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Kampf um die Volksrepublik Süd-Yorkshire

SPIEGEL-Redakteur Joachim Hoelzgen über den britischen Bergarbeiterstreik *
Von Joachim Hoelzgen
aus DER SPIEGEL 47/1984

In der Stadthalle von Sheffield brodelt es, dabei ist der Held des Abends noch gar nicht zu sehen - noch nicht. Arthur Scargill geht hinter den Vorhängen der Bühne wie in Trance auf und ab. Die Augen hat er, wie vor jedem großen Auftritt, starr geradeaus gerichtet.

Daran ändert sich auch nichts, als der Bergarbeiterführer mit Verspätung auf die Bühne tritt. Scargill winkt den 4000 »Arthur-Arthur«-Rufenden nicht einmal zu. Den rechten Arm hebt er zwar in die Höhe, doch er bewegt ihn nicht.

Scargills »psyching up«, sein langsames In-Fahrt-Kommen, soll den Kumpeln Ernsthaftigkeit und Konzentration vermitteln. Das ist an diesem Tag schon deshalb nötig, weil die Kohlebehörde NCB gerade ihr äußerstes getan hatte, um die Front der seit über acht Monaten streikenden Kumpel aufzurollen.

NCB-Boss Ian MacGregor bot Streikbrechern Weihnachtszuschläge bis zu 1400 Pfund (5236 Mark) an. Und Regierungschefin Margaret Thatcher begrub alle Hoffnungen auf einen Verhandlungsfrieden. Der Streik, erklärte sie, könne noch »ein Jahr oder länger« dauern, nachgeben werde sie nicht.

Arthur Scargill gibt natürlich keinen Zoll nach. Rasch übernimmt er auf der Bühne die Regie, applaudiert als erster, wenn ein Vorredner geendet hat. Einen Abgesandten der französischen Gewerkschaft CGT, der die britischen Bergarbeiter eine »Speerspitze im Kampf gegen die Entindustrialisierung Europas« nannte, umarmt er. Das ist ungewöhnlich, denn Scargill bevorzugt die Distanz staatsmännischer Unzugänglichkeit.

Wie auf allen »miners' rallies« spricht Scargill als letzter. Sofort kreist er »unsere Galaxis der Gegner« ein: die Medien, das NCB und die Regierung. Dann macht er sich über MacGregor lustig. Der habe sich vor Verhandlungen mit ihm einmal eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt, da er sich von Photoreportern gestört fühlte. »Habt ihr mal versucht«, ruft Scargill, »mit einem Mann in einer Plastiktüte zu verhandeln?« Die Kumpel in der Halle johlen.

Dem Defätismus Wankelmütiger setzt Scargill Apokalyptisches entgegen. Streikbrecher ("scabs") wüßten nicht, was sie täten. »Ich aber sage den Scabs: Auch eure Jobs werden vernichtet.« Die Regierung werde Streikbrecher »wie Leprakranke« verstoßen, wenn erst einmal, wie von London vorgesehen, 20 bis 70 Zechen dichtmachten.

Scargills wuchtige Rhetorik nährt sich aus einem demagogischen Gefühl, wie es in England außer ihm offenbar niemand besitzt. Er läßt seine Stimme von Satz zu Satz immer schärfer werden. Seine Gestik paßt er dem Aufbrausen an. Scargill ballt seine Finger mal zur Faust und mal krümmt er sie zur Kralle. Seine Rechte läßt er fallbeilartig durch die Luft sausen.

Den Redner stört nicht, daß ihn »die Comic-strip-Zeitungen der Fleet Street« nach solchen Auftritten als »Adolf Scargill« denunzieren. Der »Sunday Express« nannte ihn »den anderen Yorkshire-Ripper« - als der Frauenmörder noch gesucht wurde.

Attitüden, die ihm den Spitznamen »König Arthur« einbrachten, kultiviert der Kohlesozialist Scargill bewußt. Im Sheffielder Hauptquartier der National Union of Mineworkers (NUM) sitzt er vor einem Ölgemälde, das ihn in Rednerpose zeigt. »Ein Geschenk der Mitglieder«, erklärt der Porträtierte.

