Zur Ausgabe
Artikel 15 / 48
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MEDIZIN / UNIVERSITÄTS-KLINIKEN Kalk in Kulturen

aus DER SPIEGEL 35/1967

Generationen von Ärzten galt sie als Mekka der medizinischen Wissenschaft: die medizinische Fakultät der Universität Heidelberg. 25 000 Ärzte wurden in der ehrwürdigen Stätte (gegründet 1386) herangebildet, darunter zwei Nobelpreisträger,

Nun kämpft der Dekan der Heidelberger medizinischen Fakultät, Professor Gotthard Schettler, darum, »daß die Universitäts-Kliniken ... mindestens auf den Stand eines mittleren Kreiskrankenhauses kommen«.

Fast fünf Jahrhunderte hindurch genoß auch die Universität von Tübingen weltweiten Ruhm, als Glanzstück schwäbischer Bildungsbeflissenheit. Nun urteilten Sachverständige der baden-württembergischen Ärztekammer über Tübinger Universitäts-Kliniken: »Räumliche und bauliche Beschaffenheit liegen weit unter dem Niveau kommunaler Krankenhäuser.«

In einer Enquete, die zwischen Mai und August im »Ärzteblatt Baden-Württemberg« veröffentlicht wurde, haben Gutachter der Ärztekammer den katastrophalen Zustand von Operationssälen, Krankenzimmern, Labor- und Diagnosegerät in Heidelberg, Tübingen und schließlich auch Freiburg aufgedeckt. Resümee: »Notstand von skandalösem Ausmaß.«

> In den Labors des Hygiene-Instituts der Universität Heidelberg bröckelt Kalk von den Wänden und fällt in die Bakterienkulturen. Zehn Assistenten wirken In einem Zimmer von 20 Quadratmeter Grundfläche.

> In Tübingen liegen Patienten der Neurologischen Klinik in einer ehemaligen Baracke des Reichsarbeits-

* Medizinische Klinik (Krehl-Klinik).

dienstes, »die wegen ihrer Primitivität, mangelnder Schall- und Wärmeisolierungen und ihrer Baufälligkeit« zur Unterbringung von Menschen nicht mehr geeignet sei. (so der Leiter der Ärztekammer-Untersuchung, Dr. Berensmann).

> In Freiburg ist die Bettenabteilung der medizinischen Poliklinik »in einer baufälligen Villa und einem Mehrfamilienhaus« untergebracht, die zum Teil »den primitivsten Bedürfnissen eines Krankenhauses nicht entsprechen« (Ärztekammer-Enquete). Die Bettenabteilung ist vier Kilometer vom Diagnose- und Behandlungszentrum entfernt. Es gibt keinen Personenaufzug. Schwerkranke müssen auf Tragbahren über Treppen und Flure und -- weil die Flure zu eng zum Wenden sind -- auf den Armen der Pfleger oder Ärzte in die Krankenzimmer transportiert werden.

Dies sind nur einige Beispiele aus der umfänglichen Anklage-Schrift, mit der die baden-württembergische Ärztekammer Öffentlichkeit und Landesregierung auf die Mißstände südwestdeutscher Universitäts-Kliniken hinzuweisen suchte. Auf einer Pressekonferenz in Stuttgart schlossen sich die betroffenen Instituts-Leiter, Dekane und Prodekane dem Alarmruf an -- doch die gleichfalls geladenen Regierungsvertreter waren nicht erschienen.

Die Gelehrten ließen keinen Zweifel an der Zielrichtung ihres Protests. Zweimal hat sich der jetzige Bundeskanzler und einstige baden-württembergische Landesvater Kurt Georg Kiesinger in der Rolle des Universitäts-Gründers gefallen, in Konstanz und in Ulm. Doch über diesen ehrgeizigen Projekten, so die Kritik der Professoren, seien die dringlichsten Bedürfnisse der überkommenen Medizin-Fakultäten vernachlässigt worden.

An das Bühnenbild des Marat-Sade-Stücks von Peter Weiss, das kurz nach der französischen Revolution im Hospiz zu Charenton spielt, fand sich ein Mitarbeiter des »Berliner Ärzteblatts« erinnert, als er ein Photo beschrieb, das in der Ärztekammer-Expertise abgedruckt war: Es zeigt ein Badezimmer für Patienten in der Medizinischen Klinik (Krehl-Klinik) der Universität Heidelberg -- die Badezuber und der vergammelte Fußbodenbelag muten mittelalterlich an.

In der Heidelberger Universitäts-Klinik.

