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Artikel 33 / 72

»K. - machen Sie was daraus«

aus DER SPIEGEL 44/1979

Nach der Moskauer Gipfelkonferenz im Mai 1972 waren wir entschlossen, nach einem fairen Kompromiß in Vietnam zu suchen. Die militärische Lage veränderte sich zu unseren Gunsten, wenn auch an einen totalen Sieg nicht zu denken war.

Obwohl die Südvietnamesen im Juni zur Offensive übergegangen waren, kamen ihre Operationen so langsam voran, daß wir nicht mit drastischen oder

© 1979 Henry A. Kissinger: »White Hause Years« (Little, Brown; Boston). Die deutsche Buchausgabe ist soeben unter dem Titel »Memoiren 1968-1973« im C. Bertelsmann Verlag, München, erschienen. Übersetzung: Hans-Jürgen von Koskull.

raschen Erfolgen rechnen konnten. Immerhin näherten wir uns aber einem militärischen Patt. Für Hanoi, das noch vor kurzer Zeit an einen totalen Sieg geglaubt hatte, bedeutete das einen wesentlichen Rückschlag.

So bereitete ich mich in optimistischer Stimmung auf die Verhandlungen mit den Nordvietnamesen vor; die fundamentalen Entscheidungen mußten von Hanoi und nicht von uns getroffen werden.

Bis Hanoi den Ausgang der im November bevorstehenden Präsidentenwahlen in den Vereinigten Staaten analysiert hatte, würde es für uns am günstigsten sein, Zurückhaltung zu wahren, nichts wesentlich Neues anzubieten und zu hoffen, daß sich der Druck auf Hanoi verstärkte.

Später wurde das Märchen verbreitet, Richard Nixon sei aus innenpolitischen Gründen darum bemüht gewesen, den Krieg noch vor den Wahlen zu beenden. Nichts konnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Nixon mißtraute allen Verhandlungen, besonders Verhandlungen mit den Nordvietnamesen.

Er bezweifelte, daß etwas dabei herauskäme; da sich seine Wahlaussichten verbesserten, hatte er auch keine innenpolitischen Gründe, die Verhandlungen voranzutreiben.

Nixon glaubte nur an Fortschritte nach den Wahlen und hatte wahrscheinlich auch gar nicht den Wunsch, jetzt weiterzukommen.

Ich hingegen meinte, Nixons Wiederwahl werde Hanoi zum Friedensschluß zwingen und wie ein Ultimatum wirken. Die Furcht der Nordvietnamesen davor, was der »Falke« Nixon tun könnte, wenn er ein neues Mandat erhielt, konnte sie veranlassen, noch vor den Wahlen einen Friedensschluß anzustreben.

Vielleicht würde Hanoi die gewohnte Taktik aufgeben, uns durch Vorschläge und durch die Mobilisierung unserer Medien und des Kongresses zu ermatten, und nun wirklich sachlich verhandeln. Das konnte vielleicht schon sehr bald geschehen. Denn ich glaubte, daß es für uns ungünstiger sein würde, wenn sich die Verhandlungen bis nach den Wahlen hinauszögerten. Alle Meinungsumfragen, die ich gesehen hatte, ließen vermuten, daß der neue Kongreß ebenso zusammengesetzt sem würde wie der alte, wenn nicht noch ungünstiger für uns.

Jedenfalls war ich davon überzeugt, daß wir nicht ganz frei entscheiden konnten, ob wir verhandeln wollten oder nicht. Merkte Hanoi, daß wir die Verhandlungen verzögerten, so konnte es sich in die Öffentlichkeit flüchten. Wenn es im. Kern unsere Vorschläge akzeptierte und das bekanntgab, dann mußte uns das innenpolitisch in eine unmögliche Lage bringen.

Aus diesen Gründen ging ich mit Nixons Zustimmung, die er allerdings nicht sonderlich begeistert gegeben hatte, in die Verhandlungen. Als ich nach Paris abreiste, glaubte ich allerdings nicht, daß wir vor Ende September aus der Sackgasse herauskommen würden -- danach rechnete ich jedoch mit einem Durchbruch.

Am 19. Juli traf ich mit dem nordvietnamesischen Verhandlungsführer Le Duc Tho in dem kleinen Wohnhaus an der Rue Darthé zusammen, in dem fast alle vertraulichen Besprechungen mit der Delegation Nordvietnams stattgefunden hatten. In dem kleinen, zum Garten hinausblickenden Speisezimmer stand ein viereckiger, mit grünem Tuch gedeckter Konferenztisch.

Es gab bei uns Leute, die sich die Nordvietnamesen als friedliebende, sanfte Geschöpfe vorstellten, die -- beleidigt durch die Demonstration amerikanischer Stärke -- vor allem darauf hofften, daß sich die Regierung der USA zu einer Geste des guten Willens entschloß. Wir hatten ganz andere Erfahrungen mit ihnen gemacht.

Wir wußten, daß sich die Kampfmethoden der Nordvietnamesen zum Teil auf Terror stützten. Wenn die amerikanische Seite Stärke zeigte, wurde sie ernst genommen, auch wenn Hanoi Widerstand leistete. Beweise guten Willens, die nicht dem bestehenden Kräfteverhältnis entsprachen, wurden als Zeichen moralischer Schwäche verachtet und nicht honoriert.

Die Nordvietnamesen waren im Mai unverschämt geworden, als sie glaubten, sie stünden kurz vor einem Sieg. Jetzt waren sie sanft und freundlich, obwohl in der Zwischenzeit ihre Häfen von uns vermint und alle Einschränkungen im Bombenkrieg gegen Nordvietnam aufgehoben worden waren.

Ich begann mit der Aufzählung der Gründe für das Scheitern unserer bisherigen Gespräche und gab zu verstehen, daß uns niemand im Blick auf die bevorstehenden Wahlen unter Druck setzen könne. Ich behauptete (obwohl ich selbst nicht daran glaubte), daß sich unsere Situation nach den Wahlen noch verbessern und jeder Versuch, durch die Verhandlungen unsere Wahlen zu beeinflussen, zum sofortigen Abbruch der Gespräche führen würde.

Ich nannte schließlich ein paar allgemeine Grundsätze für eine Vereinbarung. Wir seien nach Kriegsschluß zur Koexistenz mit Hanoi bereit. Wir hätten nicht die Absicht, auf die Dauer militärische Basen in Südostasien zu unterhalten. Wir würden eine frei gewählte Regierung in Saigon nicht zwingen, unsere Wünsche zu erfüllen. Konkrete Vorschläge machte ich in dieser Sitzung nicht.

Auf nordvietnamesischer Seite nahm Le Duc Tho das Wort -- ein Zeichen dafür, daß meine Verhandlungspartner es diesmal ernst meinten. Dies war ein ganz anderer Mann als jener, der mich ein Jahr zuvor bewegen wollte, Präsident Thieu während des Wahlkampfes in Südvietnam fallenzulassen.

Jetzt war er höflich, sachlich und zeigte geschliffene Manieren. Er lachte über meine Scherze und schmeichelte meinen Leistungen als Wissenschaftler. Er ersparte uns sogar die gewohnten Elogen über das heroische Ringen Vietnams um die Unabhängigkeit.

Statt dessen erklärte Le Duc Tho, Hanoi liege viel daran, den Krieg noch in der ersten Amtszeit Nixons zu beenden. Wiederholt fragte er, ob wir bereit seien, uns an alle Abmachungen zu halten, seien sie nun mündlich oder schriftlich vereinbart. lEr sagte, er werde »große Anstrengungen« unternehmen, um in dieser Sitzung einen Wendepunkt herbeizuführen, vorausgesetzt, beide Seiten überprüften noch einmal ihre Positionen -- was dem bisher noch nicht dagewesenen Zugeständnis gleichkam, nicht unfehlbar zu sein.