Bullige Streikposten schirmen das elfstöckige Hochhaus im Zentrum von Sheffield ab, in dem die NUM Quartier bezogen hat. Scargills Vertraute Nell Myers, eine brünette Amerikanerin, die den Kontakt zur Außenwelt hält, ist die

Tochter des legendären »Blacky« Myers, jenes Streikführers der New Yorker Hafenarbeiter, dessen Geschichte in dem Marlon-Brando-Film »Die Faust im Nacken« dargestellt wurde.

In den Lifts, die zu den NUM-Büros hinauffahren, stehen hin und wieder unangemeldete Besucher. Eine Delegation der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands, angeführt von der rothaarigen Maria Bertsch aus Stuttgart, wird im Foyer abgefangen und höflich wieder weggeschickt.

An der Wand zum Empfangssekretariat kleben Plakate. Eines zeigt den Kohleboss MacGregor mit Esel-Scheuklappen und einem erst später beigefügten Tort: In den Augen und Nasenlöchern von MacGregor stecken Reißzwecken.

Aber auch die Zwecken konnten die Magie des Geldes auf etliche der Kumpel, die bisher gestreikt hatten, nicht brechen. Mehr als 2000 Arbeitswillige rückten vorletzte Woche in die verwaisten Zechen ein. Vorigen Montag, so behaupteten die Kohlemanager, seien es allein 1900 gewesen.

Wenig Erfolg hatten die NCB-Bosse in Yorkshire, mit 53 Zechen das Kohle-Kernland: 52 000 streikten weiter. Hier wurden letzte Woche auch die ersten Molotow-Cocktails geworfen - Brandzeichen, die in Yorkshire zuletzt beim Generalstreik 1926 aufflammten. Noch immer gelten in den Zechendörfern alte Männer als Geächtete, die sich dem Lohndiktat der damaligen Kohlebarone beugten und zur Arbeit zurückkehrten. Das Gros der Streikenden leistete damals sechs Monate Widerstand.

Yorkshire, die hügelige Landschaft nördlich von Sheffield, ist Arthur-Scargill-Country. Von hier aus wurde im Winter 1973/74 schon einmal eine konservative Regierung in die Knie gezwungen. Scargill war es, der damals als Präsident der »Yorkshire Miners« die Taktik der mobilen, von Pütt zu Pütt ziehenden Streikposten entwarf und nicht nur die Bergwerke, sondern auch die Kraftwerke belagern ließ. Premier Heath wurde gezwungen, die Drei-Tage-Woche einzuführen, und verlor hernach die Neuwahlen.

Auch Colin Clarke, ein Grubenschmied im Zechendorf Darton, war 1974 als Streikposten aktiv. Die Schließung der Zeche verde Darton in ein Geisterdorf verwandeln, glaubt er, Mac-Gregor könne ihm zwar Geld, nicht aber eine andere Heimat bieten. »Ich würde sterben«, sagt der Schmied, »falls wir den Streik verlieren sollten.«

Doch daran glaubt in Darton keiner. Die Suppenküche im Pavillon am Rand des Kricketfeldes ist mit Dosen bis zur Decke gut sortiert, und ein Mann wie Clarke bringt auch seine Kinder - vier Mädchen zwischen drei und 15 Jahren - durch. Jeden Morgen zieht er als Streikposten in die Schlacht um die Kohle, um mit dem einen Pfund (3,75), das ihm die Gewerkschaft dafür auszahlt, Corn-flakes und Marmelade für die Kids zu kaufen - Luxusgüter in Darton.

Valium, das Streikende in Yorkshire-Städten ihren nervös gewordenen Kindern verabreichen, bringen der Schmied und seine Frau Anne nicht ins Haus. Schon die Rezeptgebühr von knapp sechs Mark verbietet dies, doch die Eltern sind auch aus Prinzip dagegen.

Arthur Scargill ist die Hoffnung der Familie Clarke, das war schon vor Beginn des Streiks so: Scargill war gegen Bonuszahlungen, die die Kumpel in Zechen mit dickeren Kohleflözen bevorzugen. Scargill stellte Anwälte, die für die Versorgung von erkrankten Kumpeln stritten. Scargill war, wie fast jeder hier in Yorkshire, gegen das »guverment«, wie er im breiten Yorkshire-Dialekt die Londoner Regierung nennt.

Eigentümlichkeiten steigern die Beliebtheit Scargills noch. Denn anders als im Süden Englands, wo das Understatement zum Lebenskult erhoben wurde, lieben die Bewohner Yorkshires große Gesten und den direkten Witz.

