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GAMMLER Kalte Treppe

aus DER SPIEGEL 13/1966

Unter den wärmenden Strahlen der Märzsonne sprossen Pilzköpfe am Kurfürstendamm. Und wieder, wie schon im letzten Herbst, zierten Mähnen-Rabatten die Treppenstufen um die Gedächtniskirche: Berlins Gammler erwachten aus dem Winterschlaf.

Umgeben von ungestutzt wallendem Haupthaar, bedeckt mit Zottelkleidung, saßen sie beieinander und taten nichts. Gerade das demonstrative Nichtstun aber provozierte die Bürger von Berlin. Und eingedenk der Volksweisheit, daß Müßiggang aller Laster Anfang sei, entdeckten die Lokalblätter unter den Treppenhockern alsbald »Gotteslästerer« ("Jesus Christus war der erste Gammler"), »Geschlechtskranke« und »Ostermarschierer«.

Mißmutige Passanten rotteten sich vor der Kirche zusammen, beschimpften die Mähnlinge und riefen nach der Polizei. Lars Brandt, 14, des Bürgermeisters Zweitgeborener, mußte den Schutz wuchtiger Wachtmeister in Anspruch nehmen, weil er die aufgebrachte Menge um Toleranz für die Träger frühchristlichen Haarschmucks gebeten hatte.

Doch erst als zwei der Gammler wirklich etwas taten und im Kirchenvorraum ihre Notdurft verrichteten, schritt der kirchliche Hausherr ein. Gedächtnis-Gemeindepfarrer Pohl ließ an der von Professor Eiermann entworfenen Kassettenfassade des Gotteshauses eine Tafel anbringen: »Zum Betreten des Podestes sind nur die Besucher der Kirche berechtigt.«

Die Mähnen-Menschen aber rührten sich nicht vom Fleck, und schließlich blieb Pastor Pohl nichts weiter übrig, als die weltliche Obrigkeit zu Hilfe zu rufen - Polizisten geißelten die Gammler von den Stufen des Eiermann-Tempels.

Die Polizeiaktion brachte unversehens Gemeinsamkeit in die geteilte Stadt: Im letzten Herbst hatte Ost-Berlins Vopo am Alexanderplatz DDR-Beatniks mit Gummiknüppeln zur Räson gebracht. Damals schrieb das »Neue Deutschland« über die Gammler im Osten: »Sie waschen sich nicht und stinken.«

Wie seinerzeit in Ost-Berlin soll nun auch im Westen der Stadt endgültig Ordnung gemacht werden: Vorletzte Woche beschlossen Polizei, Jugendamt und Kirche in West-Berlin, die Gammler ein für allemal zu vertreiben. Die Kripo bildete eine sonst nur bei Mordserien übliche Sonderkommission; das Jugendamt eröffnete eine Gammler kartei; die Kirche gab ihr Einverständnis: Auf Kirchenstufen arretierte minderjährige Gammler sollen den Eltern, volljährige Gammler dem Strafrichter ausgehändigt werden.

Doch als die Strafexpedition beginnen sollte, waren die Pilzköpfe spurlos verschwunden. Denn Schnee fiel letzte Woche in Berlin, und die Temperaturen sanken. Die Gammler wichen nicht der Gewalt. Sie wichen der Kälte.

West-Berliner Gammler*: Von den Stufen des Tempels...

Gammler-Protektor Lars Brandt (l.), Vater

. . . Mähnen-Menschen vertrieben

* Vor der Gedächtniskirche.

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