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AFRIKA / SCHWARZE MAGIE Juju und Muti

aus DER SPIEGEL 52/1970

Tausende Nigerianer starrten auf die Hochseilartisten der deutschen »Zugspitz-Truppe«. Als einer der Artisten mit einem Motorrad über das Seil knatterte, gab es für die meisten der Zuschauer nur eine Erklärung Juju.

Der südafrikanische Boxer Abednigo »Pancho Villa« Mnguni taumelte. Er nahm Haken und Gerade, landete selbst aber keinen einzigen Schlag. In der Pause stammelte er: »Mein Gegner ist unsichtbar. Er gebraucht Muti.«

Oberschüler aus Tansania, die bei der Abschlußprüfung versagen, machen Uchawi dafür verantwortlich.

Nachtwächter aus Mali, die ausgerechnet in jener Nacht schlafen, in der Einbrecher die bewachten Häuser ausplündern, jammern·. »Jemand hat Grisgris benutzt.«

Juju (im englischsprachigen Westafrika), Muti (bei den schwarzen Südafrikanern), Uchawi (in Ostafrika) und Grisgris (in den frankophonen Gebieten) sind Namen für ein Gespenst, das auch im Afrika von heute noch irrlichtert: Zauberei.

Selbst ungebildete Afrikaner »wissen, daß die Sonne im Osten aufgeht ..., daß sie Hitze und Licht spendet«, schreibt der aus Tansania stammende schwarze Wissenschaftler Cosmas Haule. »Sie wissen, daß Pflanzen auf guter Erde gut wachsen und daß der Biß einer Giftschlange tödlich ist.« Das sind »natürliche Dinge«.

Aber den Menschen fällt es schwer, zu verstehen, daß andere mit außerordentlichen Fähigkeiten oder ungewöhnlicher Intelligenz gesegnet sind; daß Kinder plötzlich sterben, Gesunde verunglücken, Frauen steril oder Männer impotent werden.

»In Europa beantworten wir solche Fragen«, für die es keine wissenschaftliche Erklärung gibt, »indem wir von Zufall oder von Schicksal sprechen« (so die· englische Ethnologin Lucy P. Mair). Afrikaner aber sehen hinter diesen »guten und schlechten Phänomenen eine Macht -- Zauberkraft« (Haule).

Zauberkräfte können allen Dingen innewohnen: Affenschädeln und Hühnerkrallen, wie sie auf dem Juju-Markt von Ibadan in Nigeria feilgeboten werden; Bäumen, Tieren und bestimmten Menschen. Sie können dem einzelnen nützen oder schaden.

Zwar erlebt der Schwarze Kontinent seit der Unabhängigkeitswelle von 1960 eine Bildungsrevolution; in einigen Gebieten besuchen schon 80 Prozent der Kinder eine Schule; zwar finden mehr und mehr Menschen Arbeit in Industrie und Verwaltung; zwar dringen Ärzte in bislang von Medizinmännern beherrschte Gebiete vor; Verstädterung sowie Kommunikation über neue Verkehrswege und Transistorradios lassen überall das Stammessystem zerbröckeln.

Aber Fetisch- und Jujumänner, Zauberer und Hexer scheinen eher zahlreicher zu werden. Denn die Umwälzungen schaffen Situationen, für die es im traditionellen Stammesleben keine Vorbilder und keine Lösungsvorschläge gibt: Die im Kulturwandel »auftretenden Spannungen werden dann oft mit Hexerei erklärt« (so der englische Ethnologe Max Marwick).

Beeinflußten die Zauberkräfte früher nur Haus, Hof und Vieh, das Wetter und die Ernte, so treiben sie heute nach Ansicht vieler Afrikaner auch in den modernen Lebensbereichen ihr Unwesen:

Rivalen im Geschäftsleben und um Beförderung wetteifernde Arbeitskollegen beschuldigen sich gegenseitig der Hexerei. In der Einsamkeit der Städte nehmen neu Hinzugezogene Zuflucht zu magischen Kräften und alten Göttern. Zaubermittel sollen den Job sichern. Mit magischen Mitteln wollten sich die Simba-Rebellen vor den MG-Garben der Kongo-Söldner schätzen; Biafra-Soldaten wollten damit englischen Granaten und russischen Bomben trotzen.

Die Zauberei fand Eingang in Bildungswesen, Sport und Politik: 85 Prozent von 1300 Oberschülern, die der nigerianische Psychiater Dr. Adeoye Lambo vier Jahre lang beobachtete, hatten Talismane. Die deutschen Nervenärzte Staewen und Schönberg ermittelten in Nigeria »Schüler und Lehrlinge als besonders angstgefährdete Berufsgruppe«, denn »mit der forcierten Neugründung von Schulen waren immer mehr Schüler dem Druck von Examensvorbereitungen ausgesetzt«.

Die Fußballspieler des Kongo-Kinshasa stürzten sich fluchend auf den Accraer Rundfunkreporter Joe Lartey. der vor dem Länderspiel gegen Ghana ihre Kabine betreten wollte. Lartey trug in einem Lederetui um den Hals seine Stoppuhr -- die Kongolesen vermuteten Zaubermittel.

Südafrikas Weltklasseboxer Tony »Blue Jaguar« Morodi geriet in den Verdacht, Muti zu benutzen, weil er mit dem schwarzen Millionär Khotso Sethunsa verkehrte: Khotso, der im Februar seinen 90. Geburtstag feierte, behauptet, noch heute seine 23 Frauen in einer einzigen Nacht zu beglücken. Das Geheimnis von Khotsos Erfolg: ein aus Kräutern hergestelltes Muti namens Ibangalala. Die Boxfans vermuteten, auch Morodi nehme das Zaubermittel -- freilich zur Stärkung der Schlagkraft im Ring.

