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»Kämpfen oder die Koffer packen«

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über das französische Übersee-Territorium Neukaledonien nach der Wahl *
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 20/1988

Die Wolken hängen in der sattfeuchten warmen Luft tief über den ausgefransten Kronen der Eukalyptusbäume. Gaetan wischt sich den Schweiß von der Stirn, während er mit einem langen Messer eine Schneise ins Buschwerk hackt.

Nach einer Viertelstunde wird das Unterholz lichter. Motorsägen haben einen halbmondförmigen Landeplatz für die Puma-Helikopter der französischen Streitkräfte in den Busch gefressen. »Voila«, sagt Gaetan und zeigt mit der Machete auf ein großes Loch im Boden, »la grotte des otages«, die Grotte der Geiseln.

Hier haben am 5. Mai, drei Tage vor der Präsidentschaftswahl, die Soldaten vom 11. »Fallschirmjägerstoßregiment« nach vierstündigem Feuergefecht 23 französische Geiseln aus den Händen von Kidnappern der »Nationalen Befreiungsfront sozialistischer Kanaken« (FLNKS) befreit.

Die Grotte liegt dicht unter der Erdoberfläche. Sie hat einen Durchmesser von etwa 25 Metern und sieht aus wie eine Tropfsteinhöhle im Bergischen Land. An der Decke hängen Stalaktiten, von denen milchiges Schwitzwasser tropft. Der Lichtkegel der Taschenlampe huscht über Konservendosen, Essensreste, T-Shirts und viele leere Patronenhülsen. Der sandfarbene Felsen ist voll dunkler Flecken: Blut.

Das Resultat der »Operation Victor«, wie sie Armee-amtlich heißt: 21 Tote, (19 Rebellen und 2 Befreier), ferner 23 befreite Geiseln und viele Schlagzeilen für den konservativen Präsidentschaftskandidaten Jacques Chirac, der als Premierminister den Sturmangriff befohlen hatte.

In der Hauptstadt Noumea heißt es, die Befreiung hätte sich auch friedlicher bewerkstelligen lassen. Wenn die Entführer wirklich so blutrünstige Bestien waren, wie der frisch beförderte Major Philippe Legorjus behauptet, dann muß man sich darüber wundern, daß die Geiseln alle überlebten. War der spektakuläre »Coup de theatre« vielleicht nur Teil eines bewußt von Paris so inszenierten Blut-und-Tränen-Dramas, das die Tatkraft des Kandidaten Chirac belegen sollte?

Das sei absurd, hat Innenminister Charles Pasqua in Paris darauf geantwortet. Wer ein Omelett backen wolle, müsse auch bereit sein, Eier zu zerschlagen. Aber warum bittet dann Überseeminister Bernard Pons, der den Einsatzbefehl gab, den lieben Gott jeden Abend um Verzeihung, wie er vor Lokaljournalisten zugab?

Die Kidnapper waren militärisch gut ausgebildet. Daraus sei zu schließen, daß ausländische Elemente an der Vorbereitung des Verbrechens mitgewirkt hätten, gibt ein Armeesprecher bekannt. Mindestens zwei Kidnapper seien in Libyen ausgebildet worden, sagte Bernard Pons.

Aber dann stellte sich heraus, daß einige der Geiselnehmer ehemalige Soldaten der französischen Armee waren, die ihre Rekruten schließlich auch gut ausbildet. Zu viele Ungereimtheiten und Widersprüche stecken in den offiziellen Rechtfertigungen. »Le Monde« verbreitete gar die Vermutung, die Soldaten hätten Gefangene vorsätzlich niedergemacht. Verteidigungsminister Andre Giraud strengte dagegen eine Verleumdungsklage an.

Henri Perron, Chefkolumnist der in der Hauptstadt Noumea erscheinenden »Nouvelles caledoniennes«, schrieb zu dem Vorgang einen patriotischen Leitartikel. Darin steht über das Heldentum der Befreier: »Eine verlorene Brigade ... hat den Lauf der Geschichte verändert.«

So hätten es die Caldoches, die weißen Neukaledonier, fast alle stramme Anhänger von Chirac oder gar des nationalistischen Rassisten Le Pen, gern gehabt. Aber es kam anders.

