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MACAU Kampf um den goldenen Drachen

Die Portugiesen geben in diesem Jahr ihre Kolonie Macau an China zurück. Vor dem Machtwechsel ist ein erbitterter Krieg zwischen Gangstern ausgebrochen, die sich in Geheimbünden organisiert haben. Es geht um die wichtigste Einnahmequelle der Stadt - die Spielcasinos.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Als Polizeichef Antonio Marques Baptista nach der morgendlichen Joggingrunde ins Dienstauto steigen wollte, reagierte sein Polizeihund seltsam: Das Tier hetzte panisch davon. Der Portugiese setzte hinterher - eine Reaktion, die ihm das Leben rettete. Denn einen Augenblick später riß eine Bombe das Fahrzeug in Stücke.

Der spektakuläre Anschlag auf den Polizisten bildete einen Höhepunkt in einer langen Serie von Attentaten in der portugiesischen Kolonie Macau. Über 20 Menschen wurden auf offener Straße erschossen, mehr als 50 Autos flogen in die Luft.

Macaus Gangsterbanden, die chinesischen Triaden, liefern sich einen blutigen Krieg um Macht und Einfluß im attraktivsten Geschäftszweig der Stadt - den neun Spielcasinos. Sie wollen offenbar ihre Reviere abstecken, bevor Macau am 20. Dezember dieses Jahres nach über 400jähriger portugiesischer Herrschaft an China zurückfällt. Denn mit dem Einzug der Kommunisten könnte das Leben für sie schwieriger werden.

Dann verlassen die meisten portugiesischen Polizeioffiziere die Enklave, und die neue chinesische Führung, so fürchten die Gangster, wird dann härter durchgreifen.

Baptista glaubt genau zu wissen, wer hinter dem mißglückten Anschlag auf sein Auto steckte. Mit seinen Beamten stürmte er ein paar Tage später ins Restaurant »456 Shanghai« im Hotel »Lisboa«. Dort verzehrte der Boß der größten Triade von Macau, Wan Kuok-koi, 43, gerade mit Freunden ein paar Schwalbennester. Nun sitzt Wan, wegen seines schlechten Gebisses auch »Abgebrochener Zahn« genannt, streng abgeschirmt in einer Einzelzelle des alten Kolonialgefängnisses auf der Insel Coloane und wartet auf seinen Prozeß. Doch die Staatsanwälte haben Schwierigkeiten, ihre Anklage wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung mit Fakten zu untermauern.

Seit Wans Verhaftung richten sich die Gewalttaten der Triaden verstärkt gegen die Staatsmacht. Killer schossen vier Gefängniswärter nieder, die schwangere Frau des Staatsanwalts Lourenco Nogueiro wurde durch eine Kugel schwer verletzt.

Zentrum der Halbwelt aus Glücksspiel und Verbrechen ist das Hotel »Lisboa«, eine 1000-Betten-Herberge mit Macaus größtem Casino. Wie eine Burg steht der riesige Komplex aus drei gelbgekachelten Rundbauten und zwei langgestreckten Kästen direkt an der Bucht. Ein goldenes Raumschiff, umkreist von vielen kleinen »Sputniks«, krönt das Gebäude.

Die Begehrlichkeit der Banden gilt vor allem den einträglichen VIP-Räumen des »Lisboa«. Nur besonders zahlungskräftige Mitglieder dürfen in die Säle mit den wohlklingenden Namen wie »Goldener Drache« oder »Royal«. Hier macht das Casino die Hälfte seines Umsatzes. Auf der Suche nach Nervenkitzel und schnellem Glück reisen viele Geschäftsleute sogar für eine Nacht aus Thailand, Taiwan, Japan oder Hongkong an.

Gangstersyndikate mit Namen wie »14 K«, »Big Circle-Gang« oder »Shui Fong« kontrollieren die sogenannten Junket-Organisationen, die gegen Provision immer neue Kundschaft heranschleppen. Nicht alle verfügen über genug Reserven. Kredithaie der Triaden nehmen glücklose Zocker gnadenlos aus. Kann das Opfer die Schulden nicht begleichen, hat es sein Leben verwirkt. Meist landet die Leiche zerstückelt im Meer.

Auf wundersame Weise verschwindet dabei oft auch jede Spur des Ermordeten, sogar in der Einreisekartei tauchen seine Daten nicht mehr auf - offenbar stehen auch viele der schlechtbezahlten Beamten der Kolonialverwaltung auf der Lohnliste der Triaden.

