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Kampf um die »Fliegende Taube«

Nur jeder zwölfte Chinese besitzt ein Fahrrad
aus DER SPIEGEL 12/1982

Drei Dinge, die sich bewegen«, sagen die Chinesen, sollte eine moderne Braut in den Hausstand einbringen: eine Uhr, eine Nähmaschine und ein Fahrrad. Dann gilt die Frau als eine gute Partie.

Ein Fahrrad, einziges Personen-Verkehrsmittel im Privatbesitz, haben heute 80 Millionen Chinesen, mithin nur jeder zwölfte Einwohner der Volksrepublik: Das Rad ist immer noch ein Statussymbol für Erwachsene (Kinderfahrräder werden nicht hergestellt).

Wer eins hat, kommt bequemer und gesünder zur Arbeitsstelle als im überfüllten Bus: Für die zehn Millionen Einwohner von Peking gibt es nur 2700 Omnibusse - zu wenig, stellte jetzt die (englischsprachige) Zeitschrift »China Daily« fest. So fahren drei Millionen Pekinger mit dem Rad.

Damit kann man für sich oder einen Nachbarn zudem Transporte besorgen und auch - anders geht es gar nicht - einen Kranken in die Klinik schaffen. Aber so ohne weiteres kommt kein Chinese in den Besitz eines Zweirades: Trotz einer Jahresproduktion von 11 Millionen Stück ist es schwer, eins zu bekommen.

Es kostet 170 Jüan, etwa drei durchschnittliche Monatslöhne, doch außer Bargeld braucht man zum Erwerb noch einen Bezugschein. Die Wartezeit kann bis zu vier Jahren dauern.

Jede Arbeitseinheit - Fabrik, Büro oder Volkskommune - erhält jährlich nur eine begrenzte Zahl von Bezugscheinen, die von den Vorgesetzten verteilt werden. Regeln für die Zuteilung gibt es nicht. Manche Einheitsführer verfahren nach dem Zeitprinzip: Wer 1978 ein Fahrrad beantragt hat, erhält 1982 nur dann einen Bezugschein, wenn alle Anträge aus dem Jahr 1977 erledigt sind.

Andere lassen die Antragsteller jedes Jahr auslosen oder nutzen den Bezugschein als Leistungsanreiz für fleißige Arbeiter. Und manche Betriebsleiter oder Behördenchefs halten es für vorteilhafter, zunächst sich und ihre Freunde zu versorgen oder einflußreiche Lokalgrößen zu beliefern.

Wang Liping etwa, Leiter des Verkaufsbüros der Kommune Daigu in der Provinz Schantung, erhielt von seinen Vorgesetzten 76 Fahrräder des Typs »Goldener Hirsch« zugeteilt.

Da bei Wang jedoch Hunderte von Anträgen vorlagen, fand er eine salomonische Lösung: 47 Räder sollten die 31 Einheiten der Kommune bekommen, 19 die pensionierten Kader und Kriegsversehrten, die restlichen 10 die Kader und das Personal seines Verkaufsbüros.

Der Rechnungsprüfer der kommunalen Darlehensstelle stand nicht auf der Liste. So kam es, daß er das Verkaufsbüro aufforderte, ein Darlehen von 650 000 Jüan umgehend zurückzuzahlen.

Auch der Rechnungsprüfer des Getreidebüros sollte kein Fahrrad bekommen. Also ordnete er an, den Mitarbeitern des Verkaufsbüros kein Getreide mehr zuzuteilen.

Als Wang sich bei seinen Vorgesetzten beschweren wollte, blieb sein Telephon tot: Auch der Leiter des kommunalen Fernmeldebüros hatte kein Rad bekommen und deshalb die Leitung gekappt.

Das Gefecht ums Fahrrad lohnt sich - weil es Mangelware ist, kostet sogar ein gebrauchtes auf dem schwarzen Markt mehr als ein neues auf Bezugschein. Der Bezugschein allein kostet dort bis zu 80 Jüan, mehr als ein Monatslohn.

