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Dänemark Kam, siegte und ging

Nach einem positiven Volksentscheid für seine EWG-Politik dankte der Sozialdemokrat Krag als Premier und Parteichef ab. Warum?
aus DER SPIEGEL 42/1972

Seine Frau hatte gewußt, was da kam. Dänemarks Volksvertretung und Volk mitsamt Königin jedoch überkam ein Schock, als Regierungschef Jens Otto Krag, 58, nach seiner Rede zur Eröffnung des Reichstags vorigen Dienstag mit dürren Worten abdankte.

Die übrige Welt war über Krag zumindest erstaunt: In Norwegen hatte eine Woche zuvor Premier Trygve Bratteli beschlossen zurückzutreten, weil über 53 Prozent der Wähler sein Ja zur EWG ablehnten. Krag aber trat zurück, nachdem über 63 Prozent der Wähler tags zuvor sein Ja zur EWG bekräftigt hatten.

Für den Fall, daß sein Volk sich ebenso verhielte wie das nördliche Brudervolk, hatte Krag von seiner Rede zur Reichstagseröffnung eine Zweitfassung parat gehalten. Dann zeigte sich, daß die Dänen mit den Norwegern nicht mehr so viel gemein haben wie einst.

Beide waren Wikinger-Nationen, von 1380 bis 1814 unter einem König vereint, sind gleicher Religion und verwandter Sprache, leben von Landwirtschaft und Fischerei, Schiffahrt und Industrie. Die wichtigsten Handelspartner beider sind EWG-Länder, England eingeschlossen.

Und beide Völker waren einst von Hitler besetzt, mithin anfällig für jene Spezies norwegisch-dänischer Anti-EWG-Propaganda, die das Deutschland von heute dem bösen von damals gleichsetzte und auch nicht zu erwähnen vergaß, daß dort einer Franz Josef Strauß heißt.

Aber obschon ihr Land an Deutschland grenzt und sommers von leibhaftigen Deutschen überschwemmt wird, ließen sich die Dänen von den nationalistischen, deutsch- wie EWG-feindlichen Parolen nur wenig beeindrucken.

Anders die fremdenscheuen Dörfler und Kleinstädter Norwegens, die oft noch am Horizont der Ahnen hängen, Stoff für Ostfriesenwitze abgeben und finden, daß schon Oslo zu weit südlich liegt.

Das Reisevolk der Dänen dagegen kann gar nicht weit genug in den Süden kommen, ist kontaktfreudiger, weltoffener und europäischer. Als Krag das Ja seiner Landsleute in den Urnen hatte, fühlte er sich auf dem Gipfel seiner staatsmännischen Laufbahn und entschloß sich zum problemlosen, freiwilligen Abstieg.

Krag vollzog ihn vor dem Folketing mit zwei Sätzen: »Die Regierung macht weiter, aber es ist nicht notwendig, daß der Premier weitermacht. Ich habe mich schon lange zurückziehen wollen und benutze diese günstige Gelegenheit, es zu tun.« Gleichzeitig trat er vom Vorsitz seiner Partei zurück.

Vor der Presse erläuterte Krag: »25 Politiker-Jahre -- die meisten in der Hauptkampflinie -- sind genug.« Kopenhagens »Politiken": »Wir neigen dazu, ihm aufs Wort zu glauben.«

Andere neigten dazu, auch etwas anderes zu glauben. Ehefrau Helle Virkner-Krag, die seit ein paar Jahren wieder im erlernten Beruf einer Schauspielerin auftritt, empfahl Reportern, die auf Gerüchte um Ehekrisen anspielten: »Nehmen Sie es mit der Ruhe -- wie ich!« Sie habe die Rolle als Frau des Premiers nie als Belastung empfunden und wünsche zu betonen, daß Krags Entschluß »ohne irgendwelchen Druck von mir gefaßt worden sei.

Unter -- seelischen -- Druck gesetzt hatte ihn eine andere Schauspielerin, seine erste Frau (1950 bis 1952) Birgit Tengroth aus Schweden. Sie (Stockholms »Aftonbladet": ein »intellektuelles Känguruh") gab mi August dieses Jahres in Schweden Erinnerungen an ihre Ehe mit Krag heraus ("Ich will mein Leben zurückhaben"), aus dem Kopenhagens Massenblatt »Ekstra Bladet Banales und Pikantes abdruckte: Der damalige Handelsminister Krag habe »gleich am ersten Morgen im neuen Heim« von ihr verlangt, »Kaffee ans Bett gebracht und die Schuhe geputzt zu bekommen. Er habe sich als despotisch, belehrend und geizig entpuppt. Zuvor (als sie noch mit einem Schweden verheiratet war, den sie hernach wieder heiratete) sei ihr Verhältnis zu Krag prächtig gewesen.

Solche Entblößungen, die Birgit Tengroth kaum vermarktet hätte, wäre Krag nicht Premier gewesen, mögen dem Dünnhäutigen die Freude am Job schon verleidet haben. Aber er hat auch politisch einigen Ärger einstecken müssen. Jetzt eben drohte sein EWG-Abstimmungssieg von links verdunkelt zu werden. Denn die EWG-feindlichen Volkssozialisten, ohne deren Hilfe das Minderheitskabinett Krag nicht regieren kann, sind darauf aus, verbitterte EWG-Gegner aus Krags Fraktion und Partei einzusammeln.

Möglicherweise mochte Krag nicht riskieren, mangels parlamentarischer Basis einmal abtreten zu müssen. Andererseits scheint der von ihm gekürte Neue der richtige Mann, den Radikalen Paroli zu bieten.

Anker Jorgensen, 50, ungelernter Arbeiter und Sozialdemokrat links von der Mitte. ist Chef der größten Gewerkschaft, deren Mehrheit gegen Dänemarks EWG-Mitgliedschaft stimmte. Er selbst aber stimmte entschieden dafür.

Jorgensen, erster Gewerkschaftsführer auf dem Stuhl des Premiers, hat keinerlei Regierungserfahrung. Dafür kennt er sich im Linksaußen-Bereich seiner Partei sehr gut aus -- dort, wo es bröckeln könnte.

Jorgensen-Ehefrau Ingrid ist über ihre neue Rolle nicht froh: »Ich bin ja keine Helle Krag« Und: »Es liegt mir nicht, die feine Dame zu spielen.

* Als Revue-Schauspielerin, Mai 1972.

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