An einem Tisch im vierten Stock des »Casino Lisboa« setzen zwei schwarzgekleidete Männer mit viel Gel im kurzgeschnittenen Haar schon zur Mittagszeit Chips im Wert von 10 000 Hongkong-Dollar (gut 2200 Mark) pro Kartenspiel. Die Summe ist nicht ungewöhnlich. Ein Chinese aus der Volksrepublik verlor hier neulich innerhalb von zehn Minuten rund 200 000 Dollar.

»Diese Leute haben ihre eigenen Methoden, ihr Geld zu verdienen«, umschreibt Steve Kok, Sicherheitsbeauftragter des Casinos, vornehm die Herkunft der aufs Spiel gesetzten Vermögen. Er weiß, daß die Casinos von Macau die größten Geldwaschanstalten Asiens sind. Zu ihren Kunden gehören neben den Triaden auch zwielichtige Banker, kriminelle Funktionäre und korrupte Militärs aus der nahen Provinz Guangdong und der Sonderwirtschaftszone Zhuhai.

Trotz der Kristallüster im Foyer, trotz des riesigen Deckengemäldes mit den Karavellen portugiesischer Eroberer und der wertvollen chinesischen Jadeschnitzereien strahlt das »Lisboa« wenig von der dekadenten Eleganz europäischer Etablissements aus.

Rund um die Uhr arbeiten gut 3000 uniformierte Angestellte in vier Schichten auf vier Stockwerken. Mit gelangweiltem Gesicht schnippen sie Chips über den grünen Filz der Spieltische, auf denen Bakkarat, Black Jack und das bei den Chinesen beliebte »Fisch, Garnele und Krabbe« oder »Klein und Groß« gespielt werden.

Es ist keine vornehme Kundschaft, die im »Lisboa« außerhalb der VIP-Säle zu Tausenden ihr Glück versucht. Die Gäste tragen Anorak oder Trainingsanzug. Ab und an knallt einer die Würfel mit einem Schrei auf den Tisch, als wolle er seine Fortüne erzwingen. Hier ist Spiel verbissener Ernst.

Wenn sich am Abend die Spieler so eng um die Tische drängen wie vormittags die Hausfrauen um Billigangebote auf dem Markt am Senatsplatz, versuchen langbeinige Chinesinnen in den verwinkelten Gängen des »Lisboa«, den Gewinnern das Geld wieder abzunehmen. Auch kunstblonde Russinnen und Ukrainerinnen bieten seit dem Fall des Sowjetreichs ihre Dienste in Macau an.

Vornehmeren Herren vermitteln die weißbefrackten Kellner des Hotelclubs »de Savoy« Kontakte zu »PR-Damen«. In der »Crazy-Paris«-Show mühen sich barbusige Europäerinnen, mit lasziven Tänzen die erotische Spannung des Pariser »Moulin Rouge« nach Macau zu übertragen. Dabei ist das Publikum in Gedanken eh meist am Spieltisch.

Im ersten Stock des »Lisboa« residiert hinter schweren Eisengittern Stanley Ho, 77, der Eigentümer des Hotels. Der alte Herr ist der mächtigste Mann Macaus, denn über seine Gesellschaft »Sociedade de Turismo e Diversoes de Macau« (Firmenmotto: »Wir sind der Tag und die Nacht Macaus") besitzt Ho seit 1962 das Casino-Monopol in der Kolonie - was einer Lizenz zum Gelddrucken gleichkommt. Die Steuern aus dem Glücksspiel finanzieren inzwischen über die Hälfte von Macaus Haushalt.

Nein, beteuert Unternehmer Ho vehement, mit den Triaden habe er nie Geschäfte gemacht. Obwohl bislang kein einziger Tourist zu Schaden gekommen ist, bereitet ihm der Gangsterkrieg Sorgen. Denn immer mehr Gäste bleiben aus Angst weg.

Die Fähren von Hos Jetfoil-Flotte rasen alle 15 Minuten zwischen Hongkong und Macau hin und her, mit seinen Hubschraubern kann die reichere Klientel jede halbe Stunde das Delta des Perlflusses überqueren. Davon macht sie reichlich Gebrauch. Denn in Hongkong ist, Pferderennen ausgenommen, Glücksspiel verboten.

»Mr. Macau«, wie die Einwohner den Tycoon nennen, kontrolliert zudem Windhundrennen, die Pferderennbahn mit Jockeyclub, die Fußball-Lotterie und den Golfplatz.

