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Trinidad und Tobago Kampf mit Calypsos

Der Putschversuch radikaler Moslems zerstörte die heile Fassade der karibischen Musterdemokratie.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Den ersten Hurrikan dieses Jahres, »Arthur« genannt, hatten die Trinidader gerade glimpflich überstanden, und auch bei den karibischen Fußballmeisterschaften waren sie mit einem Unentschieden gegen Jamaika davongekommen. So nahm zunächst kaum jemand das bizarre Drama ernst, das, kurz vor dem Länderspiel, im Parlamentsgebäude von Port of Spain begann.

»Allah hat den Premierminister gestürzt«, verkündete der auf den Inseln als »Imam« bekannte Moslemführer Yasin Abu Bakr im Fernsehen. Seine Bewegung »Jamaat al-Muslimeen«, rund 300 vorwiegend schwarze islamische Fundamentalisten, werde nun aufräumen mit »Korruption, Vergewaltigung, Inzest, Raub und Drogen«.

Die friedliche Inselrepublik, bisher vor allem für Kricket, Karneval und Calypso bekannt, wurde Szenario für eine blutige Putschoperette.

Der Imam, dessen Anhänger zu den etwa sechs Prozent Moslems im Land gehören, hatte mit rund 100 Rebellen die Fernsehstation und das Parlamentsgebäude in der Hauptstadt Port of Spain gestürmt und etwa 50 Menschen als Geiseln genommen, darunter den Premier Arthur Napoleon Robinson sowie etliche Minister und Abgeordnete.

Die Putschisten fesselten den Regierungschef mit Sprengstoffschnüren an einen Stuhl und drohten, die Geiseln in die Luft zu sprengen, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt würden: Robinson solle zurücktreten und Wahlen innerhalb von 90 Tagen ausschreiben, außerdem verlangten sie für sich eine Amnestie.

Um deutlich zu machen, daß sie es ernst meinten, schossen die Rebellen dem Premier ins Bein. Erst nach vier Tagen durfte er im Rollstuhl das Gebäude verlassen. Einen Tag später, am vorigen Mittwoch, gaben die Rebellen auf. Entnervt und erschöpft ließen sie alle Geiseln frei, angeblich ohne daß eine ihrer Bedingungen erfüllt worden war.

Trinidad und Tobago, bisher als stabile Westminster-Demokratie gepriesen, sollte nicht als erpreßbare Bananenrepublik erscheinen - Plünderungen und Gewaltausbrüche während des Putschversuchs hatten dem freundlichen Inselimage bereits Schaden genug zugefügt.

Wie zuvor Grenada und Jamaika driftet auch dieses karibische Urlaubsland immer tiefer in den Strudel aus Gewalt und Wirtschaftselend, der die gesamte Region von Haiti bis Panama erfaßt hat.

Seit 1962, als die Insel von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen wurde, galt sie samt Tobago als Musterland des Commonwealth. Das vielrassige Inselvolk - 40 Prozent christliche Schwarze, 40 Prozent Hindus indischer Abstammung, der Rest Weiße, Kreolen und Chinesen - rühmte sich des höchsten Lebensstandards der Region, eine Folge des Erdöl-Booms in den siebziger Jahren. Calypso-Steelbands machten den Reichtum weltweit bekannt, sie trommeln bevorzugt auf leeren Ölfässern.

Als Anfang der achtziger Jahre die Ölpreise stürzten, kam auch die Inselwirtschaft ins Trudeln. Der Tourismus auf dem Millionärs-Eiland Tobago konnte den wirtschaftlichen Niedergang nicht stoppen. Premier Robinson, der seinen Wahlsieg 1986 mit dem Calypso-Hit »Das Schiff sinkt« eingeläutet hatte, mußte den Canossagang zum Internationalen Währungsfonds antreten. Der Zwang zum Sparen traf vor allem die Armen. Die Arbeitslosigkeit schnellte auf 25 Prozent hoch, soziale Unruhen waren die Folge. Ihrem Frust über die Regierung machten die Trinidader erneut in einem Calypso Luft: Das populäre Stück »Chauffeur gesucht« verspottete den Premier Robinson als betrunkenen Autofahrer, der auf der Straße randaliert.

Robinson, ein Oxford-Zögling und früherer Führer der Autonomiebewegung von Tobago, antwortete mit einem eigenen Calypso, der allerdings zum Blues geriet: Er sang ein Loblied auf die Einführung der Mehrwertsteuer, welche die leere Staatskasse füllen sollte. Doch die neue Steuer machte den Premier nur noch unbeliebter.

Mit der Wirtschaftskrise wuchsen auch die latenten Rassenkonflikte auf Trinidad, Schwarze und Inder beschuldigten einander der Günstlingswirtschaft, viele Arme suchten ihr Heil in radikalen Sekten. Die zuvor gepriesene »Regenbogengesellschaft« zerfiel.

In diesem Klima konnte auch die kleine »Black Muslim«-Gemeinde der Insel gedeihen. Bereits 1970 war es zu kleineren Aufständen von Anhängern USamerikanischer islamischer Schwarzenführer wie Malcolm X gekommen.

Rebellenführer Yasin Abu Bakr konvertierte Ende der siebziger Jahre zum Islam - der ehemalige Polizist und Fußballnationalspieler bewunderte Malcolm X, Gaddafi und die iranischen Fundamentalisten. In einem Sumpfgebiet westlich von Port of Spain gründete er die radikale Moslemgemeinde »Jamaat al-Muslimeen«.

Immer wieder geriet der Fanatiker mit den Behörden aneinander, mal stritt man sich um den Bau einer Moschee, mal kam er wegen Vielweiberei in die Schlagzeilen.

Vor zwei Jahren entdeckte die Polizei im Haus des Imam ein Waffenlager, aber die Regierung nahm den Moslemführer nicht ernst.

Eine scheinbare Kleinigkeit trieb Abu Bakr schließlich zum Putschversuch. Einer »verdienten Bürgerin« zu Ehren plante die Regierung, ein 120 000 Dollar teures Denkmal zu errichten - sie wollte damit ein Mahnmal gegen die Korruption setzen. »Wie kann man so viel Geld für ein Denkmal ausgeben, während so viel Not herrscht?« empörte sich der Imam und rief seine Anhänger zum Kampf.

Doch die erhoffte Unterstützung im Volk blieb aus. Ein Lastwagenfahrer in der von Plünderungen verwüsteten Charlotte Street, Port of Spains Einkaufsstraße: »Wir mögen zwar Robbie (den Premier) nicht, aber den Imam wollen wir auch nicht.«

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