Nach einem kurzen Geplänkel legte ich unseren alten Vorschlag auf den Tisch, erwähnte dabei aber nicht die Bereitschaft Thieus, einen Monat früher (als bisher vorgesehen) zurückzutreten. »Ducky« (Le Duc Thos Spitzname) lehnte den Vorschlag ab, wenn auch viel weniger polemisch als bisher.

Er präsentierte noch einmal den Standardvorschlag Hanois (Bildung einer aus drei Gruppen bestehenden provisorischen Koalitionsregierung der nationalen Einheit), modifizierte ihn aber in einer Hinsicht: Wenn Thieu zurückgetreten sei, könne die Regierung im Amt bleiben und sogar amerikanische Hilfe in Anspruch nehmen, bis die Verhandlungen mit den Kommunisten abgeschlossen seien.

Unsere Sitzung hatte sechseinhalb Stunden gedauert; es war die bisher längste. Wir vereinbarten ein neues Zusammentreffen für den 1. August.

Das Ergebnis der ersten Sitzung faßte ich für den Präsidenten in einer Denkschrift zusammen:

Die Nordvietnamesen haben zwar nichts gesagt, was ausschließt, daß sie zu ihren alten Positionen zurückkehren werden. doch war ihre Haltung so positiv, wie wir es für den Fall erwarten können, daß sie die Verhandlungen zum Abschluß bringen wollen, zumal wir sie offenbar damit vorwirrt haben, daß wir ihnen den Inhalt des in der UdSSR besprochenen Pakets vorenthalten haben.

Bald darauf besprachen wir uns mit Thieu. Wir sagten ihm, wir würden auf der nächsten Plenarsitzung zur Sprache bringen, was wir am 19. Juli noch verschwiegen hatten: daß Thieu bereit sei, schon zwei Monate und nicht nur einen vor den Neuwahlen zurückzutreten. Außerdem würden wir verlangen, daß mit der Unterzeichnung einer Grundsatzvereinbarung sofort der Waffenstillstand in Kraft trete.

Thieu hatte sich in einem Gespräch mit meinem Stellvertreter Alexander Haig am 3. Juli mit dem Rücktrittsvorschlag einverstanden erklärt; auch die zweite Forderung -- sofortige Feuereinstellung -- war für ihn nur günstig. Aber jetzt erhob er Einwände gegen beides.

Er sagte, wir dürften von seiner Bereitschaft, zwei Monate vor den Wahlen zurückzutreten, nur inoffiziell sprechen, sie aber nicht schriftlich fixieren. Den Waffenstillstand verknüpfte er mit der Forderung nach einem Abzug aller nordvietnamesischen Streitkräfte innerhalb von drei Monaten.

Dem ersten Einwand konnten wir ohne weiteres entsprechen, aber die Forderung nach dem Truppenabzug ließ sich nicht durchsetzen. Hanoi würde am Konferenztisch nichts aufgeben, wozu es auf dem Schlachtfeld nicht gezwungen worden war.

Das Gespräch, das ich am 1. August in Paris mit Le Duc Tho führte, war das bisher längste; es dauerte acht Stunden. Le Duc Tho war noch immer nicht so stark an einem Friedensschluß interessiert, daß er seine Taktik aufgeben wollte, die Gespräche mit einem Angriff gegen unsere Vertrauenswürdigkeit zu beginnen.

Diesmal konzentrierte er sich auf die Bekanntgabe unserer privaten Treffen. Nach einem einstündigen Gerangel fügte sich Ducky endlich in das Unvermeidliche. Ich wußte sehr genau, daß er die Sitzungen nicht geheimhalten konnte, falls wir entschlossen waren, sie bekanntzugeben -- es sei denn, er drohte mit dem Abbruch der Gespräche.

Wie sich sehr bald herausstellte, hatte er aber durchaus nicht die Absicht dazu. Denn am 1. August setzte Le Duc Tho den Rückzug fort, den er am 19. Juli angetreten hatte.

Ich legte unseren »neuen Plan« vor, aber Le Duc Tho begriff, daß wir nur gewisse kosmetische Veränderungen vorgenommen hatten. Diesmal hatte er mit seinem Vorwurf recht, ich hätte »nichts Neues« angeboten.

Nachdem wir fast drei Stunden gefeilscht hatten, schlug Le Duc Tho eine Pause vor. Sie dauerte eineinviertel Stunden. Es war die bisher längste Unterbrechung.

Peter Rodman, der als Protokollführer am dringendsten eine Erholung brauchte, stellte fest, daß sich die Atmosphäre in interessanter Weise verändert hatte. Bisher hatten die Nordvietnamesen in den Pausen einen bescheidenen Imbiß angeboten, der aus Frühlingsrollen und Fruchtsäften bestand. Bei dem Treffen am 1. August aber wurden Obst, Kekse und die verschiedensten leichten Speisen serviert, und Rodman notierte für die Nachwelt: »Der Imbiß war reichlicher und die Frühlingsrollen waren etwas dicker als bei der letzten Sitzung.«

Das war ein Hinweis auf Rodmans legendären Appetit, zeigte aber auch, daß wir nach jahrelangen frustrierenden Verhandlungen gelernt hatten, die geringsten Anzeichen einer Veränderung zu registrieren. (Am 14. August setzte man uns sogar Wein und Reiskuchen vor.)

Nach der Pause hielt mir Ducky einen Vortrag über die Verminungen und die Bombenangriffe. Als ich ungeduldig wurde, kam er schließlich zur Sache. Er legte eine ganze Reihe neuer Vorschläge auf den Tisch.

Zweieinhalb Jahre lang hatte uns Hanoi mit der Forderung nach einem festen Termin für den bedingungslosen Truppenabzug gequält und verlangt, wir sollten uns verpflichten, einen Zeitplan für den Truppenabzug einzuhalten -- ohne Rücksicht darauf, was bei den Verhandlungen herauskam. So einseitig und unverschämt Hanois Vorschlag auch war -- im Laufe der Jahre hatte er in den Vereinigten Staaten immer mehr Zustimmung gefunden. Der demokratische Präsidentschaftskandidat George McGovern hatte ihn in sein Wahlprogramm aufgenommen.

Jetzt zog Le Duc Tho diese Forderungen zurück. Plötzlich war er bereit, sich mit weniger zufriedenzugeben, als ihm von McGovern angeboten wurde -ein deutliches Anzeichen dafür, mit welchem Wahlausgang Hanoi rechnete. Nach dem neuen Angebot Le Duc Thos sollte der Zeitplan für den Truppenabzug erst in Kraft treten, nachdem alle anderen Fragen geregelt waren; der Termin für den bedingungslosen Abzug, an dem sich unsere innenpolitische Debatte erhitzt hatte, war gestorben.

Le Duc Tho hatte aber auch seine politischen Forderungen modifiziert. Er verlangte zwar noch immer die Bildung einer Koalitionsregierung, machte aber zwei Zugeständnisse: Sie sollte nicht mehr als provisorische, sondern als endgültige Regierung eingesetzt werden, und sie sollte keine Verhandlungen mit den Kommunisten führen müssen.

Welche Eile Hanoi hatte, zeigte sich darin, daß Le Duc Tho außerdem auf das Vetorecht gegenüber der nichtkommunistischen Gruppe in der Koalitionsregierung verzichtete. Hanoi hatte den Anspruch auf die totale Machtergreifung aufgegeben. Wir waren zwar gegen jede Form einer Koalitionsregierung, glaubten aber, die Flexibilität Hanois werde noch weiter gehen.

