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KINDERLÄHMUNG / MEDIZIN Kampf gegen Brünhild

aus DER SPIEGEL 1/1954

Millionen Menschen werden alljährlich mit spinaler Kinderlähmung angesteckt, ohne etwas davon zu merken. Die meisten Erwachsenen machen ihre »Poliomyelitis« (wie die Krankheit medizinisch heißt) in Form eines Schnupfens, einer Halsentzündung oder eines Darmkatarrhs durch und glauben, sie hätten nur eine simple Grippe.

Viele der Infizierten fühlen sich völlig gesund. Plötzlich, unberechenbar brechen Epidemien aus, besonders unter den anfälligen Kindern des ersten bis dritten Schuljahres. Lähmungen treten auf und häufen sich. Die Bilder von Kinderlähmungsopfern in »eisernen Lungen« gehören zum Repertoire jeder großen Illustrierten.

Ihre schleichende Undurchschaubarkeit macht die spinale Kinderlähmung zu einer der wenigen noch ungebannten Seuchengefahren in den zivilisierten Ländern. Doch aus Amerika kamen in den vergangenen Wochen gute Nachrichten. Jonas Salk, der erst 38jährige Professor für Bakteriologie an der Universität von Pittsburgh, hat einen Impfstoff gefunden, der alle Laboratoriums-Versuche an Tieren und Menschen erfolgreich bestand.

Zugleich gelang es Forschern an der Universität von Kalifornien, durch ein Super-Elektronenmikroskop zum erstenmal den Kinderlähmungserreger zu sehen, zu messen und zu photographieren. Was sie in der 77 000fachen Vergrößerung des Elektronenmikroskopes erblickten, sah aus wie Tennisbälle auf einer Asphaltstraße. Die Messungen ergaben, daß das Kinderlähmungs-Virus neben den Atomen und Molekülen der Materie einer der kleinsten bekannten Körper ist: durchschnittlich 1/40 000 mm groß.

Im nächsten Frühjahr soll Dr. Salks Serum durch Massen-Impfungen an mindestens 500 000 Kindern (nur mit Einverständnis der Eltern) generalerprobt werden. In kurzer Zeit werden die Kinderlähmungs-Epidemien vielleicht ebenso im Schatten der Vergangenheit verschwunden sein wie Pocken- und Diphtherie-Seuchen.

Die Geschichte der Erforschung dieser Krankheit ist gespickt mit bitteren Enttäuschungen und durchzogen von einem Gewirr wissenschaftlicher Stolperdrähte. Im vergangenen Jahrhundert nahmen die Forscher an, daß die Krankheit von Bakterien hervorgerufen werde, den gleichen einzelligen Lebewesen, die als Erreger von Diphtherie und Tuberkulose erkannt worden waren. Doch keine Kinderlähmungsbakterien wurden je gefunden.

Die erste bedeutsame Spur entdeckte der österreichische Bakteriologe und Nobelpreisträger Karl Landsteiner, als er 1909 herausfand, daß der Erreger der Kinderlähmung durch den feinsten Filter dringt. Bakterien dringen durch den feinsten Filter aber nicht durch - also mußte er ein Virus*) sein. Durch die damaligen Mikroskope aber konnte man es nicht aufspüren. 1930 wurden zum erstenmal Impfversuche gemacht - ohne Erfolg.

Erst als die amerikanische »National Foundation for Infantile Paralysis« die Forschung übernahm und die 90 verschiedenen unabhängigen Versuchszentren auf eine einheitliche Methode einschwor, kam man langsam vorwärts. Jede Woche erhielt die Gesellschaft 500 in den Tropen frisch eingefangene Affen. Die Tiere wurden an die Forschungszentren in den USA und in Kanada verteilt, und nachdem so alle Wissenschaftler mit den gleichen Versuchstieren arbeiteten, war es zum erstenmal möglich, Erfahrungen auszutauschen und Resultate zu vergleichen.

20 000 Affen pro Jahr wurden mit der Kinderlähmung angesteckt, 20 000 gelähmte Affen Tag für Tag und Woche für Woche beobachtet. Erst vor zwei Jahren wurden die Forscher für die monotone Arbeit mit einer wichtigen Entdeckung belohnt: Es gibt nicht nur ein Kinderlähmungs-Virus, sondern deren drei.

