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NAHER OSTEN / AUFRÜSTUNG Kampf mit Malisch

aus DER SPIEGEL 43/1968

Immer wenn der weiße »Lear«-Jet mit dem blauen Uno-Emblem auf den Flugpisten von Amman, Jerusalem oder Kairo ausrollte, sprachen Araber und Juden vom Frieden.

Stets kletterte ein blonder Schwede aus der von zwei Schweizer Piloten gesteuerten siebensitzigen Düsenmaschine: Gunnar Jarring, 61, Sonderbotschafter der Vereinten Nationen im Nahen Osten. Seit November letzten Jahres sucht er im Auftrag der Weltorganisation eine friedliche Lösung im über 20 Jahre dauernden Konflikt zwischen Juden und Arabern.

Zwölfmal konferierte Jarring bislang in Kairo, 16mal in Jerusalem. Elfmal reiste er in König Husseins Jordanien.

Doch während der Uno-Vermittler am Konferenztisch beharrlich um Konzessionen rang, landeten Transportmaschinen der U. S. Air Force mit Waffen in Amman, löschten sowjetische Frachtschiffe Kriegsgüter in Alexandria, verkaufte die französische Regierung Mirage-Teile an Jerusalem.

Die »Flut sowjetischer Waffen« in den Nahen Osten, behauptet Israels Ministerpräsident Levi Eschkol, »hat die Balance verschoben und die Spannung erhöht«. »Ein neuer aggressiver Akt der USA gegen die Araber«, empörte sich die syrische Regierung, als bekannt wurde, daß die USA mit den Israelis über den Verkauf von 50 Phantom-Jets im Wert von insgesamt 800 Millionen Mark verhandeln wollen. »Dieser amerikanische Schritt«, so fürchtet die Beiruter Zeitung »Al-Yom«, »bedeutet, daß die vierte Runde zwischen Arabern und Israelis mit Sicherheit kommen wird.«

Die Vorbereitungen für diese vierte Runde begannen schon wenige Tage nach der dritten Niederlage der Araber, im Juni letzten Jahres.

Waffen im Wert von etwa 14 Milliarden Mark lieferten Amerikaner und Sowjets, Franzosen und Tschechoslowaken seit Beginn des Waffenstillstands in das Krisengebiet. Zehn seiner Divisionen ließ Nasser am Suez-Kanal aufmarschieren.

Israel investiert etwa 20 Prozent des Brutto-Sozialprodukts in seine Truppen -- doppelt so viel, wie die USA für ihr Militär aufbringen (9,8 Prozent). 2,5 Milliarden Mark, ein Drittel des Gesamtetats, der von den Juden in aller Welt mit Spenden bis zu 400 Millionen Mark pro Jahr gestützt wird, rund 70 Prozent der Einkommensteuer-Einnahmen verschlingt das Verteidigungsbudget.

Jene 50 »Mirage«-Jäger, die Frankreichs General-Staatschef Charles de Gaulle als Zeichen seiner Neutralität im Nahost-Konflikt an Jerusalem nicht mehr liefern wollte, erhalten die Israelis jetzt trotz des französischen Embargos -- zerlegt und als Ersatzteile deklariert.

270 Militärflugzeuge sichern nach Ermittlungen des Londoner »Institute for Strategic Studies« derzeit den Staat Israel, darunter 65 Mirage III C, 35 Mystère, 15 Super Mystère, 15 Vautour, 45 Ouragan, 65 Fouga-Magister. 18 Noratlas, fünf Stratocruiser, zwölf Dakota, 48 Skyhawks sowie Hubschrauber der Typen Sikorsky S-58, Bell H-13, Alouette und Super Frelon.

Die 2550 Stundenkilometer schnellen Phantom-Jet, die Amerika jetzt liefern soll, haben selbst im Tiefflug, bestückt mit Raketen, Napalm und Sprengbomben, einen Aktionsradius von 840 Kilometern und können so in wenigen Minuten die Hauptstädte der israelischen Anrainer-Staaten erreichen. Israels Flugabwehr stützt sich vor allem auf rund 50 Abschußrampen für amerikanische Lenkraketen vom Typ »Hawk«.