Bei seinen Zugeständnissen erwies sich Le Duc Tho als ebenso vielseitig, wie er früher bei der Ablehnung unserer Vorschläge hartnäckig gewesen war. Zur Beschleunigung der Verhandlungen schlug er ein so komplexes Verfahren vor, daß wir erst allmählich begriffen, auf welchen Ebenen künftig verhandelt werden sollte:

Saigon und die südvietnamesischen Kommunisten sollten sich mit den politischen Fragen beschäftigen, die drei vietnamesischen Parteien untereinander über die Themen sprechen, die ganz Vietnam betrafen, und alle vier Beteiligten (einschließlich der Vereinig. ten Staaten) sollten über Fragen der Feuereinstellung verhandeln.

Der für uns wichtigste Aspekt bei diesem komplizierten Verfahren war, daß die gegenwärtige südvietnamesische Regierung unter Führung Thieus als gleichberechtigter Verhandlungspartner teilnehmen sollte. Hanoi verzichtete jetzt offenbar auf Thieus Rücktritt, solange nichts ausgehandelt war.

Wenn sich Nordvietnam jetzt auch beweglicher zeigte, mußten wir weiterhin jeden Vorschlag zur Bildung einer Koalitionsregierung ablehnen. Daraus konnte schließlich eine Formel entstehen, mit der sich das Gesicht wahren ließ: Während die militärischen Probleme wie Feuereinstellung, Gefangenenaustausch und Truppenabzug endgültig geregelt wurden, würde man die politischen Fragen langwierigen Verhandlungen der Vietnamesen untereinander überlassen, wobei es unter Umständen zu keiner Lösung kam.

Wir konnten dabei allerdings in eine gefährliche Situation geraten. Solange Hanoi von uns verlangt hatte, eine mit den USA verbündete Regierung zu stürzen, hatten wir die moralische Berechtigung, das abzulehnen. Wenn aber Hanoi jetzt mit einer echten politischen Auseinandersetzung unter den vietnamesischen Gruppen einverstanden war, dann verwischten sich die Grenzen der Verhandlungsfähigkeit der einzelnen Vorschläge.

Die rein symbolischen Zugeständnisse würden sich kaum noch von den konkreten Vorschlägen unterscheiden lassen. Die Zugeständnisse aber konnten für unsere verwundbaren Verbündeten in Saigon gefährlich werden, denn sie würden nach unserem Abzug allein zurückbleiben und um ihre Freiheit kämpfen müssen, während wir aus einer Entfernung von 16000 Kilometern zusahen.

Mit zunehmender Deutlichkeit zeigte sich, daß es bei der Schlüsselfrage um etwas sehr Faßbares ging: die psychologische Elastizität Saigons.

Zunächst freilich mußten wir uns noch nicht entscheiden. Nixon hielt es für unangebracht, weitere Zugeständnisse zu machen. Auch ich fand es richtig, noch stillzuhalten, weil ich die geringen Zugeständnisse, die wir machen konnten, bis zur entscheidenden letzten Runde aufbewahren wollte. Ich war überzeugt, daß Hanoi die endgültige Entscheidung erst etwa Mitte September treffen würde, wenn sich klarer erkennen ließ, welche Aussichten Nixon bei den Wahlen hatte.

Nach meiner Auffassung konnten wir jetzt nur sehr vorsichtig auf die nordvietnamesischen Initiativen reagieren und Hanoi nur so weit entgegenkommen, damit es keinen Anlaß hatte, sich an die Öffentlichkeit zu wenden und eine scharfe innenpolitische Kontroverse in Amerika auszulösen. Nixon stimmte mir zu.

Um Hanoi weiterhin unter Druck zu halten, wollte ich sofort nach dem nächsten Treffen in Paris, das auf den 14. August angesetzt war, nach Saigon fliegen, um mich mit unserem Verbündeten abzustimmen. Das gab mir den Vorwand, die Antwort auf die Vorschläge Hanois vom 1. August um wenigstens weitere zwei Wochen hinauszuzögern.

Auch Le Duc Tho ging auf die Reise; wir erfuhren, er sei nach Hanoi zurückberufen worden. Damit bestätigte sich unsere Vermutung, daß fundamentale Entscheidungen bevorstanden. Aus diesem Grund wurde die Begegnung am 14. August zu einem hinhaltenden Gefecht auf beiden Seiten.

Wir machten keinerlei politische Vorschläge und begründeten das mit meinem Besuch in Saigon. Schließlich erklärten wir uns bereit, am 15. September wieder zusammenzukommen.

Nach drei Sitzungen waren die Verhandlungen allein durch die Initiative Hanois erheblich in Bewegung geraten; sie bewegten sich in die richtige Richtung, aber nicht so schnell, daß nicht doch noch ein Kurswechsel eintreten konnte.

Immerhin hatte ich den Eindruck, daß Hanoi die Dinge nicht mehr so fest in der Hand hatte. Le Duc Tho zeigte zu große Eile; die einzelnen Vorschläge Nordvietnams folgten so rasch aufeinander, daß ich immer wieder versucht war, darüber zu spekulieren, was meine Verhandlungspartner noch in der Hinterhand hatten.

In dieser erwartungsvollen Stimmung traf ich am 17. August in einem Saigon ein, in dem sich die Gerüchte jagten, nach denen ich gekommen sei, der Regierung den Frieden aufzuzwingen In der stadt spürte man die Atmosphäre von hysterischem Desinteresse.

Botschafter Ellsworth Bunker empfing mich auf dem Flughafen Tan Son Nhut, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Er war überzeugt, daß· sich Thieu jetzt so stark fühlte wie noch nie und deshalb noch widerspenstiger sein würde; Thieu glaube, Südvietnam sei seinen Gegnern militärisch überlegen, und Zugeständnisse, die er in einer weniger günstigen Lage eingeräumt hätte, erschienen ihm nun sinnlos.

Bei meiner ersten Unterredung mit Thieu schienen sich die Warnungen Bunkers nicht zu bestätigen. Wir trafen uns in dem modernistischen Präsidentenpalast im Stadtzentrum Saigons. In der Begleitung des Präsidenten befanden sich sein Berater Nguyen Phu Duc und sein Neffe, Pressesprecher und Vertrauter Huang Duc Nha.

Phu Duc war das Produkt des französischen Erziehungssystems, ein Meister der Haarspalterei. Nha erinnerte an den jungen Filmstar Alan Ladd in einer Gangsterrolle. Er kleidete sich im grellsten Hollywoodstil, sprach fließend amerikanisches Englisch und hatte sich das vietnamesische Talent des Intrigierens bewahrt. Er bestärkte Thieu noch in seinem angeborenen Mißtrauen gegen uns.

Thieu begrüßte uns mit der ihm eigenen Würde und Höflichkeit. Seine glänzenden Augen verrieten nichts von seinen Gedanken, die sicher nicht ganz frei waren von der Verachtung für eine Supermacht, die bereit war, einen Kompromiß zu schließen, während er einen totalen Sieg für erreichbar hielt.

Ich versicherte ihm, die Vereinigten Staaten würden ihre langjährigen vietnamesischen Bemühungen nicht mit einem unehrenhaften Frieden krönen; wir teilten auch nicht die Auffassung mancher Amerikaner, die in ihm, Thieu, das eigentliche Hindernis für den Frieden sahen. Ich hoffte, Saigon mit einer abgestimmten Lagebeurteilung und Verhandlungspositionen verlassen zu können.

Ich übergab Thieu die Vorschläge, die ich Le Duc Tho am 15. September unterbreiten wollte, und bat um seine Stellungnahme.

Ich sagte, wir würden unsere militärischen Vorschläge nicht ändern, sondern den Zeitraum bis zum endgültigen Truppenabzug nur von vier auf drei Monate verkürzen. Das werde kaum etwas ausmachen; der Abzug werde in Wirklichkeit doch mehr als vier Monate dauern.

