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Kalter Schock fürs reiche Land

Schneestürme, die den Norden des Landes blockierten, haben einen Zivilisationsschock gestiftet: Die Bevölkerung, reich versorgt, mußte trotzdem hungern und frieren -- vor allem wegen Stromausfall. Die Wucht des Unwetters zeigte auch Versäumnisse amtlicher Katastrophenschützer, doch die Bundeswehr wendete das Ärgste ab.
aus DER SPIEGEL 2/1979

Auf dem Satellitenbild, das die TVTagesschau am Abend des 28. Dezember zeigte, war »der größte Teil Deutschlands mit Wolken bedeckt«. Die Wettervorhersage für Freitag avisierte für den Norden Deutschlands »zum Teil länger anhaltende Niederschläge, östlich der Elbe Schnee, sonst Regen«, bei Tiefsttemperaturen von zwei bis minus drei Grad. Im übrigen: »Mäßiger bis frischer und böiger Wind, im Norden aus östlichen, im Süden aus südwestlichen Richtungen.«

Ungewöhnlich war das Wetter nicht, das sich für die Jahreswende anzukündigen schien. Hochgehende See, böiger Wind eher normal für die Jahreszeit und für die Wasserkante. Das Telegramm vom Deutschen Hydrographischen Institut, das an diesem Abend gegen 22.30 Uhr beim leitenden Polizei-Oberbeamten im Kieler Innenministerium einging, enthielt die nachgerade fällige Sturmflutwarnung: Ostsee 1,50 Meter über Normal Null -- eine Hochwasser-Vorwarnung, wie sie in Kiel zehn- bis zwanzigmal im Jahr eingeht. Zwar hatte ein kräftiger Ost schon seit Mittag Regen. Eisregen und schließlich dichte Schneewolken über den nördlichsten Teil der Bundesrepublik gejagt. Doch wer abends oder in der Nacht NDR II mit dem Verkehrsfunk eingeschaltet hatte, erfuhr nur von örtlichen Verkehrsbehinderungen -- da war, Durchsage um 20.45 Uhr, in Lübeck die Straße an der Obertrave wegen Überflutung gesperrt; da war, Durchsage 23.30 Uhr, die Autobahn bei Schleswig blockiert, weil einige Laster im Schnee querstanden.

Daß mehr heraufzog als saisonbedingte Schneegestöber, »daß was auf uns zukommen kann«, dämmerte zuerst den Meteorologen von der Bundeswehr. Am Morgen darauf, um 8.00 Uhr, gab das Territorialkommando Schleswig-Holstein intern Schneewarnung. Über Fernschreiber wies Konteradmiral Wolfgang Benzino auf die Wetterrisiken hin: »Die Standortältesten veranlassen unverzüglich vorbereitende Maßnahmen zum Katastrophenschutz.«

Als eine Stunde später in »zunächst kleiner Besetzung« auch der »Führungsstab Katastrophenschutz« im schleswig-holsteinischen Amt für Zivilverteidigung und Katastrophenabwehr, der Einsatzstab auf Landesebene, zusammentrat, galt die Sorge noch vorwiegend der Sturmflut. Doch zu riesigen Wogen türmte sich diesmal der Schnee -- um 11.25 Uhr gab der Kreis Schleswig-Flensburg Katastrophenalarm; kurz darauf verfügte die Bundeswehr »Sturmvogel 2« -- Schneekatastrophenalarm zunächst für den Norden, später für ganz Schleswig-Holstein.

Binnen Stunden war das nördlichste Bundesland hinter einem weißen Vorhang verschwunden. Vier Tage lang peitschten Sturmböen den frischen Pulverschnee übers flache Land. Bis zu sieben Meter wuchsen die Wächten im No, begruben Autos, stoppten die Eisenbahn, zernierten einzelne Gehöfte wie ganze Gemeinden -- 150 Orte abgeschnitten, 80 Kommunen ohne Strom.

Das Fernsehen zeigte weißen Notstand: auf Strand geschlagene Ausflugsdampfer, Wagenkolonnen unterm Schnee, Gehöfte in lebensbedrohender Bedrängnis, Bergungspanzer als Krankentransporter -- Blizzard-Szenen, die auf das Schlimmste schließen ließen und allen vor Augen führten, wie 60 Zentimeter Schnee, mehr waren es statistisch nicht in den vier stürmischen Tagen, eine ganze Region paralysierten.

