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»Jutta ist jetzt die Kaiserin«

Die grüne Aus- und Aufsteigerpartei, einst allem Personenkult abhold, hat einen Star: Jutta Ditfurth, radikale Fundamentalistin, ist unumstrittene Parteiführerin - eine Kultfigur. Gerühmt ihre rhetorische Begabung, anerkannt ihr Mut im Umgang mit etablierten Parteigrößen. Freilich lehrt die kurze Parteigeschichte der Grünen, daß Stimmungen schnell schwanken - womöglich schon nach den Wahlen am nächsten Sonntag? *
aus DER SPIEGEL 20/1987

Bei der Vorstellung des neuen Bundesvorstands der Grünen vor der Bonner Presse, am Dienstagmittag letzter Woche, beschwor ausgerechnet Jutta Ditfurth die Einheit der Partei. »Über alle tatsächlichen Meinungsverschiedenheiten hinweg« gebe es »einen breiten Fundus an Gemeinsamkeiten« aller Grünen. Schuld am »hochgeblasenen Krisengeschwätz«, fügte sie im Stil des etablierten Polit-Profi hinzu, seien vor allem die Medien.

Jutta Ditfurth, 35, Tochter des Wissenschaftspublizisten Hoimar von Ditfurth ("So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen"), die für sich selbst das adelige »von« im Namen strich, gilt seit dem ersten Mai-Wochenende als neue Verkörperung der Grünen: Die Bundesversammlung der Auf- und Aussteiger-Partei wählte sie mit satter Mehrheit wieder als Sprecherin des Bundesvorstands - obwohl doch gerade sie in den letzten Jahren als Exponentin des Fundamentalisten- und Verweigerer-Flügels immer wieder für Ärger gesorgt hatte.

Danach wurde die mollige und unbeirrbar wirkende Politikerin mit der rauchig-vollen Stimme ungewohnt zurückhaltend: Sie definierte die Parteiführung nur als »politisches Scharnier« zwischen der Bundestagsfraktion und den sozialen Bewegungen im Lande.

Aber sie stellte auch klar, was der seit der Duisburger Bundesversammlung von den Fundamentalisten beherrschte Vorstand will und was nicht: »Statt Koalitionsangeboten an die parlamentarische Vertretung konservativ-reaktionären Denkens ist die inhaltsbezogene Auseinandersetzung mit wertkonservativen Vorstellungen angesagt.« Basta.

Dann ging Jutta Ditfurth die wenigen Schritte vom Saal der Bundespressekonferenz hinüber zum Hochhaus Tulpenfeld, wo sich in ihrem bescheidenen Sitzungsraum Parterre rechts die Bundestagsfraktion versammelt hatte, zu der sie nicht gehört. Hauptthema: die Situation nach dem Duisburger Parteitag.

Dort tuschelte sie immer mal wieder mit ihrer Gesinnungsfreundin Regula Schmidt-Bott. Lauschte den Ausführungen Antje Vollmers, die den Grabenkampf zwischen Fundis und Realos mit Hilfe einer unabhängigen Parteimitte zu überwinden trachtet. Solches bloß rhetorisches Versöhnlertum quittierte Jutta Ditfurth mit zusammengezogenen Brauen. Leichtem Kopfschütteln und ironischem Lächeln.

Kaum noch hinhören mochte sie, als nach Antje Vollmer, Mitte, die Fraktionssprecherin Waltraud Schoppe, Reala, die Gegenposition bezog. Um die politische Forderung nach Ausstieg aus der Kernenergie in die Tat umzusetzen, müsse - so Frau Schoppe - nicht so sehr das »Bewußtsein der Menschen«, müßten vielmehr die »Machtverhältnisse« verändert werden - und das könne »nur in Bündnissen« geschehen.

Da war Jutta Ditfurth froh, daß sie ein Taxi bestellt hatte. Draußen vor dem Fraktionssaal legte sie einer Parteifreundin den Arm um die Schulter und stöhnte: »Du, das Gelalle da drin, das ist ja furchtbar.«

So sieht das aus mit dem breiten Fundus grüner Gemeinsamkeit.