Das erste nannten sie »Brünhild«, nicht nach der mörderischen Nibelungen-Heldin, sondern nach dem Affen, in dessen Niere das Virus zuerst festgestellt wurde. Das zweite tauften sie »Leon«, nach dem Knaben, in dem es gefunden wurde. Das dritte, »Lansing« (nach einer Stadt in Michigan), wurde im Gewebe von Ratten aufgespürt.

Hundert weitere Abarten des Kinderlähmungs-Virus wurden von den Forschern festgestellt. Mit ihren Hauptmerkmalen gehören sie jedoch sämtlich zu einer der drei ersten Gruppen, überwiegend zur Gruppe »Brünhild«.

Aber wie konnte man gegen die Viren angehen? Gegen viele andere Krankheitserreger kann sich der menschliche Körper selbst wehren, weil er - gewissermaßen vorbeugend - Schutzstoffe entwickelt, die er im Augenblick der Ansteckung mobilisiert. Gefährlich wird die Situation nur, wenn diese Gegengifte nicht vorhanden sind und das Virus oder der Bazillus sich ungehindert vermehren kann.

Bei den meisten Schutzimpfungen führen die Ärzte in die Blutbahn einen geschwächten Erreger ein, der wohl fähig ist, die Bildung der Schutzstoffe anzuregen, nicht aber, sich selber gefährlich fortzupflanzen. Bei der Kinderlähmung jedoch bezweifelten die Forscher, daß man dem Virus in der Blutbahn entgegentreten könne. Sie nahmen an, daß es durch Nase oder Mund in den Verdauungskanal und von dort direkt ins zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) gelangt, wo es seine Zerstörungsarbeit beginnt.

Erst nachdem Dr. David Bodian, Professor an der John-Hopkins-Universität, an seinen Affen entdeckt hatte, daß auch dieses Virus (bevor es die Nervenzellen befällt) eine Zeitlang durch die Blutbahn gespült wird und sich in Organen wie der Lymphdrüse, der Milz und den Nieren vermehrt, wurde den Forschern klar: das war der Ort, wo man den Widerstand organisieren mußte.

Dr. Bodian machte bald darauf eine weitere wichtige Entdeckung: Das Blut eines normalen Menschen enthält bereits eine gewisse Menge von Schutzstoffen gegen die Kinderlähmung, nur eben nicht genug, um eine akute Erkrankung wirksam bekämpfen zu können. Das war die Voraussetzung für die erste erfolgreiche Impfung. Dr. Bodian empfahl Injektionen mit Gamma Globulin, jenem dickflüssigen, schillernden Blutbestandteil, in dem er die Schutzstoffe entdeckt hatte.

Da der Blutbestandteil aber nicht die organische Bildung von Schutzstoffen anregt, handelt es sich bei den Gamma-Globulin-Spritzen, die noch heute während der Kinderlähmungs-Epidemien verabfolgt werden, nicht um eigentliche Schutzimpfungen. Gamma Globulin ist nur ein Behelfsmittel, das sechs Wochen lang einen erhöhten Schutz gegen Ansteckung zu gewähren vermag. Trotzdem waren die Sechs-Wochen-Injektionen des Dr. Bodian ein großer Sprung vorwärts: Man wußte jetzt, daß die Geschichte mit den Schutzstoffen im Blut stimmte. Man mußte nur noch herauskriegen, wie man ihre Vermehrung fördern könnte.

Wieder sollte ein anderer Wissenschaftler, Dr. John F. Enders, zur rechten Zeit eine Entdeckung machen, die den entscheidenden Schritt gestattete (und ihm wahrscheinlich den Nobelpreis eintragen wird): Er fand eine Methode, das Kinderlähmungs-Virus auf künstlich gezüchteten tierischen oder menschlichen Geweben künstlich zu züchten.

Das verkürzte die Experimentierzeit (die man bisher auf die Affen verschwendet hatte) auf ein Viertel, vereinfachte die Laboratoriumsarbeit und ermöglichte genauere Forschungen nach den physikalischen und chemischen Eigenschaften des Erregers. Und vor allem: Erst jetzt war der Weg frei zur Massenzüchtung des Virus und damit auch zur Massenproduktion des verzweifelt gesuchten Impfstoffes.