»In unserem Land Politiker zu sein, heißt Angst haben müssen«, enthüllte ein nigerianischer Prominentenarzt. Afrikanische Politiker zeihen sich gegenseitig der Zauberei. Mit magischen Mitteln versuchen sie sich zu schützen -- selbst Sozialisten:

Malis Modibo Keita hatte in seinem Präsidentenwagen und in seiner Residenz zahlreiche Grisgris versteckt: kleine Knöchelchen und Beutel mit Puder. Ghanas Kwame Nkrumah gab für einen Wahrsager 112000 Mark aus. Beide Staatschefs stürzten dennoch.

Ihr Geld wert waren hingegen die nigerianischen Regenbeschwörer, die der Stadtrat von Lagos im Oktober 1960 engagierte. Für 20 000 Mark sorgten die Zauberer dafür, daß die saisonbedingten Niederschläge zum abschließenden Höhepunkt der Unabhängigkeitsfeiern ausblieben. Die »New York Times« schrieb vom »Triumph der Regenmacher«. Eine nigerianische Zeitung fragte peinlich berührt, ob Nigeria »eine Fetisch-Nation« werden wolle.

Tatsächlich reagieren die meisten afrikanischen Regierungen gegenüber dem Zauberglauben zwiespältig. Sie bekämpfen ihn und dulden ihn gleichzeitig, denn er Ist zu tief in der Gesellschaft verwurzelt.

Kenias Regierung ließ vor sechs Wochen Tsume Washe, 33, den bekanntesten Medizinmann und Zauberer des Landes, verhaften, weil seine Tätigkeit mit dem »neuen Kenia in keiner Weise vereinbar« sei. Vor einem Jahr aber, als die Opposition gegen den vom Kikuju-Stamm beherrschten Staat aufbegehrte, hatten die Regierenden in Nairobi sehr wohl geduldet, daß sich -- wie einst beim Mau-Mau-Aufstand -- die Kikujus zu gespenstischen nächtlichen Eideszeremonien zusammenrotteten und schworen: »Niemals soll ein anderer Stamm in Kenia regieren.« Oft agierten Parteifunktionäre als Zeremonienmeister.

In Sambia agitierte dagegen Dr. Kaundas regierende United National Independence Party gegen geheimnisvolle Massenvereidigungen -- offenbar verschworen sich dort Regierungsfeinde.

Daß Afrikas heutige Herrscher mit der Zauberei leben müssen, demonstriert eine Entscheidung der Regierung von Malawi: Im vergangenen Jahr schickte sie vier weiße Oberrichter nach Hause, »weil sie Fälle von Hexerei nicht effektiv verhandeln können«. Malawi afrikanisierte sein englisches Rechtssystem, um eine legale Grundlage für die Verhandlung der zahlreichen Zauberei-Fälle zu bekommen.

»Der Hexenglaube«, so die Ethnologin Mair, »liefert in Unglücksfällen eine -- wenn auch nach unseren Maßstäben irreführende -- Anleitung zum Handeln.« Er vermittle den Menschen »die beruhigende Gewißheit, daß sie Schritte zur Sanierung des Unglücks unternehmen« könnten.

Und Europäer, die lange und intensiv mit Afrikanern leben, haben erkannt, daß Juju und Muti, Grisgris und Uchawi in der Tat Leistungen steigern.

Beim Bau der Fleischfabrik von Bolgatanga an der Grenze von Ghana und Obervolta erlebten deutsche Techniker angeblich, wie ein Baum erst gefällt werden konnte, nachdem ein Fetischpriester Opfer gebracht hatte. Vorher waren alle Äxte abgeglitten, selbst ein Bulldozer hatte versagt. Ein Ingenieur: »Als der Juju-Mann ein Huhn geschlachtet und Gin auf den Boden gespritzt hatte, fiel der Baum fast von selbst.«

Die weiße Fußballmannschaft von Moritzburg City in Südafrika schaffte 1969 nach einer Muti-Behandlung durch den farbigen Medizinmann Dr. Sunshine Gumede den Sprung vom Tabellenende ins Finale. Gumede gab den Profis vor jedem Spiel eine Art Kaugummi, ließ sie ihre Gesichter mit einem Wässerchen spülen und beschmierte das Tor mit Creme. Maritzburg City beschäftigt den Zauberer noch heute.

Der Engländer James H. Neal, zehn Jahre lang Chef der Kriminalpolizei von Ghana, war immer wieder Ziel von Juju-Attacken aus Verbrecherkreisen. Neals Feinde streuten Pulver in seinen Wagen und in sein Haus und behexten ihn mit rätselhaften Krankheiten. Europäische Ärzte waren machtlos,

Ghanaische Kollegen drängten schließlich den Engländer, sich mit afrikanischen Zaubermitteln zu schützen. Der berühmte Medizinmann Malam Alargi fabrizierte für Neal zum Preise von 450 Mark aus Teilen eines Löwen, eines Leoparden, eines Elefanten, einer Hyäne« eines wilden Hundes und aus verschiedenen Medizinen ein Amulett -- einen »ungewöhnlichen, aber wirkungsvollen Lebensretter« (so Neal).

Der weiße Chef von Ghanas Kriminalpolizei erkannte daraufhin, »daß viele afrikanische Juju-Männer gewaltige Geheimnisse hüten, von denen man in Europa wenig weiß«. Neal: »Ich begann an dem Konzept zu zweifeln, daß die Afrikaner rückständig sind.«

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