Augenfällig das Dilemma der technisierten Gesellschaft: Da saßen Holsteiner neben prall gefüllten Tiefkühltruhen und aufgetankten Öl-Reserven und glaubten vorgesorgt zu haben. Doch sie hungerten und froren.

Wo Kühe elektrisch gemolken, Ferkel infrarot gewärmt werden, war schon existenzbedrohend, daß mal der Strom ausblieb -- kaum einer der Bauern hat sich ein Notstromaggregat zugelegt. In einem der bestversorgten Länder der Welt hockten sie bei Kerzenschein in kalten Stuben, wenn sie nicht Zuflucht in der Kuhwärme ihrer Ställe suchten.

Hubschrauber, im Arsenal des Nato-Staats reichlich vorhanden und vieler-Orts als Garantie für ernste Fälle verstanden, konnten oft wegen Schneesturm gar nicht aufsteigen. Grotesk nahm sich aus, daß im Land mit den meisten Autos Europas Panzer unbeholfen versuchen mußten, was Schneefräsen im glatten Gang erledigten; doch an denen fehlte es.

Erst als kein Schnee mehr fiel, wurden großvolumige Schneeschleudern aus Bayern angefordert, am Dienstag letzter Woche (und tags darauf geliefert). Landverbindung zu Ortschaften wurde erst hergestellt, als auch längst Hubschrauber schwärmten: Auf Hochtouren lief die Rettung eigentlich erst, als die Gefahr eingegrenzt schien.

So förderten schmerzlich überraschende Einsichten wieder einmal Zweifel an der »scheinbaren Sicherheit der Knopfdruck-Zivilisation«, wie es der nordfriesische Landrat- ausdrückte. Allenthalben die bange Frage, wo nun falsch organisiert, was wohl falsch programmiert sei. Leicht auszurechnen die Situation der Eingeschlossenen, wenn sich die Schlechtwettersituation wirklich zu der Katastrophe ausgeweitet hätte, von der wie selbstverständlich, so im Fernsehen, so in »Bild«, die Rede war.

Der Tod im Sturm, der im Schneetreiben verirrte Vater, der seinen Sohn im notdürftig gebauten Iglu läßt, um Hilfe zu holen und dann ein erfrorenes Kind wiederfindet -- das Tragische blieb Einzelfall. Daß Autofahrer in ihren eingewehten Wagen nächtigten und dann mit Unterkühlung ins Krankenhaus eingeliefert werden mußten, war eher ein Anzeichen dafür, wie glimpflich alles noch einmal abging.

Denn was da zum Jahreswechsel über die Norddeutschen kam, erreichte bei weitem nicht die Dimension der weißen Killerstürme, die alljährlich über den Ost- und Mittelweststaaten der USA toben und dabei Flächen vom Mehrdutzendfachen der holsteinischen Katastrophenecke eindecken; erst letzten Januar hatte ein Blizzard in den USA 90 Menschenleben gefordert.

Und anders als in Nordamerika, wo Notstandsgebiete, die nach Hunderttausenden Quadratkilometern messen, mitunter wochenlang außer Kontrolle

* Unten links: Im Ostseebad Damp 2000 gekenterter Ausflugsdampfer »Aphrodite«.

sind und die Vermißten erst einmal nach Tausenden zählen, schien im deutschen Norden am vierten Tag nach dem großen Schnee schon wieder die Sonne, regierten die Helfer die Lage.

Und der Schnee wäre gar nicht so viel Aufhebens wert, wenn es in den Häusern warm geblieben wäre. Der »Schneenotstand« auf Grund einer Wetterlage, »die man noch vor zehn, zwanzig Jahren als strengen Winter« und eben nicht als »Katastrophe« beschrieben hätte, wie die »Zeit« anmerkte, bezeichnete nur die tiefergehende Krise: den Stromausfall.

In einem saturierten Land, das sich seiner Verbindungen und Versorgungen sonst so sicher weiß, wuchsen diese Heimsuchungen, obwohl nur kurz befristet, schnell zum kalten Zivilisationsschock -- wie bei jeder Energiekrise. Komisch gewiß, daß alte Heizflaschen vom Plunderhaufen wieder gesucht waren, daß im Rundfunk der Bundesverband Selbstschutz den Nährwert von Haferflocken mit Zucker beschwor und im Bau von Behelfskochstellen aus Feldsteinen unterwies. Doch in eiskalten Krankenzimmern und klamm werdenden Säuglingsbetten wäre es, hätte der Strom-Stopp angedauert, wirklich ums Überleben gegangen.