Scargill ist für sie schon jetzt eine Art Lebenddenkmal, mehr noch als Henry Moore, der Bildhauer und Bergarbeitersohn aus Castleford im tiefsten Teil Yorkshires. Moore hatte für die Gewerkschaft einmal eine Plastik angefertigt, von der sich viele Kumpel eine Miniatur auf den Kaminsims stellten.

Politisch fand auch Scargills NUM in Yorkshire ihre Heimat. 1983 löste der bis 2003 gewählte Kohlesozialist das alte Gewerkschaftshauptquartier in London auf, um es nach Sheffield, nahe an die Basis, zu verlegen.

Denn Sheffield und das nördlich gelegene Barnsley sind die Hochburgen eines Bezirks, den Freund und Feind »Volksrepublik Süd-Yorkshire« nennen. Hier dominiert die Labour Party wie sonst nirgendwo in England: In Sheffield hält sie 65 von 80 Sitzen im Gemeinderat. Bei Wahlen, so scherzt man in Yorkshire, müßten Labourstimmen mit der Kohleschaufel gezählt werden.

Margaret Thatcher wird vom Volk mit der neu eingeführten ungeliebten Ein-Pfund-Münze verglichen. Wie das Geldstück sei die Eiserne Lady nur eine »billige Legierung« und dementsprechend auch »nichts wert«.

Auch in Sheffield ist Arthur Scargill populär. Auf den Straßen der Stadt bilden sich Menschenpulks, wenn der Bergarbeiterboß gesichtet wird. Vor allem Rentner und Rentnerinnen jubeln, weil

er für sie Gratiskohle fordert. »Weiter so, Arthur«, rufen ihm am Castle Square die Alten zu, »zeig's der Maggie!«

In Sheffield gilt Scargill als ein moderner Robin Hood, der wie der Held im Sherwood Forest gegen den Sheriff von Nottingham angetreten ist. Den verkörpert Ian MacGregor, genannt »the Yank«.

Gnädig verhüllt der Novembernebel, was der grauen Halbmillionenstadt Sheffield in den letzten Jahren widerfahren ist: der totale Kollaps ihrer einst weltberühmten Stahl- und Eisenindustrie.

Stahlwerke wie Hadfield, Flather und Osborn mußten ihre Hochöfen abschalten und schließen. Von den inzwischen abgerissenen Ruinen blieben zum Teil nicht einmal die Fundamente übrig. Die plattgewalzten Areale, quadratkilometergroß, verleihen der Stadt das Aussehen eines Hiroschima der Industrie.

Die Krise in Sheffield verschlimmerte sich, als MacGregor, zu jener Zeit Vorsitzender des Staatskonzerns British Steel, die Belegschaft von drei weiteren Stahlwerken um fast die Hälfte reduzierte. 57 000 Jobs gingen verloren.

MacGregor, trug Scargill damals schon den Kumpeln vor, sei ein »Mac-Wrecker«, als nächstes werde er die Kohleindustrie abwracken.

Vorige Woche kam es zu den bisher schwersten Kämpfen vor den Yorkshire-Zechen. Die Polizei setzte gepanzerte Wagen ein, um Arbeitswilligen Bahn zu brechen. Die Verteidiger der Zechentore wurden von Berittenen und Hunden verfolgt, zogen sich zurück und häuften Barrikadenmaterial für den Morgen danach auf.

Nun warten die Veteranen darauf, daß die Vorräte der größten Kohlekraftwerke in Yorkshire, Ferry Bridge und Drax, zu Ende gehen. Dort sind die Lager kaum mehr höher als die gelben Caterpillar, die den Brennstoff zu den Förderbändern schieben. Noch vor Ende dieses Monats, berichtete der »Guardian«, würden deshalb Truppen und Lastwagen-Konvois in Marsch gesetzt, um die Kohlehalden, die auf dem Gelände der bestreikten Zechen stehen, abzuräumen.

Für diesen Fall wollen die radikalsten unter den Bergarbeitern die Kohleberge, manche groß wie Flugzeugträger, anzünden. Ein Rohr, das in einen Kohleberg geschoben werde, reiche aus, um in dessen leicht entzündbare Wärmezone vorzustoßen, erläutert ein Hauer auf der Zeche Cortonwood, den Rest würden »zwei Kanister mit Benzin« besorgen.

