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Serie Kampf der Roben

Eine rachsüchtige Mode-Zarin, verkommene toskanische Grafen, Intrigen, Roben und Paläste - die ARD bietet vor dem Fest sechs Stunden lang Seifenoper total.
aus DER SPIEGEL 51/1990

Sechs Personen suchen einen Autor« hieß ein 1921 uraufgeführtes Stück von Luigi Pirandello. Der Titel kratzte am hehren Bild der alles schaffenden Dichterseele, nährte die Angst, die Figuren erfundener Geschichten könnten sich über ihren Erfinder erheben.

Im Zeitalter des Product Placement haben sich inzwischen nicht nur Personen vom Autor unabhängig gemacht. Whiskysorten und Edelkarossen fordern gebieterisch - Genius des Drehbuchschreibers hin oder her - die zu ihnen passende Story. Besonders die Modebranche hat entdeckt, daß sich die Welt der Fernsehserie besonders gut für den Absatz ihrer Produkte eignet. So geriet das Bierbrauerspektakel »Das Erbe der Guldenburgs« zum Defilee der Roben von Chanel, Jil Sander, Louis Feraud und anderen.

Doch wie perfekt man die Devise »Kleider machen Fernsehen« umsetzen kann, zeigt der ARD-Vierteiler »Der Erfolg ihres Lebens«, eine internationale Koproduktion, die vom 20. Dezember an vier Abende lang im Hauptabendprogramm zu sehen ist. Die Modehäuser Nina Ricci, Genny und Rene Lezard bitten darin Drehbuchautoren und Schauspieler an ihre Kleiderständer.

Der rothaarigen Schauspielerin Andrea Jonasson zum Beispiel, einst an Hamburger Theatern tätig und Ehefrau des italienischen Bühnen-Genies Giorgio Strehler, steht Weiß und Goldbrokat. Die langen Beine machen sich in schwarzen Seiden-Dessous besonders vorteilhaft.

Witta Pohl, die gestrenge »Drombusch«-Domina, mag man dagegen lieber hochgeschlossen, in gedeckten Farben anschauen. Junge, schlecht rasierte Männer gewinnen mit bunten Wollschals und roten Sportwagen. Modegenialitäten steigern ihr Image im seidenen Rolli. Auch Pulli und Jeans dürfen es sein, wenn jemand so burschikos dreinlächelt wie Veronique Jannot, der französische Bildschirmstar.

Was fehlt, ist dann eigentlich nur noch eine Handlung, passend zum Outfit. Ulrich del Mestre, versierter Serienprofi ("Praxis Bülowbogen"), schneiderte Passendes zusammen, frei von störendem Alltagsgrau, wie es sich für Seifenopern aus der Haute Couture gehört, die - Pardon! - Edelklamotte für edle Klamotten. Im Mittelpunkt steht Maxi Ardel (Andrea Jonasson), eine Pariser Haute-Couture-Chefin, die kühl und unnahbar ein erstes Pariser Modehaus führt. Ihr assistiert eine Direktrice (Witta Pohl), sexuell erloschen, ein spätes, herbes Mädchen für alles, schneidernde Sklavin der Modegöttin.

Das einträgliche Geschäft mit der Kleidung könnte die Beteiligten eigentlich rundum vergnüglich stimmen, wenn nicht Madame Ardel ein Problem mit der Vergangenheit hätte: ihre Kinder. Einen Sohn mußte die schöne Frau zurücklassen, weil gerade in Berlin die Mauer gebaut wurde und der Mutter die Rückkehr in den Osten wenig vorteilhaft erschien. Sie meldete sich denn auch gleich nie mehr bei ihrem Mann und machte in Paris Karriere - das Unwahrscheinliche, hier wird's ein Ereignis.

Doch auch eine weitere, ebenfalls unglückliche Mutterschaft hört sich nicht minder serienopernhaft an. Da liebte sie einen Edlen aus der Toskana, der sie schwängerte. Glücklich wollte sie ihm die Frucht ihres Leibes darbringen - doch ach: Der Conte di Falco war verheiratet und ein Fiesling obendrein. Er entwand der jungen Frau das Kind durch eine Schnelladoption und verleibte es unwiederbringlich dem italienischen Lotterclan ein - Märchen sind dagegen realistisch.

Dann ging's weiter, wie es im Serienleben halt so spielt: Während die unglückliche Mutter von der armen Schneiderin zur Haute-Couturistin aufstieg, wirtschafteten die liederlichen Edlen in Italien die eigene Textilfabrik in die roten Zahlen.

Da schlägt denn - so hat es Serienautor del Mestre gefügt - für die Mode-Zarin die Stunde der Rache. Sie legt ihr flottes Weißes mit dem schrägen Käppi an und kreuzt als Aufkäuferin der maroden Firma auf, doch schon stellt sich ihr die Contessa di Falco entgegen, ein Denver-Biest, das bald auf dem Intrigenklavier spielt.

In den Kampf der Roben und Gewänder ziehen nun die Serienklischees, wie man sie kennt: der intrigante Buchhalter, der nette Opa des toskanischen Geschlechts, der sogar mit dem örtlichen Kommunisten freundschaftlichen Kontakt unterhält. Dazu eine leicht derangierte Tochter der Pariser Chefin, die lange selbstmörderisch in tiefe Wasser blicken muß, ehe sie erfolgreich vom Junggrafensohn gefreit wird, dem Jungen mit den Schals und roten Sportwagen. Nicht zu übersehen: ein vermeintliches Geschwisterpaar, dem bei Cello- und Klavierspiel das Wälsungenblut aufsteigt, eine frustrierte, aber letztlich edle Ehefrau, die, wenn sie nicht nackt dem Swimming-pool entsteigt, ein elliptisch gestyltes Dekollete zeigt.

Wer sich gut anzieht, der soll auch gepflegt sprechen. Den edlen Robenträgern entgleitet nicht eine Injurie. Nur gelegentlich wird Direktrice Witta Pohl ein wenig ungehalten, wenn sie an einem Figurinentorso herumnestelt und feststellt, die Maharani von Dschaipur habe mal wieder zugenommen.

Ansonsten herrscht verbale Etikette: »Ich warte. Ich warte auf meine Tränen«, sagt die Modechefin im Angesicht des zertrümmerten Wagens, in dem ihr Freund gerade sein Leben gelassen hat. Oder auch: »Ich habe mich entschlossen, dem Schicksal zu gehorchen.«

Gelegentlich erhebt sich die Modeprosa in metaphorische Höhen, wenn etwa der gräfliche Großvater seinem kommunistischen Freund die Hoffnung auf das geeinte Europa ausredet: »Du vergißt den Stier.«

So abgehoben und gravitätisch die Figuren unter der Regie von Michael Braun auch durch erlesene Interieurs schreiten, so schrill für Mode Reklame gemacht wird, das Spiel entwickelt einen trivialen Sog, dem man sich schlecht entziehen kann.

Es stimmt zwar nichts, die Realität ist weit, und trotzdem bleibt man neugierig, wie sich die Wirren um die Mode-Zarin mit ihrem undurchsichtigen Gebärverhalten auflösen.

Geschichten, solche in Serien, haben nämlich etwas, was das Leben und die »Lindenstraße« nicht immer bieten: einen Anfang und nach getaner TV-Arbeit schließlich ein Ende. o

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