Am Golf von Akaba und in der Wüste Sinai bauen Dajans Soldaten Militärflugplätze. Hinter dem Suez-Kanal warten die Israelis in zwei Verteidigungslinien auf den Feind. 40 000 Israelis stehen stets unter Waffen, innerhalb von 72 Stunden können die Streitkräfte um 275 000 Männer und Frauen verstärkt werden.

In ihre derzeit mit 790 Panzern ausgerüstete Armee gliederten die Israelis 120 Sowjet-Panzer ein, die sie im Juni-Krieg unbeschädigt erbeutet hatten, 250 schwere Haubitzen können ihnen den Weg freischießen.

Wieviel Raketen in ihren Arsenalen lagern, halten die Israelis streng geheim. »Wer Anfang 1967 den Berichten über unsere Kampfmittel vertraute«, so Israels Botschafter in Washington, Ex-Stabschef Rabin, »der hatte eine gewaltige Überraschung bei Kriegsbeginn zu verdauen.«

Ägyptens Nasser verkündete in der vorletzten Woche, die VAR werde »ihre Streitkräfte im Hinblick auf die Schlacht um unser Schicksal weiter aufbauen und die Zivilverteidigung vervollständigen«. Denn: »Es wird eine Schlacht, die in der Geschichte der arabischen Nationen einmalig und entscheidend sein wird.«

Nassers Intimus, »Al-Abram«-Chefredakteur Mohammed Heikal, sieht bereits den »Tag nahen, an dem die Mauern der Tel Aviver Synagogen Israels Grenzen sein werden«.

Unter den aufmunternden Klängen von Militärmusik lernen Ägyptens Rekruten jetzt erst einmal schwimmen: Die ersten 150 Meter in Richtung der 350 Kilometer entfernten Tel Aviver Gebetshaus-Mauern führen durch den Suez-Kanal.

Ägyptische Instrukteure unterweisen die Rekruten im Kraulen; wie gekämpft wird, zeigen ihnen die Russen. Moskau war nur bereit gewesen. das in elf Jahren gelieferte und in sechs Tagen zerstörte Waffenarsenal Nassers im Wert von etwa 2,2 Milliarden Mark zu ersetzen, wenn es unter Aufsicht roter Offiziere blieb.

3250 Sowjet-Militärs in Zivil versuchen in den Divisions-Hauptquartieren und auf den Truppenübungsplätzen. Kairos phlegmatische Krieger zu Soldaten zu erziehen. Den Ägyptern freilich behagt der Drill nicht. Sie zanken sich so oft mit den Rotarmisten, daß ein sowjetisch-ägyptisches Schiedsgericht gebildet werden mußte.

Die Sowjets stellten sogar die Lieferlisten für das Material zusammen, zwei Sonderausschüsse wurden beauftragt, die Aufrüstungs- und die Trainingspläne der arabischen Armeen aufzustellen. »Es wäre ebenso sinnlos«, erklärte Sowjet-Marschall Gretschko. »ungeschulten Soldaten Nachtkampfpanzer oder Lenkwaffen anzuvertrauen, wie Blinden Brillen aufzusetzen.« Vor dem Juni-Debakel hatten arabische Kriegsminister wie Blinde eingekauft. Für den Wüstenkampf bestellten sie damals Amphibien-Panzer, in die Fahrzeuge ließen sie Heizungen einbauen.

Über eine schwimmende Brücke von Frachtern schickte Moskau in den 15 Monaten seit der Araber-Niederlage Infanterie-Radar, Raketenwerfer, radargesteuerte Flugabwehrgeschütze, Panzerwagen sowie von Kettenfahrzeugen geschleppte Mörser an den Nil.

Sowjetische T 34/8-Panzer aus Weltkrieg-II-Produktion wurden kaum noch geliefert. Statt dessen kamen 36 Tonnen schwere T-54 oder sogar neueste Nachtkampfpanzer T-55 mit einer 100-Millimeter-Kanone, leistungsfähiger Infrarot-Einrichtung und Schutz gegen Atom-Waffen in das Nasser-Reich.