Und jetzt trat Dr. Jonas Salk auf die Szene. Er fand heraus: Wenn das Virus abgetötet wird, verliert es seine krankheitserregenden Neigungen, behält aber seine mobilisierende Wirkung auf die Schutzstoffe im menschlichen Blut. Jonas Salk machte sich daran, ein Serum herzustellen.

Nach der Endersschen Methode züchtete er Viren aller drei Sorten auf künstlich ernährten Affendrüsen, trocknete das Ganze und zerrieb es. Hätte er diesen Stoff in Wasser gelöst und eingespritzt, würde er jeden Menschen und Affen lebenslänglich gelähmt haben. Salk behandelte aber sein Präparat noch mit dem Desinfektionsmittel Formaldehyd.

Es läßt sich nicht ermitteln, ob Formaldehyd das Virus tötet. Jedenfalls schlägt das Desinfektionsmittel den Krankheitserreger »bewußtlos«. Mit Erfolg spritzte Salk sein Viren-Formaldehyd-Serum den Affen ein: Sie zeigten keine Krankheitssymptome, und wenig später stellte er im Blut der Tiere Gegenkörperchen fest. Sie waren jedoch nicht stark genug, um eine Kinderlähmungs-Infektion wirksam zu bekämpfen. Salk überlegte: Er hatte die Viren im Serum wahrscheinlich so heftig betäubt, daß sie zwar ungefährlich waren, aber auch nicht mehr genug Gegenstoffe mobilisieren konnten.

Erst nach langem Experimentieren fand er heraus, daß die Gegenstoffe stärker auftreten, wenn er seine »betäubten« Viren in gereinigtem Mineralöl badet, bevor er sie injiziert. Das Öl, vermutet Salk, konserviert die Gegenstoff-erzeugenden Impfviren länger im Körper und steigert dadurch ihre Wirksamkeit. Als er die Laboratoriums-Affen nach einer Schutz-Impfung mit Kinderlähmung ansteckte, wurde kein einziger krank, obwohl die Tiere unter normalen Umständen hätten verkrüppeln müssen.

Im vergangenen März impfte er 161 Versuchspersonen zwischen drei und dreiundzwanzig Jahren mit dem bizarren Viren-Formaldehyd-Mineralöl-Serum. Zwar verbot ihm die Menschlichkeit, seine Test-Personen absichtlich anzustecken, doch jetzt, nach dem Ende der diesjährigen Kinderlähmungs-Saison (Juli bis Oktober), ist keine der geimpften Personen erkrankt. Auch nachteilige Wirkungen des Serums zeigten sich nicht.

Bis zu diesem Punkt hatten die Forschungen insgesamt 26 Millionen Dollar verschlungen. Aber Geld war nicht das Entscheidende. Die Wissenschaftler der amerikanischen »Kinderlähmungs-Forschungsvereinigung« haben genug Dollars, seit Franklin Roosevelt, selbst Opfer der Kinderlähmung, die alljährliche »Groschen-Parade« - eine Sammlung für den Forschungs- und Betreuungsfonds - in Marsch setzte*).

Und die 7,5 Millionen Dollar, die für die geplante Massenimpfung von 500 000 Kindern im nächsten Frühjahr ausgeworfen werden müssen, sind für einen endgültigen Versuch mit Salks hoffnungverheißendem Serum kein zu hoher Preis. Denn wenn der (bis spätestens 1956 ausgewertete) Test hält, was auch Salks neueste, erfolgreich verlaufene Versuchsreihe mit 474 Personen verspricht, könnte die Kinderlähmung vom Jahr 1956 an gebannt sein. Jonas Salk, der junge Professor aus Pittsburgh, hätte dann einen der größten Siege in der Geschichte der Medizin errungen.

* Viren sind Krankheitserreger, die etwa tausendmal kleiner sein müssen als Bakterien. Wahrscheinlich sind sie keine selbständigen Lebewesen, sondern Eiweißmoleküle, die sich nur im lebenden Gewebe vermehren können. * Roosevelt erkrankte an der Kinderlähmung im Alter von 39 Jahren (Sommer 1921).

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