Bei den politischen Verhandlungen würden wir die Bildung einer Koalitionsregierung ablehnen und von diesem Konzept dadurch wegkommen, daß wir dem gemeinsamen Wahlausschuß, dessen Errichtung wir schon einmal vor drei Jahren angeboten hatten, den neuen Namen »Ausschuß für Nationale Versöhnung« gaben, ohne seine Aufgaben zu verändern. Außerdem schlug ich vor, daß er sich theoretisch aus drei Gruppen zusammensetzen solle; jede der beiden Parteien solle die Mitglieder der Hälfte der dritten Gruppe bestimmen, was den Vorstellungen von Le Duc Tho entspreche.

Der Ausschuß würde seine Entscheidungen einstimmig treffen müssen. Damit hätte Saigon das doppelte Vetorecht -- dank der Zusammensetzung des Ausschusses und durch seine praktische Arbeit. Der Ausschuß würde also nur formal eine geschlossene Körperschaft und praktisch ohnmächtig sein.

Um zu unterstreichen, daß der Ausschuß keine andere Aufgabe habe als die Überwachung der Wahlen, erlaube unser neuer Plan die Teilnahme der Kommunisten an der aus Wahlen hervorgehenden Regierung, aber nur entsprechend dem Prozentsatz der für sie abgegebenen Stimmen. Nach unserer Schätzung würden die Kommunisten etwa 2 der 20 Sitze bekommen.

Ich erklärte Thieu: »In unserem Land werden politische Gegner nicht in das Kabinett aufgenommen, um dort einen Einfluß auszuüben, sondern um sie ihres Einflusses zu berauben.« Dieses Argument begriff Thieu sofort.

Ich war recht stolz auf diesen Plan und glaubte, damit sei das Konzept einer Koalitionsregierung ein für allemal begraben. Doch jetzt zeigte Thieu eine ganz neue Seite.

Bisher hatte ihm noch kein einziges amerikanisches Angebot vorgelegen, von dem er annehmen mußte, es könne von Hanoi akzeptiert werden. Er war mit unseren Vorschlägen immer nur deshalb einverstanden gewesen, um einen Anspruch auf fortgesetzte Unterstützung begründen zu können.

Da es aber jetzt zu ernsthaften Verhandlungen kommen sollte, gingen unsere Meinungen immer mehr auseinander. Wenn wir uns darum bemühten, unsere bisherigen Vorschläge durch geringfügige Modifizierungen schmackhafter zu machen, sprach er von starken Abweichungen, und was wir als taktische Manöver betrachteten, waren für ihn plötzlich Konfrontationen.

Und er suchte nach einer nachträglichen Rechtfertigung dafür, alles über den Haufen werfen zu können, was wir im Verlauf der vergangenen drei Jahre ausgehandelt hatten.

Wir begriffen nicht sofort, was eigentlich los war. Wir glaubten immer noch, Hand in Hand mit Thieu zu arbeiten, und nahmen deshalb an, seine Zurückhaltung sei auf einen schwierigen Text und den Einfluß kurzsichtiger Berater zurückzuführen. Deshalb wappneten wir uns mit Geduld, um eine Lösung zu finden.

Thieu verwirrte uns auch durch ein Täuschungsmanöver, das Vietnamesen im Umgang mit Fremden gern anwenden: Er ließ nicht zu, daß aus einem Problem eine Grundsatzfrage wurde; er versuchte aber, uns dadurch zu ermatten, daß er sich unseren Vorstellungen bis auf eine gewisse Entfernung näherte, aber immer so weit davon entfernt blieb, daß eine wirkliche Einigung unmöglich war.

Thieu erhob gegen meine Erklärungen zunächst keine Einwände. Er hörte uns anscheinend mit Verständnis zu, stellte bohrende Fragen, schlug geringfügige Veränderungen vor und diskutierte die Details der praktischen Ausführung. Er sagte, er stimme darin mit mir überein, daß die Aussichten für den Abschluß von Verhandlungen nicht sehr günstig schienen. Das hatte eine entspannende Wirkung auf ihn.

Thieu übergab mir eine acht Seiten lange Denkschrift, in der Le Duc Thos Vorschlag vom 1. August kritisiert wurde. Phu Duc hatte das Memorandum verfaßt und war darin mit bürokratischer Akribie auf alle Einzelheiten eingegangen. Nachdem ich flüchtig hineingesehen hatte, sagte ich nicht ohne Ironie, ich hätte den Eindruck, daß Saigon nicht mit jedem Detail des Vorschlags von Hanoi einverstanden sei; wir seien das aber auch nicht.

Am folgenden Tag, dem 18. August, war ich wieder im Präsidentenpalast. Thieu überreichte mir eine neue Denkschrift, die etwa 20 Änderungsvorschläge für unseren Plan enthielt. Etwa 15 dieser Vorschläge ließen sich ohne weiteres aufgreifen; andere bereiteten größere Schwierigkeiten.

Ich erklärte ihm unsere Strategie noch einmal und sagte, wir wollten Zeit gewinnen. Wir wollten uns davor schützen, daß Hanoi seine Vorschläge in die Öffentlichkeit bringe. Wir hätten hier nur deutlich erklärt, was wir schon seit mehr als zwei Jahren angeboten hatten.

Andererseits -- und ich sagte das jetzt zum viertenmal -- würden wir es akzeptieren müssen, falls Hanoi einen Waffenstillstand ohne Vorbedingungen vorschlug. Thieu aber schien zu fürchten, wir könnten polltische Zugeständnisse machen; der Zeitplan für den Waffenstillstand beunruhigte ihn weniger. Aber das stellte sich als Irrtum heraus; Thieu lehnte alles ab, was uns einer Lösung näherbringen konnte.

Es dämmerte uns erst allmählich, daß es hier nicht um Schwierigkeiten bei der Formulierung von Vorschlägen ging, sondern um einen Gegensatz der Grundanschauungen. Die Wurzel des Übels war: Thieu und seine Regierung waren einfach nicht bereit, einen Verhandlungsfrieden zu schließen.

Sie hatten ein paar vage Vorstellungen, die in Wirklichkeit auf die bedingungslose Kapitulation Hanois hinausliefen. Das einfache Überleben genügte ihnen nicht; sie wollten die Garantie für den Sieg. Bunker hatte recht, als er dem Präsidenten und mir ein paar Tage später sagte: »Sie fürchten, daß sie noch nicht gut genug organisiert sind, um es politisch mit einer so straff disziplinierten Organisation wie der Nordvietnams aufzunehmen.«

Aber auch wir befanden uns in einer Zwangslage. Wir hatten vier Jahre lang wegen eines Krieges gelitten, aus dem wir herauskommen wollten. Wir hatten unserem Land fast unerträgliche Spannungen zugemutet, um unsere Ehre und Glaubwürdigkeit zu bewahren. Wir hatten unseren Kampf nur deshalb nicht aufgeben müssen, weil wir unsere Öffentlichkeit davon überzeugen konnten, daß es unmöglich war, einem Verbündeten eine kommunistische Regierung aufzuzwingen.

Wenn Hanoi jedoch unser Angebot für einen Waffenstillstand annahm, konnten wir uns daraufhin nicht verpflichten, den Krieg um des totalen militärischen Sieges willen fortzusetzen. Entschied sich Nixon anders, dann würde der Kongreß unseren Alptraum wahr machen: den Krieg durch eine Abstimmung zu beenden, ohne daß wir Bedingungen stellen konnten.

Der Dialog zwischen Saigon und Washington entwickelte sich wie eine griechische Tragödie, in der jede Seite gezwungen wird, das zu tun, was sie am meisten fürchtet. Denn eigentlich hatten beide Seiten recht.

Thieu war ein Patriot und ein hochintelligenter Mann. Er hatte sein Land mit Sachverstand und Hingabe durch einen vernichtenden Krieg geführt. Er hatte die Schmähungen nicht verdient, mit denen ihn die amerikanischen Kriegsgegner überhäuften, weil sie ein Ventil für ihre Enttäuschungen und ein

Alibi für die Kapitulation brauchten,

die sie ihrer Regierung aufzwingen wollten.