Ägyptens Marine wurde verstärkt, vor allem durch weitere Raketenboote der Typen »Komar« und »Osa« (mit »Styx«-Raketen). Nassers Navy umfaßt gegenwärtig 13 13-Boote, sechs Zerstörer, sechs Fregatten, 18 Raketenboote, 44 Schnellboote, 20 Landungsschiffe und mehrere kleinere Einheiten.

Die Luftwaffe wurde vor allem mit Allwetterjägern MiG-21 und Suchoi Su-7 ausgerüstet, die den israelischen Mirage-Maschinen zumindest ebenbürtig sind. Supermoderne Maschinen wie die MiG-23 »Foxbat« (Geschwindigkeit: Mach 3) will Moskau den Ägyptern noch früher als den Warschauer-Pakt-Staaten liefern.

300 ägyptische Kampfpiloten absolvieren gegenwärtig Kurse in der Nähe der Ukraine-Hauptstadt Kiew. Ägyptens Luftabwehr erhielt radargesteuerte 57-Millimeter-Flak und leichte Vierlings-Geschütze.

In den Häfen von Alexandria und Lattaquie löschten Sowjet-Frachter Boden-Boden-Raketen vom Typ Luna 3 (Reichweite: 90 Kilometer), Panzerabwehrgeschosse (Nato-Bezeichnung: »Snapper") sowie 180 Fla-Lenkwaffen M-2. Die Sprengköpfe für Mittelstreckenraketen halten die Sowjets unter Verschluß.

Syrien, das seine strategisch wichtigen Golan-Höhen im Juni-Gefecht einbüßte, verfügt gegenwärtig wieder über 400 Sowjet-Panzer, zumeist T-55.

150 Kampfflugzeuge, darunter 60 MiG-21 sowie 20 Suchoi Su-7, stehen für den Kampf gegen Israel bereit. Aber wie in Ägypten kämpfen die rund 700 Sowjet-Berater auch in Damaskus mit der arabischen »Malisch«, dem Macht-nichts-Phlegma. In Homs meuterten unlängst syrische Offiziersanwärter gegen die nach ihrer Ansicht zu strengen Russen.

Der Irak, der den letzten Krieg ohne größere Verluste überstand, schickte 10 000 seiner Soldaten an die jordanische Front. Präsident Bakr kann insgesamt 82 000 Soldaten, 480 Sowjet-Panzer, acht Bomber vom Typ TU-16, zehn leichtere Iljuschin, 105 MiG, 20 Suchoi Su-7 sowie 50 Runter-Jäger aus britischer Produktion gegen Israel fliegen lassen.

Allein Jordaniens König Hussein wird nicht von den Sowjets beliefert. Des Königs Kammern stehen -- noch leer.

62 Prozent seines Waffen-Arsenals gingen verloren. Washington ersetzte bislang lediglich 110 Tanks vom Typ Patton. Hussein besitzt noch 105 alte Centurion-Panzer und einige Dutzend Rohre Feldartillerie, darunter mehrere »Long Tom« -Geschütze (155 Millimeter). Die königliche Luftwaffe besteht derzeit lediglich aus zwölf Runter-Flugzeugen, vier von Pakistan gestifteten »F-86« und 24 der von den USA zugesagten »Starfighter«, deren Piloten jetzt auf US-Luftwaffen-Übungsplätzen ausgebildet werden.

Welche Waffen in einem vierten Nahost-Krieg als erste schießen, sollen Jarrings Kollegen von der Uno prüfen. Generalsekretär U Thant beorderte 218 Beobachter der Vereinten Nationen ins Krisengebiet.

Sie haben möglicherweise nicht sehr viel Zeit. Israels Verteidigungsminister Dajan: »Ein neuer Krieg im Nahen Osten ist heute wahrscheinlicher als vor wenigen Monaten.«

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