Im Landtagswahljahr 1987 - Hamburg und Rheinland-Pfalz an diesem Sonntag Schleswig-Holstein und Bremen im Herbst - präsentieren sich die Ökopaxe zerstritten wie eh, nur noch ein Stück verbissener. In der Alternativpartei, die alles anders, besser und vor allem menschlicher machen wollte als die verachteten Etablierten, gibt es kein Pardon zwischen den Flügeln. Die persönliche Verunglimpfung gehört längst zu den normalen Umgangsformen. »Wie im Wilden Westen« gehe es zu, schimpfte letzten Dienstag der Rheinland-Pfälzer Roland Vogt in der Bonner Fraktion: »Kommt einer in die Kneipe und sagt nicht rechtzeitig, wohin er gehört, ist er schon tot« - auch wenn hier der Colt im Halfter bleibt.

Eins ist allerdings neu in der Bundespartei. Früher wachten gerade die Fundis argwöhnisch darüber, daß kein Promi aus der Führungsriege die TV-Lampen allein auf sich zog. Nun scheinen sich auch die Rigoristen mit einem grünen Star anzufreunden: Jutta Ditfurth, die Domina im Bundesvorstand, ist ihre »Kult- und Galionsfigur« ("Süddeutsche Zeitung").

Bei Jutta Ditfurth gelten die alten Werte nicht mehr. Gelangweilt hatten sich die Delegierten in der Duisburger Rhein-Ruhr-Halle die Vorstellungsreden der Kandidaten angehört. Als dann das Ergebnis der Sprecherwahl verkündet wurde, flippten viele aus. Mit Indianergeheul und tosendem Beifall feierten sie die Siegerin: Jutta Ditfurth hatte mit 387 von 600 Stimmen eine, für grüne Verhältnisse, strahlende Mehrheit erreicht.

Die gleichzeitige Wahl des Hamburger Ökosozialisten Christian Schmidt und der Bonner Radikal-Feministin Regina Michalik ins Sprecherteam und die Supermehrheit im elfköpfigen Gesamtvorstand machten den Triumph der Fundis perfekt. Bei den Realos, bisher mit fünf knapp, nun mit drei Vorständlern hoffnungslos in der Minderheit, breitete sich Entsetzen aus. Hubert Kleinert, Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, flüchtete in Ironie: »Jetzt ist wenigstens die Dialogfähigkeit im Vorstand gesichert.«

MdB Otto Schily, der demonstrativ nicht auf dem Parteitag erschienen war verkündete, er sehe »das Schicksal der Partei selbst gefährdet« (siehe Interview Seite 32) und die Chancen für rot-grüne Bündnisse weiter schwinden: »Jetzt sind drei Leute gewählt, die alle das erklärte Ziel haben, die SPD zu zerstören.«

Die SPD nahm die Nachricht aus Duisburg tapfer: Einerseits haben die Befürworter rot-grüner Zusammenarbeit einen schweren Rückschlag erlitten; andererseits erleichtert der Sieg der grünen Politikverweigerer den Sozis die Auseinandersetzung mit der alternativen Konkurrenz, fördert die Hoffnung, daß verlorene Wähler heimkehren könnten.

Die grünen Realos haben sich das Ausmaß ihrer Niederlage selbst eingebrockt. Mit guten Kandidaten und besserer Vorbereitung wäre der Fundi-Durchmarsch - meinten sie hinterher klüger - wohl zu verhindern gewesen. »Aber es gibt eben«, so der Frankfurter Daniel Cohn-Bendit, »eine Realo-Verachtung

für Ämter in der Partei - die wollen den Glanz der Parlamente, aber nicht diese bürokratische Parteidisziplin.«

Während sich die Sieger-Troika mit Sekt und Blumen feiern ließ, schlichen die Verlierer zur Manöverkritik. Sie erwogen, reinen Tisch zu machen und den kargen Realo-Rest - Helmut Wiesenthal, Eva Quistorp und Brigitte Berthold - aus dem Vorstand zurückzurufen.

Am Ende zog nur Wiesenthal die Konsequenzen. Einen Tag nach der Wahl legte er sein Vorstands-Mandat nieder, weil er mit dem neuen Sprecherteam »nicht politisch arbeiten« könne. Die ehemalige und bisher parteilose Bundestagsabgeordnete Gaby Gottwald hingegen warf ihre alten Vorbehalte über Bord und trat den Grünen bei - »wg. Christian Schmidt«, wie sie auf dem Antragsformular verriet.

Im Vorstand der - traditionell pragmatischen - Bundestagsfraktion wollte sich am Tag danach zunächst niemand finden, der Parteispitze Glückwünsche zu übermitteln. Erst nach längerem Gezerre übernahm Bärbel Rust, die sich als unabhängig versteht, den Auftrag.

