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Kambodscha Kampf um den Thron

Von Tiziano Terzani
aus DER SPIEGEL 31/1994

Der König hat seinen Palast verlassen. Die Prinzen bekämpfen einander. Die Regierung regiert nicht mehr. Banditen beherrschen Städte und Dörfer. Die Menschen sind allein gelassen, das Land ist gespalten und findet keinen Frieden.

»Das Beste wäre, das Ende von Kambodscha zu verkünden, dem Land einen neuen Namen zu geben und von vorn anzufangen«, sagt ein hoher Beamter.

Das moderne Zeitalter ist über Kambodscha hereingebrochen, mit tödlicher Kriegstechnologie und Zerstörung, mit Computern und tragbaren Telefonen, mit westlichen Ideen von Demokratie und Menschenrechten. Aber die Khmer, vor allem die Bauern, die rund 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen, leben in einer alten Welt. In der spielen Legenden und Prophezeiungen eine größere Rolle als Gesetze, läuft die Zeit nach anderen Regeln ab.

Vor zehn Monaten haben die Vereinten Nationen das Land verlassen. Mehr als zwei Milliarden US-Dollar hatten sie für den ehrgeizigsten Friedensplan in der Geschichte der Weltorganisation ausgegeben. Die Uno wollte nicht nur einen Bürgerkrieg beenden, sondern dem Königreich eine neue Staatsform geben - komplett mit Verfassung, Parlament und Gesetzbüchern.

Doch Kambodscha hat den Weg zu politischer Normalität und wirtschaftlicher Genesung nicht gefunden.

Letztlich war die Uno-Mission nur eine große PR-Aktion. Vor ihrer Hauptaufgabe hat sie versagt: Sie konnte die kriegführenden Parteien nicht entwaffnen; die Friedensstifter haben den Roten Khmer - der für den Tod von zwei Millionen Kambodschanern verantwortlichen maoistischen Guerilla-Armee - die Herrschaft über ihre Enklaven belassen. _(* Oben links: bei einer ) _(Neujahrszeremonie in Pnom Penh; oben ) _(rechts: nach der Schlacht um Battambang ) _(im Mai. )

Die neue Führung unter dem heimgekehrten König Sihanouk konnte die Anarchie nicht beenden. Ein Putschversuch Anfang Juli zeigte, daß Politik in Kambodscha vor allem aus Intrigen und ungebrochener Machtgier besteht.

Der in letzter Minute verhinderte Staatsstreich hat das Vertrauen in die Regierungskoalition aus ehemaligen Kommunisten (der Kambodschanischen Volkspartei CPP) und Sihanouk-Anhängern (der Funcinpec) ausgehöhlt.

Einer der vielen Sihanouk-Söhne hatte den Putsch angeführt. Zusammen mit dem ehemaligen Innenminister, General Sin Song, wollte Prinz Tschakrapong die beiden gemeinsam amtierenden Ministerpräsidenten Hun Sen von der CPP und Prinz Ranariddh, Chef der Funcinpec, umbringen.

Noch bevor die rund 200 rebellierenden Soldaten die Hauptstadt Pnom Penh erreichten, flog die Verschwörung auf. Die beiden Anführer, beide Mitglieder der CPP, wurden verhaftet. Dank eines Sihanouk-Anrufes aus Peking durfte Prinz Tschakrapong das Land verlassen und ins Exil gehen.

Die Regierung nutzte die Gelegenheit, die Presse einzuschüchtern: Zeitungen mußten schließen, Kritiker wurden als Agenten der Roten Khmer denunziert.

Drei Tage später gab es Gerüchte über einen neuen Putsch. Die undurchschaubare Lage, die Machtkämpfe im verborgenen sind keine gute Voraussetzung, um Investoren ins Land zu bringen. Nicht einmal Touristen werden angelockt, um die vielen Hotels zu füllen.

Die waren in jener Aufbruchphase gebaut worden, als die Vereinten Nationen 22 000 spendable Soldaten und Zivilisten in Kambodscha stationiert hatten. In ihrer unangemessenen Pracht gleichen sie heute Geisterpalästen.