Er war der legitime Chef der südvietnamesischen Regierung. Wenn er die Legitimität der Kräfte anerkannte, die seine Regierung stürzen wollten, dann unterminierte er die psychologische Basis seiner Herrschaft. Aber eine solche Anerkennung war notwendigerweise in jedem noch so maßvollen Kompromißvorschlag enthalten.

Thieus innenpolitische Zwänge verlangten Unnachgiebigkeit von ihm. Wir jedoch konnten ihn nur weiter unterstützen, wenn wir eine gewisse Kompromißbereitschaft zeigten. Uns kam es darauf an, die Ehre zu bewahren, aber bei Thieu ging es um das Überleben.

Wir hatten auch kein Verständnis für die tiefen Hallgefühle, die Nord- und Südvietnam voneinander trennten. Sie bekämpften einander schon seit einer Generation. Sie hatten die hohen Beamten der jeweils anderen Seite ermordet und die Kriegsgefangenen gefoltert. Das Mißtrauen und das Leid, das sie sich gegenseitig zugefügt hatten, ließen sich durch guten Willen oder Kompromißformeln nicht überbrücken.

Jede mit Absicht vage gehaltene Formulierung, die ich vorlegte, wurde von beiden Seiten daraufhin geprüft, wie weit sie es ermöglichte, den verhallten Gegner zu demütigen. Und beide Seiten waren erstaunlich subtil und erfindungsreich dabei, solche Siege zu erringen, besonders in der vietnamesischen Sprache, in der es so feine Schattierungen gibt, daß wir sie nicht begreifen können.

Zum Glück war mir das alles Ende August noch nicht bewußt, denn sonst hätte ich wahrscheinlich nicht den Mut gehabt, mich in das jetzt folgende Unternehmen zu stürzen; vielleicht waren diese Dinge sogar Thieu nur verschwommen klar. Er und ich hatten uns auf ein Menuett eingelassen, feierlich im Ausklammern aller konkreten Themen, höflich im Vorspiegeln fortdauernder Partnerschaft und wenig überzeugend im Festhalten an traditionellen, überlebten Formen.

Ich verließ Saigon mit dem falschen Eindruck, auf Verständnis gestoßen zu sein. Thieu und ich hatten beschlossen, die wenigen Unstimmigkeiten auf dem Umweg über Bunker auszuräumen. Wir hatten noch reichlich Zeit -- bis zu meiner nächsten Begegnung mit den Nordvietnamesen am 15. September waren es noch fast vier Wochen.

Aber Thieu hüllte sich in Schweigen; wir hörten nichts mehr aus dem Präsidentenpalast. Und Nha intrigierte mit Hilfe der Medien. Nach allem, was wir in Saigon erlebt hatten, waren wir vielleicht überempfindlich, wenn unsere Motive angezweifelt wurden -- durch Artikel, die jetzt immer häufiger über das Büro von Nha in die Saigoner Zeitungen gerieten.

Auch Ellsworth Bunker wurde geradezu unverschämt behandelt. Wir hatten Bunker gebeten, am 31. August nach Honolulu zu kommen, wo mit Nixon über meine Pariser Verhandlungen gesprochen werden sollte. Vorher sollte sich Bunker bei den Südvietnamesen über ihre Auffassungen orientieren.

Ich hoffte, in Honolulu den Entwurf für unsere Vorschläge fertigstellen zu können, die ich Le Duc Tho am 15. September vorlegen wollte. Doch trotz wiederholter Bemühungen gelang es Bunker nicht, rechtzeitig von Thieu empfangen zu werden. Auch antwortete Saigon nicht auf meine in einem Funkspruch aus dem Flugzeug übermittelte Stellungnahme zu der Denkschrift, die Thieu mir übergeben hatte.

Wieder gingen wir auf die wortklauberischen Veränderungsvorschläge von Phu Duc ein. Kaum aber hatten wir eine Frage geklärt, kamen Duc und Nha mit einer neuen Kleinigkeit, die verändert werden sollte. Die größten Schwierigkeiten bereiteten uns Saigons Einwände gegen die Zusammensetzung des Ausschusses für die Nationale Versöhnung -- im Grunde Haarspaltereien.

In Hawaii erklärte uns Bunker ausdrücklich, nach seiner Auffassung befänden wir uns auf dem richtigen Kurs. Ich sagte Bunker, wir rechneten damit, daß er es uns sagen würde, wenn wir zu weit gingen; er sei unser Gewissen. Dann entwarfen wir einen Brief an Thieu, den Nixon unterzeichnete.

Darin hieß es: »Wir werden jetzt nicht tun, was wir uns in den vergangenen dreieinhalb Jahren zu tun geweigert haben.« Das sollte heißen, daß wir nicht bereit seien, Südvietnam im Stich zu lassen. Nixon erklärte, unsere Vorschläge sicherten, wenn der Gegner sie annahm, die Interessen Saigons; wenn sie abgelehnt würden, dann werde unser gemeinsamer Kurs in den Vereinigten Staaten stärker unterstützt werden.

Am 5. September kehrte Bunker nach Saigon zurück. Am 6. September wurde er von Thieu empfangen, dem er den Brief des Präsidenten übergab. Man sagte ihm, er werde am folgenden Tag die Antwort auf unsere Denkschriften bekommen.

Doch Thieu schlug gegenüber Bunker wieder die Taktik ein, an die wir uns inzwischen gewöhnt hatten. Er stellte die verschiedensten Fragen über unseren Entwurf; am Schluß hatte Bunker den Eindruck, Thieu sei mit allem einverstanden. Ich beglückwünschte ihn zu dem »ermutigenden« Ergebnis seines Gesprächs.

Am 9. September aber übergaben Phu Duc und Nha dem Botschafter einen neuen Entwurf, in dem neue Fragen aufgeworfen wurden. Am 10. September beantwortete ich die meisten im Sinne Saigons und bat um eine gewisse Handlungsfreiheit im Hinblick auf die Zusammensetzung des Ausschusses für die Nationale Versöhnung.

Am 13. September lehnte Thieu unseren Vorschlag für die Zusammensetzung des Ausschusses wieder ab. Er tat dies nicht, weil ihn der Ausschuß störte, sondern weil er nicht bereit war, auf einen Waffenstillstand einzugehen.

Unverschämtheit ist die Waffe der Schwachen; damit macht man sich selbst Mut, wenn man in Panik zu geraten droht. Heute erkenne ich das deutlicher als damals. Im September 1972 aber war es unserem Verbündeten gelungen, in mir jene ohnmächtige Wut zu wecken, mit der die Vietnamesen seit jeher ihre stärkeren Gegner gequält haben.

Nach einmonatigem Verhandeln hatte sich Thieu an einem Punkt festgebissen, der im Rahmen des Ganzen eine so geringe Bedeutung hatte, daß wir es unserem Volk gegenüber niemals würden rechtfertigen können, deswegen die Verhandlungen scheitern zu lassen.

Wenn wir am 15. September die Verhandlungen wieder verschleppten und Hanoi sich an die Öffentlichkeit wandte, würde sich unsere Verhandlungsposition wesentlich verschlechtern.

Wenn sich Hanoi entschloß, den Krieg vor den US-Wahlen zu beenden, dann hatten wir nach meiner Auffassung eine einmalige Gelegenheit. Nach dem 7. November würden wir jeden Kurs einschlagen müssen, ohne daß Hanoi in der Zwangslage war, sich bis zu einem bestimmten Termin mit uns zu einigen. Wir aber hätten es ständig mit den Widerständen im Kongreß zu tun.