Der Schmerz der Realos, und speziell jener, die bis vor kurzem noch in Hessen bei der SPD mitregieren durften, hat einen Namen: Jutta Ditfurth. Der grüne Ex-Umweltminister Joschka Fischer hatte den Tag der Vereidigung von Walter Wallmanns CDU-Regierung in Wiesbaden noch nicht verdaut: »Die Jubelschreie der Rechten: Es war grauenhaft.« Jetzt dröhnt ihm der Jubel der Linken aus seiner Partei in den Ohren.

Fischer, King der alternativen Szene der schmuddelige Liebling der Medien muß seiner ärgsten Gegnerin in der Partei

und - was den begabten Selbstdarsteller beutelt - auch in der Gunst des Publikums seinen Platz abtreten.

»Jutta«, nimmt er realistisch zur Kenntnis. »ist jetzt die Kaiserin.«

Ein Triumph für Jutta Ditfurth. Die Fundis feiern den rauschenden Sieg; fast noch mehr freut sie das - vorläufige - Aus für den Widersacher. Spöttisch fragte Hamburgs Ebermann in der Fraktion, warum denn »Beerdigungsstimmung« herrsche »und alles so rumflennt«.

So empfinden es aber die Verlierer. Nach dem CDU-Leichenschmaus in Wiesbaden zum Ende der rot-grünen Koalition wurde in Duisburg das Begräbnis für ihren Hoffnungsträger Joschka ausgerichtet, während der von ihm bekämpften Jutta ein glanzvolles Comeback gelang.

Fischer hatte den Grünen als erster Turnschuh-Minister im Kabinett Holger Börners auch mit seinem Schaustellertalent zu neuer Attraktivität verholfen. Mit dem rot-grünen Experiment, mit Drohungen und Krächen bis hin zum vorzeitigen Bruch sorgte er bei den Grünen stets für Stimmung und im Lande für gespannte Aufmerksamkeit.

Wer war dagegen schon Jutta Ditfurth? Im Fernsehen erteilte sie Oskar Lafontaine, zum Ärger vieler Parteifreunde, schlechte Zensuren, als der die Wahlen im Saarland gewonnen hatte. Den damaligen Sprecher ihrer Bundestagsfraktion, Willi Hoss, belehrte sie öffentlich per Fernschreiben, daß es nur den sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie gebe und sonst gar nichts. Aber großen Eindruck machte nicht gerade, was sie so kundtat.

Fast Mitleid erregte es schon, als Fischer bei Aufstellung der hessischen Liste für die Landtagswahlen strikt nur Realo-Kandidaten durchwählen ließ. Und nach einem Bundestagsmandat mußte die Sprecherin des Bundesvorstands außerhalb des Hessenlandes auf die Suche gehen.

Sie probierte es in Baden-Württemberg und kam nicht zum Zuge - nur als (aussichtslose) Direktkandidatin in Karlsruhe, wo sie 11,4 Prozent der Stimmen errang. In Hessen bekam sie sogar »praktisch Auftrittsverbot«, klagte sie. Ihre Gegner feixten nur, und Springers »Welt« sah das Ende ihrer politischen Laubahn gekommen.

Ihren rasanten Wiederaufstieg aber inszenierte sie kurz vor der Bundestagswahl einem Millionen-Publikum im Fernsehen. Wochenlang war der Streit gegangen, ob sie als Vorstandsmitglied oder Otto Schily als Bundestagsvertreter den grünen Part in der Elefantenrunde übernehmen durfte. Sie gewann die Partie, und ihre Realo-Parteifreunde verbreiteten schon, sie werde mit ihrer politischen Verbissenheit wohl nur die Wähler verscheuchen - alles andere als eine grüne Verführung.

Aber an diesem Abend wurde sie zum Star. Wie sie sich in dieser Runde schlug, nötigte selbst den dort sitzenden Profis größten Respekt ab.

Erstmals ertrotzte sie sich mit Entschiedenheit die nach Helmut Kohl längste Redezeit. Wie sie ihre Argumente verständlich und auch mit Schärfe überbrachte, wie sie mit den Größen der Republik umsprang, kenntnisreich und _(Strauß, Bangemann, Jutta Ditfurth. )

unbeeindruckt, das verschaffte dem Youngster der Runde die Sympathie der Zuschauer. Ihr Glanzstück: Wie sie gelassen den aufgebrachten Franz Josef Strauß zur Ruhe brachte.