Von allen Projekten, die während der Uno-Zeit geplant wurden, ist bisher nicht eines begonnen worden. Die einzigen neuen Unternehmen sind Restaurants, Nachtklubs und Massagesalons. Ihre geschmacklosen Neonreklamen erhellen die unbeleuchteten Straßen von Pnom Penh.

Neben der Prostitution blüht die Geldwäsche. Mehr als 50 merkwürdige Banken mit Namen wie »The Bank of National Wealth« haben in den vergangenen Monaten aufgemacht. In ihren Büros in sorgsam renovierten Villen zeigen sich nur wenige Angestellte, Kunden sind überhaupt nicht zu sehen. Gleichwohl fließen Millionen Dollar aus aller Welt durch die Institute.

Wie ein Kasino funktioniert die Canadia Bank. Hunderte strömen allabendlich durch ein Eisentor, das ein Schild als »geschlossen« ausweist. Sie versammeln sich vor Monitoren, die Preise für Gold, Silber und die verschiedensten Währungen anzeigen. Die Besucher investieren Tausende von Dollar, um aus den Kursdifferenzen schnellen Gewinn zu erzielen.

Die meisten Spieler sind Thai oder Südostasiaten chinesischer Herkunft; sie beherrschen dank örtlicher Protektion durch einflußreiche Politiker den legalen und illegalen Handel in Kambodscha. Sie gehören zu den wenigen, die Profit aus dem natürlichen Reichtum des Landes schlagen konnten - und aus dem Zustand der Anarchie.

Zu Kambodschas Hauptausfuhrgütern gehört Kautschuk. Die Fabriken im Lande wären in der Lage, daraus Gummi in konkurrenzfähiger Qualität herzustellen. Aber statt das Rohmaterial zu bearbeiten und dann zu exportieren, verkaufen die lokalen Bosse den Rohstoff und streichen die Erlöse selber ein.

Die meisten Auseinandersetzungen innerhalb der Koalition lassen sich mit diesem Kampf um Einnahmen erklären. Die Raffgier der Herrschenden hat die politische Infrastruktur zerstört, welche die Uno hinterließ. So hat sich die Regierung bislang als unfähig erwiesen, Aufbauarbeiten voranzutreiben. Das im vorigen Jahr gewählte Parlament hat bisher nur drei Gesetze erlassen. Mit einem davon bewilligten sich die Abgeordneten ein Monatsgehalt von 1500 Dollar - hundertmal soviel wie das Durchschnittseinkommen in Kambodscha.

Seit dem Abzug der Uno verschlechterte sich die Lage von Monat zu Monat. Die Menschen auf dem Land, die zuvor nur der CPP Abgaben leisteten, müssen nun auch für die Funcinpec zahlen.

Städter werden Opfer von Straßenräubern, die ohne Angst vor der Polizei zuschlagen. »An einem Tag haben Polizisten hier zehn Diebe verhaftet, aber drei Tage später waren alle wieder frei«, berichtet ein Verkäufer am Tuol-Tom-Pong-Markt. »Ihr Anführer war ein Oberst.« Solche Fälle sind nicht ungewöhnlich.

Vor einigen Monaten entdeckte ein Angestellter der Unicef einen Wagen, der ihm gestohlen worden war, auf dem Gelände einer prächtigen Villa in Pnom Penh. Er meldete den Vorfall der Polizei. Die konnte neben der Villa einen ganzen Fuhrpark gestohlener Autos sicherstellen. Das Anwesen gehörte einem hohen CPP-Funktionär, der früher Botschafter in der DDR gewesen war. Immerhin: Der Mann wurde verhaftet.

Die Räuber werden immer brutaler. Um Fahrzeuge zu erbeuten, erschießen sie ihre Opfer auf offener Straße. Sie rauben Züge aus und entführen Passagiere. Fahrten auf Überlandrouten sind lebensgefährlich geworden.