Ein Arbeiter aus der größten Werkzeugmaschinenfabrik in Schanghai kaufte binnen eines Jahres 109 Bezugscheine auf und makelte sie weiter. Verdienst: über 2000 Jüan, fast drei Jahreslöhne.

Der Händler wurde verhaftet, der private Fahrradmarkt von Peking (Umsatz: bis zu 300 neue Räder am Tag mit 100 Prozent Preisaufschlag) verboten. »Der illegale Kauf und Verkauf von Fahrrädern hat die gesellschaftliche Ordnung zerstört, den Markt beeinträchtigt sowie dem Verschönerungs- und Transportprogramm der Stadt ernstlich geschadet«, behauptete die Pekinger »Abendzeitung«.

Riesige Fahrradrudel füllen die Durchgangsstraßen der Städte, ballen sich vor Fabriken und Kaufhäusern auf Parkplätzen, die - gegen eine Gebühr von zwei Fen, sechs Pfennig - bewacht sind.

Jedes Rad muß beim Verkehrsamt angemeldet sein und trägt dann ein kleines rotes Schild mit dem Namen der Stadt oder des Bezirks sowie einer fortlaufenden Nummer. Der Versuch der Behörden in den 60er Jahren, den strampelnden Verkehrsteilnehmern die Beleuchtung ihres Rades aufzuerlegen, führte zu einem derart entschlossenen, spontanen Massenprotest, daß darauf verzichtet wurde: Kaum ein Rad in der Volksrepublik hat eine Lampe.

Und oft muß es auch geschoben werden: Die Standard-Modelle »Goldener Hirsch«, »Fünf Ziegen« und »Ewigkeit« sind von schlechter Qualität und also oft defekt. In Peking etwa gibt es nur 177 staatliche Reparaturwerkstätten, die wegen Überbeanspruchung zur Selbsthilfe einladen: An der Tür hängen eine Luftpumpe, ein Hammer und ein Schraubenzieher zur kostenlosen Benutzung an einer Kette. An den Landstraßen verweist das schlichte Schriftzeichen »Che« (Fahrzeug) an einem Schuppen auf eine Primitiv-Werkstatt.

Doch für die Landbewohner sind auch die besten Markenräder nicht stabil genug. Zur Beförderung von Bodenfrüchten und Handwerkswaren bauen sie sich ihre Fahrräder selbst: aus Spezialrahmen und Einzelteilen, die in Kommunefabriken hergestellt werden.

Diese Eigenbauten können bis zu 300 Kilo befördern, haben aber mangels Material meist weder Bremse noch Lampe. Aber Schlösser haben sie alle. S.153

Denn außer Bezugschein, Schwarzmarkt und Heimwerk bleibt vielen Chinesen nur ein Weg zum Radbesitz - der Diebstahl. Entwendung von Fahrrädern zählt zu den verbreitetsten Straftaten in der Volksrepublik und erregt den gleichen Volkszorn wie einst der Pferderaub im Wilden Westen.

Dabei tauschen manche Diebe nur ihr altes Rad gegen das Luxus-Modell »Fliegende Taube« - das aber ist auch nur eine Sache des Prestiges, denn stabiler sind diese Räder nicht. Die Gabeln brechen leicht, die Pedale sitzen locker, die Bremsen sind unzuverlässig, die Ventile undicht.

Aber eine »Fliegende Taube« hat in China nun einmal den Stellenwert eines Rolls-Royce im Kapitalismus. Deshalb hängte ein Laden in der Provinz Hupei das Schild aus: »Wer eine 'Fliegende Taube' haben möchte, sollte jetzt zahlen. Die Fahrräder folgen später.« Viele Leute hinterlegten die verlangten 180 Jüan.

Als die Räder schließlich eintrafen, war die Enttäuschung groß: Sie waren aus defekten Einzelteilen zusammengesetzte Imitationen der teuren Marke. Echt waren allein die Blechetiketten »Fliegende Taube«.

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