Es war ihr Durchbruch, das sparten notgedrungen, auch die notorischen Nörgler. Abschätzig sprach Fischer zwar von der »öffentlich-rechtlichen Jutta« und wollte damit sagen, bei ihrer »strömungsübergreifenden« (Grünen Jargon) Nummer habe sie ihr wahres Gesicht geschickt verborgen.

Inzwischen räumt Fischer immerhin ein: »Sie hat eine Auftrittschance groß artig genutzt«, habe »wie ein nettes Kerlchen« gewirkt. Aber er fragt bissig, »ob dieses Bild Realität wird oder die Realität wieder vor das Bild tritt: eine linksradikale, bürokratisch orientierte Politikerin mit Sektenperspektive«.

Bitterkeit wird schon spürbar, wenn er selber in aller Bescheidenheit von der Rampe zurücktritt und jetzt als »der grüne (Gottfried) Milde des hessischen Landtags« - wie dieser früher bei der CDU - als Fraktionsvorsitzender in der Provinz amtiert. »Jetzt hat sie ihren Lohn«, knurrt er seiner Thronfolgerin hinterher, »und das ist fatal für die Grünen.«

»Vierzig Jahre CDU« sieht der Ex-Minister nach dem Fundi-Durchmarsch in Duisburg heraufziehen, »das will mein Gehirn so nicht stehen lassen«. Sinn und Zweck seines Engagements sei es nicht, »schwarze Regierungen zu installieren«. Und sein Sponti-Freund Daniel Cohn-Bendit hält »im Kopp nicht aus, daß nach Hessen in Hamburg noch mal die Schwarzen drankommen«.

Gemäß der Lehre der Fundamentalisten fehlen aber derzeit leider die gesellschaftlichen Mehrheiten für lohnenswerte (radikale) Reformen. Und deshalb verweigern die Rechtgläubigen, zu denen Jutta Ditfurth ebenso wie Christian Schmidt und Regina Michalik zählen, ein Bündnis mit den Sozialdemokraten.

Die SPD muß an die Grünen verlieren, schmerzhaft verlieren«, so stellt Gesinnungsfreund Ebermann sich den Gang der Geschichte vor, »damit in ihr Wirrnisse ausgelost werden, damit in ihr das Verlangen nach gesellschaftlicher Reform verstärkt wird.« Und Jutta Ditfurth hat, wie sie sagt, »mit Ebermann keine großen Unterschiede«.

Die »objektiv beschissene Situation«, daß die Grünen mit solcher Verweigerung der CDU an die Regierung helfen, womöglich schon nach der Hamburger Wahl an diesem Sonntag, räumt Schmidt durchaus ein. Da sieht er auch eine »Glaubwürdigkeitslücke«.

Rot-Grün als die Wahl des »kleineren Übels SPD« lehnt er dennoch strikt ab, »weil sonst die Überlebensfragen hinten runterfallen« - deren Lösung unter CDU-Herrschaft freilich noch weniger ansteht. »Als Zwischenphase« nimmt er in Hamburg eine Große Koalition in Kauf. Schmidt hat keine Lösung aber eine Antwort: »Da müssen wir durch. »

Während die Ökosozialisten in Hamburg schon seit langem unangefochten ihre Fundamental-Position behaupten (siehe Kasten Seite 28), führen die Radikalökologen in Hessen jahrelang einen verbissenen Grabenkrieg mit Fischer und Cohn Bendit, den Häuptlingen vom anderen Flügel und deren Anhang. Und die bissen sich an ihr die Zähne aus.

Schon einmal hatten sich die Realos böse verkalkuliert. Auf dem Parteitag in Offenburg 1985 stellten sie einen Abwahlantrag gegen die ungeliebte Sprecherin ihrer Partei. Aber sie lief in ihrer Verteidigungsrede zu großer Form auf und wurde nicht, wie erhofft, aus dem Amt gejagt, sondern mit gewaltiger Mehrheit bestätigt.

