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RÜSTUNG / ATOMRAKETEN Kaltes Licht

aus DER SPIEGEL 35/1968

Psychedelisch, wie das wabernde Gaukelspiel im Drogenrausch, erschien den Beobachtern der Farbenzauber am Firmament. Türkisblau, lavendel-lila, blutorange zeichneten sich die Feuerspuren zweier Raketen in den Himmel über Cape Kennedy.

Vier Tage bevor sowjetische Panzer in Prag und Preßburg den Hoffnungsfunken auslöschten, schrieben Amerikas Waffentechniker ein Flammenzeichen an den Horizont. Es kundete vom kalten Licht einer neuen atomaren Schreckens-Phase -- Vorgriff auf eine weitere, dem selbstzerstörerischen Wahnwitz abermals nähere Stufe im Wettrüsten zwischen West und Ost.

Zehn Jahre währte das Gleichgewicht der atomaren Drohung zwischen den Weltmächten. Und Amerikaner wie Sowjets schienen schon fast gewillt, in Abrüstungsverhandlungen dieses Patt militärischer Bedrohung weiter abzusichern. In einigen Wochen wollten sich Vertreter beider Großmächte in Genf zusammenfinden, um über eine Begrenzung des Atomraketen-Arsenals zu verhandeln.

Diese Hoffnung ist geschwunden

nicht nur durch die sowjetische Intervention in Prag. Wie in Moskau so triumphierten auch in Washington die »Falken": mit einer Demonstration atomarer Übermacht, die den Sowjets neuerlich Furcht einflößen dürfte und zudem »eine Ära des Alptraums von Instabilität und Nervosität ankündigt« ("New York Times").

Als »schicksalhaften Schritt« wertete auch die »Herald Tribune« den farbenfrohen Raketen-Doppelstart in Cape Kennedy. Mit nur wenigen Stunden Abstand hatten Amerikas Rüstungstechniker -- am Freitag vorletzter Woche -- zwei neue Waffensysteme erprobt:

* Die US-Luftwaffe schoß eine Interkontinentalrakete vom Typ Minuteman 3« über eine Distanz von 8000 Kilometer in ein Zielgebiet im Südatlantik. Geschosse dieses Typs sollen bis Anfang der siebziger Jahre die 1000 Raketen Minuteman 1 und 2 ersetzen, die gegenwärtig in den unterirdischen Abschuß-Silos auf dem US-Kontinent sprungbereit eingebunkert sind.

* Die US-Marine erprobte die zweistufige Rakete »Poseidon«. 31 der insgesamt 41 amerikanischen Raketen-U-Boote, die gegenwärtig mit »Polaris« -Raketen ausgerüstet sind, sollen bis 1970 mit je 16 »Poseidon« -Raketen bestückt werden.

Beide Raketentypen enthalten eine technische Neuheit, die in der zynischen Sprache amerikanischer Atom-Strategen mit dem Begriff »Omnibus-Konzept« bezeichnet wird: Statt der bislang üblichen Interkontinentalraketen, die jeweils nur eine atomare Sprengladung ins Ziel bringen, werden die »Minuteman 3«- und »Poseidon«-Projektile gebündelte Vernichtungskraft in ihrer Spitze tragen -- drei bis zehn atomare Sprengköpfe, jeder auf ein eigenes Ziel zusteuernd, jeder hinreichend für die Vernichtung einer Großstadt.

Insgesamt würden die neuen Offensiv-Raketen -- amerikanische Kurzbezeichnung: »Mirv« -- die USA instandsetzen, 7500 atomare Sprengköpfe auf einen Gegner abzufeuern**. Damit würde sich, wie der einschlägige Fachausdruck lautet, »die Tötungskapazität« ("kill capacity") allein der amerikanischen Raketenstreitkräfte bis Anfang der siebziger Jahre gegenüber dem jetzigen Stand verachtfachen.

Die dreistufige »Minuteman 3«-Rakete, mit 35 Tonnen etwa zehn Prozent schwerer als die »Minuteman 2« wird die gleiche Reichweite haben: rund 14 000 Kilometer. Doch statt des Zwei-Megatonnen-Sprengsatzes der »Minuteman 2« wird sie mit drei Sprengköpfen bestückt sein.