Die Regierung macht für alle Zwischenfälle die Roten Khmer verantwortlich, doch oft sind Regierungssoldaten die Täter. Den Streitkräften, die noch vor wenigen Jahren dem Ansturm der Rebellen standhalten konnten, fehlen Disziplin und Zusammenhalt.

Im März hatte die Regierungskoalition eine Großoffensive gegen die Khmer Rouge angekündigt, die immer noch unter der Führung des Schlächters Pol Pot stehen. Nach einigen Scharmützeln - von der Regierungspropaganda zu Schlachten aufgebauscht - konnten Streitkräfte die Rebellen-Hauptstadt Pailin im Zentrum einer Region mit großem Edelsteinvorkommen befreien.

Die Regierung lud eine Gruppe ausländischer Botschafter ein, sich vor Ort vom Erfolg zu überzeugen. Doch nur zwei Wochen später nahmen die Roten Khmer die Stadt wieder ein und tauchten kurz darauf vor Kambodschas zweitgrößter Stadt Battambang auf.

Der Rückschlag hatte simple Gründe: Gleich nach ihrem Sieg hatten die Soldaten alle Edelsteine und Ausrüstungsgegenstände, die sie finden konnten, abgeschleppt. Als die Nachhut eintraf, fand sie nichts mehr, was sich zu stehlen gelohnt hätte. Sie zog sich zurück und überließ die Stadt den Roten Khmer.

Die Armee verfügt offiziell über 145 000 Soldaten. Viele sind seit Monaten nicht bezahlt worden. Um sie einigermaßen unter Kontrolle zu halten, läßt man sie ihren Geschäften nachgehen: dem Holzfällen, dem Schmuggel oder dem Kassieren von Brückenzöllen.

Offiziere nutzen ihren Rang, um sich zu bereichern. Auch ihre Beförderungen können sie sich kaufen. Ein Generalsstern kostet derzeit 5000 Dollar, und jedermann, der ihn sich leisten kann, darf ihn nutzen.

Mehr als 2000 Generale dienen in der kambodschanischen Armee. In gebügelten Uniformen, von Leibwächtern mit Sprechfunkgeräten begleitet, pflegen sie in eleganten Restaurants zu speisen, wobei sie in glänzenden Mercedes-Limousinen vorfahren - die meisten haben nicht einmal ein Nummernschild.

Die Roten Khmer, durch das letzte der drei verabschiedeten Gesetze verboten, haben sich in den Norden zurückgezogen. Dort haben sie ihre eigene Regierung eingesetzt und damit erneut die Teilung Kambodschas bewirkt.

Wie früher stellen sie eine ständige Bedrohung für Pnom Penh dar. Zwar können ihre etwa 10 000 Kämpfer die Regierungsarmee nicht überwältigen. Aber sie destabilisieren das Land so sehr, daß die abgezogenen Friedensplaner am Mittwoch vergangener Woche beschlossen, die desolaten Regierungstruppen selbst zu drillen: Militärische Berater und Ausbilder aus Frankreich, Australien, Indonesien, Malaysia und den USA sollen helfen, die Roten Khmer zurückzudrängen.

Sihanouk, 71, lebt unterdessen fast ständig in Peking - wegen seiner Krebserkrankung und weil er sich in Kambodscha von der Politik ausgeschlossen fühlt. In diesem Jahr hat er 40 Tage in seiner Hauptstadt verbracht.

Von Peking aus versuchte er, den Angriff gegen Pailin zu verhindern; er schlug eine Beteiligung der Roten Khmer an der Regierung vor und riet ab vom Verbot der Partisanenarmee. Keiner hat auf den vom Volk verehrten König gehört: weder die Funcinpec, die angeblich seine Partei ist, noch sein Sohn, der Ko-Premier Ranariddh.

Außer dem Kampf ums Geld findet zwischen den Koalitionspartnern noch ein weiterer Kampf statt, der die Lage im Land immer unsicherer macht: der Streit der Prinzen um die Thronfolge.