»Sie hat die letzte Power, besonders wenn sie an der Wand steht«, sagt Fischer anerkennend. »Aber«, fügt er mit leicht drohendem Unterton hinzu, »ich auch.« Und der andere Gegenspieler, der 1968 in Paris die Studentenrevolte anführte, kann ihr seinen Respekt auch schwer versagen: »Ihr großes Verdienst«, so Cohn-Bendit, »sie hat diese Partei aufgebaut in Frankfurt und Hessen.« Aber er kann sich eine Nachbemerkung nicht verkneifen: »Eine wahnsinnige bürokratische Leistung.«

Als die Grünen 1981 in die Stadtverordnetenversammlung im Frankfurter Römer einzogen, trimmte Jutta die Neuparlamentarier auf ihre fundamentalistischen Ziele, nämlich »radikal und phantasievoll gesellschaftliche Gegenmacht zu organisieren«.

Wichtiger noch als der parlamentarische Alltag, den die »Römer-Grünen« durch eine Flut von Antragen zu einem schweißtreibenden Geschäft für die alteingesessenen Abgeordneten machten, waren ihr die Demo und die Aktion.

Verächtlich blickte sie auf die Barrikadenkämpfer aus Apo-Zeiten, die ehemaligen Frankfurter Spontis, in ihren Augen »meist männliche Enddreißiger auf der Autobahn vom militanten Heroen zum besitzstandsbewußten Biedermann«. Dany und Joschka mit ihrer »Frankfurter Gang« waren gemeint, die auf ihrem realpolitischen Kurs nur, so sieht sie es, »mehr und mehr Macht anhäufen« wollten.

Bei der Basisarbeit für grüne Reinkultur stand ihr stets der Lebensgefährte Manfred Zieran zur Seite, über den der eigens für Straßenkämpfe in Judo und Boxen ausgebildete Fischer höhnt: »Der lief immer weg, wenn die Bullen kamen.« Cohn Bendits Psycho-Analyse: »Eine soziale und politische Symbiose. Die Welt sehen die total mit vier Augen.«

Der zierliche Zieran und die kräftige Ditfurth packten es gemeinsam an, im Stile von Robin Wood und Greenpeace die Machtstrukturen in Frankfurt von unten aufzubrechen. Die Palette der Aktivitäten reichte, nach ihrer Definition, von Ungehorsam bis zur Gewalt gegen Sachen.

Ständig stemmte sich das Pärchen gegen den Polizeiapparat. In ihrem Kampf für eine autofreie City und den Bau von

Radwegen stiegen die beiden selbst aufs Rad und wurden angezeigt, weil sie laut Polizeiprotokoll unter Mißachtung der Verkehrsregeln »kreuz und quer« fuhren oder auf einen Wasserwerfer zuradelten und laut »Mörderwaffe« riefen.

Wichtig war es der streitbaren Jutta, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit bei den Römer-Grünen, all ihren Scharmützeln mit der Polizei und den phantasievollen Widerstandsaktionen auch die nötige Publizität zu verschaffen.

Als Polizeireporterin dokumentierte die zeitweilige Journalistin ("mein Traumberuf") selber etwa den blutigen Einsatz von Uniformierten im November 1981 im Frankfurter Nordend mit einem Bild. Im Stile eines Abenteuerromans schildert sie eine Aktion vor der Hoechst-AG, bei der sie zusammen mit der Bürgerinitiative »Höchster Schnüffler un'' Maagucker« Wasser- und Bodenproben nahm.

Wie waghalsig sie mit ihrem Gefährten Zieran und anderen Fundis oft zu Werke ging, das erkannten sogar Staatsschützer an. Als die Grünen-Truppe unter der Frankfurter Friedensbrücke die Sprengkammern zumauerte, schien der Wasserschutzpolizei ein Eingreifen zu riskant: »Wer gesehen hat, wie die vier Ruderboote hin und her schwankten und wie die wenig geübten Ruderer sich an dem Steg festhielten, der weiß, daß wir nur unter Gefährdung der Betroffenen hätten eingreifen können.«

Die aufopferungsvolle Basisarbeit konnte nicht verhindern, daß in Frankfurt die Realos den Fundis zusehends den Boden entzogen. Das Gespann spürte, wie seine Chancen schwanden, und beide, Zieran und Ditfurth, kandidierten bei den Kommunalwahlen 1985 nicht mehr für das Römer-Parlament.