Vielleicht würden dann auch Sowjets und Chinesen nicht mehr länger untätig zusehen, oder wir würden ihnen für ihr Stillhalten auf irgendeinem Gebiet einen Preis zahlen müssen. Ich hielt es für klüger, das Zusammenfallen günstiger Umstände auszunutzen, die uns innenpolitisch, militärisch und außenpolitisch die stärkste Position seit Jahren beschert hatten. Jetzt war die Zeit, Hanoi zu möglichst weitgehenden Zugeständnissen zu bewegen.

Deshalb empfahl ich Nixon, wir sollten am 15. September einen Vorschlag vorlegen, mit dem wir uns nur oberflächlich zum Wahlausschuß äußerten: Wenn die andere Seite unser Angebot annimmt, was wir für ziemlich unwahrscheinlich halten, dann wird die Regierung von Südvietnam sich veranlaßt sehen, auf unsere Seite zu treten. Wir können es uns nicht vorstellen, daß die Südvietnamesen öffentl ich zugeben werden, Meinungsverschiedenheiten mit uns gehabt zu haben, wenn unser vernünftiges Angebot auf dem Tisch liegt, Hanoi es abgelehnt hat und wir die besten Möglichkeiten haben, die öffentlichen Beschuldigungen durch den Hinweis auf unsere Verhandlungsinitiativen zu entkräften.

Nixon war alles andere als begeistert. Er fühlte sich durch eine Meinungsumfrage bestärkt, nach der eine große Zahl amerikanischer Wähler (55 Prozent gegenüber 32 Prozent) die Fortführung der schweren Bombenangriffe gegen Nordvietnam befürwortete.

Aber wie immer, wenn es um die nationale Sicherheit ging, folgte er den außenpolitischen Notwendigkeiten, wies mich aber ausdrücklich darauf hin, daß es ihm politisch schaden könne. Haig schickte mir den folgenden Funkspruch:

Er (der Präsident) hat erklärt, der Nationale Sicherheitsrat scheine nicht zu begreifen, daß sich das amerikanische Volk nicht mehr für eine Kompromißlösung interessiert und nach all diesen Jahren einen amerikanischen Sieg sehen will ... Schließlich stimmte der Präsident mir zu, verlangte aber, bei der Obermittlung seiner Zustimmung solle ich ausdrücklich darauf hinweisen, daß Sie morgen in Ihren Gesprächen eine so harte Haltung einnehmen müßten, daß sie den Falken und nicht den Tauben gefiele.

Im Rückblick glaube ich, wir hätten es riskieren können, den Vorstellungen Saigons ohne die von mir vorgeschlagenen Modifizierungen zu folgen. Hanoi hätte wahrscheinlich die Gespräche nicht abgebrochen, weil es die Folgen eines Wahlsiegs von Präsident Nixon fürchtete.

Ich glaube heute auch, daß ein solcher Kurs taktisch klug gewesen wäre; vielleicht hätten wir damit Thieus Mißtrauen abbauen können, obwohl sich der endgültige Bruch angesichts unserer grundsätzlichen Differenzen damit nicht hätte vermeiden lassen.

Auf die Verhandlungen hätte es sich nicht ausgewirkt, denn in Paris wurde über unseren Vorschlag überhaupt nicht diskutiert. Am 15. September legte Le Duc Tho den dritten neuen nordvietnamesischen Vorschlag vor, und damit verloren unsere Vorschläge jede Bedeutung.

Le Duc Tho zeigte sich so konziliant wie noch nie zuvor. Er wies darauf hin, daß ein Fortschritt bei den politischen Fragen die Lösung der militärischen erleichtern werde -- aber der Vorrang der politischen Fragen war jetzt keine Bedingung mehr. Dann schlug er vor, die nächste Sitzung für zwei Tage anzuberaunien, wenn möglich, schon innerhalb einer Woche.

Ich nahm diesen ungewöhnlichen Vorschlag an, verlangte jedoch, den Beginn der Sitzung auf den 26. September festzusetzen. Je mehr wir Lc Duc Tho gegen den von ihm selbst festgelegten Schlußtermin (den Tag der Präsidentschaftswahl in den USA) drängten, desto nachgiebiger würde er voraussichtlich sein.

Wir befanden uns jetzt in der günstigsten Verhandlungsposition seit Beginn des Krieges. Der 15. September war der Tag, an dem die südvietnamesischen Streitkräfte Quang Tri zurückeroberten, die einzige Provinzhauptstadt, die Hanoi im Laufe der Offensive besetzt hatte. Die Meinungsumfragen zeigten, daß Nixon in seinen militärischen Entscheidungen von der Öffentlichkeit unterstützt wurde und bei den Wählern weiter vor McGovern lag.

Die Sitzung am 15. September war die letzte, die an der Rue Darthé 11 in Choisy-le-Roi abgehalten wurde. Ich hatte meine Fahrt dorthin zwar getarnt, aber Le Duc Tho war das nicht gelungen -- vielleicht hatte er es auch gar nicht beabsichtigt. Ein Aufnahmeteam der Fernsehgesellschaft CBS folgte ihm von seiner Unterkunft zu unserem Treffpunkt und filmte mich beim Betreten und Verlassen des bisher geheimgehaltenen Hauses. Nun mußten die Nordvietnamesen einen neuen Treffpunkt ausfindig machen.

Für die Sitzungen am 26. und 27. September fanden die Nordvietnamesen einen neuen Ort für unsere Begegnungen. Um dorthin zu kommen, verließen wir Paris in südwestlicher Richtung, fuhren durch den Bois de Boulogne und an der Rennbahn von Longchamp vorbei. In der kleinen, ruhigen Provinzstadt Gif-sur-Yvette lag an der Avenue du Général Leclerc hinter einem hohen grünen Holzzaun ein einstöckiges weißgestrichenes Haus mit einem großen Garten. Das war unser neuer Treffpunkt.

Le Duc Tho und sein Partner Xuan Thuy zeigten sich auch jetzt ebenso stark an einer baldigen Beendigung des Krieges interessiert wie am 15. September. Die ersten beiden Stunden wurden mit dem Entwurf eines Arbeitsprogramms zugebracht, den der nordvietnamesische Dolmetscher als »Zeitplan« bezeichnete, der vorsehe, den Vertrag noch in diesem Monat abzuschließen.

Sehr bald wurde der »Zeitplan« zu einem Eröffnungsritual unserer Gespräche. Le Duc Tho begann jede Sitzung mit der Empfehlung, die Verhandlungen zu beschleunigen -- eine Art Eröffnungsgebet. Dann kam meine Antwort, und wir fingen an zu feilschen, denn für mich eignete sich dieses Thema ebensogut wie jedes ander. dazu, Zeit zu verschwenden, um Hanoi immer mehr an seinen eigenen Schlußtermin zu drängen und damit unter Druck zu setzen.

Am Schluß des zeitraubenden Gerangels stimmte ich dem »Zeitplan« zu. Das wurde dann von Le Duc Tho in ein Meines Notizbuch mit Rechenpapier eingetragen, was dem ganzen Vorgang eine besondere Feierlichkeit verBei jedem neuen Zusammentreffen wiederholte sich diese Szene. Der »Zeitplan« verzögerte sich natürlich jedesmal um die Zeit, die inzwischen vergangen war. Einmal rief Le Duc Tho verzweifelt aus: »Ich schreibe es zwar nieder, Sie sollten aber wissen, daß ich es nicht glaube.«

Nach einer sachlichen Überprüfung aller Differenzen und Ähnlichkeiten zwischen den Positionen beider Seiten legte Le Duc Tho einen neuen umfassenden Vorschlag vor, den vierten in fünf Sitzungen. Le Duc Thos neuer Plan, sein »endgültiges Angebot«, entfernte sich noch weiter von der kommunistischen Forderung, eine aus drei Elementen bestehende Regierung zu bilden.