Die Verfassung der Wahlmonarchie Kambodscha sieht vor, daß der Thronrat innerhalb von sieben Tagen nach dem Tod des Königs einen Nachfolger wählt. Gestimmt werden kann für Mitglieder der großen Königsfamilien, deren Ahnenreihen auf drei Khmer-Könige der Vergangenheit zurückgehen. Die Favoriten haben ihre politischen Alliierten bereits um sich geschart.

Prinz Ranariddh, ein Sohn von Sihanouk, aber nicht von Königin Monique, hat die Unterstützung von Hun Sen. Sihamoni, Sohn von Sihanouk und Monique, ein ehemaliger Tänzer und heute Unesco-Botschafter seines Landes, vertraut auf die Unterstützung der Königin. Prinz Tschakrapong war - jedenfalls bis zum versuchten Putsch - der Verbündete der Kommunisten. Sein Favorit war Prinz Juwaneath, der erste Sihanouk-Sohn aus einer Beziehung mit einer königlichen Prinzessin, die gleichzeitig Sihanouks eigene Tante war.

Juwaneath war erst kürzlich nach Kambodscha zurückgekehrt und Mönch geworden. In den Augen des Volkes hat er dadurch im Konkurrenzkampf um den Thron einen großen Vorteil errungen. Doch nach dem Putsch verließ er das Land wieder.

Für die Menschen, die sich an jedem Sonntagnachmittag vor dem leeren Königspalast versammeln, um die vom Fluß wehende Brise zu genießen, ist die lange Abwesenheit des Königs ein schlechtes Zeichen. Sie gilt als böses Omen für jenes schwere Schicksal, das viele Kambodschaner vor der endgültigen Befriedung immer noch erwarten.

Es gibt eine alte Prophezeiung, an die sich in chaotischen Zeiten jedermann erinnert - und sie scheint mit dem übereinzustimmen, was die Khmer erleiden.

Alten Manuskripten zufolge sollte Kambodscha zur Mitte der buddhistischen Ära von einem fürchterlichen Krieg zerrissen werden - als das Land in den siebziger Jahren in den Vietnamkrieg hineingezogen wurde, erfüllte sich dieser Teil der Weissagung. Der Krieg würde Jahre dauern und die Religion zerstören, das vergossene Blut sollte bis an den Bauch der Elefanten reichen - was die Kambodschaner durch das Regime der Roten Khmer verwirklicht sehen.

Dann würde ein Mann, als Chinese verkleidet, in das Land kommen, begleitet von einem weißen Elefanten mit blauen Stoßzähnen. Auch das bestätigte sich: Sihanouk kam aus Peking zurück, unterstützt von den Blauhelmen der Uno in ihren weißen Fahrzeugen.

Kurz danach, so die Voraussage, werde es einen erneuten Krieg geben. Dann soll ein Mönch König werden, der die Rückführung der Heiligen Schriften vom Berg Kulen anordnen wird - dieses Gebiet gehört heute den Roten Khmer. Anschließend werde der Mönchskönig den Namen von Kambodscha in Nagar Wankat Puri ändern.

Erst dann, glauben die Khmer, komme das Glück und verschwänden alle Krankheiten. Jeder Mann werde 50 Frauen haben und 220 Jahre lang leben.

Einem verzweifelten Land gilt diese Prophezeiung als der einzige Trost. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Die Killing Fields *

von Kambodscha werden mit Blut getränkt, seit US-Präsident Richard Nixon das südostasiatische Königreich Sihanouks 1970 in den Vietnamkrieg hineinzog. Das Terrorregime der Roten Khmer und die vietnamesische Besatzung verlängerten den Krieg, in dem über zwei Millionen Kambodschaner umkamen. Frieden erhoffte sich das Land von der Uno-Mission, die voriges Jahr in freie Wahlen mündete. Doch Rebellen und Regierung schüren den Konflikt weiter.

[Grafiktext]

_131_ Kambodscha (mit von den Roten Khmer besetzten Gebieten)

[GrafiktextEnde]

* Oben links: bei einer Neujahrszeremonie in Pnom Penh; oben rechts:nach der Schlacht um Battambang im Mai.

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