Das Massaker auf dem fernen Archipel am Wendekreis des Steinbocks konnte den Wahltrend im 18 000 Kilometer entfernten Mutterland nicht verändern.

Die weißen Franzosen auf Neukaledonien müssen sich nun auf weitere sieben Jahre mit einem Präsidenten einrichten, der nicht bestreitet, daß er sie sobald wie möglich in die Unabhängigkeit verstoßen möchte. Jacques Lafleur, Chiracs Wahlkampflokomotive in Noumea, sagt über den Ausgang der Wahl: »Es schmerzt mich für Neukaledonien, das Territorium, das so sehr unter dem sozialistischen Partisanenregime hat leiden müssen.«

Das Votum am vorletzten Sonntag dokumentiert deutlich die Stimmung unter den Caldoches: 9,7 Prozent für Mitterrand, 90,29 Prozent für den Entkolonisierungsgegner Chirac. Beim Wahlgang zwei Wochen zuvor hatte Mitterrand sogar unter der 5-Prozent-Marge gelegen.

Die Sozialisten, sagt Lafleur, hätten 32 Terroropfer in zwei Jahren zu verantworten

gehabt. Erst die Konservativen hätten Ruhe und Ordnung wiederhergestellt. Aber vorletzten Donnerstag stellten sie die Rechnung in nur vier Stunden beinahe wieder glatt.

Für den FLNKS-Chef, Ex-Jesuitenpater Jean-Marie Tjibaou, ist das Wahlergebnis auf Neukaledonien eine »Schande der Demokratie« - ebenso wie das Referendum vom 13. September letzten Jahres, in dem nur 1,7 Prozent der Wähler nicht für den Verbleib bei Frankreich stimmten. Allerdings hatte die Unabhängigkeitsbewegung zum Wahlboykott aufgerufen.

Mitterrand brachte damals die Caldoches gegen sich auf, als er im Vorgriff auf das zu erwartende pro-französische Ergebnis erklärte, die Neukaledonien-Frage sei durch die Abstimmung nicht zu lösen. Schließlich legt die französische Verfassung ganz eindeutig fest: Unabhängigkeit für Überseegebiete ja, aber nur, wenn die Bevölkerung es wünscht. Hier aber wünscht sie es mit Mehrheit offenbar nicht.

Mitterrand, so sagt der prominente gaullistische Senator Dick Ukeiwe, ein Melanese, strebe nach historischer Größe in einer Sache, in der Pragmatismus gefragt sei. Der Präsident fühle sich als eine Art de Gaulle der achtziger Jahre. »Aber als de Gaulle Algerien in die Unabhängigkeit entließ, waren eine Million Pieds-noirs für die Algerie francaise und acht Millionen Moslems für die Unabhängigkeit. In Neukaledonien ist das Verhältnis anders.« Dick Ukeiwe fürchtet, daß die nächste sozialistische Regierung die schleichende Auflösung der Bindungen an Frankreich fortsetzen werde.

Weil die FLNKS unter den gegebenen Umständen keine Aussicht auf eine Mehrheit hat, will sie die Bevölkerung in zwei Gruppen sortieren. Die erste Gruppe - Melanesier und alteingesessene Caldoche-Familien - soll wählen dürfen, die zweite Gruppe - Zugereiste der ersten Generation - dagegen nicht.

Die 65 000 Melanesier, die sich selbst »canaques« nennen, sind zwar die größte Volksgruppe unter den rund 150 000 Einwohnern. Aber die 54 000 Europäer und 30 000 Einwanderer aus anderen Ländern bilden eine starke Koalition gegen die Unabhängigkeitsbewegung.

Selbst ein nach Tjibaous Vorstellungen zurechtgetrimmtes Stimmrecht wäre keine Garantie für ein FLNKS-gefälliges Votum. Denn daß die Mehrheit der Kanaken wirklich die Unabhängigkeit wünscht, ist keineswegs so sicher, wie Tjibaou behauptet.