Schon in großer Höhe, bei einer Fluggeschwindigkeit von nahezu 20 000 Stundenkilometer, trennt sich diese Nutzlast von der letzten Stufe der Rakete. Mit Hilfe eines eingebauten Lenkungssystems vermag das Atombomben-Paket danach noch mehrmals Kurs und Geschwindigkeit zu ändern***. Auf diese Weise werden die Sprengladungen, eine nach der anderen, in Richtung auf drei verschiedene Angriffsziele ausgestoßen, die

* Beim Test-Start am Freitag vorletzter Woche.

** Mirv: Multiple independently targetable re-entry vehicle.

*** Bei herkömmlichen Interkontinentalraketen folgt die Sprengladung, wenn die letzte Raketenstufe ausgebrannt ist, einer ballistischen Kurve; ihre Flugbahn ändert sich von diesem Zeitpunkt an nicht mehr.

bis zu einigen Hundert Kilometern auseinanderliegen können.

Das gleiche Prinzip ist bei der U-Boot-Rakete »Poseidon« (Reichweite: 4600 Kilometer) noch potenziert wirksam. Die »Poseidon«, mehr als doppelt so schwer wie die bisher verwendete »Polaris«-Rakete, wird bis zu zehn atomare Sprengköpfe transportieren können.

Milliarden-Summen haben Amerikaner wie Sowjets investiert, um sich dereinst mit Abwehrraketen gegen anfliegende atomare Interkontinental-Geschosse schützen zu können. Aber solche Abwehrsysteme könnten gegen die neuartigen Mehrfach-Sprengköpfe so gut wie nichts ausrichten: Zu groß wäre die Überzahl der anfliegenden Feindgeschosse.« Im konventionellen Krieg«, so verdeutlichte es ein amerikanischer Raketen-Experte, »mag eine Abschußquote von 20 Prozent noch als Erfolg gewertet werden -- bei einem Atomkrieg käme sie dem vollendeten Desaster gleich.«

Tatsächlich haben amerikanische Experten in jüngster Zeit den Eindruck gewonnen, daß die Sowjets den Aufbau von Abwehrraketen-Stellungen rings um Moskau nur noch zögernd vorantreiben, wenn nicht gar eingestellt haben. Und ein Paket von neun Abrüstungsvorschlägen, die Sowjet-Premier Alexej Kossygin letzten Monat unterbreitete, ließ bei Abrüstungswilligen schon Hoffnungen keimen.

Daß die Amerikaner sich gleichwohl zu diesem Zeitpunkt -- mit den Testflügen von »Poseidon« und »Minuteman 3« -- zu einer Demonstration künftiger Stärke entschlossen, geht auf das Konzept des US-Verteidigungsministers Clark Clifford zurück: Er prophezeite den Abrüstungsgesprächen größere Chancen, wenn Amerika aus einer Position der Stärke, nicht der Schwäche« verhandle.

In Wahrheit aber muß der Ausblick auf eine Raketenmacht mit Mehrfachsprengköpfen (die von sowjetischen Technikern mit etwa zwei bis drei Jahren Verzögerung nachgebaut werden könnten) den Sowjets nahezu zwangsläufig die Neigung zu Abrüstungsgesprächen verleiden. Denn dieser neue Waffentyp wäre dem einzigen Verfahren gegenseitiger Kontrolle. das die Sowjets bislang zu dulden bereit sind, entzogen: der Überwachung durch erdumkreisende Satelliten-Augen. Die Himmelskameras könnten nicht feststellen, ob sich in einer Raketenspitze nur eine oder zehn Atom-Sprengladungen verbergen.

Daß freilich über Rüstungsbeschränkungen vorerst ohnehin kein Amerikaner mehr verhandeln wird, müssen die Sowjets hinnehmen, seit sie den Prager Frühling durch militärische Intervention beendet haben.

Prompt gingen über dem Genfer Verhandlungstisch die Lichter aus. Washingtons Diplomaten bewerteten die Aussichten auf eine wechselseitige Raketen-Kontrolle Ende letzter Woche als »düster«.

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