Ihren Einfluß aber wollten sie nicht aufgeben. Von der Grünen-Fraktion ließen sie sich als Assistenten anstellen. Nach der Wahl aber kündigten die Realos, die jetzt die Mehrheit im Römer hatten, beiden den Job. Als sie gegen den Rauswurf vors Arbeitsgericht zogen, entwickelte sich eine wahre Schlammschlacht zwischen den Flügeln.

Jede Seite hatte für den Machtkampf ihre Postille. Die einen polemisierten in der »Grünen Hessen-Zeitung« (verantwortlich: Jutta Ditfurth), die anderen konterten im »Pflasterstrand« (verantwortlich: Daniel Cohn-Bendit) gegen »Kotz und Würg« der Ditfurth-Clique.

Die Frankfurter Grünen-Gruppen waren sich derart spinnefeind geworden, daß sogar Berührungsängste aufkamen. Zu den Landesversammlungen in Hessen fuhren sie getrennt, die Fundis im Bus, die Realos in ihren Privatautos; und Realos brachten die so hämische wie falsche Nachrede auf, Jutta fahre imeigenen - Campingbus zu allen Parteimeetings, von denen sie sich etwas verspreche, - ein Auto hat sie gar nicht.

Für den Alt-Revoluzzer Cohn-Bendit sind die Kontrahenten »total paranoid": »Die fühlen sich von uns verfolgt.« Umgekehrt nicht minder.

»Radikalbolschewikin« nennt sie Cohn-Bendit, dessen blaue Augen leuchten, wenn er von seiner Lieblingsfeindin spricht. Zieran kassierte von Dany mal eine Ohrfeige, weil er von Mauschelei redete, was der Sponti als antisemitisch empfand. Nach dem Vorbild der Wikinger-Figur aus einer Comic-Serie wird die Ditfurth als »Hägar die Schreckliche« verhöhnt. Bei Kreisversammlungen sei sie immer als die »keifende Mutter« aufgetreten, »der die Kinder aus dem Nest gefallen sind«, so Landesvorstandsmitglied Wolf Schwarz. Und: »Mit Zähnen und Klauen stürzt sie sich auf alles Abweichende.«

Ihre Art sei es, lauten die Anwürfe aus der Realo-Ecke, vor allem schwächere _(Bruder Wolf-Christian, Jutta, Mutter ) _(Heilwig, Vater Hoimar, Geschwister ) _(York-Alexander, Donata-Friederike. )

Gegner in aller Öffentlichkeit »zur Sau zu machen« und »abzuschlachten« (zum Beispiel die jetzige Bundestagsabgeordnete Gertrud Schilling oder den Ex-MdB Herbert Rusche). »Sie ist dogmatisch, unnachsichtig und geht über Leichen«, so Albert Sellner, ein alter Mit-Kämpfer aus Bürgerinitiativ-Zeiten.

Hämisch wird in diesen Kreisen herumerzählt, die beiden hätten nach dem Gau von Tschernobyl Mengen von Mineralwasser eingekauft und im Keller gebunkert. Und man belustigt sich, daß Besucher beim Betreten ihrer Wohnung die Schuhe ausziehen müssen - wegen der Radioaktivität im Boden.

Immer wieder soll mit derlei Kleinkram eine ideologische Verbohrtheit, gespeist aus marxistischer Revolutionsliteratur, vorgeführt werden. Ihre Gesundheitsschuhe passen dazu, ihr etwas düsterer Aufzug mit meist schwarzen oder grauen Cord-Hosen, Blusen und Pullovern, das Fahrrad, die vegetarische Küche, auch die Szenen während der öffentlichen Tolerierungsgespräche mit Börner: Ditfurth saß unablässig in der ersten Reihe der Zuschauer, einen Kassettenrecorder vor sich auf dem Verhandlungstisch.

So ist das Bild einer bürokratischen Asketin verbreitet worden, die »den Spaß an der Welt, das Angenehme, gar nicht erleben und die nicht lernen kann, weil sie in einer geschlossenen Welt lebt« (Cohn-Bendit). »Einen nach vorne weisenden Beitrag, über den nachzudenken sich gelohnt hätte«, meint Wolf Schwarz, habe sie »nicht geleistet": »Sie betet nur ständig die gleiche Litanei.«

Mit solcherlei Beschreibungen kann die Verketzerte selber nur wenig anfangen. Wenn eine Frau wie sie Erfolg hat, ärgert sie sich, werde sie entweder »als dämliche Kultfigur im Rahmen an die Wand geknallt« oder aber »als entsagungsvolle Revolutionskommissarin abgemalt«. Ditfurth: »Eine normale Erklärung gibt es offenbar nicht.« Statt dessen: »Viele Schweinereien.«

Sie selber beschreibt sich als »intellektuell und sinnlich«. Schwarz mag sie nun mal »als Grundton für andere Farben«. Rot ist ihre Lieblingsfarbe. Rot sind Türen und Wände in ihrer Wohnung gestrichen, rot die Rücken der Leitz-Aktenordner, knallrot ist auch ihr Schlafsack. Und weil sie Rot so liebt, redet sie immer nur vom »rosa-grünen« Bündnis.