Dieselbe Einrichtung wie vor 40 Jahren hat der Operationssaal der Heidelberger Universitäts-Augenklinik. Einige Patienten der Augenklinik liegen in einem Saal, der als Durchgang zu Aufzügen und anderen Stationen dienen muß. In der Kinderstation, die schon bis zum Herbst ausgebucht ist, sind Waschraum, Toilette, Badewanne, Truhe für die Schmutzwäsche und Abstellplatz für Stationsgerät in einem lichtlosen Raum vereint.

Da der Flur der Kinderstation in der Heidelberger Augenklinik zugleich Durchgang für die gesamte Klinik zum Hörsaal, Durchgang zum Bestrahlungsraum und den Klinik-Laboratorien ist, werden häufig Infektionskrankheiten eingeschleppt.

Ohne Waschbecken ist das Behandlungszimmer für geschlechtskranke Frauen in der Universitäts-Hautklinik. Folge: Die Patientinnen waschen sich im gleichen zentralen Waschraum wie die Kranken mit Hautleiden. In den Männerabteilungen müssen geschlechtskranke und andere Patienten dieselbe Toilette benutzen.

In der Medizinischen Klinik in Heidelberg warten Kranke in Kellergängen auf Röntgen-Diagnostik. In der Medizinischen Poliklinik müssen sie sogar stehend warten. Wegen Raummangels finden die Untersuchungen teilweise in Umkleidekabinen statt, im einzigen Untersuchungszimmer müssen ständig Transfusionen und Infusionen vorgenommen werden.

»Wir haben Laborgeräte«, gestand der Heidelberger Medizin-Dekan Schettler, »die in das Deutsche Museum in München gehören.« Und Dr. Berensmann ergänzte mit Blick auf das Hygiene-Institut: »Wahrscheinlich würde ein privates Laboratorium mit solchen Verhältnissen von den zuständigen Behörden geschlossen werden.«

In Heidelberg zeitigte der Notruf der Professoren prompte, wenn auch unzureichende Reaktion der Landesregierung. Nach Bekanntwerden des Berensmann-Berichts gab der Stuttgarter Landtag unverzüglich vier Millionen Mark für Instandsetzungen an Hals-Nasen-Ohren- und Hautklinik frei; inzwischen wird etwas gebaut.

Kaum minder skandalöse Mängel deckte die Enquete in Tübingen auf.

In den Fächern Anatomie und Physiologie, so erfuhr Klinik-Irispizient Berensmann, müssen sich jeweils 90 Studenten mit nur einer einzigen habilitierten Lehrkraft begnügen. Im Tropenmedizinischen Institut ist -- wie im Neurologischen -- kein Platz für Doktoranden und für wissenschaftliche Arbeit. Raumnot und Platzangst entsprechen, wie Tübingens Medizin-Dekan Wilhelm Schneider formulierte, der Situation »in einem U-Boot«.

Die Ärzte der Tübinger Hals-Nasen-Ohrenklinik müssen bei exakten Hörprüfungen, wie sie zur Vorbereitung bei modernen gehörverbessernden Operationen notwendig sind, eine »große Fehlerbreite« (Berensmann) in Kauf nehmen -- Tübingens Generalverkehrsplan machte die Straße vor der nicht schallisolierten Klinik zu einer Rollbahn' deren Lärmpegel auch nachts kaum abebbt.

Dem Gerichtsmedizinischen Institut in Tübingen fehlt das wichtigste Requisit: ein Sektionssaal. Im Pathologischen Institut stehen nach jedem Unwetter Wasserlachen in den Zimmern.

Verbittert stellte Baden-Württembergs »Ärzteblatt« nach alledem die Frage, »ob man von seiten des Staates überhaupt ein Interesse daran hat, daß in alten Universitäten die Forschung mit modernen Mitteln und Methoden betrieben wird«.

Die Ausbildung wurde mancherorts bereits eingestellt. In Heidelberg beispielsweise hat sich seit Kriegsende niemand mehr für Hygiene und Bakteriologie habilitiert.

Wie ·weit die einstigen Hochburgen der Medizin schon unter den Standard abgesunken sind, der in der drittgrößten Industrienation der Welt zu erwarten wäre, belegt das Eingeständnis der Professoren: Allein an mindestens sieben Heidelberger Universitäts-Kliniken kann »die ordnungsgemäße Aufrechterhaltung der Krankenversorgung und auch des akademischen Unterrichts ... nicht mehr sichergestellt werden«.

Zur Ausgabe
Artikel 15 / 48
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.