Englands Krieg der Klassen bewegt auch David Lunn, den anglikanischen Bischof von Sheffield. Lunns schwarze Sandsteinkathedrale ragt neben dem Hauptquartier von Scargill auf, der in dem Kirchenmann überraschend einen geistigen Verbündeten gefunden hat.

»Ich lebe gern in der Volksrepublik Süd-Yorkshire«, sagt der Bischof und nennt es eine »Sünde«, daß die Reichen im Land immer reicher würden. Am Ende schaffe das »Zustände wie in Nordirland, ja wie in Indien«.

Lunn hofft auf eine Intervention von Königin Elizabeth II., der neutralen und obersten Instanz im Land. Es wäre schön, so spricht der Kirchenführer, »die Queen öfter im Norden zu sehen«. Als Besuchsort schlägt er die Grubenstadt Doncaster in Yorkshire vor, wo es auch spannende Pferderennen gebe.

Noch eindrucksvoller freilich wäre ein königlicher Abstecher nach Barnsley nördlich von Sheffield. Der Streik hat die um eine Abraumhalde angelegte Stadt mit 75 000 Einwohnern in eine Geisterstadt verwandelt.

Barnsley ist das Zentrum der Kohleindustrie in Yorkshire. In 16 Pütts, die um die Stadt verstreut liegen, arbeiten normalerweise 15 000 Kumpel. Nun aber sind sogar die Pubs leer, 38 Pence für ein Glas Bitter können sich die Streikenden nicht mehr leisten. Im Bingo-Klub des Theatre Royal sind von 524 Plätzen abends selten mehr als ein Dutzend besetzt - trotz der 70 Mark, die es als Spitzenpreis zu gewinnen gibt. Klubmanager Peter Whale hat resigniert: Barnsley sei eine »Desasterzone«.

»Die Krise hat alles im Griff«, sagt auch John Threlkeld vom »Barnsley Chronicle«, der unter bedrohlichem Auflagenschwund leidet. Viele Bergleute haben die Abonnements gekündigt, mit den Anzeigen läuft nicht mehr viel. Die größte Schlachterkette Barnsleys hat geschlossen, weil sich die Streikenden längst nicht mehr die Wurst aufs Brot erlauben können. Noch schlimmer für die Metzger war, daß die Püttkantinen seit Streikbeginn im März kein Fleisch mehr kaufen.

Im pompösen Rathaus aus der Hochzeit des Empire klappern die Beamten mit den Zähnen, da im Zentrum der britischen Kohleindustrie bereits die Briketts ausgegangen sind. Um Strom zu sparen, hat die Stadtverwaltung das Einschalten von Heizstrahlern und sogar das Teekochen im Rathaus verboten.

Nur ein einziger Streikbrecher aus Barnsley wagt es, an den Streikposten der Woolley Colliery vorbeizugehen, der Symbolzeche der Yorkshire-Kumpel und Arthur Scargills. Hier hatte er als 15 Jahre alter Grubenlehrling angefangen, hier hielt er bis 1972 aus.

Scargill sei ein »marked man« gewesen, erinnert sich sein früherer Stollennachbar Brian Chalkley - ein besonderer, der Bücher im Spind stapelte und den »Manchester Guardian« las.

Als 25jährigen wählten ihn die Woolley-Männer zum Delegierten bei der Regionalzentrale ihrer NUM in Barnsley. 1973, nach dem Tod seines Vorgängers Sam Bullough, machten ihn die Bergleute ganz Yorkshires zu ihrem neuen Präsidenten. Seinen Spitznamen »König Arthur« erhielt Scargill auch, weil seine damalige Residenz, das Gewerkschaftshaus in Barnsley, Mitte des vorigen Jahrhunderts im Burgenstil mit Zinnen und Mäuerchen errichtet worden war.

Den 1500 Streikenden des Scargill-Pütts geht es vergleichsweise gut. Einmal in der Woche marschieren die Bergleute von Woolley zur »Union Box«, dem Holzschuppen der NUM am Grubeneingang. Dort schultern sie, Lastenkulis vergleichbar, mit Koks gefüllte Müllsäcke.

Der Koks, glauben die Kumpel, werde auf Veranlassung von Arthur Scargill angeliefert, der seine Ex-Kollegen über Weihnachten nicht frieren lassen wolle.

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Kohlefelder GROSS-BRITANNIEN Glasgow Edinburgh YORKSHIRE Manchester Barnsley Sheffield Cardiff London Plymouth 150 Kilometer

[GrafiktextEnde]

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