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RUMÄNIEN Kampf ums Jagdschloss

Nach schockierenden Berichten über Kinderelend wurde das Waisenhaus von Cighid zum Musterheim. Jetzt droht dem Projekt das Ende.
aus DER SPIEGEL 52/2002

Manchmal kommen nachts die Erinnerungen wieder; dann reißen Alpträume Lotzi, 26, aus dem Schlaf. Es sind furchtbare Träume, in denen sich Ratten über Kleinkinder hermachen, sich in einer kalten Kammer Leichen stapeln. Träume von Kälte, Dreck und Hunger. Was Lotzi in diesen schlimmen Nächten träumt, hat er selbst erlebt: Es sind Bilder vom Horror von Cighid.

Bis 1990 dämmerten in einem kleinen Jagdschloss im Nordwesten Rumäniens mehrere hundert Waisenkinder dem Tod entgegen: eingekerkert in unbeheizten Räumen, unterernährt, verwahrlost. »Irecuperabili« - die Unwiederbringlichen wurden sie in der Sprache der Ceausescu-Administration genannt. Weil sie behindert waren, mussten sie sterben. In zweieinhalb Jahren raffte der Tod 139 Kinder dahin. Kreuze auf dem Friedhof im Nachbardorf erinnern an ihr Leiden.

Seit Journalisten den grauenvollen Ort wenige Wochen nach dem Ende des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu entdeckten (SPIEGEL 13/1990), ist Cighid zum Synonym für Euthanasie durch die Verhältnisse geworden. Doch fast allen noch lebenden Kindern konnte geholfen werden, Notärzte retteten sie.

Finanziert durch Spendengelder aus Deutschland wurde das Heim in der Folge zu einem Vorzeigeprojekt, mit dem sich auch die rumänische Regierung gern schmückt.

Und immer wieder wurden die kleinen »Wunder von Cighid« beschworen. Etwa die Geschichte der mittlerweile 17-jährigen Renata, die heute in einer betreuten Wohngemeinschaft in der nahe gelegenen Großstadt Oradea lebt und das Gymnasium besucht. Oder die von Dan, der erst vor zwei Jahren als 22-Jähriger sprechen lernte.

Noch immer leben über 100 Kinder in dem Heim - betreut von Physiotherapeuten, Ärzten und Pädagogen. Doch dem Musterprojekt droht jetzt die Schließung. Vor dem Kreisgericht in Oradea setzten Erben des Grafen Tisza, dem das Jagdschloss gehörte, bis er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Rumänien vertrieben wurde, ihre Ansprüche auf das Grundstück durch.

Er könne sich vorstellen, ein Kur-Zentrum zu errichten, plaudert George Tisza, der extra aus Budapest angereist ist, um seine Erbschaft zu begutachten. Seit bekannt wurde, dass 87 Grad heißes Thermalwasser in großen Mengen unter dem Komplex des Waisenheims vorhanden ist, wittert Tisza das große Geschäft.

Gut möglich, dass sich das Gesundheitsministerium dem Urteil des Gerichts fügen muss. »Im Grundbuch steht als Eigentümer des Schlosses immer noch der Graf Tisza«, klagt Livia Abrudan, die Leiterin des Behindertenreferats in Oradea. Man habe sich nach Kriegsende nicht einmal die Mühe gemacht, den ungarischen Grafen formal zu enteignen. So bestünden die Ansprüche des Tisza-Erben zu Recht.

Dennoch werde sie für den Erhalt des Waisenhauses kämpfen: »Wenn Herr Tisza sein Jagdschloss zurückhaben möchte, muss er dem rumänischen Staat erst die drei Millionen Mark erstatten, die seit 1990 in die Renovierung und den Ausbau Cighids geflossen sind.« Das wolle man nun juristisch durchfechten. Im Zweifelsfall mahlen die Mühlen der rumänischen Bürokratie sehr langsam.

Für Karl-Heinz Pelikan gleicht der Rechtsstreit einer »Katastrophe«. Seit zwölf Jahren kämpft der Pfarrer aus Hessen für die Kinder von Cighid, sammelt Spenden und organisiert die Beschäftigung geschulten Personals. Er kennt die Entwicklung jedes einzelnen der Cighid-Kinder. Nun sieht er das ganze Projekt bedroht.

Es ist nicht das erste Mal, dass dem Heim Schwierigkeiten bereitet werden: So versuchten die Behörden immer mal wieder durchzusetzen, dass Kinder aus Cighid in andere Verwahranstalten verlegt werden. »Das Verhältnis des rumänischen Staats zu Cighid ist sehr ambivalent«, hat Pelikan erkannt. »Zwar kann man sich damit rühmen, wie mustergültig in Rumänien jetzt mit behinderten Kindern umgegangen wird; auf der anderen Seite ist Cighid die Erinnerung daran, dass erst Ausländer kommen mussten, um die Kinder aus ihrem grauenhaften Verlies zu befreien.«

Pelikans Sorge ist nun, der Rechtsstreit könne den Behörden als willkommener Anlass dienen, das Heim von Cighid »still und leise dichtzumachen«. Ohne das »Symbol Cighid« würde die Aufmerksamkeit der Medien nachlassen. So langsam gerate dann in Vergessenheit, wozu Menschen in Ceausescus Schattenreich fähig waren.

Letzte Hoffnung Pelikans könnte allerdings Rumäniens Präsident Ion Iliescu werden. Im Juli verlieh er dem Geistlichen aus Deutschland den rumänischen Verdienstorden für sein Engagement. Dem SPIEGEL versicherte Iliescu, er werde sich weiter für die Kinder einsetzen.

Das ist nicht gänzlich uneigennützig. Rumänien strebt in die Europäische Union. Weitere Berichte über Kinderelend wären einem Beitritt gewiss nicht förderlich.

THILO THIELKE

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