Ein derart flächendeckender Ausfall der Energieversorgung über Tage war das Novum für die Bundesrepublik. Winterpannen mit Stromausfall gab es zwar hier und da schon mal, etwa bei einem Eissturm an der Küste vor elf oder bei Naßschnee in Bayern vor zwei Jahren. Aber selbst ausgedehnte E-Stopps waren binnen Stunden behoben, anders als in Schleswig-Holstein, wo der regionale Stromversorger, die »Schleswag«, an die 500 Leitungsunterbrechungen registrierte.

Stromüberschläge, Seilverschlingungen und geknickte Masten richteten ein Tohuwabohu sondergleichen an. Ein Überblick über die einzelnen Schäden lag denn auch nicht vor, als am Dienstag letzter Woche endlich alle Orte wieder Strom hatten. »Unsere Leute«, sagt Schleswag-Ingenieur Peter Goosmann, »haben erst mal repariert auf Teufel komm raus. Angucken müssen wir uns das alles später.«

Was es da zu sehen gibt, soviel ist schon gewiß, unterscheidet sich grundlegend von den vielbeschriebenen Stromzusammenbrüchen in den USA (zehn Stunden Finsternis für 30 Millionen Menschen) und Frankreich, das vor drei Wochen anderthalb Tage in Stromlosigkeit versank. Denn nicht Fehler innerhalb des Systems wie dort, mangelhafte Sicherungen oder ungenügende Spitzenlastreserven, legten zwischen Nord- und Ostsee so viele Ortsnetze lahm, sondern die äußere Einwirkung von Temperatursturz und Orkan.

Merkwürdig mutet auf den ersten Blick an, daß fast nur 20 000-Volt-Leitungen betroffen waren -- ausgerechnet das »Rückgrat der Flächenversorgung«, wie Fachleute das nennen, Kaum mal hat es ein Ortsnetz zerrissen, und die durch Schleswig-Holstein führende Überlandleitung von Sizilien zum Nordkap (220 000 Volt) büßte nur einen Blitzableiter, ein sogenanntes Erdseil, ein.

Doch die Gründe für die spezifischen Teilnetzausfälle liegen für E-Werker auf der Hand. Die 220 000-Volt-Seile im Überlandverbund sind mit 2,9 Zentimeter gut doppelt bis dreimal so dick wie die Schleswag-Strippen in der Region, mithin um ein Vielfaches stärker belastbar.

Das wirkt sich aus, wenn Schneesturm gegen die Leitungen fegt. Armstark setzt sich dann mitunter Schnee rund ums Seil und saugt nachsickerndes Wasser auf wie ein Schwamm. Schon das schiere Gewicht solcher Eiswülste kann das überdehnte Metall zerreißen, das auf eine Maximalbelastung etwa des zehnfachen Eigengewichts angelegt ist -- ganz abgesehen vom vehementen Druck quer zum Draht fegender Böen. Fällt zwischen den Masten, auf 90 bis 110 Meter Spannstrecke, ein zentnerschwerer Eiswulst ab, läuft ein Ruck wie ein Peitschenknall durchs Seil -- manchmal, bis es zerknallt.

Schlimmer noch, wenn das Eis sich nicht rundum, sondern einseitig anlagert. Im aufprallenden Eisregen formen sich in Windrichtung, Tropfen für Tropfen, Eisbretter aus, die wie Tragflächen Aufwind bekommen und die Leitung, manchmal alle drei parallel gespannten Drehstromseile gleichzeitig, tanzen lassen; dann drohen nicht nur Brüche, sondern Seilverschlingungen samt Kurzschluß.

Ist ein Seil erst mal gerissen, knicken oft links und rechts auch noch die Masten weg, die, nach dem Waageprinzip mit beidseitigem Zug belastet, plötzlich nur noch einseitige Seillast tragen. Bei Schwensby in Angeln kippten so sechs benachbarte Masten auf einmal um -- »wie die Zinnsoldaten«, sagt Schleswag-Sprecher Helmut Peterlein.