Er forderte zwar immer noch eine »provisorische Regierung der Nationalen Einheit« ohne Thieu, hatte aber die Funktionen- dieser Regierung wieder beschnitten; die Regierung der Nationalen Einheit sollte die bestehenden Regierungen beraten und hatte die nicht näher bestimmte Aufgabe, zwischen beiden Seiten zu vermitteln, ohne konkrete Vollmachten zu besitzen.

Der Vorschlag blieb unannehmbar, aber er bedeutete aus der Perspektive Hanois einen »wesentlichen Fortschritt«, wie ich dem Präsidenten später berichtete.

Ein noch erstaunlicheres Zugeständnis war der Vorschlag von Le Duc Tho, die Truppen Hanois nach dem Friedensschluß aus Laos und Kambodscha abzuziehen und unsere Kriegsgefangenen in Laos freizulassen. (Er behauptete, in Kambodscha gebe es keine amerikanischen Kriegsgefangenen.) Das war ein bemerkenswerter Durchbruch.

Da unsere Strategie positive Wirkungen zu zeigen schien, beschränkte ich mich darauf, kurze Entwürfe zu Fragen wie den internationalen Garantien und den technischen Möglichkeiten einer internationalen Überwachung des Waffenstillstandes zu überreichen. Le Duc Tho, der immer energischer rasche Fortschritte forderte, zeigte sich irritiert, weil ich nur in ganz Meinen Schritten voranging.

Ich sagte Le Duc Tho, viele seiner Vorschläge brächten uns weiter voran. Aber die Forderung, Thieu müsse sein Amt nach der Unterzeichnung eines Schlußabkommens aufgeben, sei lächerlich. Ich betonte noch einmal, daß wir unsere Verbündeten niemals stürzen würden. Le Duc Tho wies jedoch darauf hin, daß sein Angebot »endgültig« sei.

Dann aber sagte er plötzlich, er sei bereit, bei unserem nächsten Zusammentreffen an drei Tagen Sitzungen abzuhalten. Den Beginn schlug er für den 7. Oktober vor -- das war schon in zehn Tagen. Dieses Treffen werde »entscheidend« sein. Ich erMärte mich mit dem 8. Oktober einverstanden.

Das alles zeigte immer deutlicher, daß wir uns einem entscheidenden Punkt näherten. Wir hatten uns grundsätzlich über alle militärischen Fragen geeinigt: den Waffenstillstand, die Infiltration nordvietnamesischer Streitkräfte nach Südvietnam? den Truppenabzug, die Entlassung der Kriegsgefangenen, die internationale Überwachung und Laos.

Es fehlte noch eine Vereinbarung über Kambodscha. Le Duc Tho legte immer noch politische Vorschläge vor, um Saigon zu schwächen. Da er jedoch Anfang Oktober an drei Tagen verhandeln wollte, zweifelte ich nicht daran, daß wir noch nicht das letzte Wort gehört hatten.

Diese letzten Vorschläge konnten unannehmbar sein, die Verhandlungen konnten noch scheitern. Aber wir hatten eine weite Strecke zurückgelegt. Das nächste Treffen würde entweder einen Durchbruch bringen oder zu einer neuen militärischen Kraftprobe führen.

Ich wußte genau, was Thieu lieber war. Indiskretionen aus Saigon zeigten deutlich, wie sehr er unseren Verhandlungskurs ablehnte. Die Anerkennung für geleistete Dienste ist keine vietnamesische Gepflogenheit; für Thieu war es eine Selbstverständlichkeit, daß wir uns in einem harten Rückzugsgefecht für sein Land einsetzten.

Doch es war unbedingt notwendig, daß wir uns noch einmal mit Thieu berieten. Ich schlug vor, wir sollten Al Haig nach Saigon schicken, um mit Thieu über die verschiedenen Fragen zu sprechen, die bei meinem nächsten Zusammentreffen mit Le Duc Tho zur Sprache kommen könnten. Nixon war einverstanden.

Ich empfahl, Thieu eine Reihe von Optionen als politische Vorschläge für das nächste Treffen vorzulegen. Wie sich herausstellte, waren alle diese Erwägungen nutzlos. Haig hätte sich die Reise sparen können. Er schätzte Thieu hoch, sah sich aber diesmal der Standardbehandlung durch Thieu ausgesetzt, die der früheren Taktik von Le Duc Tho in Paris sehr ähnlich war.

Der anfänglichen Haltung von Thieu glaubte Haig entnehmen zu können, daß er Thieu beruhigt habe. Er sollte bald feststellen, daß er sich geirrt hatte. Seine Verabredung mit Thieu für den 3. Oktober wurde ohne Begründung abgesagt. Am 4. Oktober aber ließ Thieu die Maske fallen. Er konfrontierte Haig seinem gesamten Nationalen Sicherheitsrat und griff fast jeden Aspekt des amerikanischen Vorschlags scharf an, auch alles, was er bisher akzeptiert hatte. Thieu sagte, er werde über keine der Varianten mit uns sprechen, die wir ihm vorgelegt hätten -- zwischendurch brach er sogar in Tränen aus.

Nixon reagierte auf Thieus Ablehnung nicht mit dem Verständnis, von dem er in seinen Memoiren spricht. Am Morgen des 4. Oktober sagte er mir, Thieu müsse begreifen. daß er sich von ihm nicht in eine unmögliche Position manövrieren lassen werde. Er bevollmächtigte mich, zu der Sitzung am 8. Oktober zu reisen.

Der 8. Oktober, ein Sonntag, war ein kühler, klarer Herbsttag. Um 10.30 Uhr trafen Haig und ich in dem Haus in Gif-sur-Yvette ein. Die Sitzung begann in gelöster und freundlicher Atmosphäre.

Ich entschuldigte mich bei Le Duc Tho und Xuan Thuy, sie vom sonntäglichen Kirchgang oder dem Besuch eines Rennens in Longchamps abgehalten zu haben. Die Nordvietnamesen gingen bereitwillig auf den scherzhaften Ton ein.

KISSINGER: In Frankreich laufen die Pferde auf der Rennbahn andersherum als in Amerika. Ich habe gehört, es gibt eine Rennbahn in Paris, wo sie auf der gegenüberliegenden Seite hinter Bäumen verschwinden, und dort entscheiden die Jockeys, wer das Rennen gewinnen soll.

LE DUC THO: Aber wohin geht unser Rennen, zum Frieden oder zum Krieg?

KISSINGER: Zum Frieden, und wir sind hinter den Bäumen!

LE DUC THO: Werden wir an den Bäumen vorbeikommen oder von ihnen aufgehalten werden?

KISSINGER: Nein, wir werden die Verhandlungen abschließen.

LE DUC THO: Nun, wenn Sie hinter den Bäumen hervorkommen, dann werden wir es auch tun.

KISSINGER: Wir werden beide wieder zum Vorschein kommen. Wir werden uns einigen.

Ich sah zwei dicke grüne Aktenordner vor Le Duc Tho liegen und fragte ihn, ob er mir das alles vorlesen wolle. Xuan Thuy forderte mich auf, als erster das Wort zu ergreifen; offensichtlich wollten sie feststellen, ob mein Angebot für sie günstiger wäre als das, was sie anzunehmen bereit waren.

Ich erklärte, wir hätten einige positive Elemente in den letzten Vorschlägen von Le Duc Tho festgestellt.

Es gebe aber noch Punkte, die wir nicht akzeptieren könnten: »Sie wollen den amtierenden Präsidenten nach der Unterzeichnung zum Rücktritt zwingen. Sie wollen die gegenwärtige Verfassungsstruktur abschaffen. Sie wollen neue Verwaltungsorgane gründen und sie in Saigon bis hinunter zu den Dörfern einsetzen.«

Dann wandte ich mich den militärischen Problemen zu, die »besonders dringend« seien. Vieles sei noch ungelöst in den Vorschlägen Hanois, besonders die Modalitäten eines Waffenstillstands, der Abzug nordvietnamesischer Streitkräfte aus Laos und Kambodscha, die Entlassung der in Laos und Kambodscha festgehaltenen US-Kriegsgefangenen.

