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PARTEIREBELLEN Junge Milde

Auf dem CDU-Parteitag hat der kritische Nachwuchs klein beigegeben. Helmut Kohl war als junger Wilder in den sechziger Jahren erfolgreicher.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Wenn auf einer langweiligen Versammlung der Jungen Union ein großer Mann mit einer großen Pfeife auftauchte, war sofort Krach« - Erinnerungen eines Parteifreundes an die politische Jugendzeit des Kanzlers.

Klaus Escher, 32, Vorsitzender der Jungen Union seit 1994, lehnt den Genuß von Tabak ab. Und wenn er einmal zündelt, bleibt nur Rauch ohne Feuer. »Der wurde doch unangespitzt in den Boden gerammt« - Erinnerungen eines Delegierten an den CDU-Parteitag vergangene Woche.

Während der große Vorsitzende eine Wahlkampf-Eröffnungsrede hielt, bei der selbst er ein Gähnen nicht unterdrücken konnte, mußte Escher im Hotelzimmer einen zuvor angekündigten kritischen JU-Antrag (Titel: Neue Realitäten - neue Prioritäten) überarbeiten.

In der »weichgespülten Fassung« ("Süddeutsche Zeitung") war von einer »programmatischen Krise« der CDU nach 15 Regierungsjahren, von »mangelndem Reformwillen« oder personeller Erneuerung nicht mehr die Rede. Der Jurist Escher erklärte auf dem Podium artig, sein »Vorstoß«, Helmut Kohl nach der Bundestagswahl als Parteivorsitzenden abzulösen, sei »beendet«.

Eine vermeidbare Niederlage, denn von Helmut Kohl lernen heißt siegen lernen. Der war 1947 (CDU-Mitgliedsnummer: 00246) in der Jungen Union seiner Heimatstadt Ludwigshafen politisch engagiert und hatte sich schon früh als »Reformer« ("Das Schlimmste an mir ist das Mundwerk") gegen das barock-verkrustete CDU-Establishment des Mainzer Dauer-Ministerpräsidenten Peter Altmeier profiliert.

Organisatorische und »innerbetriebliche« Mängel seien auch mit noch so feinsinnigen Beschwörungen des »C« nicht zu reparieren, kritisierte der 35jährige Kohl. Die Widersacher des »wüsten Burschen« und »rotzigfrechen Mannes«, ermittelten Kanzler-Biographen, dachten in den wilden Jahren sogar über einen Rauswurf nach. Die heutigen Kritiker seien dagegen richtige »Milchgesichter«.

Die sogenannten Jungen Wilden verhielten sich auf dem Parteitag, als gelte es, dieses Urteil zu bestätigen.

Christian Wulff, 38 (Niedersachsen), und Ole von Beust, 42 (Hamburg), ließen Escher ebenso hängen wie der saarländische CDU-Landesvorsitzende Peter Müller, 42, oder der hessische Fraktionschef Roland Koch, 39.

Völlig ironiefrei erklärte der saarländische Kohl-Kritiker Müller den rund 1000 Delegierten, daß »ein Kanzlerwahlverein etwas Gutes« sei, da er dem Land diesen einen Kanzler erhalte. Auch Kohls Lieblings-Rebellendarsteller Wulff, der bei den Landtagswahlen Gerhard Schröder Wählerstimmen abjagen soll, fand plötzlich »eine Personaldebatte für den Wahlkampf schädlich«. Helmut, Helmut, Helmut.

Bei soviel Harmonie klang Wolfgang Schäubles Mahnung an die »Bedenkenträger und Besitzstandsverteidiger«, nicht jeden parteiinternen Kritiker des »Hochverrats« zu verdächtigen, wie Hohn: »Wir sollten das Nachdenken nicht verbieten.«

Eine Anregung, der sich Kohl in seinen frühen Jahren verpflichtet fühlte. Selten scheute die Walz aus der Pfalz, die sich mit dem politischen Gegner schon mal prügelte, den Konflikt mit den Parteioberen. Kohl hielt die Konfessionsschule Mitte der sechziger Jahre für überholt, und die CDU sei nicht »der verlängerte Arm der Kirchen«. Er attackierte die angelaufene »Aktion Saubere Leinwand« und suchte den Dialog mit den von Kanzler Ludwig Erhard als »Pinscher« gescholtenen Intellektuellen.

»Die Zeit der Gartenlaube ist vorbei«, wetterte Kohl gegen den restaurativen Kurs der Landesregierung. In der Partei, deren Vorstand Jungunionisten schon mal als »vereinigte Kalkwerke« verspotteten, müsse zukünftig »mit ganz anderen Maßstäben« gearbeitet werden.

In einem SPIEGEL-Gespräch 1968 schalt er die gesamte Partei als Truppe von gestern: »Wenn die CDU nicht so schnell wie möglich den Anschluß an die Kriterien einer modernen Partei in der modernen Massengesellschaft findet, wird sie ihre eigene Zukunft verspielen.« Seine Zukunft hatte er dabei immer fest im Blick.

Mit Hilfe eines trinkfesten Freundeskreises wurde Kohl 1969 im Alter von 39 Jahren Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz - der jüngste in der ganzen Republik.

Schon als designierter Landesfürst hatte er sich in der Hauptstadt lautstark und beinahe schon progressiv zu Wort gemeldet. »Der jetzige Bonner Parlamentarismus gibt den Jungen keine hinreichende Chance, sich zu bewähren«, kritisierte Kohl damals ähnlich wie Escher. Die Vorläuferparteien der Christdemokraten in der Weimarer Republik seien einer Tradition des 19. Jahrhunderts verhaftet gewesen und »nur darauf angelegt, Wahlen zu gewinnen«. Auch für Konrad Adenauer war »die CDU vor allem Wählmaschine«.

Das war starker Tobak aus der Provinz. Doch dem konservativen Jungmann - damals Herrchen eines Schäferhundes »Igo«, der auf den Satz »Da is'n Soz« zu bellen begann - schadeten solch klare Worte wenig.

Im Gegenteil: Adenauer lud ihn zu langen Gesprächen nach Bonn ein, Kanzler Kurt Georg Kiesinger wanderte mit dem lauten Nachwuchstalent des öfteren durchs Schwäbische.

Kohl weiß, wie wirksam solche Streicheleinheiten sind. Als der Saarländer Müller, Befürworter von schwarz-grünen Koalitionen, den Parteichef kritisierte, bat Kohl ihn zum Gespräch. Statt des erwarteten »Donnerwetters« (Müller) erzählte der CDU-Chef dem aufsässigen Jungpolitiker gönnerhaft von seinen Treffen mit Adenauer.

Deshalb ist nicht ausgeschlossen, daß auch in den obersten Stockwerken der Deutschen Bank in Frankfurt schon bald das Telefon klingelt. Dort arbeitet der zurechtgestutzte CDU-Bundesvorstand und JU-Chef. Wanderstiefel, so Escher, habe er »für alle Fälle« griffbereit.

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