Der Wettersturz warf denn auch unversehens die Frage auf, ob die Stromversorger angesichts der extremen Wetterbedingungen im Norden ihre Leitungen nicht zu schwach ausgelegt haben. Denn Alternativen sind denkbar und technisch möglich: etwa unterirdische, also wettersichere Kabelnetze oder vergrößerte Seilquerschnitte der Freileitungen.

Beides käme allerdings teuer, und die Kosten lieferten denn auch das entscheidende Argument für den Bau der Regionalnetze, wie sie sind. An die drei Milliarden Mark würde die Ciesamtverkabelung des Schleswag-Netzes kosten. und in Milliardenhöhe läge auch die Auslegung der Freileitungen über den Zerreißfaktor zehn hinaus; denn gleichzeitig müßte für alle 270 000 Schleswag-Masten zug- und tragfesterer Ersatz her.

Hinzu kommt, daß unterirdische Kabel nach Darstellung der Schleswag statistisch »kaum weniger störanfällig« sind als Freileitungen. Buddelnde Bauern, Bau- und Baggerarbeiten oder Kurzschlüsse im Kabel, so das E-Unternehmen. verursachten Schäden, die dann normalerweise eine erheblich längere Fehlersuche erfordern als Freiluftseile.

Letzten Herbst setzte beispielsweise ein unvorsichtiger Vermessungstechniker mit seinem Gerät das Stromkabel über den Hindenburgdamm nach Sylt für eine ganze Woche außer Betrieb; die Reparatur kam zehnmal teurer, als sie bei einem vergleichbaren Seilschaden gewesen wäre. Diplom-Ingenieur Gerhard Pahlke vom -- kaum geschädigten -- Überlandversorger »Nordwestdeutsche Kraftwerke« weiß sogar zu berichten, daß »Kabelleitungen statistisch gesehen noch störanfälliger sind als Freileitungen«.

Immerhin: 44 Prozent der Schleswag-Leitungen, 17 500 von 40 000 Streckenkilometern, verlaufen, zumeist in Städten, bereits unterirdisch. Und an der häufig sturmgefährdeten Nordseeküste hat die Schleswag, Kosten hin, Störungen her, die Mastenfundamente stärker armiert, zugleich auch die Freileitungen durch geschickte Staffelung zumeist in West-Ost-Richtung, mit dem Wind statt quer zu ihm, gezogen.

Daß jegliche Leitung unter wie über der Erde anfällig, daß gegen Naturgewalten bisweilen halt »kein Schutz« möglich sei, gehört gewissermaßen zur Geschäftsordnung der Schleswag. Denn gar nicht selten reißen Leitungen auf dem platten, zugigen Land zwischen den Meeren. Als 1967 ein Orkan tobte, fielen sogar 500 Masten auf einen Schlag um, zumeist mitgerissen von stürzenden Bäumen -- »kein anderes Bundesland«, trutzte die Schleswag in einer Orkanbilanz damals, »ist der Gewalt der Stürme ... so ausgeliefert wie Schleswig-Holstein«.

Aber damals dauerte es nur ein paar Stunden, bis das Lieht wieder anging. Diesmal blieben die Montagetrupps im Schnee stecken. Sie brauchten Panzerschutz und Hubschrauberhilfe, um an die Bruchstellen zu gelangen -- sofern diese im dichten Schneetreiben überhaupt erreichbar waren.

Daß auch Räumer und Retter so recht erst nach Tagen in Schwung waren, lag nicht nur an der höheren Gewalt. Die Wucht des Unwetters deckte dünne Stellen in der Notstandsplanung auf. Bei anhaltender Krise wären die Macher höchstwahrscheinlich eingebrochen:

* Auch die in Schleswig-Holstein, nach schlechten Erfahrungen mit zentraler Krisenlenkung, nun dezentral geführte Katastrophenabwehr bringt offenbar keine zufriedenstellende Früherkennung und Bekämpfung des Schadens.

* Die rechtzeitige Einschaltung der Bundeswehrhilfe und deren Koordinierung mit zivilen Aktionen ist noch nicht optimal geregelt.

* Der von öffentlichen Stellen bereitgehaltene Gerätepark ist zu klein und im Krisenfall ungeeignet.

Nach dem Landes-Katastrophenschutzgesetz liegt die Abwehrlenkung bei Kreisen und Städten; regionale Schutzgremien bestimmen vor Ort in nahezu allen Einsatzfragen. Ein Führungsstab Katastrophenschutz« ("FüStab KatS") der Landesregierung behält lediglich die Gesamtlage im Auge und besorgt notfalls den überregionalen Ausgleich von Kräften und Material. Wann aber Katastrophe herrscht, hat FüStab KatS nicht zu bestimmen. Katastrophenalarm wird regional ausgerufen, von Landräten und Oberbürgermeistern.

