Zur Ausgabe
Artikel 28 / 48

AUTOMOBILE / VW Kampf am Kai

aus DER SPIEGEL 35/1968

Dreizehn Jahre lang erlebte Amerika das »Wunder der Wanze«, wie der Siegeszug des Wolfsburger Volkswagens im höchstmotorisierten Land der Erde genannt wurde.

Jahr um Jahr konnten die Wolfsburger den Amerikanern neue Rekordmengen von Wanzen und Käfern, bisher mehr als drei Millionen, verkaufen. Am Ende dieses Jahres werden sie auf dem US-Markt wahrscheinlich eine Jahresquote von 500 000 erstmals überschreiten -- das Zweieinhalbfache der jährlichen Produktion von Daimler-Benz.

Nun aber droht den Krabbeltieren zum erstenmal Gefahr in Amerika -- und zwar gleich an zwei Fronten:

* Im Spätherbst wollen Amerikas Dockarbeiter alle US-Häfen von Maine bis Texas lahmlegen. Ein Wochen oder gar Monate andauernder Streik würde die amerikanischen VW-Händler vom VW-Nachschub abschnüren.

* Im Frühjahr will Henry Ford II. einen unter dem Tarnnamen »Delta« entwickelten kleinen Wagen als Anti-VW anbieten. In der Auto-Stadt Detroit ist zudem offenes Geheimnis, daß ein ähnliches Projekt (Tarnname: Chevette) auch bei General Motors heranreift.

Unablässig pendelt eine Charter-Flotte von 70 VW-Transportschiffen zwischen deutschen Häfen und ausländischen Umschlagplätzen. Allein 64 VW-Schiffe, die zusammen pro Reise 88 000 Autos befördern, bilden eine schwimmende Brücke von der Waterkant nach Amerika. Letzte Woche ging der bislang größte Autotransporter der Welt, der umgerüstete Erzfrachter »Sangstad«, erstmals mit 2700 Käfern und VW-Transportern von Bremen aus auf Atlantik-Kurs. Der US-Markt ließ VW zum größten Schiffs-Charterer Europas und zu Deutschlands einträglichstem Devisenbringer werden.

Seit langem setzt VW in den USA mehr Autos ab als selbst in Deutschland, mehr auch, als alle anderen Import-Marken des US-Marktes zusammen. Während der Konjunkturkrise 1967 in Deutschland wurde Amerika zum rettenden Ventil für die fünf VW-Werke und ihre mehr als 5000 Zulieferer. VW mußte zwar zur Kurzarbeit übergehen, brauchte jedoch keine Arbeiter zu entlassen.

Schon 1959 hatte Detroit, beunruhigt über die zunehmende Vorliebe der Amerikaner für kleine, wendige Importautos, Gas gegeben. Serien neuartiger Kompaktwagen raubten den Ausländern die Hälfte ihres Marktes. Doch die Wolfsburger verkauften dem anspruchsvollsten Käuferpublikum der Welt dennoch 35 000 Käfer mehr als im Vorjahr.

So entschloß sich Ford zum gezielten Angriff. Mit einem Aufwand von 135 Millionen Dollar (540 Millionen Mark) entwickelten die Ford-Ingenieure 1962 den Anti-VW »Cardinal, einen Frontantriebwagen mit zumindest mehr Raumkomfort, als der VW zu bieten hatte.

Aber die Marktforscher rieten in letzter Minute ab. Ford trat den Cardinal an die deutsche Ford-Tochter in Köln ab, die ihn in abgewandelter Form als deutschen Ford 12 M auf den Markt brachte.

Inzwischen scheint Detroits Marktforschern ein US-Automobil von Europa-Format dringlicher und chancenreicher als je zuvor. Jedes zehnte Auto. das in den USA verkauft wird, stammt von einem ausländischen Hersteller.

Die Ford-Techniker fertigten einen Wagen herkömmlicher Einfach-Bauart von sportlichem Fließheck-Zuschnitt. Er soll unter dem Wildpferd-Namen »Mustang II« oder unter der Typenbezeichnung »Maverick« (ein Name für ein halbwildes Rind). von April 1989 an ausschließlich als Zweitürer gebaut, als Waffe gegen Wolfsburgs Bestseller eingesetzt werden.

Amerikas Kleinster ist Deutschlands Ältestem in allen Maßen über. Mit 4,40 Meter Länge (VW: 4,03 Meter), einem Radstand von 2,58 Meter (VW: 2,40 Meter) und einem rund 80 PS starken Sechszylindermotor (VW: Vierzylinder, 44 PS) ist der Anti-VW immerhin so groß und so stark wie ein Audi. Das wiederum geht ins Geld: Der VW kostet 1699 Dollar, der Ford wird kaum unter 2000 Dollar zu haben sein.

Den VW-Managern aber liegt augenblicklich die Wasserfront näher als die Blechfront. Um zu vermeiden, daß der drohende Streik auf ihren Fließbändern (tägliche Fertigung: 7000 Wagen) einen Produktions-Infarkt auslöst, beugen sie vor,

Unter Einsatz zusätzlicher Transportschiffe soll der US-Markt auf Kosten anderer Märkte verstärkt beliefert werden. VW will vorsorglich möglichst große Lagerbestände in den USA ansammeln.

Die Wolfsburger haben auch schon geplant, wohin die Charter-Schiffe während des Streiks steuern sollen: Den Bauch voller Käfer, sollen sie vor den bestreikten Häfen ankern. Sie sollen auf der Lauer liegen um sich nach Beendigung des Streiks als erste an die Entlade-Kais zu drängeln.« Die schlimmste Durststrecke, erläuterte ein VW-Sprecher diese Vorsorge, »beginnt erst nach dem Streik.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 28 / 48
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.