Hos Firma besitzt auch bedeutende Anteile am neuen Flughafen, an der Fluggesellschaft »Air Macau« und an den meisten Luxushotels. Ho plant eine neue Vergnügungsmetropole, und demnächst will er in Macau den achthöchsten Fernsehturm der Welt bauen.

Wie alle Bosse Südchinas steht Ho mit den Genossen auf gutem Fuß. Er investierte in den letzten Jahren viele Millionen Dollar in der Volksrepublik. Auf seinem Schreibtisch hat er Fotos von Begegnungen mit Parteichef Jiang Zemin aufgestellt.

Ho hat keine Angst vor dem Einzug der neuen Herren. Er ist fest davon überzeugt, daß sich nach dem Machtwechsel unter der Formel »Ein Land, zwei Systeme« wie schon in Hongkong auch in Macau nichts ändern werde: »Wir haben nichts zu befürchten. China meint es sehr ernst mit seinem Versprechen, daß sich Macau mit großer Autonomie selbst verwalten und das kapitalistische System behalten darf.«

Offiziell sind den Kommunisten Glücksspiel und Prostitution verhaßt. Da sie aber wissen, daß Macau ohne seine Casinos viele Milliarden Subventionen benötigen und womöglich zu einem bedeutungslosen Fischereihafen im Schatten Hongkongs verkommen würde, darf nach dem Abzug der Portugiesen weiter gezockt und gehurt werden - für mindestens 50 Jahre.

Macau hat vor allem im Stadtzentrum seine reizvolle Atmosphäre bewahrt, eine Mischung aus mediterraner Beschaulichkeit und südchinesischer Hektik. Die Straßennamen sind zweisprachig auf portugiesischen Kacheln eingebrannt, in den schmalen Gassen mit alten europäischen Kirchen klappern Mahjong-Steine. Neben europäischen Cafés, in denen die Gäste ihre »Bica«, den portugiesischen Espresso, trinken, brutzeln chinesische Köche Fisch und Fleisch in ihren Garküchen. Buddhistische Tempel stehen neben alten portugiesischen Villen.

Die Übergabe der Kolonie dürfte reibungsloser funktionieren als die Übergabe von Hongkong, wo der letzte britische Gouverneur, Chris Patten, mit den Chinesen bis zuletzt um demokratische Rechte der Bewohner stritt. Denn in Macau existiert keine nennenswerte Opposition, und »die Portugiesen waren immer sehr freundlich zu den Chinesen«, wie Ho sagt.

Die Europäer verstanden sich schon lange nicht mehr als Kolonialherren, sondern mehr als Verwalter der Enklave. Bereits in den Wirren der chinesischen Kulturrevolution in den sechziger Jahren wären die Portugiesen den 1557 gegründeten Handels- und Missionsposten am liebsten losgeworden, zuletzt boten sie ihn den Chinesen 1974 nach ihrer eigenen Nelkenrevolution an. Doch Pekings Kommunisten lehnten das kategorisch ab: Sie wollten zuerst das viel größere und bedeutendere Hongkong zurückhaben.

Die Portugiesen überließen den Chinesen deshalb immer mehr Einfluß. »Peking kontrolliert in Macau schon fast alles«, sagt Joao Severino, Direktor der portugiesischsprachigen Zeitung »Macau Hoje«.

Strittig ist nur noch, welchen Status die rund 110 000 chinesischen Einwohner mit portugiesischem Paß haben werden, wenn die rote Fahne mit den gelben Sternen gehißt wird. Lissabon verlangt, daß die Volksrepublik sie als EU-Bürger anerkennt, Peking aber will dieses Vorrecht nur für Stadtbewohner mit portugiesischen Vorfahren gelten lassen.

Journalist Severino ist davon überzeugt, daß Lissabon im Streit um die Pässe kurz vor Toresschluß einlenken wird. »Es ist sehr traurig«, seufzt der populäre Zeitungsmann, »die Portugiesen verlassen Macau ohne Würde.«

Die meisten der insgesamt 450 000 Bewohner erhoffen sich nach dem Machtwechsel die Rückkehr zu friedlichen Tagen - ohne Triaden, Leichen, Bomben und abgehackte Hände. Anna Yee, Marketingmanagerin des »Lisboa«, hofft: »Die Portugiesen werden mit den Triaden nicht fertig. Mit den Chinesen wird hier eine neue Ordnung einziehen.« ANDREAS LORENZ

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