Deren Alarmruf wiederum ist die formale Voraussetzung für den Einsatz der Bundeswehr. So kam es, daß die Militärs zwar längst -- seit Freitagmorgen acht Uhr -- auf eigene Initiative in Bereitschaft gegangen waren, aber über wichtige Stunden hinweg noch nicht recht tätig werden konnten. Um 12.15 Uhr -- 50 Minuten, nachdem der Kreis Schleswig-Flensburg Katastrophenalarm ausgelöst hatte -- erhielten Bergepanzer aus der Flensburger Briesen-Kaserne den ersten Marschbefehl streng nach Katastrophenvorschrift. Um 20.15 Uhr gab es wieder einen. Bei der Panzerbrigade 18 in Neumünster wurden ebenfalls für den längst im Schnee versackten Kreis Schleswig-Flensburg drei Bergepanzer angefordert. Die Tanks konnten dort erst am nächsten Morgen eintreffen.

Guter Draht zwischen Kreisoberen und Bundeswehr-Kommandeuren ermöglichte allerdings hier und da Schnelleinsätze des Militärs etwas außerhalb der vorgeschriebenen Schiene -- »als Nachbarschaftshilfe, so könnte man es sehen« (Nordfrieslands Landrat Klaus Petersen). So bekam Petersen, wie sein Amtskollege im Kreis Schleswig-Flensburg. Militärhilfe schon Stunden vor dem Katastrophenalarm in seinem Kreis. »Als der Schneesturm Formen annahm«, rückten Einheiten aus Husum, Leck und Flensburg den Stromausfällen und den Verwehungen zuleibe.

Auf dem Höhepunkt der großen Schneewallschlacht war die Bundeswehr schließlich mit klotziger Ist-Stärke zur Stelle. 76 Bergepanzer, 145 weitere Kettenfahrzeuge ratterten durch die Kälte. 40 Hubschrauber, darunter Großtransporter vom Typ Sikorsky CH 53, stiegen auf. Insgesamt 3000 Soldaten waren eingesetzt.

Mit ihrer Schneeaktion, von der Frühwarnung bis zur Dauerleistung vor Ort, machten die Militärs gute Figur beim Bürger und schienen vielen tagelang, wie meist bei Sturm und Not, »der Nation liebstes Kind« (so die »Zeit").

Ins Leere drehte sich der Apparat vor allem, wenn es an Einsatzhilfen der zivilen Stellen fehlte. So mußten die Bewohner abgeschnittener Dörfer erst über Radio aufgefordert werden, ihre Ortsschilder vom Schnee zu säubern; mangels ortskundiger Einweisung fanden die Hubschrauberpiloten nicht zum Ziel.

Am Neujahrstag knackten neun Panzer den Schneering um ein Dorf, aber das dort Nötigste, ausreichend Lebensmittel, war nicht an Bord. Anderswo hüpfte ein mit Brot vollgepackter Helikopter von Hof zu Hof, um die Ware an den Mann zu bringen; mit »Wullt wi nich« und »Hebbt wi schon« schickten die Landwirte die Helfer aber stets weiter, bis die am Ende ihre Schnitten wieder am Startort ablieferten.

Und daß die Bergepanzer im Schneeräumeinsatz nicht sonderlich effektiv waren, liegt an der Konstruktion. Sie tragen ihren Räumschild quer zur Fahrzeuglenkachse, schieben den Schnee also überwiegend voraus und verfestigen ihn damit nur noch.

Die hauptamtlichen Schneeräumer von den Straßenbau- und Verkehrsbehörden machten allerdings ihre Sache zunächst auch nicht wesentlich besser. Zu spät, zu wenig, mit falschem Gerät -- so die holsteinische Räumaktion aus süddeutscher Sicht.

