der Welt zu einem Vergleichskampf ein. Beide errichten immer höhere Denkmäler, sich selber darstellend. Doch der Reichste, Dagobert, wird immer reicher, der Zweitreichste immer ärmer: Denn die Baufirmen und der Grund und Boden, auf dem die Denkmäler erbaut werden« gehören Dagobert.

»In dieser Geschichte werden der Konzentrationsprozeß in der Wirtschaft und die Verelendungstheorie dargestellt«, lautet der Kommentar linker Gymnasiasten, den letzten Monat das bundesweit verbreitete Schülermitverwaltungs-Blatt »Wir machen mit« abdruckte. In allen Gestalten der »Micky Maus«-Familie entdeckten die linken Schüler marxistische Symbolfiguren:

* Dagobert Duck: »Prototyp des Monopolkapitalisten. Er badet in Geld und lebt von der Produktivität der Werktätigen; er schöpft den Rahm ab. Im Konkurrenzkampf übertrifft er andere Spekulanten und Monopolkapitalisten (nach Marx: »Konzentration des Kapitals").«

* Donald Duck: »Als Gelegenheitsarbeiter zum Proletariat gehörig ... Er ist ein Opfer der ökonomischen Verhältnisse im Kapitalismus und hat deshalb noch nicht die Bewußtseinsstufe erreicht, auf der er seine Klasseninteressen erkennen kann. Strebt dauernd« es seinem Onkel (Dagobert) gleichzutun. Er stellt die revisionistische Sozialdemokratie dar, da er sich dauernd mit dem Kapitalismus arrangiert.«

* Tick, Trick und Track: »Sie stehen für die sozialistische Jugend schlechthin ... Ihrem revisionistischen Onkel (Donald) gehorchen sie nur in den äußersten Fällen. Ihren kapitalistischen Onkel Dagobert bekämpfen sie sogar offen. Da ihr kritisches Bewußtsein auch gegen Verwandte sehr früh geweckt ist, können aus ihnen einmal rechte Kommunisten werden.«

Hoffnung sehen die linken »Micky Maus«-Analytiker, wo der rechte »Bayernkurier« Gefahr gewittert hatte: Die Panzerknacker sind ihrer Ansieht nach »die einzigen, die mit der Enteignung der Ausbeuter Ernst machen ... Sie sind erklärte Jünger Maos«.

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