Teure Sachen kann sie sich einfach nicht leisten. Etwa 2000 Mark netto bringt sie pro Monat zusammen, ihr Freund Manfred ist arbeitslos, 534 Mark kostet schon die Wohnung. Aber mit dem Fahrrad zu fahren ist für sie keine asketische Anwandlung; die blühenden Kastanien will sie sehen. Und Mineralwasser bevorzugt sie, wenn sie »keinen vernünftigen Wein« kriegt, etwa ein paar bestimmte Lagen in Franken, »nix Askese«.

Als Tochter des berühmten Fernseh- und Buch-Autors Hoimar von Ditfurth ist sie gleichwohl nicht gerade in großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen: »Ich hatte früher immer das Gefühl, meine Eltern sind furchtbar arm.« In kleinen Zimmern und einer winzigen Neubauwohnung lebten sie, bis der Bestseller-Autor schließlich zu Geld kam.

Zum Vater stand sie »in starker Opposition«, sagt Hoimar, wie sie ihn seit einigen Jahren nennt: »Sie mußte sich erst freischwimmen, aus dem Schatten meiner Überlegungen raus.« Seine Bücher aber, das findet der Vater wohl auch ein bißchen seltsam, hat sie nie gelesen.

»Das ist gar nicht nötig«, sagt die Tochter, »wenn man so viel miteinander sabbelt.« Dafür hat sie im zarten Alter von zehn Jahren, wie sie sagt, Albert Einsteins Relativitätstheorie begriffen und aufgrund seiner Erklärungen auch, warum es ein Problem ist, wenn man Trinkwasser einfach im Klo runtersausen läßt«.

Ihre literarischen Idole: Rosa Luxemburg, Ernst Bloch und Rudi Dutschke.

Eigene kritische Film-Exposes hat sie etwa über »Lebensläufe von Flüssen« und Neugeborenen-Medizin entworfen. Als Herausgeberin bereitet sie ein eigenes Buch vor: »Legale Vergiftung von Flüssen«. Mitautor: Hoimar. Der Anhang enthält einen Aktionskatalog

Das ist ihr politisches Credo: »Verknöcherte Strukturen aufknacken, ohne sich in den Apparat reinzusetzen.« Denn Apparate und Institutionen verderben das Denken. Deshalb mag sie auch als Sprecherin »sowenig wie möglich in Bonn sein«, lieber reist sie an der Basis herum.

Die Anti-AKW-Bewegung scheint ihr schon jetzt erfolgreicher als alle Aktionen in Parlamenten oder gar Bündnissen: Nur ein Bruchteil der geplanten Atommeiler wird tatsächlich gebaut.

Ihre Gegner aber bereiten sich schon für dieses Wochenende auf die erste Abrechnung vor. Wenn die GAL in Hamburg bei den Bürgerschaftswahlen Prozente verlieren sollte, womöglich zugunsten der Sozialdemokraten, werden die Hessen-Realos mit ihrem Ergebnis auftrumpfen (9,4 Prozent) und die Niederlage als erstes Menetekel an der Wand deuten.

Sieger aber wird es so schnell im Flügelkampf nicht geben. Vorläufig ist auch, trotz aller vorsichtigen Andeutungen, noch keinerlei Versöhnung angesagt. Es wird wohl auf absehbare Zeit so bleiben, wie der vom Sockel geholte Held von gestern seine Lage sieht: »Fischer kriegt Ditfurth nicht klein, und Ditfurth kriegt Fischer nicht klein. Und: »Dasselbe gilt für Ebermann und Schily.«

Strauß, Bangemann, Jutta Ditfurth.Bruder Wolf-Christian, Jutta, Mutter Heilwig, Vater Hoimar,Geschwister York-Alexander, Donata-Friederike.

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