Nach Ansicht eines ADAC-Sprechers haben »da oben die Vorbereitungen zu lange gedauert«. Und der Ministerialrat Hans-Joachim Frieling aus dem bayrischen Innenministerium merkt zum nördlichen Schneefall an: »Bayern war noch nie gezwungen, andere als die eigenen, dafür zuständigen Kräfte einzusetzen.«

Bayern hält auch mächtig mit Gerätschaft vor. Von den großformatigen Schneeschleudern, die mit Spitzentempo 60 in der Stunde bis 4000 Kubikmeter Schnee von der Straße bringen, hat Bayern allein 29 -- Schleswig-Holstein keine einzige. Die Kieler Erklärung klingt eher matt: Der norddeutsche Schnee verfestige sich wegen hoher Luftfeuchtigkeit zu schnell fürs Schleudern. Und doch orderten die Kieler letzte Woche noch zwei der Superräumer aus Bayern.

Anders als Schneeschleudern, die sich mit vertikalen Turbinenschaufeln in die Schneewand wühlen, fräst die Schneefräse -- weniger effizient, doch dem Pflug noch hoch überlegen -- den Schnee nach dem Fleischwolf-Prinzip über eine Förderschnecke weg. Ganz Schleswig-Holstein unterhält nur zehn solcher Fräsen, gerade vier Stück mehr als allein München für den städtischen Bedarf. Mini-Schneeschleudern, die den 78 »Motorgeräteträgern«, Unimogs, der Landesstraßenbauverwaltung vorgeschaltet werden können, blieben wegen Unverwendbarkeit größtenteils gleich auf dem Hof.

Die Kieler mögen sich, wie ein Ministerialer sagt, »nicht alles mit teuren Maschinen vollstellen, die man einmal in einem Menschenalter vielleicht braucht« -- wiewohl das wenig kosten würde im Vergleich zum Butterberg, der auch mit Schleswig-Holsteins Hilfe wächst und wächst und auch von Steuergeldern unterhalten wird. Am Ende springt der Staat -- Bonns Finanzministerium stellte der gewerblichen Wirtschaft steuerliche Erleichterungen für Schadensfälle in Aussicht -- ohnedies allen bei, doch ein »Reparaturbetrieb des Kapitalismus«, wie Hamburgs Bürgermeister Klose kürzlich für solche Fälle, zur Empörung auch der Kieler CDU, angemerkt hatte.

Bei so knappem Schneeraumfuhrpark hätte auch nicht viel geholfen, wenn die Meteorologen das Unwetter frühzeitig in seiner lokalen Auswirkung hätten abschätzen können -- immerhin eine »Schneekatastrophe«, so drückte sich auch Schleswig-Holsteins Innenminister Rudolf Titzck letzte Woche amtlich aus, wie es sie »in diesem Ausmaß und Umfang in Schleswig-Holstein bisher noch nicht gegeben« habe. Bauern auf der Insel Fehmarn wußten von ähnlichem Schneewetter nur aus Erzählungen der Altvorderen.

Daß Winter über das weihnachtsgrüne Deutschland kommen würde, hatten die Wetterforscher zwar schon am Vormittag des 28. Dezember erkannt. Was sie trotz Satellitenphotos und Meldungen von vier Wetterschiffen im nördlichen Atlantik überraschte, war die Intensität der atmosphärischen Vorgänge, als kontinentale Kaltluft aus Skandinavien und Rußland auf feuchtwarme Meeresluft stieß.

Die für die Jahreszeit nicht ungewöhnlichen Extreme glichen sich diesmal nicht schnell genug aus. Am Jahresende herrschten in Schweden minus 35 Grad, während Bergwanderer in Bayern noch blühende Leberblümchen fanden -- dazwischen die »Luftmassengrenze«, genau über Ostsee und Schleswig-Holstein.

Dort steigerten sich, mit einem Male, die Turbulenzen an der Grenze der gegensätzlichen Luftmassen zu Orkanböen bis zu Windstärke zwölf, und der anhaltende scharfe Ostwind, der die Niederschläge aus der aufsteigenden Warmluft rasch gefrieren ließ, reichte hin, den guten halben Meter Neuschnee von den Äckern an jedem Widerstand zu gewaltigen Dünen aufzuhäufen.

Am Morgen des Tages, da der Sturm anhob, ging selbst die Wochenendprognose des lokalen Wetteramtes Schleswig noch von üblichem Winterwetter aus -- zunächst »verbreitet andauernde Schneefälle«, später nur noch »einzelne Schneeschauer«. Volle vier Tage Schneetreiben mochten die Meteorologen nicht vermuten.

Letzte Woche räumten die Schleswiger ein, sie hätten sich »etwas verkalkuliert«.

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