Dann überreichte ich einige Papiere zur Erläuterung der technischen Fragen, die im wesentlichen von unserem Außenministerium entworfen worden waren. Außerdem legte ich einen »neuen« Friedensvorschlag vor, bei dem es sich in Wirklichkeit nur um leichte kosmetische Änderungen handelte, die sich etwas deutlicher über die Funktionen des Ausschusses für die nationale Versöhnung aussprachen.

Wenn dies unser »letztes Angebot« war, wie Nixon einige Tage zuvor zu Gromyko gesagt hatte, dann mußte Le Duc Tho annehmen, wir wollten nach wie vor die gegenwärtige Struktur in Saigon erhalten und seien nicht bereit, weitere politische Zugeständnisse zu machen.

Le Duc Tho explodierte nicht, wie er das früher bei einem solchen Angebot mit Sicherheit getan hätte. Er sagte: »Ich schlage eine Verhandlungspause vor und werde anschließend meine Auffassungen zum Ausdruck bringen.« Er schlug vor, die Besprechungen um 16 Uhr wieder aufzunehmen. Ich erklärte mich einverstanden.

Die Sitzung ging pünktlich weiter. Le Duc Tho klopfte nicht lange auf den

*Mit Außenminister Rogers (I.) und Kissinger-Stellvertreter Haig.

Busch, sondern nahm sofort seine grünen Aktendeckel auf. »Ich glaube, wir können nicht wie bisher weiterverhandeln«, sagte er. Wir mußten den Zeitplan einhalten, wenn wir den Krieg rasch beendigen wollten.

Auch Le Duc Tho gab zu, daß die Verfahren und die verschiedenen Gremien, von denen er in seinen Vorschlägen gesprochen hatte, uns nicht zum Ziel führen würden. Daraus folgte: »Um unseren guten Willen zu zeigen und den Krieg zu einem raschen Ende zu bringen, legen wir heute einen neuen Vorschlag vor. Einen sehr realistischen und sehr einfachen Vorschlag.«

Le Duc Tho schlug vor, die Vereinigten Staaten und Nordvietnam sollten eine Vereinbarung zur Lösung aller militärischen Fragen unterzeichnen: über den Truppenabzug, den Kriegsgefangenenaustausch und den Waffenstillstand. In den politischen Fragen »werden wir uns nur über die wichtigsten Grundsätze einigen. Nach der Unterzeichnung dieser Vereinbarungen wird sofort der Waffenstillstand in Kraft treten«. Das politische Problem Südvietnams dürfe unsere Verhandlungen nicht verzögern.

Le Duc Tho verlangte jetzt nicht mehr, daß noch vor dem Waffenstillstand eine Koalitionsregierung der Nationalen Einheit gebildet werden müsse. Er löste sich völlig von dem Konzept einer Koalitionsregierung.

Es war nur noch eine »Verwaltung der Nationalen Einheit«, die innerhalb von drei Monaten von den beiden südvietnamesischen Parteien gebildet werden und die Aufgabe übernehmen sollte, die in den Vereinbarungen vorgesehenen Maßnahmen durchzuführen, die nationale Einheit herzustellen (was das auch bedeuten mochte) und nicht näher bezeichnete Wahlen zu »organisieren«.

Diese Verwaltung würde unter Umständen niemals gebildet werden, denn sie bedurfte der Zustimmung der beiden südvietnamesischen Parteien; ihre

Funktionen mußten noch von den beiden Todfeinden ausgehandelt werden,

und nach ihrer Einsetzung sollte sie nach dem Prinzip der Einstimmigkeit arbeiten.

Das war angesichts eines zehn Jahre langen heroischen Kampfes und unbeschreiblicher Leiden der Nordvietnamesen ein recht kümmerliches Ergebnis. Ich war überzeugt, in den kommenden Verhandlungen die Bedeutung dieser »Verwaltung« noch weiter schwächen zu können.

Die Vorschläge enthielten noch andere Bedingungen, die unseren Interessen entgegenkamen. Drei Jahre lang hatte Hanoi die Beendigung der US-Militärhilfe für Südvietnam als absolute Voraussetzung für einen Friedensschluß verlangt. Nun strich Le Duc Tho auch diese Forderung.

Die Nordvietnamesen akzeptierten auch unsere Forderung, es dürften keine nordvietnamesischen Truppen mehr nach Südvietnam eingeschleust werden; damit würden Hanois militärische Kräfte in Südvietnam mi Laufe der Zeit immer mehr geschwächt werden. Le Duc Tho erklärte sich außerdem mit einer internationalen Kontrolle und Aufsicht einverstanden.

Selbstverständlich gab es in dem nordvietnamesischen Vorschlag noch einige Lücken. Le Duc Tho schwieg

sich über die nordvietnamesischen Truppen in Laos und Kambodscha aus; dort wollte sich Hanoi nicht zu einem Waffenstillstand verpflichten, weil das dem Grundsatz der Nichteinmischung widerspreche. »Dem widerspricht aber auch die Präsenz Ihrer Truppen«, sagte ich scharf.

Wenn Le Duc Tho jedoch ebenso energisch für den Frieden arbeiten wollte wie bis dahin für den Krieg, dann konnten diese Probleme schon in wenigen Tagen gelöst werden. Er wußte, daß andernfalls keine Vereinbarung möglich war.

Fast vier Jahre lang hatten wir uns nach diesem Tag gesehnt, aber nun, da er gekommen war, erschien er uns weniger dramatisch. Der Friede wurde uns mit der eintönigen Stimme eines alten Revolutionärs verkündet, der die Beendigung eines Jahrzehnts des Blutvergießens in legalistische Formeln kleidete.

Ich und die meisten meiner Kollegen begriffen sofort, was wir da eben gehört hatten. In der von mir erbetenen Pause schüttelte ich meinem Mitarbeiter Lord die Hand, und wir beide sagten wie aus einem Munde: »Wir haben es geschafft.« Haig, der selbst in Vietnam gedient hatte, erklärte bewegt, wir hätten die Ehre der Soldaten gerettet,

die dort gekämpft und gelitten hatten und auf vietnamesischem Boden gefallen waren.

Das Papier, das Le Duc Tho uns vorgelegt hatte, enthielt natürlich noch eine Reihe von Elementen, die wir nicht akzeptieren konnten. Aber ich wußte jetzt, daß die Nordvietnamesen auf unsere wesentlichsten Bedingungen eingegangen waren.

Man hat mich oft gefragt, welches der erregendste Augenblick während meiner Zeit im Staatsdienst gewesen sei. Ich habe an vielen spektakulären Ereignissen teilgenommen; ich habe mit der Macht gelebt; ich habe pompöse Zeremonien gesehen.

Aber am tiefsten hat mich dieser Augenblick an jenem kühlen Sonntagnachmittag im Herbst bewegt, als sich die abendlichen Schatten über die heitere französische Landschaft senkten und das große Wohnzimmer mit seinen abstrakten Gemälden nur dort beleuchtet war, wo der mit grünem Tuch belegte Tisch stand, an dem sich die beiden. Delegationen gegenübersaßen.

Wir waren überzeugt, dem Blutvergießen in Indochina sei jetzt ein Ende gesetzt, und wir stünden an der Schwelle eines Friedens, der sich mit unserer Ehre und unseren internationalen Verpflichtungen vereinbaren ließ. Und wir würden beginnen können, die Wunden zu heilen, die der Krieg unserem eigenen Land geschlagen hatte.

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Thieu lehnt alle Vietnam-Vereinbarungen ab -- Die Verhandlungen mit Hanoi scheitern -- Das berüchtigte Weihnachts-Bombardement

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