Die Separatisten haben sich redlich bemüht, ihrem Boykottaufruf am 8. Mai mit Gewalt Nachdruck zu verleihen. Sie verprügelten Wahlwillige und blockierten die Zufahrt zu 34 der insgesamt 139 Wahllokale mit umgestürzten Bäumen, Autowracks und Nagelbrettern. In Canala spannten Boykotteure ein Spruchband über die Straße, auf dem Frankreich indirekt mit Israels Besatzungspolitik identifiziert wurde: »Solidarität mit unseren kämpfenden palästinensischen Brüdern«.

Trotz der massiven Störungen meldeten auch entlegene Wahlkreise mit fast ausschließlich melanesischer Bevölkerung eine Wahlbeteiligung um immerhin 30 Prozent. Selbst in Ouvea, wo am Nachmittag des Wahltags die Leichen der 19 erschossenen Geiselnehmer bestattet wurden, gingen 630 von 2213 Bürgern zur Wahl. Bis auf eine Ausnahme gab es überall ähnliche Ergebnisse: Chirac weit vorn.

Auch der Grand Chef Zeoula, Häuptling von 3000 Einwohnern der Insel Lifou, macht kein Geheimnis aus seiner Sympathie für den Erhalt des Status quo. Er liebt weniger die Europäer als die Segnungen ihrer Zivilisation. Schon sein Vater, so sagt er, sei für ein französisches Neukaledonien gewesen. Kluge Kanaken blieben lieber Franzosen.

Den weißen und auch vielen schwarzen Neukaledoniern geht es gut unter französischem Patronat. In Noumea gibt es alles zu kaufen, was französische Lebensart so angenehm macht - wenn auch zu doppelt so hohen Preisen. Der Kellner im »La Coupole« zieht arrogant die Augenbrauen hoch, als der Gast aus Deutschland nach Durchsicht der Menükarte fragt, ob es denn nicht auch was Einheimisches gebe. »Ja, bitteschön, Monsieur, der Fisch ist autochthon.« Alles übrige kommt aus Frankreich.

In Neukaledonien wird weit mehr Sozialprodukt verbraucht als erwirtschaftet. Trotz reicher Erzlagerstätten ist der Außenhandel stark defizitär. Ohne Alimente aus Paris wäre hier bald Dritte Welt.

Am Vorabend der Wahl rief Senator Dick Ukeiwe seinen Präsidenten in Paris in einem offenen Brief dazu auf, alle Illusionen über die Dialogfähigkeit der FLNKS fallen zu lassen, die für die terroristischen Verbrechen der letzten Monate verantwortlich sei. »Pflegen Sie statt dessen den Dialog mit den vielen, vielen Melanesiern, die stolz darauf sind, Franzosen zu sein.« Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn das »Volk mit den zwei Farben«, wie Ukeiwe es nennt, zunächst einmal den internen Dialog aufnehmen würde.

»Wissen Sie«, sagt der rotnackige Import-Export-Kaufmann am Tresen der »Bonaparte Bar«, »wir werden sehr unfreundlich, wenn man uns unser Recht streitig macht, unser Leben so zu gestalten, wie es für uns angenehm ist.«

Sein Vater marschierte 1944 mit de Gaulle in Paris ein. Die Familie ist 1962 von Constantine in Algerien hierhergezogen, weil sie nicht von Arabern regiert werden wollte. »Hier werden wir bleiben, und zwar als Franzosen, die von Franzosen regiert werden. Wir werden sehen, wer sich hier als Ausländer fühlt, wenn es hart hergeht.« Er spielt auf eine Äußerung Yeiwene Yeiwenes, des Vizepräsidenten der Kanakenfront, an. Die Caldoches, hatte Yeiwene zwei Tage nach der Entführung auf Ouvea erklärt, müßten so weit gebracht werden, »daß sie sich hier als Ausländer fühlen«.

Für den Fall, daß es wirklich hart hergeht, hält sich das sogenannte Patriotische Aktionskomitee bereit. Chef ist der Halbmelanesier Justin Guillemard, ein ehemaliger Scharfschütze der Armee, der jetzt Schäferhunde züchtet. Sein Slogan hängt gerahmt über seinem Schreibtisch: »La violence ou la valise« - Kämpfen oder Koffer packen.

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